Ich kann @Marius_Schmidt hier nur beipflichten. Wenn Länder des globalen Südens mal wieder für den maßlosen Konsum und Verbrauch des globalen Nordens Ressourcen und Energie liefern sollen, dann ist das - vor allem in der Form, die Herr Bradtka anscheinend ins Feld führt - koloniale Ausbeutung. Vielleicht gibt es theoretische Szenarien, in denen so etwas auf Augenhöhe und beidseitigem Vorteil passieren könnte, ist aber im Kontext der Machtverhältnisse und Wirtschaftordnung mehr als unrealistisch. Diese kolonialen Kontinuitäten müssen finde ich erst einmal komplett unabhängig von der Frage der praktischen Umsetzbarkeit benannt werden. Sicher sind damit erst mal nicht viele Stimmen zu gewinnen oder Windkraftgegner:innen zu überzeugen, aber es geht ja auch darum, diese Strukturen zu erkennen und sichtbar zu machen (diesen Anspruch habe ich auch an die LdN, ein Kommentar wäre da schon sehr angebracht gewesen).
Zum Thema Marokko: das Land wurde ja als Beispiel angeführt, wo eine solche Energieproduktion für Europa (jedenfalls von den Eliten) gewollt ist. Richtig ist, dass Marokko ein ambitioniertes Programm für Erneuerbare Energien am Laufen hat und langfristig auch Energie nach Europa exportieren will (zur Zeit sind sie sehr abhängig von Gasleiferungen, größtenteils via Spanien, Algerien hat den Hahn gerade zugedreht und Marokko keine LPG Terminals). Aber genau dort ist die angesprochene neokoloniale Dimension unübersehbar: ein Großteil der Erneuerbaren Energie, die das Königreich erzeugt bzw. geplant hat, befindet sich gar nicht auf dem Staatsgebiet Marokkos, sondern in der völkerrechtswidrig besetzten Westsahara. Die Westsahara wurde nie entkolonialisiert, und die Ausbeutung ihrer Ressourcen (auch Wind und Sonne) verfestigen dort die illegale Besatzung und die damit einhergehenden, massiven Menschenrechtsverletzungen. Profitieren tut dort in erster Linie der marokkanische König (Betreiber der Wind- und Solarparks ist Nareva, Privatfirma größtenteils in Besitz des Königshauses), und internationale Konzerne, allen voran Siemens Energy.
siehe dazu auch die Beiträge Baerbock und Marokko - #8 von Kahanamoku
und
Urteil Europ. Gerichtshof zur Westsahara / rechtswidrige Praxis der EU / Spannungen zw. EU und Marokko