Ist Atomstrom eine realistische Alternative?

Naja, Fusionsreaktoren hätten auch noch ein paar andere Vorteile, außer das sie billig Strom erzeugen. Da sind z.B. ganz andere Antriebe mit möglich - vor allem im Weltraum.

Und ich sage ja auch nicht, das wir alles stehen und liegen lassen und auf die Kernfusion warten sollen.
Gerade Corona hat gezeigt: Wenn die Menschheit etwas WIRKLICH haben will, dann KRIEGT sie das!

Wir haben es in weniger als einem Jahr geschafft einen Impfstoff für einen pandemischen Virus zu entwickeln, wofür man sonst Jahrzehnte gebraucht hat - einfach indem man das Problem mit Geld beworfen hat.

Würde bei Kernfusion vielleicht etwas länger brauchen, aber imo auch funktionieren, wenn wir daraus ein Geld-Spielt-Keine-Rolle-Projekt machen würden.

Dies aber nicht weil wir es so schnell wollten, sondern weil die Entwicklung mit Maschinen-lernen (um nicht zu sagen KI) revolutioniert wurde.

In der Diskussion sollten wir trennen zwischen Spaltung und Fusion.
Zur Überschrift:
Spaltung ist aus meiner Sicht keine Option.
Fusion langfristig möglich, für die jetzt notwendigen Maßnahmen zu spät.

Da sind hier aber schon Unterschiede. Die Herstellung des Impfstoffs hat Dank mRNA Technologie 48h gedauert meine ich. Der Rest war „nur“ noch das testen und die Zulassung.
Das sieht bei Kernfusion anders aus. Da kommt man nicht voran indem man in seinem Keller schnell mal was zusammenbastelt. Da werden richtig große Anlagen benötigt, die entwickelt werden müssen. Das kostet einfach Zeit. Ja mit Geld kann man das beschleunigen, aber nicht so sehr. Das ist der große Nachteil an Kernenergie, egal ob Spaltung oder Fusion: Es sind große, komplexe Anlagen deren Erbauung mindestens 10 Jahre, eher Jahrzehnte dauert und damit so lange, dass es für den Klimawandel zu spät ist.

Unabhängig davon sollte man Geld in deren Erforschung stecken. Das Potential ist einfach zu groß, um es zu ignorieren.

Diese zwei „Nachgefragt Podcasts“ passen hierher, Ich habe noch nie so eine differenzierte Betrachtung der Atomkraft wie von Doktor Aigner irgendwo anders gehört, und der Ingenieur, der die erneuerbaren Energien erklärt, ist meiner Meinung nach auch wirklich sehr neutral und absolut unideologisch.

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24.Februar: „Flüssiggasterminals kommen frühestens Ende 26“
Heute: „Flüssiggasterminals können nächsten Winter Gas liefern“
(kosten jetzt aber auch ein Milliarde mehr)

Wenn man Probleme nur mit genügend Geld bewirft, lösen sie sich auch schneller.

Es ist ein Unterschied, ob man eine vorhandene Technik anwendet, oder erst eine neue Technik erfinden muss.
Beim Erfinden spielt auch der Zufall eine große Rolle. Im Jahre 1900 hätte man auch mit 5 Fantastilliarden Mark kein CRISPR/Cas oder mRNA Technolgie bekommen.
Der Fusionsreaktor Iter wird gebaut, um zu erforschen, ob es klappen könnte. Kostenschätzung mittlerweile eher Richtung 20Mrd bis Ende der 2030er Jahre.

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Ich hab diesen Plot schon einmal im Forum gepostet, aber schadet vielleicht nicht, ihn nochmal zu zeigen. Das sind die Vorhersagen von 1976, wann das Energieministerium erwartet hatte, dass wir rentable Fusion haben würden abhängig vom Budget. Die schwarze Linie ganz unten ist das tatsächliche jährliche Budget. Sind natürlich alles nur Vorhersagen und es könnte auch sein, dass wir Fusion nie hinbekommen hätten oder werden, aber man sieht auf jeden Fall, dass @Dave schon einen Punkt haben könnte, dass Geld enorm helfen würde. Im Endeffekt wird es dadurch wahrscheinlich auch viel teurer. Vielleicht noch so eine Sache, die wir seit den 80ern komplett verschlafen haben…

Ja, und danach soll DEMO kommen, der dann ein wirklicher Prototyp für kommerzielle Reaktoren wäre. Das war eigentlich das Ziel von ITER, aber das hat man inzwischen aufgeben müssen, weil in diesem Projekt einfach viel zu viele Staaten gegeneinander arbeiten und das Ding nicht fertig wird.

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Also in einem Satz zusammengefasst: Kernspaltung ist Mist und Kernfusion ist nicht in Reichweite.
Ergo: Für unser Problem mit dem Klimawandel sind beide keine realistische Alternative. Oder sehe ich das falsch?

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Scheitert Iter gerade am Geld? Haben die Materialmangel? Könnten da 4 mal mehr Bauarbeiter 4 mal schneller bauen? Wenn man jetzt nochmal 20 Mrd. draufpackt, funktioniert es dann garantiert?

Ich bin absolut dafür, das Ding zu bauen. Sich darauf verlassen, dass es funktioniert und in diesem Jahrhundert relevant Strom produziert, würde ich nicht.

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Ne, natürlich kann man sich nicht darauf verlassen. Ich bin weit davon entfernt, auf unfertige Technologien zu setzen. Das FDP/Unionsargument der Investition in die Forschung, die es schon richten wird und mit der wir unsere Lebensweise nicht ändern müssen, regt mich ehrlich gesagt sehr auf.
Aber wenn wir Fusion wollen, braucht es mehr Geld. Soweit ich weiß, fehlt es einfach an Forschern, weil die Institute nicht genug Leute bezahlen und ausbilden können.

Und ITER steht sich einfach selbst im Weg. Die an sich großartige Idee, es als Friedens- und Weltprojekt nach dem Ende der Sovietunion aufzuziehen, hat wahrscheinlich einfach zu einem kompletten Chaos der Organisation geführt, weil jede beteiligte Nation logischerweise eine Firma im eigenen Land haben wollte, die die Technologie bekommt. Zuviele Köche…

Ob Kernspaltung Mist ist, kann ich inzwischen nicht mehr für mich beantworten. Aber sie ist im jetzigen Zustand definitiv zu teuer. Vielleicht könnte sie besser werden durch Wiederaufbereitung und Müll, der viel weniger lange gefährlich ist, aber das ist nicht marktreif. Also im Endeffekt das gleiche Problem wie bei der Fusion. :sweat_smile:
Hier noch eine Quelle: Sabine Hossenfelder: Backreaction: Is Nuclear Power Green?
Ergo: Zustimmung.
Wenn wir es uns leisten können, sollten wir es mMn nebenbei erforschen. Dann haben wir es in der Zukunft vielleicht einfacher.

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Ich wollte mich eigentlich nur zu der Aussage äußern, dass man insbesondere Ressourcenprobleme mit Geld lösen kann. Das ist meiner Ansicht nach ein Trugschluss und Fehler, der mir immer häufiger begegnet. Aber ich will das Thema nicht vollmüllen.

Nur zur Erinnerung: ITER hat die Aufgabe, zu erforschen, OB Kernfusion auf der Erde zur Energiegewinnung überhaupt möglich ist oder nicht. Das ist kein Zwischenschritt in einem mehr-Punkte-Plan, sondern es kann auch das Ende sein, wenn man feststellt, dass es nicht geht.

Bei Kernfusion auf die Energie der Sterne zu verweisen, ist immer ein wenig irreführend, denn die bei ITER angedachte Deuterium-Tritium-Fusion hat mit stellarer Kernfusion (Proton-Proton-Fusion oder CN- bzw. CNO-Zyklen) recht wenig zu tun. Ich halte es auf jeden Fall für denkbar, dass wir auf dem Weg zum funktionierenden Fusionsreaktor noch viele ingenieurstechnische Kompromisse eingehen und viele Versprechen (bezüglich Energiemenge, Preis, Verfügbarkeit des Brennstoffs, Gefahr für die Umgebung, radioaktiver Müll, etc.) wieder einkassieren müssen. Ein größere Forschungsmittelgeber (ich glaube ERC) hat vor nicht allzu langer Zeit einmal geklagt, dass es quasi unmöglich sei, Fusionsexpert*innen zu finden, die die Perspektive von Fusionsforschung neutral beurteilen könnten.

Es ist einerseits klar, dass Kernfusion uns in der Klimakrise momentan nicht weiterhilft und dass man andererseits natürlich weiter daran forschen sollte, alleine, weil es interessant ist. Aber egal, wie viel Geld man in die Hand nimmt: Es ist keineswegs garantiert, dass eine wirtschaftliche Kernfusion zur Energiegewinnung überhaupt einmal möglich sein wird.

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danke, das find ich sehr interessant!

So schlimm ist es gar nicht. Der Bauplan wird weiterhin eingehalten - nur hat auch diese Großbaustelle mit zu wenig Funding im Vergleich zu Materialpreisen zu kämpfen

Schneller ja, aber in diesem Fall nicht schnell genug, denn das ist einfach zu komplex. Das letzte AKW wurde hier in Deutschland von 40 (?) Jahren gebaut. Damit fehlt das Know-How auf Industrieseite und auch auf Genehmigungsseite. Das kann man nicht so schnell aufbauen. Allein die Genehmigungsverfahren und damit die Frage „Was muss alles für einen sicheren Betrieb gewährleistet sein?“ und „Welche Störfälle sind denkbar und welche Sicherheitsmaßnahmen werden dafür benötigt“ sind ordentliche Bretter die gebohrt werden müssen. Dann läuft auch alles unter Atomrecht, d. h. es muss alles überprüft und dokumentiert werden, das dauert alles.

Das ist doch keine große Summe für so ein Projekt… Einfach nochmal zwei Nullen hängen.

Vermutlich noch nichtmals inflationsbereinigt…

Man sollte für die Diskussion evtl auch den Bereich beachten, über den wir reden. Geht es um Deutschland, um Europa, die ganze Welt? Die Perspektive auf Atomkraft unterscheidet sich da zum Teil fundamental.

In Deutschland wird realistisch gesehen in Zukunft keine klassische Kernenergie mehr genutzt werden, wenn es keine absolut unvorhergesehene, revolutionäre Weiterentwicklung gibt, die die Diskussion zurücksetzt (-> 40% voll und ganz dagegen, insgesamt 76% dagegen, 5% voll und ganz dafür). Damit ist die Debatte in Bezug auf DE imho auch überflüssig, Deutschland will keine Atomkraft.

Global gesehen, sagt der IPCC das folgende zu Atomkraft (S. 517)

Nuclear energy is a mature low-GHG emission source of baseload power, but its share of global electricity generation has been declining (since 1993). Nuclear energy could make an increasing contribution to low-carbon energy supply, but a variety of barriers and risks exist (robust evidence, high agreement).
Its specific emissions are below 100 gCO2 eq per kWh on a lifecycle basis […] Pricing the externalities of GHG emissions (carbon pricing) could improve the competitiveness of nuclear power plants.

Barriers to and risks associated with an increasing use of nuclear energy include operational risks and the associated safety concerns, uranium mining risks, financial and regulatory risks, unresolved waste management issues, nuclear weapon proliferation concerns, and adverse public opinion (robust evidence, high agreement). New fuel cycles and reactor technologies addressing some of these issues are under development and progress has been made concerning safety and waste disposal (medium evidence, medium agreement).

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Wenn der IPCC Beitrag nicht deutlich ist, dann weiss ich nicht mehr.
Das deckt sich doch beinahe 100% mit der Perspektive in DE.
Was oder wen meinst du denn mit fundamental anders?

Dann frägt man sich, warum die Atomlobby und die pro Atom 5% immer wieder auf den niedrigsten Wert losgehen von 12 gr CO2/KWH wo es doch sogar im IPCC Bericht mit deutlich mehr angegeben ist und die Zahlen vom UBA sind sogar nochmal deutlich drüber:
Nämlich 117 gr CO2/KWH und ich hab noch höhere gesehen bis 190 gr CO2/KWH

Faktencheck: Ist Atomenergie klimafreundlich? | Wissen & Umwelt | DW | 11.11.2021.

zum Vergleich

Wind: 11 gr/CO2/KWH IPCC 2014
PV: 45 gr/CO2/KWH IPCC 2014 (je nach Produktionsland sogar noch deutlich niedriger)

Übrigens Lese ich gerade die IPCC Berichte komplett (nicht nur die Summary for Policymakers) = kein Spass = mehr als 5000 Seiten wissenschaftsenglisch…

Fazit zu Atom:

  • zu teuer
  • gefährlich
  • zwischen Lagerung / Endlagerung fraglich
  • Recycling Fraglich
  • Militärisch Fatal als Ziel
  • nicht Co2 Arm oder gar frei
  • Beton ohne Ende und super klimaschädlicher Zement
  • wieder abhängig von Uran Importen (im Grunde wieder ein Energieimport)
  • das einzige, man kann dann leicht Atomwaffen haben solange man AKW Technik im Land hat. Es ist leider eine Schande das wir in 2022 immer noch über Atomwaffen etc…
  • Weltweit findet auch nicht wirklich eine Renaissance der Atomkraft statt

Und noch für die Leute, die es einfach nicht kapieren wollen, wenn im IPCC Bericht steht Medium evidence, medium agreement ist es wissenschaftlich eher so wackelig.
D.H. es ist den Wissenschaftlern schon aufgefallen, das bei dem Nuclear Thema nicht wirklich Fortschritte vorhanden sind, wohingegen die Risiken weiterhin massiv hoch sind:

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