LdN 367 - Krankenhausreform

Liebes Lage-Team,

Die medizinischen Diagnosen und ihre Einteilungen, insbesondere die Notwendigkeit hätten besser recherchiert werden müssen! Bspw eine Kraniotomie ist eine Operation mit Öffnung der Schädeldecke. Mag sein, dass das unter Wirbelsäulen-OPs im Abrechnungskatalog fällt. Aber das ist nun wirklich eine OP, die nicht leichtfertig zur Finanzierung eines Krankenhauses gemacht wird. Und nicht, wie Ulf anmerkte „ein bisschen Bandscheibe“ bzw Philipp „naja Rücken“.

Es ist definitiv so, dass es Krankenhäuser gibt, die Leistungen erbringen und dann abrechnen, die medizinisch nicht notwendig sind (arbeite selber im Krankenhaus). Die Kritik der Klassifizierung als schwererer Fall kann ich nachvollziehen, in vielen Fällen ist aber auch die gerechtfertigt: Begleiterkrankungen müssen bei Medikation und Therapiewahl berücksichtigt werden. Niemand will am Ende ein „upsi, da haben wir Ihren Diabetes bei der Medikamentenwahl übersehen“.

Eine Zusammenlegung von Kreiskliniken finde ich eine interessante Idee. Mich würde interessieren wir man dann die (eh schon schlechten) Notfallversorgung sicherstellt. Oder auch das Vorhandensein von Geburtskliniken?

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Liebes Lage-Team,

Wie mein Vorredner/meine Vorrednerin würde mich auch die Umsetzung der Notfallversorgung bei der Zusammenlegung der Kliniken interessieren.
Es wurde davon gesprochen, dass die Betten aktuell nicht vollständig belegt sind und diese deshalb Fixkosten verursachen. Diese würden bei der Zusammenlegung gekürzt werden können und würden somit keine Kosten mehr verursachen.
Besonders in den aktiven Corona-Zeiten haben wir jedoch gesehen, dass für Notfallzeiten diese Betten zur Verfügung stehen müssen. Fixkosten für nicht belegte Betten sollten also bei einer Zusammenlegung einkalkuliert werden und als Zusatzkosten hingenommen werden.
Ich denke, dass dies aber umsetzbar wäre, da bei der Zusammenlegung sowieso Kosten gespart werden können und eine effektive Versorgung gewährleistet wird.
Ich bin gespannt, ob eine Zusammenlegung tatsächlich irgendwann mal kommen wird.
Liebe Grüße!

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Hey ihr beiden,
vielen Dank, dass ihr euch diesem Thema widmet. Es hat meiner persönlichen Wahrnehmung nach deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

Das wichtigste zu Beginn:
Was die Zentralisierung/Schließung der Krankenhäuser angeht möchte ich gerne in Frage stellen, in wie weit es Sinn macht, Krankenhäuser zu schließen, die gewissermaßen auch eine Grundversorgung darstellen. Schließlich kann ein längere Entfernung im Zweifelsfall über Leben und Tod entscheiden.
Würde es daher nicht viel mehr Sinn machen, „Basiskrankenhäuser“, die sich mit den üblichen Dingen wie Geburten usw. beschäftigen und „Spezialkrankenhäuser“, die sich mit komplexen Behandlungen auseinandersetzen?

Zur Operationsfreudigkeit der Krankenhäuser:
Ich hatte bereits mit 21 Jahren unglaubliche vier Operationen „gesammelt“, die allerdings im Nachinein betrachtet allesamt kontraproduktiv waren. Ja, kontraproduktiv, nicht nur nicht notwendig. Traurigerweise habe ich nun mein Leben lang teils große Beschwerden am Knie, obwohl ein halbes Jahr Physiotherapie und Krankengymnastik am Gerät die Beschwerden aus der Welt geschafft hätten. Durch die unzähligen OPs war ich hingegen ganze zwei Jahre krank geschrieben (Stichpunkt Volkswirtschaftlicher Nutzen vs. Krankenhausfinanzierung) und hatte neben den vier OPs zwei Jahre lang wöchentlich je 3-4x Irankengymnastik, Lymphdrainage und Krankengymnastik am Gerät. Dem gesamten Gesundheits- und Sozialsystem hat das also nicht nur das vielfache an Kosten verursacht, es hat mich auch körperlich wie finanziell in große Schwierigkeiten gebracht, mit denen ich bis heute zu kämpfen habe.

Einen Körper aufzuschneiden, mag bei schweren Unfällen zwar gerechtfertigt sein, bei einfachen Beschwerden durch Sport, jedoch vollkommen kontraproduktiv.

Zum Thema Finanzierung der Krankenhäuser: Die Krankenkassen machen jährlich Überschüsse mit schwindelerergenden Summen. Liegt das Problem nicht vielmehr daran, dass die Krankenkassen die notwendigen (teils auch einfachen) Leistungen im Krankenhaus einfach nicht gut genug vergüten?

Liebe Grüße ausm Ländle :slight_smile:

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Dem kann ich mich nur anschließen: spannender Einblick, doch inhaltlich einige Ungenauigkeiten. Meines Wissens nach gehören die Vivantes Kliniken auch dem Land Berlin und sind kein privater Eigner.

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Naja ein Patzer bei der komplexen Thematik ist immer noch ein besserer Schnitt als bei 90 Prozent aller anderen Artikel, mir so untergekommen sind. Vielleicht wäre es treffender zu sagen das die Haupt- und Nebendiagnosen (ICD) in Kombination mit den durchgeführten Eingriffen und Maßnahmen (OPS) in Verbindung mit der Verweildauer die Vergütung (DRG) bestimmt.
Relevanter finde ich es allerdings zu erwähnen, dass das System so lange stabil funktionierte, wie es jährliche Steigerungen der Fallzahl gab. Durch den Einbruch der Fallzahlen um knapp 20 Prozent im Zuge der Corona-Pandemie, hat sich dann gezeigt, wie wenig nachhaltig das System wirklich ist.

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Für das letzte Jahr mussten die Beiträge der Krankenkassen erhöht werden, damit das Defizit nicht so groß ausfällt. Auch dieses Jahr mussten viele Kassen ihre Beiträge erhöhen. Dazu kommt, dass die Beitragsbemessungsgrenze jährlich erhöht wird.
Wie in der Lage gesagt wurde, liegt das Problem einerseits bei den seit Jahrzehnten unzureichenden Zahlungen der Bundesländer, andererseits an steigenden Personalkosten, die aufgrund der Systematik immer erst mit ein bis zwei Jahren Verzug abgebildet werden.

Einfache Lösungen wird es im Gesundheitswesen und der Krankenhausfinanzierung nicht geben. Die könne auch in einem Podcast nie abgedeckt werden. Wer behauptet, dass es keinen Graubereich zwischen machen und sein lassen, mit der Tendenz zu machen gibt, der mag zwar idealistisch sein. Aber vielfach kommt es dann doch eher zum machen, auch aufgrund finanzieller Interessen.
Aber wer glaubt das das Spiel: DRG, Doppeluntersuchen, Überdiagnostik, Übertherapie, Bürokratie, Wunsch und Wirklichkeit, Anforderungen und Wünsche der Patienten, Evidenz, Empathie sinnvoll reformieren kann hat einen weiten Weg vor sich.

Und ist eine Geburt ein übliches Ding? Braucht man hier nicht auch Backup, Expertise, Labor, Blutbank usw.? Haben des die „kleinen Häuser?“.
Was wir brauchen ist Transparenz. Und wir brauchen auch sicherlich Kliniken, die keine schwarzen Zahlen schreiben müssen. Wenn es nach Gewinn geht kann man sehr gut unlukrative Patienten (alt, dement, multimorbid) aussortieren und nur „rentable“ nehmen. Das schafft sicherlich eine künstliche Intelligenz, die dann bei gewinnorientierten Häusern o,g, Patienten ablehnt. Kurz und gut es ist kompliziert.
Oder wie Lauterbach sagt (und da hat er recht):
„Am liebsten hätten immer alle in allen Bereichen die sogenannte deutsche Lösung: Alles bleibt so wie es ist, aber jeder bekommt mehr Geld."

Okay, mag sein, dass sich eine unserer Quellen da in der Terminologie vertan hat, aber das ändert an der Aussage unseres Beitrags jetzt was? Nichts.

Selbstverständlich müssen wir auf die Aussagen von medizinischen Experten vertrauen, und wenn ein ärztlicher Kollege sich bei der Begrifflichkeit vertut, dann ist das ebenso schwer zu überprüfen wie letztlich in diesem Kontext irrelevant.

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Falsch, sie sind ein privater Betreiber, ganz egal, wem die Geschäftsanteile gehören. Das ist ja gerade der Grund, warum öffentliche Träger in die Formen des Privatrechts flüchten: weil sie dann rechtlich weniger gebunden sind.

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Zuallererst freue ich mich sehr, dass endlich ein Format überhaupt mal eine Wahrnehmung für die Situation im Gesundheitswesen schafft. Insbesondere in den letzten Monaten musste ich ein mediales Desinteresse feststellen, dass bei den Zuständen die wir erreicht haben doch unangemessen erscheint. Als Arzt in einem kommunalen Klinikum „in der Pampa“ erlebe ich täglich, was so passiert und kann mir den Mangel an Empörung nicht erklären.

Allerdings will ich noch ein paar Dinge ergänzen, die für meinen Eindruck falsch oder nicht ausreichend genug rübergekommen sind. Zuerstmal: das DRG-Kodierungssystem ist viel schlimmer, als bei euch dargestellt. Zwar gibt es eine Menge Konstellationen, die als DRG zusammengefasst werden - dennoch bleibt man bei der Varietät an Menschen und Erkrankungen in einem spezifischen System der Pauschalierung gefangen. Manchmal bringen dringend nötige Interventionen gar kein Geld mehr, weil man mit dieser Prozedur in einen schlechteren Schlüssel rutscht. Oftmals gibt es mehrere mögliche DRGs, die man gegeneinander abwägen muss. Das Codieren wird oftmals den Ärztinnen und Ärzten als medizinfremde Aufgabe zugeteilt, d.h. man sitzt nach der Behandlung noch rum und bastelt an irgendwelchen Abrechnungscodes rum, die medizinisch komplett belanglos sind. Oder - und das ist nicht immer die bessere Lösung - es gibt eigene Abteilungen für die Kodierung. In manchen Häusern laufen die auf der Visite mit und beraten, wie man denn am besten „DRG-konform“ behandelt. Zum Beispiel den Patienten noch etwas länger beatmen, um in die nächste Klasse zu kommen. Hier und dort die Dokumentation „optimieren“. Ganze Computersysteme werden nach DRG-Kodierungsprozessen hin angepasst.

Überhaupt: als Medizinerin ist die Krankenkasse der Feind. In eurer Beschreibung wirkt es eher so wie der nette Nachbar, der helfen will aber keine Schaufel hat. Im Gegenteil haben die Kassen eine große Schaufel und hauen sie uns gerne tagtäglich auf die Rübe. Nicht nur, dass man dieses unfassbar komplizierte System der Abrechnung am Hacken hat. Der medizinische Dienst, früher Medizinische Dienst der Krankenkassen MDK prüft auch noch jeden fünften Fall auf formale und inhaltliche Korrektheit - und widerspricht andauernd. Wenn die Krankenhäuser sich wehren, bekommen sie häufig Recht - aber auch das kostet unheimlich viel Kraft. Man muss Stellungnahmen schreiben, erklären warum nun genau dieser Patient eine andere Behandlung haben musste - und man rechtfertigt sich vor Leuten, die im Zweifel zwar eine medizinische Ausbildung haben, aber in einem völlig anderen Fachgebiet und zudem seit Jahren aus der Praxis ausgeschieden. Man muss sich aber wehren, sonst ist jeder fünfte Euro einfach weg - und auf den Behandlungskosten inklusive allem Material und Medikamenten bleibt man sitzen.
Damit man sich gegen die Widersprüche überhaupt wehren kann, muss natürlich jeder Huster piekfein dokumentiert werden. Die Krankenhausverwaltungen denken sich allzeit neue Formulare aus, die man noch zur Argumentationshilfe nehmen könnte. Man verbringt mehr Zeit damit, über die Patient
innen zu schreiben als sich mit ihnen zu befassen.

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Die klammen Kassen der Häuser und der Investitionsstau sind schon heute zu spüren. Meist nicht unbedingt bei der spezialisierten Medizintechnik - OP-Roboter, neues MRT, ein Herzkathetertisch - solche Dinge werden beschafft, weil sie öffentlichkeitswirksam sind, ergo Patienten anlocken und damit Fälle generieren, weil es häufig irgendwelche Fördertöpfe gibt und weil man damit Zugang zu neuen, anrechenbaren Prozeduren und damit höhenwertigen DRGs bekommt. Aber der Verfall findet an der Basis statt. Kaputte Heizungen, fragliche Zustände der Sanitäranlagen, Räume die seit Jahrzehnten keinen neuen Anstrich hatten. Arbeitsbedingungen, die man sonst nirgendwo akzeptieren würde. Im Hochsommer schwitzen wir in Infektionsschutzkitteln bei 32° Celsius Außentemperatur einen Satz Kleidung nach dem anderen voll, weil es keine Klimaanlage gibt. Die Klamotten muss ich aber anbehalten, weil ich nicht mehr Bekleidungssätze kriege und die outgesourcte, billige Reinigung drei Tage benötigt bis ich meine Sachen wiederbekomme. In den Kantinen gibts mittags nur noch Fraß, da ist die verpasste Pause auch nicht mehr schlimm. Viele Kliniken pferchen die Ärztinnen und Ärzte in furchtbare Großraumbüros, wären die Kolleginnen für den Verzehr gedacht bekämen sie eine schlechte Haltungskategorie. Acht Leute, von denen drei telefonieren und zwei Briefe diktieren in einem Raum von 10 qm? Klingt super, die kommen bestimmt mit drei Computern und ohne Fenster aus. Wir sparen nicht nur am Komfort, sondern an völlig banalen Dingen. Persönlich versuche ich seit Jahren einen Drucker für unser Arztzimmer zu bekommen - gibts es nicht, zu teuer. Stattdessen lässt man uns für jedes Blatt Papier durchs halbe Gebäude rennen. Telefon kaputt? Ach, das geht noch. Riss im Kittel? Na ja, flicken sie ihn doch einfach. Mein Bürostuhl hat die Wende miterlebt, aber immerhin habe ich einen eigenen Arbeitsplatz. Als promovierter Akademiker streite ich mich um Büromaterial, meine Freunde aus der Juristerei oder der Ingenieurszunft lachen sich tot.

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Gegen das Gesundheitswesen ist jedes Katasteramt ein einsteigerfreundlicher Laissez-faire-Verein. Es gibt derartig viele Regeln, wie man Dinge zu verordnen oder zu machen hat, die einem das Gehirn vollmüllen. Ein Beispiel: Im Rahmen des Entlassmanagements muss man Patienten mit einem Grundbedarf der neu verordneten Medikamente versorgen, hierfür gibt es spezialisierte Muster-16-Rezepte mit additiver Kennzeichnung (sic!) für Entlassverordnungen. Hier dürfen bis zu drei Medikamente, die GKV-Verordnungsfähig sind, auf ein Rezept, aber nur N1-Packungen, es sei denn von diesem Präparat gibt es keine, dann darf die nächstgrößere Packung verordnet werden. Medizinprodukte und Hilfsmittel müssen gesondert verordnen werden, die dürfen nicht mit auf eine Medikamentenveordnung - ist aber auch ein Muster-16. Bei Hilfsmitten muss die begründende Diagnose mit drauf, bei Medikamenten darf sie nicht drauf. OTC-Medikamente dürfen nicht verordnet werden, es sei denn sie werden auf einer Ausnahmeliste geführt oder zur Behandlung von Nebenwirkungen bei onkologischen Behandlungen benötigt. Dann muss aber die Diagnose doch drauf. Beim Muster-16 gibt es links 9 exakt gleich aussehende Kästchen zur Markierung von bestimmten Ausnahmezuständen, diese werden gültig wenn man sie ankreuzt - außer das aut-idem-Feld, das ist immer gültig, es sei denn man kreuzt es an.
Betäubungsmittel müssen auf ein BTM-Rezept der Bundesopiumstelle, hier muss der mittlere Durchschlag beim Arzt verbleiben und zwanzig Jahre aufbewahrt werden (man kann aber auch notfallmäßig mit einer Spezialkennzeichnung auf ein Muster-16 verordnen und muss dann aber binnen 7 Tagen das BTM-Rezept nachreichen). Es gilt auch hier die N1-Grenze beim Entlass, obwohl man die nicht als Entlass kennzeichnen kann (es gibt also keine additive Kennzeichnung). Dafür gibt es aber dann die Betriebsstättennnummern, Ärztenummern und Pseudo-Ärztenummern, anhand denen man das erkennen kann. Die werden aber jetzt wohl ersetzt durch das neue Standortkennzeichen, es sei denn man ist eine Reha-Klinik - da gilt weiterhin die BSNR. Anders ist es allerdings beim Privatpatienten, der eine Privatverordnung erhält, die auf gar keinen Fall auf ein Muster-16 darf, sondern eben auf ein Privatrezept oder BTM-Rezept (die gelten wiederum für beide Gruppen). Bei der privaten Verordnung gibts auch keine N1-Begrenzung, ob das erstattet wird entscheidet aber jede Krankenversicherung individuell.
Ich könnte auch aktuelle Leitlinien und Studien lesen und damit die Versorgung meiner Patienten verbessern. Stattdessen muss ich mich mit derartigem Nonsens befassen. Diese Aufgaben nimmt mir auch niemand ab, Stationsassistenzen oder -sekretär*innen gibts kaum noch. Entweder ist die Stelle gestrichen oder seit Jahren unbesetzt, darum druck ich jedes Rezept selbst (am anderen Ende des Gebäudes).

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Einundzwanzig nach Einführung des DRG nun eine „Analyse“ des Krankenhaus-Abrechnungssystems. Dass es sich beim DRG um ein damals den Krankenhäusern auferlegtes System handelt, das jedem aber nicht dem KH und schon gar nicht dem Patienten nutzt, war schon bei der Einführung klar.

  1. Beim DRG wird im KH nicht nach irgendwelchen Diagnosen gesucht - der Patient bringt diese Diagnosen als Vorerkrankungen mit. Im KH erfasst man diese Diagnosen möglichst vollständig, weil sie sich auf das effektive Kostengewicht auswirken. Die Darstellung ist also falsch, überzogen und in meinen Augen populistisch.

  2. Bestimmte Diagnosen sind relevant, weil sie die individuelle Komplikationsrate und den Aufwand für den Patienten erhöhen - ausserdem, weil sie die Verweildauer des Patienten im KH beeinflussen. Es ist also legitim, dass ein KH diese vorbestehenden Diagnosen zusammenträgt - zumal hiervon auch abhängt, wie hoch Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Patient nach Entlassung wiederaufgenommen und erneut behandelt werden muss - eine Folgebehandlung, für die das KH dann kein Geld mehr bekommt.

  3. Wir Ärzte sind Menschen, die Vor-und Nachteile einer Operation ausführlich mit den Patienten besprechen und gemeinsam mit dem Patienten entscheiden, was das individuell beste Verfahren ist. Wir wissen selbst sehr genau, wie viele Komplikationen bei einer Operation auftreten können, weshalb die grundlegende Einstellung ist, Operationen nur dann durchzuführen, wenn sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu einer relevanten Verbesserung der Situation führen - unter Berücksichtigung aller Nachteile. Es mag wenige Ausnahmen geben, aber solange es keine individuelle Aufschlüsselung der Einzelfälle bezogen auf Eingriff, Diagnose und Patient gibt, kann die Aussage, dass überflüssig Operationen durchgeführt werden nur als billiger Populismus aufgefasst werden. Die Quellen hierzu dürften sehr dürtig sein - ein Grund mehr, sich nicht auf den Medienpopulismus einzulassen, sondern besser zu sein als der Rest der eigenen Zunft.

  4. Dass Veränderungen an der Wirbelsäule zunehmen, ist unter anderem eine Folge der älter werdenden Bevölkerung und der Zunahme von Volkskrankheiten, zu denen vor allem die Adipositas gehört. Dass die Anzahl der Eingriffe an „Rücken“ heute zunehmen, liegt zusätzlich aber auch an den Fortschritten in der medizinischen Entwicklung, die es heute erlauben, Veränderungen der Wirbelsäule adäquater zu behandeln als früher - zum Vorteil eines jeden Patienten.

Liebe Grüße
Sebastian

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Und eine Sache noch: nach der Corona-Zeit haben wir alle mitbekommen, wie wichtig es ist, eine flächendeckende und unabhängige medizinische Versorgung verfügbar zu haben und wie schnell wir an unsere Kapazitätsgrenzen kommen. Ja, es ist tatsächlich so, dass man gewisse und vor allen spezialisierte Eingriffe in Zentrumspitäler kanalisieren kann. Das ist aber nicht die Masse der Eingriffe, wegen der man die ländliche Versorgung auf’s Spiel setzen und sogar aushungern lassen sollte. Zur Masse gehören ganz andere Erkrankugen und Indikationen. Am Ende sind es ja nicht die Medien, die die Verantwortung übernehmen, wenn eine Not-Sectio dann in ein entferntes Zentrumspital geflogen werden muss.

Da ich mich bei dem Thema Krankenhausreform nicht auskenne kann ich nicht viel dazu beigetragen, aber ich hätte trotzdem ein paar Fragen die evtl wichtig wären.
Die Zusammenlegung von Krankenhäusern finde ich schon wichtig aber befürchte das es da wieder zum Konflikt zwischen Stadt und Land kommt. Es wird doch dann eher die kleine Klinik auf dem Land/ Landkreis geschlossen und die Menschen müssen weite Wege auf sich nehmen.
Ich habe mal oberflächlich gegoogelt und festgestellt das in Dresden min. 8 Krankenhäuser existieren und das wird in anderen Großstädten nicht anders sein. Wäre es da nicht sinnvoller in den Großen Städten die Anzahl zu reduzieren und dafür die Krankenhäuser in den Landkreisen besser auszustatten und zu spezialisieren?

Das gehe ich mit. Es wäre eine Katastrophe, wenn es reine Zentrierung in den Städten geben würde. Und gibt es überhaupt Belege, dass wirklich niemand auf dem Land arbeiten will und lieber die irrwitzigen Mieten in der Stadt zahlt @SilverRising

Selbsthilfevereine setzen sich seit Jahren dafür ein, dass es auch für Kinder solche Anforderungen (Zentralisierung oder Zertifizierung von erfahrenen Kliniken) gibt, die Qualität gewährleisten, weniger Leid, weniger vermeidbare Folgeeingriffe und (teils lebenslange) Folgetherapien erfordern. Link zu mehr Details: https://www.keks.org/wp-content/uploads/2023/07/K72_Zentralisierung_endf_web.pdf
Nebenbei bemerkt: Zentralisierung und Qualität würden den Kassen auch exorbitante Kosten einsparen…

Aus Sicht von Eltern, die häufig erst nach der Geburt ihres Kindes mit einer oder mehreren seltenen Diagnosen konfrontiert sind, ist es unmöglich, in der nötigen Geschwindigkeit (innerhalb von Stunden!) zu überblicken, was diese Diagnosen bedeuten, geschweige denn, einzuschätzen, ob sie eine OP an der jeweiligen Klinik, in der ihr Kind auf der Intensivstation liegt, durchführen lassen sollten. Man könnte es als Zumutung gegenüber überforderten Eltern und noch mehr als unverantwortlich gegenüber betroffenen Babys bezeichnen, dass (meist unvorbereitete) Eltern solche Entscheidungen treffen müssen (und im Grunde nicht wirklich können) und es am Ende dem geografischen Zufall überlassen ist, wie die Lebens-/Krankheitsgeschichte verläuft.
Wie soll man in einer solchen Ausnahmesituation eine qualifizierte Entscheidung treffen, ob man in der ortsansässigen Klinik richtig aufgehoben ist? Eine Verlegung kostet Zeit, Kraft, Wissen, Organisation. Alles davon fehlt in der Situation.

Der Forderung, dass es eine Zentralisierung auch in der Kindermedizin geben sollte, hat sich die Gesellschaft für Kinderchirurgie bereits angeschlossen: „… dass es für komplexe Fehlbildungen im Neugeborenenalter eine Zentralisierung geben muss. Die begrenzte Inzidenz der Fehlbildungen (zwischen 1:2 000 und 1:20 000 Neugeborene) führt dazu, dass viele Diagnosen nur im einstelligen Bereich pro Jahr und Klinik auftreten. Andererseits wissen wir für die Chirurgie, dass Häufigkeit der OP und Ergebnisqualität miteinander in Beziehung stehen.“ Text der Fachgesellschaft](Bessere Operationsergebnisse und lückenlose Nachsorge bei angeborenen Fehlbildungen)

Wer hat also was gegen die Zentralisierung und Mindeststandards, wenn Betroffene und Kinderchirurgie dafür plädieren und auch Krankenkassen profitieren würden? - Die Kinderkliniken. Kinder mit solchen Diagnosen sind oft monatelang im Krankenhaus, meist Intensivpatient*innen, bevor sie endlich entlassen werden können, und sie bringen der Klinik nicht selten sechsstellige Umsätze. Ein einziges solches Kind kann über die Profitabilität eines ganzen Jahres entscheiden. Nicht sehr wahrscheinlich, dass die Zuständigen dort den Betroffenen eine Verlegung in eine Klinik mit mehr Expertise nahelegen.

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Vielen Dank, dass Ihr das Thema aufgegriffen habt!

Ich habe vor gut einem Jahr schon versucht einen Impuls in diese Richtung zu geben, von daher freue ich mich besonders darüber!

Es ist wirklich unfassbar komplex und selbst einzelne Probleme können einen in den Wahnsinn treiben, wie @mustamie beispielhaft an der Rezeptierung von Medikamenten bei Entlassung einer PatientIn geschildert hat.

Und ich kann aus eigener Anschauung bestätigen, wie Indikationen für OPs und Prozeduren sehr großzügig gestellt werden, wenn es sich lohnt. Das wird dann natürlich nicht explizit so formuliert, sondern Wege gesucht eine Indikation zu finden. Oder bei Kapazitätsmangel im eigenen Haus und dringlicher Notwendigkeit einer Operation, die Patientin nicht in ein anderes Haus mit Kapazität verlegt, damit „der Fall“ (das Geld) im Haus bleibt. Das war auch schon Grund für mich eine Klinik zu verlassen. Übrigens kommunal geführt.

Eine große Bremse bei durchgreifenden Reformen ist dabei leider auch meine eigene ärztliche Zunft, aus (teils begründeter) Angst vor finanziellen Nachteilen. Das kann aber kein Argument sein.

Ich hoffe ihr arbeitet diese Thematik in der Lage-üblichen Gründlichkeit und dem Auge für die entscheidenden Details auf. Bei Fragen oder Wunsch nach weiteren Perspektiven zum Thema stehe ich gerne zur Verfügung.

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Viele Kliniken in ländlichen Bereich sind schon heute nur noch „Durchlauferhitzer“. Dort gibt es nur noch basis-internistische Versorgung, alles was kompliziert ist, operiert werden muss wird nur anbehandelt und verlegt. Viele haben gar keine richtige Intensivstationen mehr, nur noch IMC ohne Beatmung wenn überhaupt. Keine Geburtshilfe, keine Pädiatrie, keine Unfallchirurgie, keine Neurologie, kein gar nix. Diese Häuser kann man dicht machen ohne die Versorgung merklich zu verschlechtern. Nur lässt man die lieber langsam verhungern statt eine politische Entscheidung zu treffen.

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