Das wird eher im Forum in zig Threads rauf und runter diskutiert, auch von Leuten, die offenbar die Studienlage offenbar auch tiefem oder professionellem Interesse oder kennen. Ich habe aus diesen Diskussionen mitgenommen:
Die These (wie sie in der LdN mitschwang), dass die meisten AfD-Wähler nur „Denkzettel-Wähler“ sind, ist, gelinde gesagt, total vereinfachend.
Diese These verharmlost das Phänomen und drängt solche Lösungen auf wie, „einfach bessere Politik“ oder „einfach Politik besser erklären“ vorzuschlagen.
Es gibt zahllose, für unsere Gesellschaft wichtig und kritische Probleme, die die Politik seit Jahrzehnte nicht (wirksam) angehen: bezahlbarer Wohnraum; Renten- und Alterssicherung; Gesundheitsversorgung; Pflege; Bildung und frühkindliche Betreuung; marode Verkehrs-, Energie- und kommunale Infrastruktur; schleppende Digitalisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft; überbordende Bürokratie und eine wenig bürgerorientierte Verwaltung; unzureichende Integration; hohe Energiepreise und eine stockende Energiewende; unzureichender Klima-, Umwelt- und Biodiversitätsschutz; wachsende Vermögensungleichheit, Armut und mangelnde soziale Aufstiegschancen; ein kompliziertes und teilweise als ungerecht empfundenes Steuer- und Abgabensystem; strukturell unterfinanzierte Kommunen; langsame Justiz und erschwerter effektiver Rechtsschutz; Defizite bei innerer und äußerer Sicherheit sowie beim Bevölkerungsschutz; übermäßiger Lobbyeinfluss und mangelnde politische Transparenz.
Wer sollte streiten, dass wir alle - Ost und West - einen Verlust an staatlicher Handlungsfähigkeit oder -bereitschaft empfinden und Vertrauen in Politik und Staat / staatliche und demokratische Institutionen (einschl. Medien) verlieren? Und dass dafür fast alle demokratischen Parteien verantwortlich sind: Union, SPD, FDP, in Teilen auch Grüne und Linke, da kann man auch schlecht dagegen argumentieren.
Nur: Ich habe leider in all den o.g. Diskussionen keine für mich griffige, d.h. nicht-„ausschweifende“ Erklärung gefunden, aus welchem Grund 30 %, im Osten 40 % der Menschen aus Ihrem Frust über den Verlust an Vertrauen in die demokratischen Institutionen die Entscheidung getroffen haben, eine im Kern ganz offensichtlich rassistische, Putin- und Trump-freundliche Partei wählen, die faktisch undemokratisch, authoritaristisch und rechtsextrem sind und nichts, aber auch gar nichts vorweisen können, wie sie die o.g. Probleme lösen können. MIt einem „die Systemparteien und -Medien müssen weg!“. Bei denen ein nicht unerheblicher Anteil der Funktionäre und Kandidaten einen zweifelhaften Hintergrund haben und zudem noch inhärent inkompetent sind.
Mir scheint das neben einem Mangel an Alternativen (ehrlich: Mitwirkung in einer Partei - wer das erwartet, hat es selbst noch nicht versucht) ein „verzweifelte Lust am Untergang“ zu sein. „Ist eh alles am Arsch … dann können wir auch alles in Schutt und Asche legen“. In der Hoffnung, dass daraus vielleicht, ganz vielleicht etwas Gutes entstehen könnte.
Wähler-Bashing hat noch nie etwas Gute gebracht! Das verstärkt nur die Opfer- und Wagenburg-Mentalität. Deshalb fand ich die Anmerkungen der Hosts nicht nur wegen ihrer Form, sondern auch ihres Inhalts wenig hilfreich.
Kritik an der falschen Entscheidung als Konsequenz aus dem Verlust an Vertrauen in die politischen Institutionen ist o.k. und muss auch sein. Aber bitte auf der Sachebene.
Viel wichtiger wäre die Frage: Warum funktioniert die parlamentarische Demokratie, die unsere Gründerväter und -mütter nach dem 2. Weltkrieg erschaffen haben und die uns in den ersten 35-40 Jahren ganz gute Ergebnisse beschert hat, seit gefühlt den 90er Jahren nicht mehr? Was sind die systemischen und strukturellen Ursachen dafür? Welche Rahmenbedingungen haben sich so verschoben, das die parlamentarische Demokratie, wie wir sie haben, nicht mehr „liefert“? Wie müssen wir unsere parlamentarische Demokratie sanieren, reformieren und weiterentwickeln, damit wir als Gesellschaft wieder Probleme wie die oben genannten gelöst bekommen?
Ich habe hier im Forum zig Versuche gestartet, diese Frage anzuzetteln. Da wurde viel diskutiert (v.a. darüber, was nicht geht), aber es kam für mich wenig raus, mit dem ich wirklich was anfangen könnte.
Diese Frage liegt nach meinem Empfinden so derart auf der Hand, dass ich nicht verstehe, warum nicht gerade Philip und Ulf ihr nicht nicht nur punktuell, sondern einmal systematisch nachgehen. @vieuxrenard @philipbanse