Weil Sozialismus mehr hervorgebracht hat, als totalitäre Staaten: Die Arbeiterbewegung und Gewerkschaften, Arbeitnehmerrechte, das allgemeine Wahlrecht, Arbeitsschutz, kostenlose Bildung, und eben ein universelles, öffentliches Gesundheitssystem, in dem jeder ein Recht auf adäquate Behandlung hat.
Der Kapitalismus und Liberalismus waren zur gleichen Zeit mehr mit Eigentumsrechten und Vertragsfreiheit beschäftigt und meinten damals wie heute wenn sie Freiheit sagen primär die Freiheit reicher Männer.
Am Ende hat beides seine Daseinsberechtigung. Märkte funktionieren für Waren und Dienstleistungen, bei denen aufgeklärte Konsumenten eine reelle Möglichkeit haben, zu verzichten. Also für alles, außer Grundbedürfnisse, darunter Gesundheitsversorgung.
“Die Ergebnisse der Studie bestätigen, was wir immer wieder von unseren Kunden hören“, erklärt Tim Bökemeier, Experte für private Krankenversicherungen und Betreiber der PKV-Welt. „Schnellere Termine und exklusive Angebote sind neben der Kostenersparnis für viele Interessenten ein Grund, sich für eine private Krankenversicherung zu entscheiden. Die vorliegenden Zahlen belegen dies. Sie zeigen auch, dass es in vielen Fachbereichen deutliche Unterschiede in der Versorgung sowie Engpässe gibt.“ https://www.privatklinik-portal.de/lange-wartezeiten-warum-viele-kassenpatienten-unzufrieden-sind/
Unser Gesundheitssystem ist aber eben keine unendliche Ressource, wer so tut als wäre alles fūr jeden finanzierbar betreibt flachen Populismus. Und die Krankenkassen setzen als Gesellschaft ja jetzt schon einige Grenzen, z.B. bei Brillen, Zahnersatz oder Haushaltshilfen. Es ist einfach ein irres Problem wenn in den letzten Monaten vor dem absehbaren Ableben von multimorbiden Patienten nochmal Zehntausende in unsinnige Behandlungen gepumpt werden, zum Beispiel 2 Kurse Chemotherapie bei einem dementen 82-jährigen mit terminalem Tumorleiden zu geben weil er ja laut der angehörigen “immer ein Kämpfer war”. Da hat der Patient nichts davon, das Gesundheitssystem leidet, wir Ärzte leiden. Nur die Angehörigen haben ein gutes Gefühl.
Die Spielregeln bestimmt aber die Politik und nicht der Arzt. Was denkst du denn was passiert wenn ich einer Familie eine aus meiner Sicht nicht ökonomische und medizinisch zu 99% nicht sinnvolle Behandlung verweigere?
Nein, aber ich darf keine Leute aus der Notaufnahme nach Hause schicken bei denen klar ist, dass die häusliche Versorgung nicht gesichert ist.
Auch nur ein Anekdote. Vor jeder Chemotherapie wird ausführlich aufgeklärt und der Patient unterschreibt eine Einverständniserklärung. Warst du bei dem Aufklärungsgespräch dabei?
Ein Grund, warum Ärzte Termine für gesetzlich Versicherte “limitieren”, liegt unter Anderem auch am Regelleistungsvolumen. Die Kassenärztliche Vereinigung, über welche die Abrechnung läuft, legt für jeden Arzt ein sogenanntes Regelleistungsvolumen fest. Leistungen über dem RLV werden nur teilweise oder gar nicht vergütet (je nach Fachrichtung und Regeln der KV).
Diese Regelung führt dazu, dass Arztpraxen die Anzahl an Terminen für gesetzlich Versicherte limitieren, um das RLV nicht zu überschreiten. Denn im Endeffekt behandelt der Arzt dann alle Patienten, die über dem RLV liegen, kostenlos.
Sorry, aber GKV vs PKV ist des Schulbuchbeispiel für adverse Selektion.
Die meisten chronischen Erkrankungen werden im Laufe des Lebens erworben oder erstmals diagnostiziert.
Sind sie da, dann sind sie da. Und wann kommt der Wechsel in Frage? Die Verdienstgrenze knackt man nicht mit 21.
ein Wechsel in die oder innerhalb der PKV ist also fallweise weiter möglich.
Theoretisch. Ich habe eine Erkrankung, die mich zwingt ein 10€/Monat Medikament zu nehmen. Die PKV wollten Risikoaufschläge so um 60%.
Ich habe die Zahlen nicht, aber meine Vermutung ist, dass die Rechnung “alle in die GKV, dann kann die GKV sich das leisten” nicht aufgeht.
Ich glaube nicht, dass unser Gesundheitswesen unterfinanziert ist. Aber selbst wenn sich “Arzt sein” ohne PKV nicht mehr “lohnt”, müsste man eben das Vergütungssystem anpassen.
Auch die PKV kann nur auszahlen, was sie eingenommen hat. Wenn sie für die Teilnehmer günstiger ist UND gleichzeitig mehr an die Ärzte zahlen kann, dann ist das kein Beweis für ihre Nützlichkeit sonder nur dafür, wie sehr sie von adverser Selektion profitieren.
Stimmt, mit 21 war ich noch in der Frühphase meines Studiums. Ich bin wohl 1999 mit 29 gewechselt. Dotcom hat noch fleißig geblubbert, Informatiker waren gefragt und gut bezahlt, da hat’s für die damalige Schwelle gereicht. Da hab ich mich noch gesund und fit gefühlt, und Single war ich auch - das ist ja auch ein wesentlicher Punkt, die PKV will pro Nase, nix Familienversicherung.
Es kann gut sein, dass heute a) die Schwelle schwerer zu erreichen ist (von vielen politisch ja gewünscht) und b) die medizinische Diagnostik Fortschritte gemacht hat, so dass nun chronische Krankheiten schon früher erkannt werden, und damit dann aktenkundig sind.
Das ist sicher ein Aspekt, aber mMn nicht der einzige:
bei der PKV habe ich eine Selbstbeteiligung, bei mir momentan 340€/a - nur der übersteigende Betrag wird erstattet; es gibt auch eine Beitragsrückerstattung eines Teils des ambulanten Beitragsteils bei Schadenfreiheit, die ggf. anreizt, die Kosten selber zu tragen.
ich muss die Rechnungen und Medikamente zunächst selbst bezahlen, das wird manche Versicherte auch dazu bringen, zu hinterfragen, ob es das jetzt braucht, und/oder die Rechnungspositionen gründlich prüfen lassen. Es gibt ja jetzt aufgrund der ePA zumindest anekdotisch Berichte, dass bei GKV-Patienten gelegentlich überraschende (abrechenbare) Krankengeschichte enthalten ist, als Privatpatient sehe ich alles.
zwischen Einnahmen und Leistungssumme liegen ja auch noch die Kosten des Systems. Es könnte durchaus sein, dass sich PKV da schlanker aufstellen als der Apparat, den die GKV aufgebaut hat - teilweise auch vom Gesetzgeber genötigt wurde aufzubauen, personell wie technisch. Andererseits sind ein Teil der PKV auch darauf aus, Gewinne zu erzielen; meine nicht, die ist ein V.V.a.G. (Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, ein bisschen wie eine Genossenschaft der Versicherten).
Und doch lohnt es sich für dich. Lässt sich auch sozial viel besser vertreten, wenn der Versicherte mindestens 77.400 Euro verdient.
Ich glaube, dass Abrechnungsbetrug bei Ärzten gang und gäbe ist. Bedauerlicher Weise kontrolliert man lieber, ob beim Bürgergeldempfänger noch ein Euro abgepresst werden kann, als beim Arzt zu prüfen, was der sich so ausdenkt, um die Quartalspauschale zu “optimieren”.
Es könnte sein. Oder aber auch nicht…
Von einem Euro gehen vier Cent in die Verwaltung
…
Zum Vergleich: Die PKV verwendet von einem Euro neun Cent für Verwaltungskosten, werden diese in Relation zu den Ausgaben betrachtet.
Ich finde, das Gesundheitssystem ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man Einrichtungen der Kritischen Infrastruktur nach Profitlogik betreibt. Wie will man denn mit der Behandlung von kranken Menschen Geld verdienen? Erstens gibt es da einen Anreiz, dass sie möglichst krank bleiben, damit weiter an ihnen verdient werden kann. Zweitens werden so alle aufwendigen, weil mutimorbiden Patienten, sprich alternde Menschen fast zwangsläufig unterversorgt, und das in einer Gesellschaft, die rapide altert, weil ihre Behandlung zeit- und kostenintensiv ist. Ich finde, alle sollten in die gleiche Kasse einzahlen, starke Schultern mehr tragen als schwache, sprich, weg mit Beitragsbemessungsgrenzen und alle Einkommensarten sollten einbezogen werden, auch Kapitaleinkünfte. Dann könnte man leichter wieder zum Prinzip zurückkehren, dass die medizinisch notwenigen Behandlungen finanziert werden und nicht wild und willkürlich rumpauschaliert wird mit einem Risiko von finanziell lukrativen und medizinisch nicht notwendigen Behandlungen auf Kosten der Beitragszahler bei Unterlassung aufwändiger, aber notwendiger Behandlungen, wo es schon an Prävention und Diagnostik mangelt. Und was auf jeden Fall mal passieren sollte ist eine Regulierung der Arzneimittelpreise. Es kann nicht sein, dass Pharmaunternehmen durch den kurzen Lobbydraht nach Brüssel und Berlin Mondpreise durchsetzen können. Eine Einheitskasse hätte da eine ganz andere Verhandlungsposition als 90 verschiedene GKV- und noch diverse vom Steuerzahler subventionierte PKVs.
Ich habe das Gefühl, da kann eine ganze Sendereihe daraus werden, wenn man den Themenkomplex Krankenversicherung und medizinische Versorgung umfassend behandeln will, würde sich aber lohnen mMn, sofern nicht aktuelle politische Themen Vorrang verlangen. Einzelne Parteien bringen die “Bürgerversicherung” (was “GKV für alle” beinhaltet) ja auch immer wieder in den Wahlkkampf ein.
Würdest du sagen, dass aktuell Leute gezielt falsch behandelt werden um sie länger und teurer weiterbehandeln zu können statt die Behandlung zu wählen die heilung verspricht?
Wie soll denn dann konkret behandelt werden? Denn wenn hier überhaupt keine Regeln aufgestellt werden und die Kostenübernahme ganz nach dem Motto „Es kostet halt was es kostet“ stattfindet, wo ist dann der Anreiz überhaupt kosteneffizient zu handeln? Und wenn am Ende überhaupt nicht auf die Kosten geschaut wird, dann zahlt das am Ende natürlich auch wieder der Beitragszahler. Und es ermöglicht erst Recht das Erwirtschaften von hohen Gewinnen.
Seit 2006 bin ich freiberuflich tätig. Ich zahle den Monatsbeitrag von derzeit 860,77 KV + 100,06 Pfllegepflichtversicherung, egal ob ich guten Umsatz mache oder monatelang gar keinen. “Lohnt sich”? Eine Versicherung lohnt sich nicht, sie ist halt da. Ich hoffe wie wohl die meisten, dass ich nie für zigtausende € im Krankenhaus zusammengeflickt werden muss, eine Krebstherapie benötige oder sonst was gruseliges. Tarife ohne SB sind unverhältnismäßig viel teurer.
Ich meine eher Operationen, die z.B. wegen hoher Fallpauschalen getätigt werden, obwohl sie medizinisch nicht notwendig wären.
Ich finde, allgemein sollten medizinische Kriterien einfach wieder eine größere Rolle spielen als betriebswirtschaftliche. Das alte System vor den Fallpauschalen funktionierte im Wesentlichen genau so. Ob es perfekt war, wage ich zu bezweifeln, weil damals natürlich der Anreiz bestand, die Leute länger als medizinisch notwendig in den Krankenhäusern zu behandeln, aber deswegen plädiere ich ja auch für eine stärkere Implementierung nachvollziehbarer medizinischer Kriterien. Ärzte können einfach nicht gut in Betriebswirtschaft und Medizin gleichzeitig sein, da gute Medizin Zeit braucht, die sich ein Betriebswirtschaftler aus Effizienzgründen nie nehmen würde.
Und da kommen dann noch die Abschlusskosten oben drauf…
Das war darauf bezogen, dass es sich finanziell für dich wahrscheinlich trotz “Kosten auslegen” und “Eigenbeteiligung” günstiger ist, in der PKV zu bleiben. Aber muss nicht sein, du darfst ja kaum noch zurückwechseln…
Was du wohl in der GKV zahlen würdest und welche Leistungen würdest du dann nicht erstattet bekommen. Let‘s face it. Für Menschen, die gut verdienen ist die GKV ein Minusgeschäft. Auch das Argument mit den hohen Beiträgen im Alter zieht nicht, da es zum einen gesetzliche und versicherungsseitige Rückstellungen gibt, und man die ersparten Beiträge selbst ansparen sollte. Dann kann man auch 2-3 Kinder mitfinanzieren und man fährt mit der PKV noch besser.
Ich gebe dir recht, dass es keinen Weg zurück geben darf, aber diesen Vorwurf von dir finde ich unangemessen. Es ist ein legitimes Recht, dass man oberhalb der Pflichtversicherungsgrenze in die PKV wechseln darf und in manchen Berufsgruppen (Beamte) ist die PKV sogar die leichter umzusetzende Versicherung.
Für einen Systemfehler Menschen, die sich innerhalb der Regel bewegen, schief anzumachen und moralisch herabzuwürdigen, halte ich für falsch.