Würde die Bundesregierung so argumentieren, würde ihr die Impfpflicht bei der Bundeswehr vor dem Verfassungsgericht um die Ohren fliegen.
Der Gleichbehandlungsgrundsatz - das kann man nicht oft genug schreiben - umfasst sowohl das Gebot, dass gleiche Sachverhalte gleich behandelt werden müssen als auch das Gebot, dass ungleiche Sachverhalte ungleich behandelt werden müssen.
Die Argumentation für die Impfpflicht bei der Bundeswehr ist hier z.B. die Tatsache, dass Soldaten „kaserniert“ leben und damit, ähnlich wie Strafgefangene oder Heimbewohner, einem signifikant größeren Risiko im Rahmen einer Pandemie ausgesetzt sind. Außerdem wäre ein zulässiges Argument, dass die Bundeswehr als kritische Infrastruktur die Verteidigung des Landes sichert und daher eine „Schwächung“ durch Corona vermieden werden muss. Das wären sachliche Gründe, die eine Ungleichbehandlung und damit eine Impfpflicht für die Bundeswehr rechtfertigen können.
Die Tatsache, dass der Staat besonders viel „Macht“ über die Soldaten hat und diese „sich nicht wehren können“ wäre explizit kein sachlicher Grund für diese Ungleichbehandlung. Wie gesagt, würde die Bundesregierung auch nur den Anschein machen, als sei das ihre Motivation bei dieser Impfpflicht, wäre die Chance, dass die Impfpflicht in Karlsruhe Bestand hat, gleich Null. Zum Glück ist unsere Regierung - trotz all ihrer Fehler - nicht so inkompetent.
Das Problem sehe ich definitiv auch. Wie ich schon sagte dürften sozialrechtliche Sanktionen nur deshalb in Erwägung gezogen werden, weil sie gegenüber Bußgeldern (bei deren Nichtzahlung Ersatzfreiheitsstrafe droht) die weniger einschneidende Maßnahme wären…
… denn genau das ist das Problem:
Es ist im deutschen Ordnungswidrigkeitenrecht (und wir wollen die Impfpflicht definitiv nicht mit dem deutlich schärferen Schwert des Strafrechts durchsetzen) schlicht nicht vorgesehen, dass Geldbußen vom Einkommen abhängen. Das ist schon rein organisatorisch nicht möglich, weil der Aufwand, um die korrekte Bußgeldhöhe zu ermitteln, zu hoch wäre.
Ich bin da inhaltlich durchaus bei dir, dass diese Sache generell reformiert werden sollte. Es spricht meines Erachtens nichts dagegen, dass das Ordnungsamt die Einkommensdaten vom Finanzamt abrufen können sollte, um automatisiert sinnvolle Bußgelder verhängen zu können. Aber dafür wird es auf absehbare Zeit keine politische Mehrheit geben, vermutlich nicht mal in einer einzigen Partei.
Daher bleibt das Problem:
Wenn wir die Bußgelder zu niedrig ansetzen, können sich Normal- und Vielverdiener zu günstig von der Impfpflicht freikaufen und die Impfpflicht wird im schlimmsten Fall tatsächlich nur die Geringverdiener und Transferleistungsempfänger treffen.
Wenn wir die Bußgelder angemessen hoch ansetzen, dass sie auch dem durchschnittlichen FDP-Wähler weh tun, sind sie aber schnell für den Geringverdiener unverhältnismäßig.
Das ist das klassische Dilemma unseres Ordnungswidrigkeitenrechts.
Zwang (im Sinne von unmittelbaren Zwang, daher jemand wird gegen seinen Willen zum Arzt verschleppt und dort geimpft) würde ich auch nicht akzeptieren, ebenso wenig wie der EGMR.
Und vor der Impfpflicht stellt sich immer die Frage der Verhältnismäßigkeit, und die beinhaltet ob wirklich alle weniger harten Maßnahmen ausgereizt wurden. Und hier muss ich auch sagen, dass ich da aktuell skeptisch bin. Es gibt leider aktuell keinerlei positive Anreize, denn das „Zurückgeben“ von Rechten, die im Rahmen der Pandemie beschränkt wurden, ist in der Tat kein „positiver Anreiz“.
Jedem, der sich impfen lässt, Geld in die Hand zu drücken, halte ich auch für schwierig, weil man damit einzig diejenigen belohnt, die sich noch nicht haben impfen lassen. Aber es spricht aus meiner Sicht absolut rein gar nichts gegen eine Impf-Lotterie - das haben viele andere Staaten erfolgreich praktiziert und es macht einfach Sinn, wenn man bedenkt, dass gerade die bildungsfernen und ökonomisch schwachen Bevölkerungsteile zum „Lotto spielen“ tendieren.
Das Problem ist halt, dass am Anfang der Impfstoff knapp war, also hat man sich über positive Anreize keine großen Gedanken gemacht - sie hätten kontraproduktiv gewirkt, da sie zu noch mehr Impf-Vordränglern geführt hätten. Als dann aber genug Impfstoff da war und sich abzeichnete, dass wir nicht das nötige Quorum für die Herdenimmunität erreichen werden, hat die Politik mal wieder zu langsam reagiert…