Ich habe Friedensforschung und internationale Politik studiert, fühle mich also zumindest rudimentär in der Lage, da eine Antwort drauf zu geben.
Erstmal sollte man festhalten, dass anders als man den Beitrag von @HaBaWu vielleicht verstehen kann, Friedensforscher nicht automatisch „Pazifisten“ sind (wie auch immer man den Begriff wiederum definieren will).
Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass „Frieden“ in der Friedensforschung in der Regel in zwei Aspekte geteilt wird:
- „Negativer Frieden“ = die Abwesenheit von physischer systematischer Gewalt
- „Positiver Frieden“ = Eine Gesellschaft ohne systematische Gewalt jeglicher Art
Letzteres ist natürlich immer eine Art „Work in Progress“, ändert aber nichts an der Tatsache, dass was Möchtegern-Friedensschaffer wie Sarah Wagenknecht als Ziel formulieren wenig mit dem zu tun hat, was tatsächliche „Friedensforscher“ für die Ukraine und Russland anstreben.
Drittens ist in der Friedensforschung meiner Einschätzung nach ziemlich unumstritten, dass zum Frieden immer das grundsätzliche Interesse aller wesentlichen Konfliktparteien gehört, eine Verhandlung überhaupt zuzulassen. Und da sind wir schon beim ersten großen Problem: Die gibt es meines Erachtens auf russischer Seite derzeit überhaupt nicht.
Bei anderen Konflikten würde man jetzt nach Möglichkeiten suchen, der „unwilligen“ Konfliktpartei Anreize zu schaffen, sich zumindest an einen Tisch zu setzen. In der Vergangenheit waren dafür beliebte Optionen harte Wirtschaftssanktionen, militärische Interventionen, Strafandrohung, etc. Gegenüber einem Akteur wie Russland ist es aber schwer, solche Anreize zu schaffen, vor allem wenn sich der Rest der internationalen Gemeinschaft (Westen vs. China) in der Notwendigkeit dieser Anreize nicht einig ist.
Wenn die militärische/politische Führung einer Konfliktpartei nicht Verhandlungsbereit ist, dann gibt es in der Regel die Möglichkeit, deren „Constituency“ (also zum Beispiel die Zivilgesellschaft) in irgendeiner Form mit ins Boot zu holen. Auch das scheint in Russland eher schwierig zu sein, ist aber vielleicht noch nicht ganz ausgeschöpft worden.
Am Ende des Tages würde es mich nicht wunder, wenn es auch „renommierte Friedensforscher“ geben würde, die eine stärkere militärische Unterstützung der Ukraine befürworten. Wohl aber mit einem erheblich stärkeren Angemerkt auf die Ermächtigung auch nicht-militärischer Stakeholder auf allen beteiligten Seiten.