Feedback zum Interview Nicola Fuchs-Sünteln [LdN 451/452]

Wenn du sowas behauptest, wäre es schön, wenn du wenigstens einen Beleg dazu mitlieferst. Oder möchtest du dich bei der Behauptung auf “alles besser” berufen? Niemand hat das hier so behauptet.

3 „Gefällt mir“

Du solltest das auch nicht zu wörtlich nehmen.

Wir müssen hier einfach mal beide Seiten des Spektrums in dieser Diskussion verstehen.

Der Anhänger der freien Marktwirtschaft argumentiert, dass die Ergebnisse von Investitionsentscheidungen stets besser sein werden, wenn diejenigen, die diese Entscheidungen treffen, in einem Wettbewerb miteinander stehen und von den Entscheidungen selbst massiv profitieren. Daher: ein paar tausend Unternehmer werden bessere Entscheidungen treffen als ein Apparat von staatlichen Beamten.

Die Befürworter einer eingeschränkten Marktwirtschaft halten dem entgegen, dass die Interessen dieser egoistisch handelnden, im Wettbewerb stehenden Unternehmer nicht deckungsgleich mit den Interessen der Bevölkerung sein müssen, sondern dass vieles von dem „Vorteil“ der effizienteren Entscheidungsfindung vom Profit einiger weniger aufgezehrt wird.

Für beide Seiten gibt es keine wirklichen Belege. Die Befürworter der Marktwirtschaft weisen auf die Katastrophe des real-existierenden Sozialismus hin, die Gegner sagen jedoch zu Recht, dass es eine Vielzahl von Faktoren gab, die zum Niedergang des Sozialismus führten. Das einzig auf die Planwirtschaft zurückzuführen ist vereinfacht - was man durchaus auch in China sehen kann.

Insofern hat @Cedric_Hoyer Recht, dass ihr beide in unterschiedlichen Welten lebt und von gänzlich anderen Voraussetzungen ausgeht. Ihr werdet euch gegenseitig nicht überzeugen können, und das ist auch okay. Du wirst immer der Meinung sein, dass mehr Freiheit in der Wirtschaft zu einem besseren Ergebnis führt, Cedric (und auch Ich) werden immer der Meinung sein, dass die Wirtschaft in bestimmten Bereichen deutlich stärker gesteuert und kontrolliert werden muss.

Du wirst auf die tollen Wirtschaftskennzahlen der USA als Beweis für die Kraft der freien Marktwirtschaft hinweisen, Ich werde die massive Ungleichheit in den USA hervorheben und darauf verweisen, dass trotz deutlich besserer Wirtschaftskennzahlen der durchschnittliche Amerikaner nicht besser lebt als der durchschnittliche Skandinavier, der wie wir auf eine soziale Marktwirtschaft setzt - und vor allem die unterste Schicht der Gesellschaft in den USA leidet, wie wir es uns in Europa kaum vorstellen können (Obdachlosigkeit, keine Krankenversicherung…).

Ich persönlich bin schlicht gegen alle Extreme in dieser Hinsicht - sowohl gegen eine extrem freie Wirtschaft, bei der der Staat keine Schutz- und Ausgleichsfunktionen übernimmt, als auch gegen eine (zwangsläufig extreme) Planwirtschaft, in der es gar kein freies Unternehmertum gibt. Beides ist Mist, wirst vermutlich auch du so sehen. Nur dass du bei 80 oder 90% freier Marktwirtschaft stehst und ich eher bei 40 oder 50%.

Das Ding ist, Daniel, dass hier nicht die Gegensätze „freie Marktwirtschaft“ vs. „Planwirtschaft“ diskutiert werden, sondern „freie Marktwirschaft“ vs. „sozial-ökologische Marktwirtschaft“. Planwirtschaft hat hier (und auch sonst im Forum) wohl noch nie jemand gefordert und will auch wohl niemand. Im Prinzip sind doch die meisten für eine Form von Marktwirtschaft. Die Diskussion geht immer nur darum, wie viel der Staat in die freie Marktwirschaft eingreifen soll, um die unerfreulichen Ergebnisse des Marktes zu korrigieren.

Was uns trotzdem gerne unterstellt wird

Auch das ist ein Missverständnis, wie mir scheint.
Ich betrachte die Freiheit der Marktwirtschaft als eine eindimensionale Skala.
Ganz links („Keine Freiheit“) haben wir folglich die Planwirtschaft, ganz rechts haben wir Mileils Traum, eine „noch freiere“ Marktwirtschaft als die der USA. Das, was du sozial-ökologische Marktwirtschaft nennst, ist irgendwo in der Mitte dieser Skala.

Die kompletten Extreme („totale Planwirtschaft“ und „totale Freiheit jeglicher staatlicher Eingriffe“) werden in der Tat nur von Extremisten (Hardcore-Kommunisten, Anarcho-Kapitalisten) vertreten. Beide Extreme finden wir hier im Forum daher hoffentlich nicht, wir stehen lediglich alle an unterschiedlichen Punkten zwischen diesen Extremen.

Das Zitat von @Silvio , das du hier bringst, zeigt ganz gut ein Problem der Debatte: Auch wenn faktisch niemand wirklich auf Extrem-Standpunkten steht, versuchen beide Seiten oft, das Gegenüber dort zu positionieren. So ist derjenige, der mehr freie Marktwirtschaft fordert, aus Sicht des Linken schnell ein „Neoliberaler“, dem unterstellt wird, er wolle den Anarcho-Kapitalismus, und derjenige, der mehr Steuerung der Marktwirtschaft fordert, wird aus Sicht der Konservativen schnell zum „Kommunisten“, dem unterstellt wird, er wolle die Planwirtschaft.

Exakt davon müssen wir ein Stück weit wegkommen, deshalb mein Exkurs im letzten Post. Nur weil jemand eine Stufe weiter Links oder Rechts auf der Marktwirtschaftsskala steht, muss man ihn nicht zum Feind / Extremisten deklarieren.

1 „Gefällt mir“

Natürlich überspitzt. Lass mich aber bitte kurz darlegen, wo diese Überspitzung herkommt. Ich habe anderen Threads entnommen, dass du Ökonom bist, daher interessiert mich deine Einschätzung dazu insbesonders.

Ich hatte das Argument gehört, dass eine signifikante Besteuerung von Vermögen (ob direkt oder im Rahmen von Erbschaft) den volkswirtschaftlichen Kapitalstock angreift und mit diesem Geld nur zwei Dinge getan werden können, und zwar einerseits staatliche Investition, oder andererseits Konsum. Mit anderen Worten nimmt im ersten Szenario der Staat den privaten Akteuren ihr Kapital weg um es selbst investieren, was einer planwirtschaftlichen Mechanik gleichkommt. Kern des Argumentes ist dabei, dass ja eine wirklich signifikante Größenordnung unterstellt werden kann. Denn unser hier diskutiertes Kernproblem das gelöst werden möchte ist Vermögensungleichheit. D.h. wenn ich den reichen Erben nur ein bisschen wegnehme, sodass sie es ohne weiteres hinnehmen, dann habe ich keine Planwirtschaft und kann hier und dort gute Impulse setzen, z.B. in Bildung und Infrastruktur. Insofern alles gut. Aber bekomme ich dann mit Blick auf unser ursprüngliches Problem der Vermögensungleichheit die Nadel bewegt?

1 „Gefällt mir“

Nein. Eine Planwirtschaft zeichnet sich, wie der Name ja schon sagt, durch einen Plan aus, der Produktion und Verteilung der Wirtschaft für eine Zukunftsperiode festschreibt. Das hat erstmal nichts mit staatlichen Investitionen in private Unternehmen zu tun.

Vor allem tut der Staat das ja auch jetzt schon. Wenn „der Staat investiert in Unternehmen“ die Schwelle zur Planwirtschaft wäre, würden wir bereits in einer solchen leben.

Ob das Fall ist, ist eine Frage der Empirie und dazu kenne ich keine Studien. Hast Du solche Belege für Deine Behauptung?

In der Theorie, zumindest, sollte das nicht so ein sein:

Wenn ich Dein Argument richtig verstehe: Wenn Unternehmer ihren Betrieb vererben und die Erben Erbschaftssteuer bezahlen müssen, müssen sie für die Erbschaftssteuer mehr Gewinne (Eigenkapital) ausschütten und es steht weniger Eigenkapital und Liquidität im Unternehmen für Investitionen bereit.

Dazu:

  1. Die Befürworter einer konsequenteren Besteuerung von wirklich Vermögenden schlagen großzügige Stundungsregelungen für die Erbschaftssteuer vor. D.h., der Erblasser kann die Erbschaftssteuer über viele Jahre in kleinen Raten abbezahlen. Dabei ist wichtig, dass die Verzinsung der Ratenzahlung nicht höher ist als die einer guten Fremdfinanzierung. Dieses Darlehen sollten nachrangig gestellt werden (damit haben sie Eigenkapitalcharakter) und zur Besicherung sollte der Staat vorübergehend am Eigenkapital beteiligt werden.

  2. Wenn ein Unternehmen gut, d.h. profitabel läuft, kann ein Erbe schon heute seine Erbschaftssteuerschuld fremdfinanzieren.

    • Wenn ein Unternehmen profitabel ist und die geplanten Investitionen (einschl. Instandhaltungsinvestitionen) ebenfalls, rechnest sich das. Der Gewinn verringert sich um die Zinszahlungen.
    • Wenn die Investition nicht profitabel ist, sollte man sie ohnehin sein lassen.
    • Wenn ein Unternehmen nicht profitabel ist, sollte sich der Erbe ohnehin überlegen, ob es für das Unternehmen nicht besser wäre, wenn jemand das Unternehmen übernehmen sollte, der mehr daraus zu machen glaubt. Spricht: Er sollte das Unternehmen verkaufen (und die Erbschaftssteuer aus dem Verkaufserlös finanzieren).
3 „Gefällt mir“

Das ist mindestens stark verkürzt - also in vielen Aspekten (Bevölkerung und Produktionen in Ostdeutschland oder ländlichen Räumen) schrumpfen wir schon jetzt und das bringt uns vor große Probleme, in diesem Sinne ist die “systemische Notwendigkeit” nicht gegeben… trotzdem gibt es das
Also Postwachstum gibt es sehr wohl auch als beobachtbares Phänomen, bisher nur als eher dystopisches

Das kommt nicht von mir, sondern vom Ökonomen Stefan Kooths. So wie ich sein Argument verstanden habe, hat er das generell aus der Mechanik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgeleitet. Es ging bei dem Gespräch allerdings auch nicht um eine überschaubare Besteuerung, sondern um die Frage nach Umverteilung im großen Stil, um die Vermögensungleichheit zu bekämpfen. D.h. also potenziell ein Unternehmen das vererbt wird wird vom Staat komplett übernommen weil der Erbe selbst nicht dafür gearbeitet hat. Ist dann hier im Thread vielleicht auch Fehl am Platz der Gedankengang.

Wir setzen also mal eine theoretische Erbschaftssteuer von 100% an und leiten dann daraus ab, dass eine Erschaftsteuer den Kapitalstock angreift?
Schade, dass Experte kein geschützter Begriff ist.

2 „Gefällt mir“

Dieses Thema wurde nach 16 Stunden automatisch geschlossen. Es sind keine neuen Antworten mehr erlaubt.