Kleine Anmerkung zur Darstellung von AfD-Wähler:innen in Folge 495

Hallo Ihr Lieben,

ich höre gerade mit ganz viel Vorfreude eure LdN Folge 495.

In den ersten Minuten redet ihr über die AfD Wählerschaft. Beim Darstellen dieser Positionen fallt ihr dabei in einen Dialekt. Auf der einen Seite sicherlich eine humorvolle oder, um den Unterschied zu euren Positionen darzustellen, auch eine praktische Darstellung der Personen.

Ich neige selber dazu, in solchen Situationen ein ähnliches Stilmittel zu verwenden und wurde erst kürzlich darauf hingewiesen, dass dabei auch ein gewisses Bild mitschwingt.

Denn letztlich verbindet man dadurch bestimmte politische Positionen mit einem Dialekt und damit schnell auch mit einem bestimmten sozialen Milieu oder Bildungsstand. Gerade bei der AfD entsteht so schnell das Bild des eher einfachen oder ungebildeten Wählers. Das ist zum einen eine ziemliche Verkürzung der Gründe, warum Menschen die AfD wählen, zum anderen trifft die Darstellung aber eben auch Menschen, die diesen Dialekt sprechen und mit den dargestellten Positionen überhaupt nichts zu tun haben.

Der Dialekt wird dadurch ein Stück weit zum Mittel, um die dargestellte Position lächerlich zu machen. Und genau das finde ich inzwischen etwas unglücklich, weil ein Dialekt ja erstmal nichts über Bildung, Intelligenz oder politische Einstellungen eines Menschen aussagt.

Ich schreibe euch das auch gar nicht als großen Vorwurf. Wie gesagt mache ich das selber und mir ist die Problematik daran erst aufgefallen, nachdem mich jemand darauf hingewiesen hat. Ich fand den Gedanken aber ziemlich einleuchtend und dachte, ich gebe ihn einfach mal an euch weiter.

Ansonsten wie immer vielen Dank für eure Arbeit und liebe Grüße

Melvin

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Die AfD- Wähler sprechen nicht nur Dialekt. Laut LdN „kacken sie auch auf den Teppich“, sind „völlig unreif“ und „verantwortungslos“. Nach Marshal Rosenberg, dem Inaugurator der Gewaltfreien Kommunikation ist das bewertende „Wolfssprache“.

Es wird nicht überlegt, wie Wähler/innen drauf sein müssen, um jede Warnung vor Verletzung der Menschenwürde, vor Bedrohung der Demokratie, vor wirtschaftlichen Schäden in den Wind zu schlagen. Wie verzweifelt muss man sein, damit einem alles „wumpe“ ist?

Ich bin überzeugt, dass sich die „Brüder und Schwestern drüben“ mehr Selbstwirksamkeit in der Gestaltung des Politischen erhofft haben, als es die repräsentative Bonner Parteiendemokratie ihnen bietet. Ohnmachtserleben kann zu Resignation (Nichtwählen) oder zur blindwütigen Aggression (Nichtwähler wird AfD-Wähler) führen.

Wie wäre es mit Bürgerräten und mehr direkter Demokratie?

Wie wäre es mit einer Lage zum Thema Demokratiereform?

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Wie wäre es damit, sich politisch einzubringen, statt auf den Teppich zu kacken?
Jeder Partei kann beigetreten werden. Und da das im Osten sehr wenige tun bisher, kann man da der eigenen Stimme auch wirklich noch Gewicht verleihen.

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Was denkst Du, warum das im Osten so wenige tun? Im Saarland sind 3,6% in einer Partei. In Sachsen ca. 0,9%.

Keine Ahnung. Desinteresse? Bequemlichkeit? Weil dagegen sein viel mehr Spaß macht, als sich um Lösungen zu bemühen?

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Wie so oft ist alles kompliziert: Im Osten deutlich mehr, aber auch im Westen wird ausgetreten und nicht ein! Siehe dazuhttps://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/300605/schwindende-anreize-stand-und-entwicklung-der-parteimitgliedschaften/

Langfristig stimmt, dass Menschen eher aus Parteien austreten als ein.

In den letzten 2 Jahren stieg die Mitgliederanzahl in Parteien allerdings wieder um 3,2%.
Hauptsächlich profitierten die Parteien Linke, Grüne und AfD davon, CDU und SPD verloren weiterhin Mitglieder.

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Ich bin ebenfalls der Meinung, jetzt spätestens ist der Zeitpunkt um in eine demokratische Partei einzutreten.

Die bequemen Zeiten sind vorbei. Man darf AfD und BSW den Raum nicht überlassen.

Zu einer neuen Partei der Mitte hab ich noch keine Meinung. Habeck und Wissing klingt gut, aber ob das Erfolg verspricht bleibt wohl abzuwarten.

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Ich finde es auch seltsam, die Verantwortung allein bei den Wählenden zu suchen. Die weit größere Gestaltungsmacht und damit Verantwortung für dieses Land, also unsere Gesellschaft, liegt doch nun mal bei den Regierungen in Amt und Würden.

Glücklicherweise bin ich nicht konservativ. Aber wäre ich es, dann sähe ich mich in einem großen Dilemma:
Merz, der mindestens rhetorisch ständig „auf die Sahne haut“ und mich dumm und faul nennt und mir sagt, ich würde zu viel krank feiern, dessen Partei kann ich beim besten Willen meine Stimme nicht mehr geben. Die SPD trägt das mit und ist ebenso raus. „Da Wagenknecht Kommunistin ist“ fliegt auch das BSW raus. FDP ist mir zu liberal. Grün und links sind mir zu progressiv.

Wen wähle ich, wenn ich eine konservative Partei möchte, die mir nicht regelmäßig vorwirft, dass das Land meinetwegen zugrunde geht, obwohl ich mir den Buckel krumm schufte und trotzdem immer weniger leisten kann?

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Ich verstehe die Unzufriedenheit. Aber ganz ehrlich: ich hab auch keine Partei auf meinem Wahlzettel, die genauso ist, wie ich sie mir wünsche. Dann muss ich halt abwägen und angesichts der Ergebnisse meiner bisherigen Wahlentscheidungen auch Mal meine Präferenzen hinterfragen. Es gibt übrigens überall Neugründungen irgendwie konservativer Parteien von ehemaligen AfDlingen genauso, wie von verlorenen Unionsvertretern. Die kann man auch wählen, wenn man will. Am Anfang halt mit dem nicht kleinen Risiko, dass die Stimme unter der 5% Würde verschwindet. Das mag für diese Leute eine neue Erfahrung sein, aber als Langzeitgrüner habe ich 0 Mitgefühl. Verlieren können gehört in Demokratien eben auch dazu.

Denn eines steht für mich absolut fest: Für keine Enscheidung ist man im ganzen Leben so exklusiv allein verantwortlich, wie für die Wahlentscheidung. In dem Moment, wo ich mein Kreuz setze, kann mir keiner reinreden, aber dann kann ich mich nachher auch nicht rausreden. Und wie ich gern immer wieder sage: Nichts kann entschuldigen oder rechtfertigen, als Deutscher Rechtsextremisten zu wählen. Es gibt keinen guten Grund. Anständige Menschen tun das genausowenig, wie sie aus noch soviel Frust ihre Frau schlagen. Und noch viel weniger sagt man anschließend: irgendwer anders außer mir ist schuld.

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Im Kern gebe ich dir mindestens emotional Recht.

Aber bringt es uns als progressive Demokraten weiter, wenn wir alle, die aus Mangel an für sie wählbar-erscheinenden Alternativen, als „unanständig“ kategorisieren?
Ich denke einfach, dass der Perspektivwechsel für mehr Empathie und zu einer konstruktiveren Kommunikation beitragen kann. Dabei ist mir wichtig tatsächlich zu versuchen den Blick und das Weltbild anderer Menschen im Versuch nachzuempfinden und über den reinen Frust hinaus zu gehen - denn frustriert bin ich auch als Progressiver.
Und nur wenn ich mich auf die Perspektive meines Gegenübers einlasse, kann ich diese Person (dieses Familienmitglied etc.) davon überzeugen, vielleicht beim nächsten Mal eine andere Alternative zu wählen.

Verhärtete Fronten oder gar „wir reden einfach nicht mehr über Politik“ in Familienkreisen sähe ich nicht als Weg zu einer besseren Zukunft. Aber diese Gefahr sehe ich, wenn man anfängt, mit unfreundlichen Labels und Kategorien zu arbeiten.

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Die Antwort auf Rechtsextremisten ist das Parteienverbot. Eine illegitime Partei darf einfach nicht zur Wahl stehen und da wir einmal mehr sehen, wie viele Menschen Rechtsextremisten wählen, ist einmal mehr bewiesen, dass auf den Anstand von knapp 30% der Deutschen eben kein Verlass ist, dafür brauchts das Verbot.

Das einzige gute daran, dass sich immer mehr Menschen offen als Unterstützer des Rechtsextremismus bekennen ist, dass sich so die Spreu vom Weizen trennt. Dann weiß man zukünftig, woran man bei denen ist. Und zwar auch dann, wenn sie ihre charakterlichen Defizite nicht mehr in der Wahlurne ausleben können. Was besseres als Nicht-Wähler kann aus solchen Leuten kaum werden.

Ich kann soviel Verständnis für den Frust anderer Leute haben, wie ich will. Es geht nicht um deren Gefühl, sondern darum, dass sie andere zu Opfern ihrer Entscheidungen machen. Das wird nicht besser, wenn man ihre Gründe kennt, denn im Vergleich zu den Gründen, die andere in der Gegenwart hätten, genauso erpresserisch und verfassungsfeindlich zu agieren, die es aber aus Anstand und Einsicht bleiben lassen, sind die genauso armseelig, wie im Vergleich zu ihren historischen Vorläufern. NSDAP-Wähler lebten in echten Wirtschaftskrisen, hatten keine historische Präzedenz, keinen Verfassungsschutz mit eindeutigen, nachlesbaren Warnungen, und schon deren Wahlentscheidung war eine Todsünde.

Und was die Familie angeht: wenn in meiner Familie jemand sich zur AfD bekennt, ist meine Familie in der gleichen Sekunde eine Person kleiner geworden. Das ist völlig ok für mich. Genauso eben, wie wenn jemand aus meiner Familie seine Frau schlägt. Da gibts nichts zu reden und ich hab auch nicht die Aufgabe, dem gut zuzureden, damit er das künftig lässt oder ich sein Verhalten besser verstehe. Sondern die Polizei einzuschalten, die dafür sorgt, dass er das zukünftig nicht mehr tun kann, egal ob er einsichtig ist, oder nicht. Aka Parteiverbot. Nichts davon ändert sich grundlegend, wenn das bei mehr Personen der Fall ist. Außer die nötige Härte, ihnen jede Möglichkeit zu nehmen, andere zu bedrohen.

Demokraten sind nicht Therapeuten von Anti-Demokraten. Mindestens, solange die andere Seite auch null Leidensdruck oder Einsicht zeigt und damit auch keinen Therapieauftrag stellt. Und auch dann darf man nein sagen, ohne für deren Verhalten verantwortlich zu sein.

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Hinsichtlich des Parteiverbotes stimme ich dir zu. Gegenüber von klaren Verfassungsfeinden dürfen wir keine Toleranz für Intoleranz zeigen.

Aber auf der individuellen Ebene der Wählenden sehe ich das anders. In der repräsentativen Demokratie gebe ich die Macht mit dem Stimmzettel zu einem guten Teil ab.
Wer die Union wählt, ist meinen Augen auch nicht persönlich für deren misogyne Haltung verantwortlich (siehe Sprüche und Abstimmungsverhalten bei ungefähr allem was zum Verbesserung der Situation von Frauen in diesem Land erstritten wurde).
Wäre ich als hypothetischer SDP-Wähler für den aktuellen Rückbau der Rechte der Arbeitnehmer verantwortlich?

Darüber hinaus ist mir persönlich eine einzelne Wahlentscheidung einer Person nicht wichtig genug, um deswegen Menschen aus meinem Leben zu streichen.

Dem Argument kann ich zwar logisch folgen. Aber für mich spielen die Beweggründe der Menschen trotzdem noch eine Rolle. Eine Wahlentscheidung mit ihren möglichen Folgen ist doch noch etwas abstrakter, als die direkte physische Gewalthandlung gegen jemand Schwächeren.
Man muss nicht das Böse unterstellen, wo Dummheit als Erklärung ausreicht - den Schaden wird es leider nicht mindern. Aber wir unterscheiden ja auch bspw. im Strafrecht zwischen Totschlag und Mord. Und selbst den Mörder wollen wir resozialisieren und nicht hinrichten.

Ich plädiere nicht dafür, dass man meine Sicht an dieser Stelle teilen müsste. Aber ich frage mich, welche Zukunft eine Gesellschaft hätte, wenn wir als „liberale Demokraten“ 30 bis 40 % unserer Wählerschaft von einem konstruktiven Diskurs ausschließen, weil eine Wahlentscheidung eine „Todsünde“ sei.
Nochmal dem Prüfverfahren stimme ich zu. Meiner Meinung nach wäre auch ein Verbot der AFD der richtige Weg. Aber ich habe die Hoffnung, dass man die wählenden Menschen wieder zur Vernunft bewegen kann.

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Ok, da hab ich eine falsche Begrifflichkeit gewählt. Auch wenn ich persönlich das so sehe, stimme ich dir zu, dass man das auf gesamtgesellschaftlicher Ebene anders behandeln sollte. Es braucht schon Wege zurück. Ich sehe es nur nicht so, dass liberale Demokraten die Unterstützer von Rechtsextremisten ausschließen, sondern dass die sich selbst ausschließen, weil sie die Regeln der liberalen Demokratie nicht respektieren und nicht nach ihnen spielen wollen. Die Bringschuld liegt bei denen, wenn sie wieder mitspielen wollen.

Wenn das erwartbar war, schon. Im aktuellen Fall das Schleifen des Sozialstaates, die Schulden, Treten auf Bürgergeldempfänger, zweifelhafte Abschiebungen, Stau an den Grenzen, Rückabwicklung der Erfolge beim Klimaschutz.
Alles war entweder von ihnen so angekündigt worden oder im Fall der Schulden konnte man in jedem Print- und Onlinemedium lesen, dass die Pläne der Union nicht finanzierbar seien, es sei denn, sie setzt die Schuldenbremse aus und es da durchaus Stimmen in der Union gibt, die sich dafür aussprechen.
Auch bei der AFD sind deren Pläne bekannt, waren sie auch bei der NSDAP. Wer die wählt, trug und trägt Verantwortung, wenn die das dann dank seiner Stimme auch durchziehen.

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Wer aus Trotz und Ignoranz eine rechtsextreme Partei wählt, sich nicht die Mühe macht, sich das Parteiprogramm vorher mal anzuschauen, irgendwas von irgendwelchen diffusen „die da oben“ erzählt, die jetzt aber wirklich mal genau das Umzusetzen haben, worauf man selbst und seine Stammtischkumpels verständigt hat (i.e. alle aus dem Land schmeißen, die Michel Müller ob ihres Teints für Ausländer hält), weil sonst ist das nicht demokratisch - dann ist die Beschreibung als unreif und grobschlächtig wohl verdient.
Ich verstehe, dass es in der DDR tatsächlich „die da oben“ gab, die durchregiert haben, ohne dass man nennenswert Einfluss nehmen konnte. Aber die Wende ist fast 40 Jahre her. Man hätte sich in der Zwischenzeit die Mühe machen können, das neue System, in dem man sich befindet, verstehen zu lernen. Zahllose Menschen im Osten haben das ja offensichtlich auch geschafft.
Bei denen, die den Bauernfängern der AfD auf den Leim gehen, unterstelle ich eher Persönlichkeitsdefizite.

Oder wie egoistisch, eitel und naiv.

Leuten, die vorsätzlich rechtsextreme wählen und somit explizit zum Schaden aller, die anders sind, als sie selbst, will ich keine Empathie entgegenbringen. Was soll das bringen? Es gibt keinen legitimen Grund, Faschos zu wählen.

Wir fahren doch jetzt seit, was, zehn Jahren die Strategie, die besorgten Bürger aus dem AfD-Lager ernst zu nehmen und zu hofieren. Wo hat das bisher irgendwas gebracht, außer die Partei für immer mehr Menschen attraktiv und legitim aussehen zu lassen?

Richtig.

EDIT: Grammatikalische Stilblüten

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Jetzt würde mich aber schon interessieren, wie du dich gegenüber deinen Schülern verhältst, wenn die vermutlich oder offen die AfD unterstützen. Genau so oder anders? Wenn anders, warum nicht auch bei Familie?

Oder andersrum gefragt: interessiert sich der AFD-Wähler in meiner Familie denn für meine Probleme und Sorgen?
Hat der Lust, sich anzuhören, was mich beim Klimaschutz umtreibt, bei der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit im Land, dass die Abwertung von Minderheiten und Frauen wieder um sich greift und das gesellschaftliche Klima immer mehr vergiftet? Die zunehmende Wagenburgmentalität in Europa für unsere Wirtschaft mehr und mehr zum Problem wird? Und ist da Bereitschaft, das aus meinem Blickwinkel zu sehen?
Oder wird hier eine Einbahnstrasse erwartet?
Denn ich als Vernünftiger könnte da schon mal nachgeben und den ersten Schritt machen?

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Ich finde die Frage merkwürdig. Der Unterschied zu einem Familienmitglied ergibt sich doch aus der Natur des Verhältnisses und aus den Rahmenbedingungen. Der Rahmen, in dem man mit seinen Schüler*innen Kontakt hat, ist ja ziemlich klar festgelegt (zeitlich wie auch thematisch, bis hin zu Trennung von Inhalten vs. Parteien); darüber hinaus ist der überwiegende Teil der Schüler*innen in NRW gar nicht wahlberechtigt, insofern i.d.R. politisch auch noch weniger festgelegt als Onkel Manfred. Oder glaubst du, JohanneSAC stellt die Schüler*innen im Unterricht an den Pranger, nimmt sie nie dran, wenn sie sich melden, und erwidert ihren Gruß auf dem Schulhof nicht mehr?

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Das wird eher im Forum in zig Threads rauf und runter diskutiert, auch von Leuten, die offenbar die Studienlage offenbar auch tiefem oder professionellem Interesse oder kennen. Ich habe aus diesen Diskussionen mitgenommen:

Die These (wie sie in der LdN mitschwang), dass die meisten AfD-Wähler nur „Denkzettel-Wähler“ sind, ist, gelinde gesagt, total vereinfachend.

Diese These verharmlost das Phänomen und drängt solche Lösungen auf wie, „einfach bessere Politik“ oder „einfach Politik besser erklären“ vorzuschlagen.

Es gibt zahllose, für unsere Gesellschaft wichtig und kritische Probleme, die die Politik seit Jahrzehnte nicht (wirksam) angehen: bezahlbarer Wohnraum; Renten- und Alterssicherung; Gesundheitsversorgung; Pflege; Bildung und frühkindliche Betreuung; marode Verkehrs-, Energie- und kommunale Infrastruktur; schleppende Digitalisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft; überbordende Bürokratie und eine wenig bürgerorientierte Verwaltung; unzureichende Integration; hohe Energiepreise und eine stockende Energiewende; unzureichender Klima-, Umwelt- und Biodiversitätsschutz; wachsende Vermögensungleichheit, Armut und mangelnde soziale Aufstiegschancen; ein kompliziertes und teilweise als ungerecht empfundenes Steuer- und Abgabensystem; strukturell unterfinanzierte Kommunen; langsame Justiz und erschwerter effektiver Rechtsschutz; Defizite bei innerer und äußerer Sicherheit sowie beim Bevölkerungsschutz; übermäßiger Lobbyeinfluss und mangelnde politische Transparenz.

Wer sollte streiten, dass wir alle - Ost und West - einen Verlust an staatlicher Handlungsfähigkeit oder -bereitschaft empfinden und Vertrauen in Politik und Staat / staatliche und demokratische Institutionen (einschl. Medien) verlieren? Und dass dafür fast alle demokratischen Parteien verantwortlich sind: Union, SPD, FDP, in Teilen auch Grüne und Linke, da kann man auch schlecht dagegen argumentieren.

Nur: Ich habe leider in all den o.g. Diskussionen keine für mich griffige, d.h. nicht-„ausschweifende“ Erklärung gefunden, aus welchem Grund 30 %, im Osten 40 % der Menschen aus Ihrem Frust über den Verlust an Vertrauen in die demokratischen Institutionen die Entscheidung getroffen haben, eine im Kern ganz offensichtlich rassistische, Putin- und Trump-freundliche Partei wählen, die faktisch undemokratisch, authoritaristisch und rechtsextrem sind und nichts, aber auch gar nichts vorweisen können, wie sie die o.g. Probleme lösen können. MIt einem „die Systemparteien und -Medien müssen weg!“. Bei denen ein nicht unerheblicher Anteil der Funktionäre und Kandidaten einen zweifelhaften Hintergrund haben und zudem noch inhärent inkompetent sind.

Mir scheint das neben einem Mangel an Alternativen (ehrlich: Mitwirkung in einer Partei - wer das erwartet, hat es selbst noch nicht versucht) ein „verzweifelte Lust am Untergang“ zu sein. „Ist eh alles am Arsch … dann können wir auch alles in Schutt und Asche legen“. In der Hoffnung, dass daraus vielleicht, ganz vielleicht etwas Gutes entstehen könnte.

Wähler-Bashing hat noch nie etwas Gute gebracht! Das verstärkt nur die Opfer- und Wagenburg-Mentalität. Deshalb fand ich die Anmerkungen der Hosts nicht nur wegen ihrer Form, sondern auch ihres Inhalts wenig hilfreich.

Kritik an der falschen Entscheidung als Konsequenz aus dem Verlust an Vertrauen in die politischen Institutionen ist o.k. und muss auch sein. Aber bitte auf der Sachebene.

Viel wichtiger wäre die Frage: Warum funktioniert die parlamentarische Demokratie, die unsere Gründerväter und -mütter nach dem 2. Weltkrieg erschaffen haben und die uns in den ersten 35-40 Jahren ganz gute Ergebnisse beschert hat, seit gefühlt den 90er Jahren nicht mehr? Was sind die systemischen und strukturellen Ursachen dafür? Welche Rahmenbedingungen haben sich so verschoben, das die parlamentarische Demokratie, wie wir sie haben, nicht mehr „liefert“? Wie müssen wir unsere parlamentarische Demokratie sanieren, reformieren und weiterentwickeln, damit wir als Gesellschaft wieder Probleme wie die oben genannten gelöst bekommen?

Ich habe hier im Forum zig Versuche gestartet, diese Frage anzuzetteln. Da wurde viel diskutiert (v.a. darüber, was nicht geht), aber es kam für mich wenig raus, mit dem ich wirklich was anfangen könnte.

Diese Frage liegt nach meinem Empfinden so derart auf der Hand, dass ich nicht verstehe, warum nicht gerade Philip und Ulf ihr nicht nicht nur punktuell, sondern einmal systematisch nachgehen. @vieuxrenard @philipbanse

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