Kleine Anmerkung zur Darstellung von AfD-Wähler:innen in Folge 495

Das Problem bei dem Zufriedenheitslevel ist ja, dass wir uns nicht mit Menschen vergleichen, die z.B. aus dem globalen Süden kommen oder vor 300 Jahren gelebt haben. Selbst bei der Spritpreisdiskussion blendet man Phasen, in denen der Treibstoff teurer war als jetzt, aus. Wir vergleichen unser Wohlergehen mit dem unserer unmittelbaren Umgebung und dem unserer Peer group, und wenn der Trend der letzten Jahre etwa durch Inflation abwärts geht, ist die theoretische Einsicht, dass es uns im Vergleich immer noch wunderbar geht, für die meisten Menschen irrelevant. Wir erleben Tag für Tag, wie die Bahn immer unzuverlässiger wird, wie kurzsichtige, populistische Entscheidungen getroffen werden, wir merken die Folgen des Klimawandels – und wer diese Faktoren nicht wahrnimmt, erlebt andere (objektive oder gefühlte) Entwicklungen, die ihn unzufrieden machen. (Über die Macht der schwindenden Hoffnung in meiner Generation war an anderer Stelle schon die Rede.)
Du hast schon recht, @JohanneSAC, vor 100 Jahren hatte man objektiv viel mehr Gründe, unzufrieden zu sein als jetzt und deswegen auf Umbruch zu setzen. Aber die wenigsten Menschen recherchieren erst einmal, bevor sie anfangen, Unzufriedenheit zu entwickeln.

Eine andere Frage ist, wie man dann versucht, eine Lösung herbeizuführen. Deswegen finde ich den Ansatz von @Aliki im Thread LdN 495 Volksentscheide in der Demokratie im Prinzip total klug: Menschen werden durch Wirkmächtigkeit zufriedener. Aber die direkte Demokratie in der Schweiz hat sich über eine lange Zeit entwickelt; das lässt sich in Deutschland nicht von heute auf morgen umsetzen (und aktuell hätte es vermutlich verheerende Folgen).

Aber ich sehe auch nicht, dass es uns weiterführt, wenn wir die Missstände nicht benennen, und das betrifft nicht nur politische Entscheidungen, sondern letztlich auch das Verhalten von Menschen, die mit ihrem Wahlverhalten Parteien in Machtpositionen bringen, die die Situation nur verschlechtern werden. Und die Frage nach dem Warum im Wahlverhalten führt auf kürzestem Wege zu der Frage, wie ausgerechnet Deutsche ausgerechnet in rechtsextremen Parteien die Lösung sehen. Wie will man da in der Konsequenz die Wertung auch der Charaktere ausklammern? – Entweder man sagt: Mir ist egal, warum jemand die AfD wählt – dann hat man aber auch kein Werkzeug, um Gegenmittel zu finden. Oder man sagt: Mir ist nicht egal, warum jemand die AfD wählt, weil ich die Menschen verstehen will und auch wissen will, wo man ansetzen könnte, diese schlimme Entwicklung zu stoppen. Und schon ist man in der Bewertung des Menschen: In einem ersten Schritt kann man alle möglichen Gründe für die Radikalisierung finden, aber zugleich wird man feststellen: Bei anderen Menschen haben ähnliche Bedingungen anderswohin geführt. Und irgendwann landet man dann bei der Feststellung: Entweder haben diese Menschen nicht begriffen, was Rechtsextremismus ist (sind m.a.W. nicht wirklich mündig), oder sie nehmen ihn zumindest in Kauf – und dann stellt sich die Frage nach den moralischen und ethischen Wertvorstellungen dieser Menschen.

Ich verstehe die Motivation, die hinter dem Nicht-bewerten-Wollen von Menschen steckt. Aber in diesem Zusammenhang hätte es nach meinem Dafürhalten mehr mit Verdrängung* zu tun als mit Lösungssuche.
Ich bin auch nicht der Meinung, dass eine Aussage über Charaktereigenschaften zwangsläufig mit „moralischer Empörung“ einhergehen muss. Man kann auch etwas Unerfreuliches einfach konstatieren.
Und ich finde, dass man sich durchaus auch empören kann über Entscheidungen, die dazu führen, dass Grundsätze wie die Menschenwürde und Gleichberechtigung untergraben werden. „Moralische Empörung“ ist in den letzten Jahren zu einem Schlagwort verkommen.

* PS: „Verdrängung“ verwende ich neutral; wem das zu negativ besetzt ist, kann hier stattdessen „Zurückstellen“ einsetzen.

1 „Gefällt mir“