Okay, das sind tatsächlich Beispiele, bei denen ich verstehen kann, dass man gewisse Praktiken in Frage stellt. Meine Erfahrung in der Familie war da bisher glücklicherweise eher so, dass Ärzte vor OPs ziemlich offen be- und manchmal auch einfach abgeraten haben, wenn es z.B. um ein neues Knie ging, aber nicht sicher war, wie gut die betroffene Person sich von der OP erholen würde.
Abraten ist aber nicht das gleiche wie verweigern. Viele Ärzte raten zwar ab, aber wenn man sich bewusst eine Behandlung wünscht ermöglichen sie das auch.
Und selbst wenn nicht, meiner Erfahrung nach bekommt man vieles durch wenn man entweder ein gutes Verhältnis zu seinem Arzt hat oder notfalls die Ärzte wechselt, bis man seine Wunschbehandlung bekommt.
Wobei man da schon wieder sagen muss, dass ich auch Fälle kenne wo Behandlungen dann entgegen der Empfehlung des Arztes zum Erfolg geführt haben. Einfach einer Meinung ausgeliefert zu sein wäre da auch nicht zielführend.
Das liegt in der Natur der Sache. Ein Arzt verlässt sich auf Erfahrungswissen und seine Ausbildung. Es ist ganz natürlich, dass es da Abweichungen von der Regel gibt, denn letztlich basiert beides auf Kategorisierung komplexer, nicht trennscharfer Merkmale.
Gesellschaftlich stellt sich die Frage wie viele Fehleinschätzung sowohl in Bezug auf Unter- als auch Überbehandlungen wir uns leisten wollen. In Deutschland befinden wir uns tendenziell eher in der Überbehandlung, auch wenn in Einzelfällen unterbehandelt wird.
“Lohnt nicht mehr, Sie sind eh bald tot” ist allerdings keine moralisch vertretbare Position. Sofern es den betreffenden Personen in Abwägung mit den verbundenen Strapazen sinnvoll erscheint, ist es eine gute Sache auch wenn die Verlängerung der Prognose nur kurz ist.
Nein, Betrug ist offensichtlich nicht der Zweck unseres Gesundheitssystems.
Zustimmung. Leider wird “mehr Unterstützung” häufig mit ‘mehr Geld’ gleich gesetzt.
Dabei würden häufig andere Sachen viel mehr helfen.
- mehr Einfühlungsvermögen
- mehr Erklärung
- mehr Bildung
- mehr Zuhören
Das ist ein schönes Beispiel um mal die Perspektive umzukehren:
Wenn ein naher Verwandter (sagen wir ersten Grades) von Dir durch eine Behandlung 3 Monate länger leben könnte, würdest Du das dann immer noch so sehen?
Ein “Leben verlängern um jeden Preis“ ist nur in den wenigsten Fällen ein würdevolles Leben. Wir werden auf Lange Sicht nicht um diese Diskussion herumkommen.
Die Frage ist aber in hier wirklich weniger Mitspracherecht der Patienten das Gegenteil bewirkt.
Bei jüngeren sehe ich z.B. eher die Tendenz dazu, dass zu oft operiert und zu wenig Physiotherapie verschrieben wird.
Im Bereich onkologischer Therapien tut sich sehr viel - Gott sei Dank. Aber es kostet.
CAR-T Zellen: Therapiekosten 250000 bis 400000€
Bispezifische Antikörper: bspw tarlatamab: Vollbehanflung 390000 US$ (in der EU noch nicht zugelassen).
Diese Therapien kommen auf den Markt und sind die Zukunft.
Es gibt beide Richtungen. Umso wichtiger ist es, dass man weiterhin die Möglichkeit hat eine weitere Meinung einzuholen und am Ende selbst mitzuentscheiden.
Bei mir und meinem Umfeld sagen in der Regel auch die Physios ganz direkt wo sie lieber nochmal einen Arzt draufschauen lassen würden hinsichtlich möglicher OP. Die Fälle wo Ärzte unnötigerweise operieren wollten überstiegen in meinem Sportumfeld aber die deutlich wo eine OP verweigert wurde.
Ich denke auch, dass sind gerade keine statistisch signifikanten Daten, sondern anekdotische Evidenzen. Meine Mutter ist Physiotherapeutin im Krankenhaus und spricht davon, dass die Ärzte zu oft und zu schnell operieren würden.
Physiotherapie ist aber auch von einem Fachkräftemangel betroffen und gerade kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum schreiben oft rote Zahlen.
Wenn Güter oder Dienstleistungen knapp sind, regelt normalerweise der Preis den Zugang. Wir wollen diesen Mechanismus im Gesundheitssystem aus verständlichen Gründen nicht und haben daher das Prinzip der Gleichbehandlung nach dem Motto „first come - first serve“. Die PKV funktioniert insgesamt besser, da private Systeme immer besser funktionieren als staatliche, aber auch weil alle dort Beiträge zahlen können.
Da ist sie wieder, die neoliberale Propaganda.
Der Grund, warum die PKV den Ärzten höhere Honorare zahlen und dennoch ihren (gesunden!) Mitgliedern günstigere Tarife anbieten kann ist einzig und alleine, weil die PKV keine chronisch kranken Patienten versichert, weil sie sich aus der Solidargemeinschaft, welche eine GKV darstellt, verabschiedet hat. Alle wirklich teuren Versicherten werden von der PKV - wenn überhaupt - eben nur zu den Kosten versichert, die sie erwartungsgemäß erzeugen werden, und die kann niemand bezahlen.
Die PKV funktioniert nur deshalb, weil es die GKV gibt, die alle “Härtefälle” aufnimmt. Die GKV ist quasi die “Bad Bank” der PKV. Und dann zu argumentieren, die PKV funktioniere besser als die GKV, weil “privat immer besser funktioniert als staatlich” ist einfach absurd…
Das Thema ist doch nicht, dass man Menschen, die es wollen und brauchen, Therapien verweigern soll. Aber laut Ärzten wird in dem Bereich eigentlich gar nicht aufgeklärt, dass die Therapien a) mit Nebenwirkungen verbunden sind, b) dass die letzten Monate sehr schmerzhaft werden können und dass c) auch eine Betreuung im Hospiz möglich wäre.
Ein Bekannter von mir hat gerade die zweite Chemo abgebrochen. Die hat ihn so kaputt gemacht, dass er vermutlich den Rest seines kurzen Lebens nur noch dahinsiechen wird (eigene Worte). Er hat 40 kg abgenommen, kotzt den halben Tag und kann nur noch liegen. Der hätte lieber vor 6 Monaten Abschied genommen und stattdessen 4 halbwegs vernünftige Wochen mit seinen Enkeln verbracht, aber das stand überhaupt nicht zur Disposition.
Das hat niemand bestritten. Man muss nicht so abwertend reagieren, Stichwort „Neoliberale Propaganda“. Es ist einfach nur Fakt, dass der weltweite Wohlstand, der in den letzten 200 Jahren erarbeitet wurde, nicht dem Sozialismus, sondern dem Kapitalismus zu verdanken ist. Was nicht heißt, dass man für ein Gesundheitssystem Regeln und Vereinbarungen treffen kann, so dass individuelle Lebensrisiken von allen getragen werden. Das aktuelle System funktioniert, wie wir alle sehen, nicht sonderlich.
dass der [individuelle] weltweite Wohlstand, der in den letzten 200 Jahren erarbeitet wurde, nicht dem Sozialismus, sondern dem Kapitalismus zu verdanken ist.
Du hast da ein Wort vergessen. Der individuelle weltweite Wohlstand wurde erkauft mit Kosten, die man der Allgemeinheit aufgebürdet und externalisiert hat, manchmal der eigenen Bevölkerung, viel lieber anderen Bevölkerungen. Dass gerade diese, die bei 0 angefangen haben, ein extremes Wirtschaftswachstum hingelegt haben, ist kein Wunder des Kapitalismus, sondern schlicht den Voraussetzungen geschuldet und wäre in jedem anderen Wirtschaftssystem genauso gewesen.
Neben @der_Matti s Einwand möchte ich auch noch ergänzen, dass Du die historische Rolle sozialistischer Bewegungen für die gesellschaftliche Teilhabe am erwirtschafteten Reichtum ausgelassen hast. Kapitalistische Systeme generieren zwar Wachstum, tun dies jedoch oft unter erheblicher Ungleichverteilung: Ohne sozialistischen Druck und gewerkschaftliche Mobilisierung hätte kaum ein Arbeiter an diesem Wachstum partizipiert.
Und zuguterletzt schneiden Länder mit geringem Gini-Koeffizient wie die Skandinaviens mit einer der geringsten Einkommens- und Vermögensungleichheit weltweit, die zwar Marktwirtschaftlich operieren, aber ein großes Maß sozialistischer Prinzipien übernommen haben, auf praktisch allen Ebenen von Stabilität ihrer Demokratien über Infrastruktur bis Bildung und eben auch Gesundheitsversorgung, am besten ab.
Nein, sie funktioniert, weil sie alle Risikopatienten der GKV zuschiebt. Die PKV ist schlicht spalterisch. Spannend wird es, wenn die unsolidarischen PKVler dann im Alter wieder versuchen in die GKV zu kommen. …
Das geht doch oft gar nicht…. (?)