LdN 225: Zu früh, um über Lockerungen nachzudenken?

In diversen Stellen hört man, das was Ihr in der Lage zum wiederholten Male gesagt hat, immer wieder: „Es ist zu früh, jetzt darüber nachzudenken, ob für geimpfte Personen die Maßnahmen gelockert“ werden"

Ich finde, genau DAS ist doch der Fehlschluss den die Politik gerade macht. Psychologisch ist das imo ein gravierender Fehler… Die Politiker fahren gerade Salami-Taktik: Maßnahmen etwas einschränken, zwei Wochen warten und dann mal schauen und neu entscheiden, anstatt klare Ansagen zu machen. Wenn die Inzidenz unter Wert XYZ sinkt, dann werden Maßnahmen ABC gelockert!

Das ist total aufreibend und anstrengend… Ich kenne so viele Leute die seit einem Jahr komplett rational und vernünftig alle Maßnahmen einhalten und seit Januar irgendwie total müde sind und keine Lust mehr haben.

Und das gilt eben auch für die Impfungen. Da muss man JETZT drüber nachdenken, was man den geimpften Personen für Vorteile einräumen will (und eigentlich sind es keine „Vorteile“ oder „Privilegien“ sondern nur das Zurücknehmen von Einschränkungen).

Und was bei der Diskussion irgendwie nie zur Sprache kommt sind die wirtschaftlichen Vorteile… Für einen Gastrobetrieb, der kurz vor der Pleite steht, kann es durchaus einen Unterschied machen, wenn er ein paar Wochen früher öffnen kann, weil er Perseonen mit Impfnachweis bedienen kann…

Wenn ich z.B. einen Kinosall voller geimpfter Personen habe, spielt es imo auch nur eine untergeordete Rolle, ob geimpfte Personen nun weiter ansteckend sind oder nicht…

Mal ganz abgesehen davon, dass entsprechende „Privilegien“ auch eventuelle Impfgegner und Coronaspinner überzeugen kann…
Wie hat Tim Pritlove vor kurzem gesagt: Wenn der Ballermannbesuch an einen Impfnachweis geknüft wäre, ist Deutschland in Nullkommanix durchgeimpft…

Achja… Thema Impfnachweis. Der Impfausweis ist ein amtliches Dokument. Das sollte für einen ersten Wurf als Nachweis eigentlich vollkommen ausreichen.

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Und diese geimpften Personen in dem vollen Kinosaal kommen danach auch in keinen Kontakt mit ungeimpften Personen? Ich glaube sie haben das nicht zu Ende gedacht.

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Macht garantiert einen Unterschied. Ich frage mich nur: Müsste dafür nicht auch das gesamte Personal geimpft sein? Das wäre ja dann auch erst zum Sommer, wenn sowieso alle geimpft sind, die geimpft werden können. Und da dürfte es ja theoretisch eh kaum noch Einschränkungen geben… oder übersehe ich etwas?

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Ich stimme in dem Punkt zu, dass wir dringend Szenarien brauchen, die auch diese Eventualitäten (z.B. Impfung schützt vor Ansteckung ja/nein) mit einbeziehen müssen. Ich habe gewisses Verständnis dafür, dass wir alle (jedenfalls aber die Politik) von der Vehemenz der Krise seit letztem Herbst überrascht wurden und so nur Schritt für Schritt reagiert werden konnte. Überraschungen und rasche Reaktionen mit immer härter werdenden Regeln waren bisher die unvermeidliche Folge. Sich dauernd ändernde Regeln vermindern aber den Grad, mit dem sich die Menschen an sie halten. Was wäre die Alternative? Szenarien. Diese werden dann auch komplex sein, aber sie würden den wesentlichen Institutionen der Gesellschaft die Möglichkeit geben, zu planen.

So auch für den Impfstoff:

  • Wenn Impfungen auch Ansteckungen verhindern, dann werden wir a machen
  • Wenn Impfungen Ansteckungen nicht verhindern, dann werden wir b machen
  • etc. klar, dass das noch komplexer ist

Wenn auch die Antworten auf die Fragen nicht geklärt sind - was kostet es die Politik, früh darüber zu diskutieren was die Antworten bedeuten würden? Das Gleiche gilt für weitere Variablen die permanent genannt werden, wie zum Beispiel Inzidenzhöhen etc… Lieber in klaren Eventualitäten leben, als permanent darüber unterrichtet zu werden, was sich die Politiker gestern mal auf die schnelle haben einfallen lassen.

Was ist die Alternative zum Leben in Szenarien, wenn wir davon ausgehen, dass die aktuelle Situation nicht haltbar ist?

Mit dieser Argumentation ist es überhaupt nicht haltbar die Grundschulen und Kitas zu schließen. Diese Gruppe hat nämlich ebenfalls kein großes Risiko zu erkranken und ist vermutlich etwas (!) weniger infektiös.
Letztlich tragen die Kinder aber eben doch zum Infektionsgeschehen bei.
Viele Grüße,
Eine Geimpfte

Ja, aber die Lösung dieses Problems könnte man auch den Unternehmen überlassen. Gibt auch genügend Szenarien, wo man auf Personal in weiten Teilen verzichten kann (dann gibts halt im Kino keinen Eisveräufer). Wenn die Leute die Wahl haben, pleite zu gehen, oder sich was einfallen zu lassen, werden bestimmt viele kreative Lösungen entstehen…

Ich nicht… Vor einem Jahr hat die Politik imo top reagiert. Schnelle gezielte Maßnahmen an der richtigen Stelle. Das was wir im Herbst gesehen haben war ein Problem mit Ansage. Ich kann das gerade als nichts anders als ein Totalversagen der Politik bezeichnen. Selbst wenn wir im Herbst EINS ZU EINS das GLEICHE gemacht hätten, wie im Frühjahr, wären die Ergebniss enicht so desaströs.

Das sehe ich genauso… Es sollte jedenfalls mal irgendsoetwas wie einen „Plan“ geben… Es schadet niemandem da JETZT schon einige WENN-DANN-Aussagen zu machen.

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BTW: Corona und der Lockdown: Die Wirtschaft könnte durchaus härtere Maßnahmen vertragen - DER SPIEGEL

Ich fürchte, angesichts der Mutanten werden wir eher Verschärfungen brauchen.

Fazit des Artikels: „ Klar ist: Selbst bei einer moderat erhöhten Ansteckungsrate droht ein Anstieg der Fallzahlen – trotz strengen Shutdowns. In rund zwei Monaten könnte die Zahl der Neuinfektionen wieder den bisherigen Höchststand von Ende 2020 erreichen. Deutschland stünde vor einer dritten Welle, noch bevor ein wesentlicher Teil der Bevölkerung geimpft ist. […]”

Ich glaube, Du hast mein Thema nicht verstanden.
Es geht darum, über Lockerungen zu REDEN… ein KONZEPT zuerstellen, wie gelockert werden kann, damit die Leute wissen wo wir dran sind. Momentan treffen sich die Ministpresidenten alle paar Wochen mit der Kanzlerin und pokern wieder irgendwelche Maßnahmen aus.

Man sollte einfach eine Matrix machen:
Inzidenz > X: Maßnahmen ABC
Inzidenz > Y: Maßnahmen DEF
Inzidenz > Z: Maßnahmen HIJ

Das müsste man EINMAL entscheiden!

So würde man die Leute auch dazu kriegen, sich daran zu beteiligen, dass die Maßnahmen durchgesetzt werden: Sie profitieren ja davon durch Lockerung.

Total einverstanden. Da gibt es ja auch schon ein paar Vorschläge der Länder, wenn auch das, was ich gehört habe, noch unausgereift schien (teilweise zu kompliziert, Öffnungen bei sehr hohen Inzidenzen, keine Beachtung des R-Wertes, keine Maßnahmen wie z.B. Home-Office, um die Mehrkontakte durch Schulöffnungen zu kompensieren etc.)

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Weil es extrem wichtig ist, noch eine Ergänzung: die Inzidenz ist das Eine. Das andere ist der R-Wert. Wir bewegen uns trotz der Einschränkungen aktuell um 0,9. Ich wette, dass die Schulöffnungen (+Friseure) uns wieder über 1 bringen werden. Dann nimmt der Anteil hochansteckender Mutanten sprunghaft zu und der R-Wert steigt nochmal um 0,3+x und wir sind kurzfristig mitten in der dritten Welle, die schlimmer wird als die zweite!
Daher genügt die aktuelle Inzidenz nicht als Maßstab für Lockerungen. Man müsste die prognostizierte Inzidenz auf Basis der aktuellen Inzidenz, des R-Wertes und des Ausmaßes der Lockerungen betrachten.

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Ich fürchte, liebe Lage, ihr seid da nicht ganz informiert bzgl Schulöffnungen nur für Grundschulen. In Hessen kommen zB nächste Woche alle Grundschulklassen in Präsenz zurück, alle 5/6er im Wechsel, alle 12er in Präsenz, alle Abschlussklassen 9, 10 und 13 sind bereits seit Wochen in Präsenz. An einer Gesamtschule zB sind nur noch die 7/8er in Distanz. Ich finde dieses Detail wichtig, da es den ganzen Wahnsinn offenbart.

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Ein solcher Öffnungsplan ist in meinen Augen überhaupt nicht sinnvoll, da man auch die Dynamik (Steigung der Inzidenz → R-Wert) berücksichtgen muss:

Ich denke, dass es einen breiten Konsens über das Gesamtziel gibt:Gesundheitssystem nicht überlasten wollen und Jojo-Lockdown-Effekte vermeiden. Wenn man diese zwei Ziele ernsthaft verfolgt, muss dynamisch folgendes gelten: R<1 (und zwar dauerhaft). Andernfalls würden die Zahlen wieder steigen und wir müssten wieder nachschärfen.

Angenommen wir haben einen R-Wert von 0.95 und erreichen dann den Inzidenzwert X. Dann haben wir eigentlich nur einen Puffer von 0.05 ohne einen erneuten Anstieg der Inzidenzwerte zu vermeiden. Somit können wir wenig bis gar nichts öffnen. Wenn der R-Wert jedoch 0.7 beträgt und wir erreichen dann den Inzidenzwert X, haben wir einen Puffer von 0.3, den wir für Öffnungsschritte nutzen können.

Zusammengefasst: Man muss sowohl die Inzidenz als auch den R-Wert betrachten, was eine unendliche Anzahl an Kombinationen zulässt. Daher ist es eher sinnvoll von Prioritäten für einzelne Bereichen zu sprechen als von konkreten Öffnungsschritten.

Ich glaube, die meisten Politiker wissen das, jedoch trauen sie sich nicht, dies klar zu benennen. Denn die Konsequenz aus dem oben genannten ist, dass nicht klar ist, ob und was alles in den Wintermonaten überhaupt geöffnet werden kann. Selbst bei geringen Inzidenzen werden gewisse Dinge nicht möglich sein. (Daher ist auch NoCovid so sinnvoll, da bei Inzidenz<10 der R-Wert einen deutlich größeren Puffer für dauerhafte Lockerungen aufweist)

P.S.: Ich habe mal die Problematik der Mutationen ausgeklammert. Dies bringt nämlich noch größere Unsicherheiten mit sich, da wir eigentlich zwei getrennte Pandemien betrachten müssen. Bei der Mutations-Pandemie haben wir derzeit eine Dynamik von R>1, was bedeutet, dass wir eigentlich sogar verschärfen müssten.

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Ich bin total einverstanden: Inzidenz runter, möglichst auf 0, um wieder Nachverfolgungen realistisch zu machen. Nur es gibt eben auch eine Gruppe von Menschen, die noch einmal ein ganz anderes Problem haben als die Geschäftsleute, Kulturschaffenden, Kinder, Familien usw. Keine dieser ohne Zweifel wichtigen Personengruppen möchte ich hintanstellen, aber ich wäre dankbar, wenn auch mal mein Problem wenigstens erkannt und vielleicht sogar beachtet wird.

Ich bin 71 Jahre, lebe seit 7 Jahren in Brasilien mit meiner brasilianischen Frau. In Deutschland habe ich einen Haufen Familie, die ich wenigstens jährlich besuche. Ich bin der Jüngste der Familie. Meine Reise vor 2 Jahren war die letzte. Als ich letztes Jahr fliegen wollte, kam schon Corona dazwischen. Inzwischen habe ich eine Menge in Deutschland zu erledigen, was nicht geht, weil es - zumeist bei Behörden - nicht online zu machen ist.

Ich weiß nicht, wie es ist, derzeit in Deutschland zu leben. In Ihrem Podcast höre ich etwas von der Stimmung und auch den Maßnahmen der Behörden, die mir mehr oder wenig lax erscheinen, aber natürlich auch nicht übergangen werden dürfen. Deutschland ist nicht Brasilien.

Quarantäne? Wenn ich es schaffen würde, überhaupt nach Deutschland zu fliegen (Flugzeug fliegt wirklich, Formulare ausgefüllt, Teste vorher, zwischendurch und nachher lägen vor und zwar in den 3 richtigen Sprachen, was hier auch noch mal ein Problem ist): Dürfte ich bei Ankunft noch ein gemietetes Auto abholen, oder müsste ich unmittelbar und sofort nach dem Aussteigen aus dem Flugzeug irgendwohin in Quarantäne, quasi in den Knast, von der Polizei dorthin geführt? Wenigstens wäre der Ort der Quarantäne geklärt, wenn auch sicher auf eine problematische Art. Vielleicht reicht es auch, wenn ich schlicht erkläre, dass ich nach Hause fahre (was dann nicht überprüft werden dürfte!). Denn ich habe in Frankfurt wohl gute Freunde, bei denen ich gemeldet bin, jedoch niemanden, der mich aufnehmen würde (Als Brasilianer ist man in Deutschland heute - sogar zu Recht - so eine Art Paria!). Wenn Beherbergungsverbote bestehen: Wohin soll ich gehen, um eine Quarantäne zu machen? Google ich: Quarantänehotels Frankfurt oder Hessen, kommen eine Menge touristische Tipps von Hotels, aber nichts über Quarantäne. Im Podcast höre ich, dass die Behörden nicht so genau hinschauen, ob man die Quarantäne einhält. Klar, das kenne ich auch aus Brasilien, wo immer alle das machen, was sie für richtig halten. Vielleicht bekäme ich dennoch ein Hotelzimmer, das ich vielleicht mit Taxi (erlaubt? Keine Ahnung!) oder dem gemieteten Auto erreichen könnte. Ich habe in Deutschland eine Meldeadresse, die ich dann dort angäbe. Heißt das dann, dass ich 10 Tage lang sozusagen illegal durch die Gegend laufen, einkaufen, mich irgendwo einquartieren muss und hoffen, nicht erwischt zu werden - nur um nicht zu verhungern oder eine Langzeit-0-Diät einhalten zu müssen? Also meine Vorstellung für ein verantwortungsvolles Betragen wäre das nicht. Ich verstehe auch den Respekt vor der brasilianischen Variante P1, auch wenn Brasilien groß ist und ich in Südbrasilien lebe. Die 7-Tage-Inzidenz in meiner kleinen Stadt beträgt derzeit 55. Ich könnte gerne jeden Tag durch einen Schnelltest nachweisen, dass ich nicht ansteckend bin? Nur: Ein Gesundheitsamt interessiert das nicht und erkennt sowas frühestens nach 5 Tagen an. Vorher Isolation. Meine in einem Pflegeheim lebende Schwester könnte ich mit Schnelltest besuchen, wenn ich dorthin käme. Aber vom Flughafen aus auf die Straße darf ich nicht, selbst nicht mit Schnelltest? Das ist der Eindruck, den ich hier gewinne. Wie funktioniert das alles in Wirklichkeit? Ich habe keine Ahnung und lese nur, was von mir staatlicherseits erwartet wird.

Im Oktober habe ich dann hoffnungsfroh angesichts der guten Impfmeldungen und Inaussichtstellung von einem sich nähernden Ende der Pandemie einen Flug gebucht. Kurz nach Ostern sollte es sein für gerade mal rein nach D, kurz alles erledigen, und wieder heim: 9 Tage. Da kommt nun eine schleppende Impfkampagne (Ich hätte mich gerne mit einem „gescheiten“ Impfstoff impfen lassen und nicht mit dem chinesischen Coronavac) und die brasilianische Variante P1 dazwischen. Und als ob das nicht reicht, haben wir es hier noch zusätzlich mit einem Vollpfosten von Präsidenten, der alles dazu beiträgt, dass die Pandemie nicht besiegt werden kann, zu tun. 10 Tage Quarantäne sind in 9 Tagen nicht wirklich zu schaffen. Nähme mich nun die Lufthansa trotz des fehlenden Tages wieder mit zurück, oder würde sie sich weigern? Kein Ahnung.

Ich sehe ein, dass mein Problem kein Mainstream-Problem ist und darum vielleicht in der Lage nichts zu suchen hat. Aber vielleicht weiß ja jemand, wie ich meine Reise gestalten könnte, um nicht in jedes Fettnäpfchen zu steigen.

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Es war doch nur ein Beispiel… Es ist doch egal, was man jetzt als Schwellwert benutzt. Inzidenz, Tote, R-Wert, oder eine Kombination daraus. Das können Gesundheitsexperten ausbaldovern.

Es geht doch nur darum, dass man die Maßnahmen EINMAL im Voraus bestimmt, anstatt alle zwei Wochen nachzuschauen und spontan Maßnahmen zu ergreifen.

Das Ergebnis ist exakt das gleiche mit dem Unterschied, dass die Leute wissen woran sie sind und aktiv mit daran arbeiten werden, die Zahlen nach unten zu drücken…

Also ich habe keine Kinder im Grundschulalter, aber der Sohn meines Kollegen aus Frankfurt geht schon seit Wochen wieder in die (Grund)Schule, so weit ich weiß. Kann da nohmal nachfragen.

Was ich da schlimm finde ist, dass man die Verantwortung an die Eltern abschiebt. Die konnten das selber entscheiden. Der Gruppenzwang hat dazu geführt, dass defakto alle Eltern sich für die Schule entschieden haben…
Ein Armutszeugnis an die Politik…

Der Stufenplan, den Niedersachsen vorgestellt hat, berücksichtigt bei höheren Inzidenzen (>25) auch den R-Wert.
Die Frage ist aber, ob diese beiden Indikatoren ausreichend sind, denn: Was immer „Inzidenz“ genannt wird, ist nur die Meldeinzidenz, bezieht sich also nur auf die Anzahl der gemeldeten Infektionen. Streng genommen kann man die aber nur auf die Zahl der Getesteten beziehen, nicht auf die gesamte Bevölkerung. Wir wissen auch nach einem Jahr noch nicht, ob die Dunkelziffer in Deutschland den Faktor 2, 4 oder 6 hat - weil es dazu anders als z. B. in UK, Österreich oder Dänemark noch immer keine entsprechenden Studien gibt. Das Mindeste wäre also, die Zahl der Tests bzw. die Quote der positiven Tests zu berücksichtigen, wie es z. B. das ECDC macht.
Auch der R-Wert ist problematisch: Erstens wird er in vielen Modellierungen häufig so betrachtet, als sei er eine steuerbare Größe. In der Realität wird er aber im Nachhinein aus den Zahlen der gemeldeten Infektionen (s.o.) errechnet. Sprich: Jenseits von Modellen, also in dem was wir Realität nennen, ist es praktisch unmöglich, den R-Wert zu prognostizieren. Das liegt wiederum daran, dass die dafür notwendige empirische Forschung nicht durchgeführt wurde, nämlich 1. herauszukriegen, in welchen Situationen, an welchen Orten und unter welchen Bedingungen sich Menschen wie häufig und wie stark infizieren und 2. wie sich bestimmte Maßnahmen konkret darauf auswirken. Eine Modellierung, bei der ich einen bestimmten Faktor letztlich willkürlich festlege, ist eben etwas anderes, als das Ergebnis einer empirischen Untersuchung. Die gibt es auch nach einem Jahr nicht - jedenfalls nicht in ausreichender Form. Konsequenz: Der R-Wert ist eine rechnerische Größe, die im Nachhinein eine Aussage über die Tendenz erlaubt, nicht mehr und nicht weniger.
Was völlig fehlt, ist ein Indikator, der die Art und Weise des Infektionsgeschehens erfasst, also etwa die Frage, ob a) Infektionen von bereits bekannten Infektionsketten ausgehen oder neue begründen, b) ob sie eingetragen wurden oder „vor Ort“ entstanden sind und c) ob es sich um größere Cluster (Beispiel Altenheim oder Fleischfabrik) handelt oder um zahlreiche kleine „Herde“. Dafür gibt es zwar Vorschläge - aber auch hier hat sich seit über einem Dreivierteljahr in der Diagnostik nichts getan.
Ebenfalls ignoriert wurden bisher selbst minimale Vorschläge, wie etwa das Alter der positiv Getesteten oder die Zahl der Hospitalisierungen (nicht nur Intesivpatient:innen!) zu berücksichtigen.

Alleine die Meldeinzidenz zum Kriterium zu machen und über einem bestimmten Wert am Lockdown festzuhalten, ist etwa so, als würde man ein flächendeckendes Fahrverbot verhängen, solange bei X Radarfallen mehr als 50 von 100.000 Autos pro Woche die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten. Der Vergleich hinkt natürlich gewaltig - aber er verdeutlicht m. E. das Niveau, auf dem das Monitoring des Infektionsgeschehens und die Gegenmaßnahmen derzeit überwiegend diskutiert werden.

TL/DR: Nach über einem Jahr Pandemie gibt es ohne erkennbaren Grund immer noch keine ernsthaften Bemühungen, die Infektionslage adäquat zu erfassen und darauf mit gezielteren Maßnahmen zu reagieren.

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Das funktioniert bloß nicht, weil sich am Ende sowieso wieder keiner daran hält. In der Vergangenheit hat es doch teilweise nach den Konferenzen keine 12 Stunden gedauert, bis wieder mindestens ein Ministerpräsident erklärt hat, warum er sich in seinem Bundesland nicht an alle getroffenen Beschlüsse gebunden fühlt. Jedes verdammte Mal.

Oder erinnert sich noch einer an den Sommer? Wo der Wert 50 das erste Mal eingeführt wurde, und es hieß „wenn 50 irgendwo übertroffen wird, dann muss der betroffene Landkreis sofort harte Maßnahmen treffen“? Als das dann örtlich eintrat, haben die Landräte ausnahmslos alle sich irgendwelche Begründungen aus dem Ärmel gezogen, warum das ja nun in ihrem Fall gar nicht zählt, weil ohne die Fleischarbeiter o.ä. wäre man ja noch unter 50, und dass meine Bürger nur deswegen nun ihren Urlaub auf Rügen nicht antreten dürfen, ist ja wohl ein übler Skandal!!!11 usw.

Solche Pläne wären einfach für den Po und das Papier nicht wert auf dem sie stehen. Was wir brauchen sind nicht Pläne, sondern Aktion. (Und nicht Lockerungen.)

Die erste Regel des Plans sollte lauten: Man redet nicht über den Plan, solange wir nicht in der Inzidenz zumindest unter 10 liegen.

Hier aktuelle Erkenntnisse dazu: Schulen sind relativ infektionsgefährliche Orte.

Die alte Gretchenfrage wieder. Aber in der Studie wurden gar keine Schulen untersucht. Man hat lediglich, ausgehend von eigenen Experimenten zur Aerosolausbreitung bestimmte Szenarien definiert und für diese dann Wahrscheinlichkeiten errechnet. Die Vorannahmen sind dabei nur halbwegs transparent und bleiben notwendigerweise modellhaft. [Für einen Supermarktaufenthalt wurde z.B. eine Aufenthaltsdauer von einer Stunde zugrundegelegt. Mir fällt auf, dass es immer wieder solche Modellrechnungen sind, die die besondere Gefährlichkeit von Schulen betonen. Eine zweite Argumentation ist, das Infektionsgeschehen an Schulen einfach aus der Gesamtinzidenz in einer bestimmten Altersgruppe abzuleiten, wie es z. B. Drosten für Großbritannien gemacht hat (LdN 223).
Folgt man dieser Logik, dann müsste das Infektionsgeschehen an Schulen ja signifikant höher sein, als in anderen Bereichen der Gesellschaft. Interessant ist aber: Studien die tatsächlich in Schulen gemessen, d. h. gestestet haben, zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Sie zeigen, dass zwar an Schulen Infektionen stattfinden, aber eben nicht signifikant häufiger als in der restlichen Gesellschaft zur selben Zeit am selben Ort. Aktuelle Beispiele hierfür gibt es aus Wisconsin, Schweden und Berlin. Selbst die österreichische Gurgelstudie, die laut Drosten und Spiegel die Gefährlichkeit von Schulöffnungen belegt, stellt tendenziell sogar eine niedrigere Inzidenz an Schulen fest als in der Gesamtbevölkerung.
Letztlich ist es natürlich eine Abwägungsfrage: Wenn man bereits die Tatsache, dass sich Menschen überhaupt an Schulen infizieren können, gefährlich findet, ist man vermutlich eher für Schulschließungen. Aber die Rede von einer „besonderen Gefahr“ oder gar von Schulen als „Treibern der Pandemie“ ist aus meiner Sicht empirisch nicht haltbar.

Wenn der R-Wert jedoch 0.7 beträgt und wir erreichen dann den Inzidenzwert X, haben wir einen Puffer von 0.3, den wir für Öffnungsschritte nutzen können.

Aber das ist doch wenig hilfreich. Alles ist möglich, was den R-Wert nicht über 1 treibt? Mit der Strategie tragen wir auch übernächstes Weihnachten noch Maske beim Geschenkekaufen. Ganz zu schweigen davon, dass die ganze Zeit über Leute weiter erkranken und viele von ihnen schwere Langzeitschäden davontragen oder sogar versterben.

Alles andere als die schnelle Reduktion um soviel wie möglich ist in meinen Augen nicht konstruktiv. Auch dann nicht, wenn der Preis dafür ein erheblicher Anstieg von Insolvenzen ist. Die wirtschaftlichen Folgen dürften gesellschaftlich weitaus einfacher zu heilen sein als die menschlichen Folgen.