Ich bin absolut deiner Meinung - man sollte nicht direkt mit dem Brexit anfangen ;).
Aber nicht irgendwann zu sagen jetzt müssen wir diesen Weg halt gehen (auch wenn er ein paar Entscheidungen mit sich bringt die vielleicht schmerzhaft sind) um die Demokratie zu stärken, führt nirgendwo hin und ist die Selbstaufgabe der Demokratie.
Menschen müssen merken, dass sie ernst genommen werden und ihre Stimme zählt. Bei ein paar der Beiträgen hier frage ich mich schon, woher man die Motivation nimmt überhaupt noch zu wählen wenn man sowieso denkt dass es ok ist, dass die Politiker*innen danach machen was sie wollen.
Daher plädiere ich sehr dafür ausgewählte Projekte zur Abstimmung zu bringen, Menschen zu informieren und mit einzubeziehen (zB die Abstimmung über das Design der neuen Euro Scheine, finde ich super zur Demokratiestärkung!). Und dann muss man aber halt auch die Charakterstärke haben diese umsetzen.
Letztlich wurde auch dieser Punkt schon zigmal diskutiert in den letzten Jahren - auch hier im Forum. Ich antworte nur noch einmal darauf, weil hier aus meiner Sicht häufig eine unnötige Dichotomisierung vorgenommen wird. Wenn ich verstehen im Sinne von nachvollziehen will, warum Menschen AfD wählen, bedeutet das eben nicht zwangsläufig, dass ich Verständnis für ihre Entscheidung oder ihr Verhalten habe. Daher ist ein Begriff wie „Vorwand“ hier m. E. fehl am Platze. Und „akzeptieren“ muss ich die Wahlentscheidungen ohnehin in dem Sinne, dass ich sie nicht ändern kann.
Ich gehe davon aus, dass Menschen ihre Wahlentscheidungen häufig hauptsächlich emotional oder gar affektiv treffen. Das mag nicht dem eigenen Bild von einer informierten rationalen Entscheidung entsprechen, ist aber m. E. eine soziale Realität - nicht erst seit es die AfD gibt. In einer Demokratie, in der das Wahlrecht nicht davon abhängt, wie gut oder rational begründet eine Wahlentscheidung ist, muss ich auch diese Menschen als mündige Staatsbürger ernst nehmen, deren Entscheidungen reale Konsequenzen haben. Und wenn es sehr viele Menschen gibt, die aus meiner Sicht aus falschen Gründen eine falsche Entscheidung treffen, habe ich es mit einem objektiven Problem zu tun. Dieses Problem löst sich nicht dadurch auf, dass ich versuche, die Motive dieser Menschen nachzuvollziehen, aber es wird eben auch kein bisschen kleiner dadurch, dass ich dieses Verhalten eindeutig bewerte.
Ich sehe in deinem Beitrag keinen Widerspruch zu dem, was ich als unmittelbare Reaktion auf die Argumente in den Beiträgen von JohanneSAC und TilRq geschrieben habe.
Auch der abschließende Satz, wonach das Problem nicht kleiner wird durch die Bewertung, widerspricht dem, was ich geschrieben habe, nicht. Ich habe geschrieben, dass die Auseinandersetzung mit der Motivation zu einer Bewertung führen kann; dass damit ein Problem gelöst wird, behaupte ich nicht.
Etwas verwirrend finde ich auch, dass du nach einem Zitat aus meinem Beitrag „Vorwand“ und „akzeptieren“ in Anführungszeichen setzt und kommentierst, obwohl diese in meiner Argumentation überhaupt nicht vorkommen.
Ich verstehe deinen Unmut angesichts der Wiederholungen. Aber tatsächlich suggeriert das Zitat aus meinem Beitrag und der gereizte Ton etwas anderes als du anscheinend intendiert hast.
@TilRq, ich und der ein oder andere hier im Forum vertreten diesen Nicht-bewerten-Wollen Ansatz und ich kann dir versichern, es hat nichts mit Verdrängung zu tun, sondern es ist für uns Teil der Lösung.
Auf der anderen Seite wurde bisher selten ausformuliert, wie die pauschale Verurteilung und Bewertung dieser Menschen sich am Ende für unsere Gesellschaft ausgeht. Ich kann mir auch unter einem bewertenden Ansatz eine Lösung ausmalen, aber eben nicht auf die destruktive Weise, wie sie hier oft zu lesen ist.
Statt einer lösungsorientierten Analyse dominiert hier meist eine eher destruktive Kritik in Form von Abwertung („Die sind unfähig“, „Das sind schlechte Menschen/Rassisten“) und Schuldzuweisungen. Nützlicher wäre sicher einen konstruktiven Ansatz, der den Menschen vom Verhalten trennt.
Lies vielleicht nochmal die Fußnote, die ich an das Wort Verdrängung gesetzt habe. Man kann die Entscheidung treffen, nicht weiter zu bohren, dagegen habe ich nichts.
Wie diese aber Teil der Lösung sein soll, erschließt sich mir nicht, und ein „ich kann dir versichern“ überzeugt mich an der Stelle nicht; da müsste schon mehr als eine Versicherung her, um zu zeigen, wie die Funktionsweise genau aussieht, die deiner Aussage nach zur Lösung führt.
Natürlich kann man auch zu einer Bewertung gelangen und diese nicht aussprechen oder zumindest nicht permanent hinausposaunen – hast du das schon einmal in Erwägung gezogen?
Ich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft noch keine Lösung gefunden hat. Zu Analysen und Lösungsansätzen gab es reichlich Diskussionen hier und anderswo.
Die entscheidende Frage ist doch, welchen Zweck die Bewertung hat. Dient sie wirklich dazu, etwas zu erklären oder Lösungsansätze zu finden oder dient sie vor allem der Selbstbeschreibung, Abgrenzung oder gar Abwertung anderer. Diesen Eindruck habe ich bei einigen Positionen hier im Forum, ganz deutlich wurde das bei Aussagen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, die mehr oder weniger darauf hinausliefen, das Bundesland wahlweise zu entvölkern oder möglichst schnell vor die Hunde gehen zu lassen. Daraus sprach nach meiner Lesart vor allem der Wunsch nach einer maximalen Abgrenzung - Zaun drum, Problem weg, hat mit mir nix zu tun.
Eine solche „Strategie“ der Abwertung und Ausgrenzung mag sinnvoll sein, wenn es um 2-3 Prozent NPD-Wähler geht. Aber wenn es um Haltungen geht, die je nach Region 15 bis 70 Prozent der Bevölkerung teilen (ob nun zur AfD, zu Coronamaßnahmen, zur Ukraineunterstützung, zur Aufrüstung oder was auch immer), ist deren eindeitig negative Bewertung, selbst wenn es sich um aus meiner Sicht vollkommen verachtenswerte Positionen handelt, m. E. noch nicht einmal ein erster Schritt in Richtung einer möglichen Lösung.
P. S. Nur vorbeugend: Ich behaupte nicht, dass alle Beteiligten hier Bewertung in dem von mir wahrgenommenen Sinne meinen. Es geht mir auch hier überhaupt nicht um individuelle Positionen oder gar um Persönliches, sondern um eine Tendenz.
Auf der anderen Seite werden Grüne-Wähler gerne als sogenannte „Gutmenschen“ tituliert. Ich denke, das ist Teil der politischen Auseinandersetzung, den Wähler für die Arbeit der gewählten Partei in Mithaftung zu nehmen. Auf der anderen Seite bin ich ja nicht nur Wähler meiner Partei, sondern auch vieles andere.
Das Problem sehe ich also beim AFD-Wähler, der sich so mit seiner Stimme identifiziert, dass er Kritik am AFD-Wähler zwangsläufig persönlich nehmen muss. Wen ich gewählt habe wissen weder meine Eltern, noch Geschwister, noch Freunde. Natürlich gibt es Tendenzen und, davon ausgehend, dass ich sie nicht an eine Kleinstpartei verschwendet habe, bleiben realistisch zwei übrig. Aber Du kannst jetzt die Wähler der Linken als Kommunisten und die Wähler der Grünen Gutmenschen nennen und ich kann gut damit leben.
Natürlich. Deswegen finde ich es immer schwierig, wenn Bewertung von vornherein tabuisiert wird.
Das zum einen. Zum anderen: Feststellungen wie „Wahlentscheidungen [werden] häufig haupsächlich emotional oder gar affektiv [getroffen]“ kommen auch nicht ohne das Eruieren individueller Entscheidungen zustande; du berufst dich halt auf Ergebnisse von Studien und blickst zumindest in deinen Beiträgen weniger auf die individuelle Motivation, die zu dem Gesamtbild führt. Andere gehen da anders vor und benennen Zwischenstationen oder Nebenergebnisse der Analyse, die sie besonders aufwühlen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, ob man sich professionell mit diesen Themen auseinandersetzt oder sich in seiner Freizeit mit den Problemen konfrontiert sieht und hier im Forum dann auch mal seiner Verzweiflung Luft machen will.
Schlussfolgerungen der Art, wie du sie in den Reaktionen auf die Wahl in Sachsen-Anhalt schilderst, sind aus meiner Sicht auch indiskutabel. Ich habe sie allerdings weniger als Tendenz wahrgenommen denn als kurzen verzweifelten Hilferuf, der im nächsten Moment revidiert wird.
Nimmst du das so wahr, dass das hier (häufig) passiert? Ich nicht.
Ich beziehe mich auch auf Studien, aber auch auf zahlreiche persönliche Gespräche nicht AfD-Wählern und Wählern anderer Parteien, die ich in den letzten Monaten u. a. in Sachsen-Anhalt geführt habe. Ich setze mich auch nicht professionell mit diesen Themen auseinander (oder zumindest nur sporadisch) und auch ich sehe mich mit Problemen konfroniert und trage Verzweiflung in mir. Das alles spricht aus meiner Sicht nicht für eine bestimmte Beantwortung der von mir formulierten Fragen.
Entsprechende Revisionen habe ich leider nicht wahrgenommen, zumindest nicht bewusst. Und mir sind entsprechende Reaktionen in den letzten Wochen häufiger untergekommen als mir lieb gewesen wäre und sehr viel häufiger als beispielsweise der Wunsch, Menschen in Sachsen-Anhalt zu unterstützen, die sich klar gegen die AfD positionieren.
Deswegen meine Formulierung: „zumindest in deinen Beiträgen weniger“.
Was ich damit sagen wollte: Die Menschen gehen unterschiedlich damit um. Deine Verzweiflung wollte ich dir damit keineswegs absprechen; ich glaube nur, dass diejenigen, die hier schreiben, sehr unterschiedliche Hintergründe und Umgangsweisen mit den Herausforderungen haben. Du bewegst dich häufig auf einer abstrakteren Ebene (im positiven Sinne).
Was die Reaktionen auf die Wahl in Sachsen-Anhalt betrifft, habe ich in meiner Umgebung, in der auch oft reflexartig der Gedanke geäußert wurde: „Dann schreiben wir die halt einfach ab“, nach nur ein, zwei Sätzen von mir ausnahmslos Einsicht erlebt. Aber du hast recht, hier im Forum war das nicht sichtbar (oder ich habe es nicht registriert).
Sehr valider Punkt. Ergänzend ist das nicht nur eine Frage des Redens, sondern vor allem der Haltung und des Handelns.
Ein historisches Beispiel dafür ist Hans Globke, Adenauers Kanzleramtschef. Adenauer schätzte ihn als Mitarbeiter, hielt ihn aber als Mensch wegen seiner NS-Vergangenheit konsequent auf Distanz, ganz ohne großes Aufheben oder permanente Artikulation.