Kleine Anmerkung zur Darstellung von AfD-Wähler:innen in Folge 495

Dabei ist die Antwort so bestechend einfach: weil allgemein die Meinung vertreten wird, man müsse den AFD-Wähler zurückholen, man müsse ihm zuhören, man müsse seine Beweggründe verstehen.
Wenn ich als Wähler das Gefühl haben möchte, gesehen zu werden, ist die Stimme an die AFD das beste Mittel.
Keiner von der Union würde sich für mich interessieren, wenn ich grün wähle. Bin halt ein linker Spinner, aber ist halt dann so. Meine Stimme an Union und SPD ändert erst recht nichts, sondern zementiert den Status Quo.

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Mein Plädoyer war nicht, die Partei verstehen zu wollen oder deren Repräsentanten zum Gespräch einzuladen.

Mein Punkt ist, dass es in meiner Familie herzensgute Menschen gibt, die die falschen Medien konsumieren. Diese Medien stützen das konservative Weltbild dieser Menschen (das macht sie ja noch nicht zu schlechten Menschen), und propagieren parallel die Dysfunktionalität der aktuellen Regierungen und die vermeintlichen einfachen Lösungen der AFD.
So kommt es, dass mir wirklich liebe Familienmitglieder die AFD wählen.
Und ja diesen Menschen bin ich, mit meinen Sorgen und Nöten auch wichtig. Aber hinsichtlich ihres konservativen Weltbildes hätten sie gerne, dass andere Lösungen helfen.
Allen die sagen: „An der Stelle ist meine Geduld erschöpft. Hier bringt eine Diskussion eh nichts mehr.“, denen sei diese legitime Haltung gegönnt.

Aber ich sehe nicht, wie es uns als Gesellschaft weiterbringen könnte, solche Menschen abfällig zu labeln. Mir ist es meine Energie wert, mich mit diesen Menschen weiterhin auszutauschen, weiter gegen die Windmühlen „falschen Medienkonsums“ anzuarbeiten. Weil mir diese Menschen persönlich am Herzen liegen. Weil ich weiß, dass niemand von denen tatsächlich Deportationen möchte. Weil ich weiß, dass sie sich selbst einst feministisch engagiert haben und noch heute im Ehrenamt für ihre Mitmenschen unabhängig von Herkunft, Religion oder sonst was einsetzen.

Solche Menschen herabzuwürdigen, vergiftet auch den Diskurs im Privaten. Es erschwert die Kommunikation über politische Themen. Und ich sehe nichts, was dadurch gewonnen wird, außer einer Art Lust am Untergang von progressiver Seite.
Mag sein, dass meine Energie an der Stelle vergebene Liebesmühe ist. Aber es ist die beste Chance auf Besserung, die ich sehe.

Die AFD will ich nicht an der Macht sehen, an eine „Entzauberung“ glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht daran in nächster Zeit eine Politik unserer Regierungen zu sehen, von der ich sagen könnte: „Ja, da sehe ich, wie an unseren tatsächlichen Problemen substanzielle Verbesserungen passieren.“ - sollte es wider Erwarten eine solche Politik des „gemeinwohlorientierten Politikers“ geben, gehe ich dennoch nicht davon aus, dass es zu den von mir beschriebenen Menschen durch deren Medien durchdringen würde.
Demnach braucht es meiner Meinung nach den persönlichen Diskurs im engen Umfeld.
Und der wird nicht leichter, wenn Medien, die ich empfehle, diese Menschen erst mal vor den Kopf stoßen - (nicht ohne Grund, vielleicht sogar zu recht, aber) ohne, dass etwas dabei gewonnen werden kann.
Sachliche Kritik immer gerne. Parteiverbot, bin ich dabei. Polemik gegen Funktionär:innen von mir aus.
Aber die Herabwürdigung von Wählenden (die vielleicht einmal ein Kreuz falsch gesetzt haben) eröffnet keine neuen Wege, legt aber Steine in bestehende.

Wie soll sonst ein Weg raus aus diesem Dilemma aussehen?
Und wie hilft Polemik gegen Wählende dabei?

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Die Frage ist doch eher: Wie schaffst Du es, mich mit meinen Problemen ernst zu nehmen, bevor ich AFD wähle?
Das Problem sind doch nicht die AFD-Wähler. Die haben ihre Entscheidung getroffen und dafür verurteile ich sie - genauso wie ich jeden, der Merz-CDU gewählt hat, für die jetzige Politik verurteile. Und jeden verurteile, der gegen die grüne Ampel-Politik gehetzt hat, statt das Versagen der FDP klar zu benennen.
Natürlich darfst Du Dich mit Deinen Verwandten austauschen und sie mit ihren Problemen ernst nehmen. Das ist aber unabhängig davon, was sie gewählt haben. Und sobald mir jemand von sich aus sagt, dass er AFD gewählt hat, weiß ich nicht, auf welcher vernünftigen Basis dieses Gespräch laufen soll. Denn offensichtlich ist mein Gegenüber nicht an einem ernsthaften Austausch, sondern an Provokation interessiert.

Natürlich kann man sich darauf beschränken, je nach Wohnort zwischen 20 und 80 Prozent der Wähler moralisch oder politisch zu verurteilen. Ist halt nur die Frage, was das bringt und was es daran ändert, dass es hier in naher Zukunft noch sehr viel bescheidener werden dürfte… Anders formuliert: Wenn ein so hoher Anteil der Bevölkerung so eine Partei wählt und - ausweislich der Wahlumfragen - sich von ihr auch tatsächlich etwas erhofft, dann ist das aus meiner Sicht sehr wohl ein Problem, und zwar ein gesamtgesellschaftliches.

[Edit: Ich fühle ich mich bemüßigt zu ergänzen, dass dies aus meiner Sicht nicht heißt, dass die AfD-Wähler in irgendeiner Weise Recht haben. Ich meine eher: Wenn so viele Leute falsch liegen, ist das für die gesamte Gesellschaft objektiv gesehen ein Problem.]

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Ist das so?
Ist dass zum einen der einzige denkbare Grund?
Und bist zum anderen du persönlich das Ziel der Provokation? Wenn das denn die Absicht war.

Und wie oft hat es im persönlichen Gespräch geholfen eine Provokation mit einer Provokation zu beantworten?

Auch hier wäre meine Antwort das persönliche Gespräch. Auf Augenhöhe. Und mit zwei Prämissen: Zum einen dass man sich gegenseitig grundsätzlich unterstellt im Prinzip das Gute zu wollen. Und zum anderen dass man sich persönlich gegenseitig als Mensch respektiert und wertschätzt.

Ist in dem Fall aber vergossene Milch bzw. hat bis hierher nicht ausreichend geholfen. Aber deswegen nehme ich die Wahlentscheidung meiner Mitmenschen nicht persönlich, weil sie anders gewählt haben als ich.:man_shrugging:

Aber das führt aus meiner Sicht am Thema vorbei: „Darstellung von AfD-Wähler:innen“
Sollte man sie labeln, oder nicht?
Warum nicht? - das habe ich nun breit dargelegt.
Was es auf der anderen Seite zu gewinnen gäbe dadurch? - habe ich noch nicht lesen können…

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Natürlich. Warum erzählt er es mir denn sonst? Die Wahl ist geheim, geht mich nichts an und ist für eine politische Diskussion völlig irrelevant. Es trägt sicher nicht zur Verständigung bei, wenn ich mit einem CDU-Mitglied über Wirtschaftspolitik diskutieren möchte und das Gespräch beginne mit „ich habe bei der letzten Wahl grün gewählt“ oder „ich habe bei der letzten Wahl links gewählt“. Da zwinge ich das Gegenüber ja gerade dazu, mich in eine Schublade zu stecken.

Es stellt halt keiner die Frage, was bei dem ankommt, der schwarz-rote Politik unterirdisch findet und bisher noch nicht AFD wählt. Was das Resultat ist, wenn nur der AFD-Wähler mit seinen Problemen ernst genommen wird.
Wenn ich, um wahrgenommen und angehört zu werden, mich nur als AFD-Wähler outen muss - da mache ich das halt.

Ich habe den Eindruck, dass es seit ein paar Monaten sehr wohl auch öffentlich diskutiert wird, dass die generelle Unzufriedenheit und das erodierte Vertrauen in das demokratische System weit über jene hinausgeht, die AfD wählen - etwa in der von der Lage erwähnten TV-Dokumentation. Das Problem ist nur, dass diese Tendenzen nicht erkannt und adressiert wurden, als sie im Entstehen waren, sondern erst, als das Kind schon so tief im Brunnen lag, dass keiner mehr wirklich weiß, wie man es wieder dort rauskriegen soll.
Ich würde auch deine These teilen, dass sich viele AfD-Wähler vermutlich entsprechende Aufmerksamkeit wünschen - aber im Gegensatz zu den zahlreichen „Denkzettel“-Wahlen seit 2013 dürfte ihre Hoffnung, dass „die Politik“ endlich mal „aufwacht“ und „vernünftigt handelt“ inzwischen kaum noch vorhanden sein. Ich fürchte wir führen bestimmte Diskussionen einfach 5 bis 10 Jahre zu spät.

Liegt nicht an mir, sondern an der CDU, die hoffte, mit dem Rechtsruck rechte Politik durchzudrücken. Jetzt hat sie Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen kann. Sie hat auch zu gern das Narrativ der Denkzettelwahl gegen Merkel und Ampel-Politik bedient und damit jedem, der die AFD wegen ihrer Programatik gewählt hat, ein gutes Alibi gegeben.
Das ist nun das Problem: Dass viele nicht einsehen wollen, dass das mit dem Denkzettel eben nie gestimmt hat, sondern diese Partei tatsächlich rechts ist - und damit ihre Wähler potentiell auch.

Hat auch keiner behauptet :wink:

Ich glaube aber auch nicht, dass es ein Entweder-Oder gibt zwischen „denen“ mal einen Denkzettel verpassen und zentrale Inhalte der AfD teilen. Aber Letzteres bedeutet ja noch lange nicht, dass man den Rechten auch wirklich zutraut, die anstehenden Problem besser zu lösen. Und an diesem Punkt kippt gerade etwas. Mit der CDU verliert gerade auch die letzte „große Partei“ bei Millionen von Menschen jegliche Glaubwürdigkeit, noch etwas zu reißen und so gilt plötzlich jene Partei als kompetenteste, die noch nie irgendwo außerhalb irgendwelcher Käffer im südlichen Ostdeutschland regiert hat.

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Das ist mir wiederum zu einfach: Die AfD-Wähler fallen einfach nur auf falsche Medien rein? Sorry, das sind mündige Menschen, die entschieden haben, dass die in seriösen Medien ventilierten Informationen und Einordnungen nicht mit ihren Bedürfnissen und Ängsten konform gehen und sich daher für solche Medien entschieden haben, bei denen sie sich „wohler“ fühlen.

Ich glaube gar nicht, dass das so schwer ist. Ich würde gerne mal wissen, was passiert, wenn März und Klingbeil gemeinsam auftreten und zunächst einmal einen klaren und ehrlichen Befund abliefern und von den ideologischen Scheuklappen abschwören, die sie daran hindern, gemeinsam Lösungen zu finden.

Für den Fall, dass jemand sagt: „Wie soll das so ein klarer und ehrlicher Befund und das Abnehmen von ideologischen Scheuklappen aussehen?“ Die Kurzform: Klare unmissverständliche Beschreibung der zahlreichen Missstände (siehe mein vorheriger Beitrag). Das Eingeständnis (von Hern Merz), dass der Markt nicht nur viele Probleme nicht lösen kann, sondern oftmals sogar das Problem selbst ist. Das Eingeständnis (von Herrn Klingbeil), dass wir in keinem Bereich dauerhaft mehr ausgeben können, als wir einnehmen. Das Eingeständnis (von Herrn Merz), dass die bestehende Vermögensverteilung gesellschaftlich nicht mehr tragbar ist und wir dem einen immer größer werdenden präkeren Teil der Bevölkerung einfach keine weiteren Einsparungen zumute können. Das Eingeständnis (von Herrn Merz), dass es viele Bereiche gibt, in dem der Staat sehr, sehr viel mehr eingreifen und regulieren muss als ein Nachtwächterstaat. usw.

Mensch, @der_Matti, meinst Du, es bringt Dich und uns irgendwo hin, wenn Du den politischen Gegner dafür „verteilst“, ein politischer Gegner zu sein?

Ja, die AfD-Wähler müssen die Verantwortung für ihre Wahlentscheidung schon tragen und man wird sie immer wieder daran erinnern müssen. Aber doch ohne, den Diskurs abzubrechen!

Meinst Du, es gibt keinen Grund, angesichts der Politik der „Systemparteien“ zunehmend verzweifelt zu werden? Wir sollten aufhören, die demokratischen Parteien reflexhaft gegenüber den Kritikern aus dem AfD-Lager zu verteidigen. Wir haben doch mit vielen von denen etwas gemeinsam: Die Frustration darüber, dass Parteien, der Staat, die Politik nicht mehr liefern (nämlich Lösungen zu den zahlreichen, o.g. Problemen). Uns unterscheidet doch vor allem deren Entscheidung für eine zerstörerische Politik. Lass und doch lieber auf den Gemeindsamkeiten aufsetzen.

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Vielleicht ist die Lösung auch einfach nicht vorhanden. Ein System, das gleichzeitig den zunehmend komplexen, dabei extrem schnell dringender werdenden Problemen gerecht werden kann, jeden oder wenigstens jeden Erwachsenen gleichberechtigt mitentscheiden lässt, ohne dabei entweder massive Repräsentationslücken offen zu lassen oder katastrophale Fehlentscheidungen zuzulassen, gibt es möglicherweise einfach nicht. Vielleicht war eine Gelingensbedingung, dass 20-30% lange Jahre nicht wirklich repräsentiert/politisch wirksam werden konnten und nachdem die sich wegen verschiedener Fehlentscheidungen wieder in den politischen Prozess einbringen können, verschlechtern sie die Funktionalität des Systems noch weiter, sodass aus ihrem „Protest“ oder ihrer Untergangserzählung über die parlamentarische Demokratie eine selbsterfüllende Prophezeiung wird? Denn wenn unser System vorher schon nicht hinreichend gute Ergebnisse erreichen konnte, kann es das mit 20-40 % Rechtsextremisten in Parlamenten erst Recht nicht. Die wieder loszuwerden wäre sicher keine hinreichende Verbesserung oder Reparatur, aber ohne Frage eine notwendige. Aber selbst falls das gelingen sollte, kann ich nicht mal genau begründen, warum die Entscheidungen so oft so unzureichend und teils absurd laufen.

Ich würde auch fragen, woran man „funktionieren“ genau messen will.

sehe ich auch bei vielen als Teilrechtfertigung, aber diese Idee grade aus den östlichen Bundesländern finde ich einfach absolut absurd. Für ganz Deutschland gilt, dass es uns materiell noch nie so gut ging, wie heute. Wir haben relativ zu anderen die Ressourcen von dutzenden ähnlich großen Ländern erfolgreich zu uns geleitet, es liegt nicht daran, dass wir insgesamt zu wenig von irgendwas haben, wir setzen es nur falsch ein und das wäre ja eigentlich eine relativ lösbare und komfortable Ausgangslage. Dass es in jeder Hinsicht extrem viel schlechter sein könnte, müsste mit Blick in die globale Nachbarschaft und die Geschichtsbücher eigentlich fast selbstevident auf der Hand liegen. Und zwar gesamtgesellschaftlich genauso, wie individuell. Das macht mich wirklich ratlos, woher die Grundlage kommt, hier einfach alles anzuzünden. Da reicht in meinen Augen Dummheit als Erklärung eben nicht aus, denn so blöd kann man doch nicht ernsthaft sein.

Dazu gibt es ein ganz interessantes und extrem weit verbreitetes psychologisches Phänomen, dass Martin Seligman als „erlernte Hilflosigkeit“ beschreibt. Stark vereinfacht führt das wiederholte Erfahren von Situationen, in denen man selbst nichts am Ergebnis ausrichten kann, dazu, dass man auch in anderen Situationen den Glauben daran verliert, etwas ausrichten zu können und die Situation einfach erträgt statt zu versuchen etwas daran zu ändern. Besonders bemerkenswert ist, wie stark dieser Effekt schon in einfachen Experimenten beobachtet werden kann und wie schnell er auftritt.

Natürlich wirkt er je nach Person unterschiedlich stark. Optimistische Grundhaltungen wirken z.B. gut dagegen. Und jemand der an der Haustür Versicherungen verkauft ist nahezu immun. Darauf reagieren Leute unterschiedlich - aber es ist m.E. psychologisch durchaus nachvollziehbar, dass jemand der davon überzeugt ist, die Welt nicht mehr zum Besseren verändern zu können, nach irgendeinem verzweifelten Mittel sucht, wie er eine Wirkung auslösen kann. Und das kann dann auch „auf den Teppich kacken“ sein. Und die Wahl der AfD ist da gewissermaßen ein mildes Mittel auf Basis einer milden Symptomatik. Während jemand, der im Extremfall dadurch in einer massiven Depression landet, sich vielleicht aus genau derselben Logik heraus die Pulsadern aufschneidet.

Da macht es dann allerdings wenig Sinn, das mit irgendwelchen rationalen Argumenten zu kontern a la „jeder ist für seine Wahlentscheidung selbst verantwortlich“ oder „mit dieser Maßnahme schadet ihr euch selbst“. Genauso wie man einem alkoholsüchtigen nicht sagen würde „trink doch einfach nichts mehr - das schadet dir und anderen“.

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Aber man würde vermutlich auch eher nicht erwarten, dass andere Verständnis haben, wenn der Alkoholiker mehr Bier trinken und anschließend in ein Auto steigen will. Und letzteres ist das Problem. Man kann Verständnis für Suchterkrankungen oder Angststörungen haben. Bis zu dem Punkt, wo die Erkrankten, statt sich Hilfe zu holen, andere zu (potentiellen) Opfern machen wollen. So kann man reichlich Verständnis für ganz viele Ursachen und Auslöser von Frustration, Hilflosigkeit, Ärger haben. Aber selbstverständlich muss das enden, wenn eine Partei gewählt wird, die die „Entsorgung“ von Menschen als zentrales Ziel verfolgt. Da geht der Schutz aller anderen einfach vor und auch Menschen mit entsprechenden Problemen haben eine Verantwortung dafür, andere nicht zu schädigen.

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Auch das geht in meinen Augen über das ursprüngliche Thema weit hinaus.

Einen Teil der Begründung sehe ich darin, dass wir über Jahrzehnte Systeme gebaut haben, in denen Individuen dazu genudged werden, ihren eigenen Vorteil über das Gemeinwohl zu stellen. Das sind Systeme, die uns bequem erscheinen, in denen wir relativen materiellen Wohlstand haben - aber zumindest ich werde darin häufig nicht so ganz meinen eigenen moralischen Ansprüchen gerecht.
Das sind für mich, in meinem Alltagserleben Dinge wie:
Es ist für mich günstiger und komfortabler ständig mit dem Auto von A nach B zu kommen, als mit der Bahn, so bald ich das Auto einmal angeschafft habe - wenn auch nur eine von zwei arbeitenden Personen, das Auto braucht um zur Arbeit zu kommen, dann wird es angeschafft. Und schon habe ich einen starken Anreiz auch in meiner Freizeit als Familie das Auto zu nehmen.
Ähnlich sieht es beim Fliegen aus: Reisen in Europa ist für die Ziele, die ich in letzter Zeit nachgeschaut habe mit dem Flieger nicht nur komfortabler, schneller, weniger stressig… Sondern auch noch günstiger als Zug fahren.
Fleisch ist günstiger zu haben als pflanzliche Proteine.
Wenn auf der Arbeit Prozesse objektiv veraltet sind und es offensichtlich allen mehr nützen würde, wenn man Dinge anders anginge, dann hätte ich doch als Individuum erstmal selbst den Mehraufwand, wenn ich mich für Änderungen einsetzten würde. Und ich könnte nicht davon ausgehen, dass sich dieser Mehraufwand für mich persönlich auch irgendwann auszahlt. (Bin im öffentlichen Dienst.)
Instagram ist leichter zugänglich und hat ein bereiteres Angebot an Inhalten als Pixelfed.
Ohne WhatsApp muss ich neuen Kontaktgruppen die Alternativen j e d e s m a l erklären und mich rechtfertigen. Vieles bekomme ich trotzdem als letzter mit.

Ähnlich stelle ich mir das im Politikbetrieb vor. Es ist scheinbar billig, sich nebenbei eigene Vorteile zu erklüngeln oder von Lobbyist:innen einlullen zu lassen.
Klimaschädliche Subventionen sind für bestimmte Interessensgruppen bequem und deren demokratischer Einfluss ist groß genug, um es Regierungen als billig erscheinen zu lassen, diese nicht umzustoßen.

Wenn ich Frau Merkel richtig verstanden habe, sieht sie einen ihrer Fehler über ihre Amtzeit als Kanzlerin hinweg darin, zu wenig gegen den Klimawandel getan zu haben.
Die Frau hat einen naturwissenschaftlichen Doktorgrad und war zuvor als Bundesumweltministerin praktisch für das Klima verantwortlich - sie wusste im Prinzip, was sie tat.
Trotzdem ist es ihr scheinbar billiger erschienen, zu wenig zu tun, und zu zulassen, dass unter ihr die deutsche Solarentwicklung und -wirtschaft abgewürgt wird, anstatt entschiedener in die richtige Richtung zu lenken.

Warum ist es so oft anstrengender oder teurer, das richtige zu tun?
Und muss das so sein?
(Rhetorische Fragen)

Aber ich glaube, dass es vielen Menschen an den verschiedensten Stellen in ihrem Alltag ähnlich geht. Und wenn die meisten Individuen nun mal häufig genug in falsche Richtungen genudged werden, dann ist es nur folgerichtig, wenn auch die Gesellschaft als Ganzes regelmäßig in falsche Richtungen wankt.

Das ist für mich zumindest ein Teil der Begründung, warum so viel nicht besser läuft, obwohl an vielen Stellen vielleicht nicht unbedingt das Optimum, wohl aber bessere Wege offensichtlich sind.

Auf der anderen Seite kommen Verbesserungen häufig von den Menschen, die bereit sind, bestimmte zusätzliche Arbeit zu leisten, ihr privates Kapital in die richtigen Projekte zu investieren.
Siehe Ehrenamt, siehe freie Software, siehe NGOs…

Und Politiker:innen sehen ihre persönliche Machtposition in diesem System durch die falschen Fragen auch nur ein bisschen geschwächt, und schon scheint es billig Frag den Staat Steine in den Weg zu legen und das IFG einzuschränken.

Die Lösung, die sich daraus ergäbe wäre für alle mehr Nudging zum Gemeinwohl. Es müsste sich auch auf individueller Ebene auszahlen, sich für andere einzusetzen, sich klimabewusster und günstiger für das Gesundheitssystem zu ernähren, Schwächen im System unserer Gesellschaft zu analysieren, sie offen zu legen und anderen Verbesserung zu arbeiten.

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Glaube nicht, dass da jemand widerspricht, solange derjenige auch weiß dass er ein Problem hat. Welcher AfD Wähler (sofern er zu dieser Gruppe gehört) ist sich denn bewusst dass er unter erlernter Hilflosigkeit leidet, oder dass sowas überhaupt existiert?

Und: natürlich muss man die Allgemeinheit schützen, aber dazu sollte man auch wissen wie. Kurzfristig kann ein AfD Verbot da sicher helfen aber langfristig muss man an die Ursachen ran und da ist es schon wichtig, ob es helfen kann, wenn man Menschen wieder vermittelt, dass Politik Effekt etwas bewirken kann (Beispiele hat die Lage genannt).

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Trotz allem hier, ich fand die Einlage von Phillip und Ulf einfach passend und vielsagend. Ich habe sie extra jemandem vorgespielt, und dieser klugen Person hat es gefallen.

Ich kann das einfach nicht mehr hören. Das klingt nach: „Eure Unzufriedenheit ist nur eingebildet“. Das ist komplett blind ist für:

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So ist es nicht gemeint und das gibt der Text auch eigentlich nicht her. Gemeint ist, dass man - bei aller verständlichen Unzufriedenheit - den Status Quo nicht mit leichtfertigen „alles oder nichts“ Entscheidungen aufs Spiel setzen sollte. Gemeint ist, dass vieles für selbstverständlich und garantiert gehalten wird, das eigentlich überhaupt nicht selbstverständlich und längst sehr fragil und errodierend ist. Es wird bei einem Teil der Unzufriedenen das Risiko, am Ende mal wieder in den Trümmern des Landes zu stehen, krass unterschätzt. Kritik an Entscheidungen ist eben nicht das gleiche, wie Kritik an den zugrunde liegenden Wahrnehmungen.

Ich bin es umgekehrt ein bisschen müde, das Gefühl von Unzufriedenheit als Vorwand für verantwortungslose Entscheidungen zu akzeptieren. Ich lasse mich bei Frust und Unzufriedenheit sicher nicht von irgendeinem AfDling überholen, da können wir gern einen Wettbewerb der Missmutigkeit starten :wink: . Aber trotzdem wähle ich keine Partei, die mir eine links-grüne-Ökodiktatur der „besseren“ Menschen verspricht, weil ich eben auch zu schätzen weiß, was wir hier an komplett unverdienten, durch die Gnade der Geburt geschenkten Privilegien genießen. Das finde ich keinen übertriebenen Anspruch auch an unzufriedene Menschen. Zumal wenn sie eigentlich nicht mal eine Partei wählen, die in irgendeiner Hinsicht konkret etwas verbessern würde, sondern von der sie oft selbst zugeben, dass die „einfach mal was anderes“ ist.

Ich kann einfach nur wiederholen:

Wenn wir mehr nach der Gemeinsamkeit - der Unzufriedenheit über Status Quo und Perspektive und über das Versagen von Politik ⇒ Staat - suchen würden, wären uns all näher. Dann, und erst dann, können wir die falsche Konsequenz / Entscheidung aus dieser Unzufriedenheit kritisieren. Und wenn wir in dieser Kritik noch auf die Bewertung des Menschen per se verzichteten, dann wären wir vielleicht wieder im Diskurs miteinander. Mein Apell: Rüstest ab! Diese (durchaus verständliche aber nicht zielführende) moralische Empörung bringt letztlich niemand etwas und führt uns sicherlich nicht aus der Miesere.

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Das Problem bei dem Zufriedenheitslevel ist ja, dass wir uns nicht mit Menschen vergleichen, die z.B. aus dem globalen Süden kommen oder vor 300 Jahren gelebt haben. Selbst bei der Spritpreisdiskussion blendet man Phasen, in denen der Treibstoff teurer war als jetzt, aus. Wir vergleichen unser Wohlergehen mit dem unserer unmittelbaren Umgebung und dem unserer Peer group, und wenn der Trend der letzten Jahre etwa durch Inflation abwärts geht, ist die theoretische Einsicht, dass es uns im Vergleich immer noch wunderbar geht, für die meisten Menschen irrelevant. Wir erleben Tag für Tag, wie die Bahn immer unzuverlässiger wird, wie kurzsichtige, populistische Entscheidungen getroffen werden, wir merken die Folgen des Klimawandels – und wer diese Faktoren nicht wahrnimmt, erlebt andere (objektive oder gefühlte) Entwicklungen, die ihn unzufrieden machen. (Über die Macht der schwindenden Hoffnung in meiner Generation war an anderer Stelle schon die Rede.)
Du hast schon recht, @JohanneSAC, vor 100 Jahren hatte man objektiv viel mehr Gründe, unzufrieden zu sein als jetzt und deswegen auf Umbruch zu setzen. Aber die wenigsten Menschen recherchieren erst einmal, bevor sie anfangen, Unzufriedenheit zu entwickeln.

Eine andere Frage ist, wie man dann versucht, eine Lösung herbeizuführen. Deswegen finde ich den Ansatz von @Aliki im Thread LdN 495 Volksentscheide in der Demokratie im Prinzip total klug: Menschen werden durch Wirkmächtigkeit zufriedener. Aber die direkte Demokratie in der Schweiz hat sich über eine lange Zeit entwickelt; das lässt sich in Deutschland nicht von heute auf morgen umsetzen (und aktuell hätte es vermutlich verheerende Folgen).

Aber ich sehe auch nicht, dass es uns weiterführt, wenn wir die Missstände nicht benennen, und das betrifft nicht nur politische Entscheidungen, sondern letztlich auch das Verhalten von Menschen, die mit ihrem Wahlverhalten Parteien in Machtpositionen bringen, die die Situation nur verschlechtern werden. Und die Frage nach dem Warum im Wahlverhalten führt auf kürzestem Wege zu der Frage, wie ausgerechnet Deutsche ausgerechnet in rechtsextremen Parteien die Lösung sehen. Wie will man da in der Konsequenz die Wertung auch der Charaktere ausklammern? – Entweder man sagt: Mir ist egal, warum jemand die AfD wählt – dann hat man aber auch kein Werkzeug, um Gegenmittel zu finden. Oder man sagt: Mir ist nicht egal, warum jemand die AfD wählt, weil ich die Menschen verstehen will und auch wissen will, wo man ansetzen könnte, diese schlimme Entwicklung zu stoppen. Und schon ist man in der Bewertung des Menschen: In einem ersten Schritt kann man alle möglichen Gründe für die Radikalisierung finden, aber zugleich wird man feststellen: Bei anderen Menschen haben ähnliche Bedingungen anderswohin geführt. Und irgendwann landet man dann bei der Feststellung: Entweder haben diese Menschen nicht begriffen, was Rechtsextremismus ist (sind m.a.W. nicht wirklich mündig), oder sie nehmen ihn zumindest in Kauf – und dann stellt sich die Frage nach den moralischen und ethischen Wertvorstellungen dieser Menschen.

Ich verstehe die Motivation, die hinter dem Nicht-bewerten-Wollen von Menschen steckt. Aber in diesem Zusammenhang hätte es nach meinem Dafürhalten mehr mit Verdrängung* zu tun als mit Lösungssuche.
Ich bin auch nicht der Meinung, dass eine Aussage über Charaktereigenschaften zwangsläufig mit „moralischer Empörung“ einhergehen muss. Man kann auch etwas Unerfreuliches einfach konstatieren.
Und ich finde, dass man sich durchaus auch empören kann über Entscheidungen, die dazu führen, dass Grundsätze wie die Menschenwürde und Gleichberechtigung untergraben werden. „Moralische Empörung“ ist in den letzten Jahren zu einem Schlagwort verkommen.

* PS: „Verdrängung“ verwende ich neutral; wem das zu negativ besetzt ist, kann hier stattdessen „Zurückstellen“ einsetzen.

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