Ich würde gerne folgendes zur Debatte beitragen:
In der Lage geht ihr auf die Aussage ein „Angst ist kein guter Ratgeber“. Dem würde ich prinzipiell nicht widersprechen. Würde es dann aber gleichzeitig auch auf mögliche Eskalationsszenarien anwenden, welche eine Unterstützung der Ukraine bestärken soll und bei denen - überspitzt ausgedrückt - Putin morgen vor Warschau oder gar Berlin steht, wenn wir heute die Ukraine nicht auf maximale Weise unterstützen.
Im deutschen öffentlich wahrnehmbaren liberalen Diskurs herrscht eine Alternativlosigkeit zu dem Gedanken, dass man die Ukraine bis zu einem Sieg unterstützen muss.
Genau dieser Diskurs ist meines Erachtens jedoch ebenfalls ein „schlechter Ratgeber“.
Ich kann die Argumente völlig verstehen, dass man 1. ein Zeichen setzen möchte, dass sich ein Krieg zur Durchsetzung von Interessen nicht lohnen darf sowie 2., dass Putin schwer zu trauen ist, da er auch in Vergangenheit in diplomatischen Verhandlungen oft gelogen hat.
Die Realität ist jedoch, dass dieser Krieg bereits seit über 2 Jahren andauert und es Russland auf der einen Seite nicht gelungen ist, bis nach Kiew vorzurücken und auf der anderen Seite die Ukraine es nicht geschafft hat, Russland hinter die Grenzen von 2022 geschweige denn 2014 zurückzudrängen. Daraus ergibt sich die Frage: Was ist denn ein ukrainischer Sieg, den wir mit den Waffenlieferungen zu verfolgen gedenken?
Realistisch betrachtet ist es nahezu ausgeschlossen, dass die Ukraine ihre Gebiete der Grenzen 2022 oder 2014 zurückerobern wird. Wollen wir weitere 2 Jahre den Status Quo aufrechterhalten, bis die ukrainische Armee keine Soldaten mehr hat und wir für das Erreichen der westlichen Ziele auch westliche Truppen entsenden müssten?
Die Ziele, so legitim sie auch sein mögen, sollten nicht um jeden Preis verteidigt werden.
Die Nachrichtenagentur Reuters bezieht aus vier unterschiedlichen russischen Quellen die Information, dass Putin zu Verhandlungen bereit sei. Ja, Putin hat in Vergangenheit oft gelogen und ihm ist zu misstrauen. Aber: Sollen wir es trotzdem unversucht lassen und auf den Maximalzielen beharren? Ich denke nicht, da, wie dargelegt, das Erreichen dieser entweder unrealistisch ist oder eine weitere massive Anzahl an Opfern fordern würde. Zudem steht mit einer möglichen Wiederwahl Trumps in den USA ein weiterer Unsicherheitsfaktor für die Umsetzung dieser Ziele im Raum.
Putin wurde bereits vermittelt, dass er auf massiven Widerstand stößt, wenn er die russischen Grenzen Richtung Westen verschieben will und die NATO Ostflanke wurde in den letzten 2 Jahren ebenfalls aufgerüstet. So traurig und unfair das sein mag, aber ich denke, man sollte sich mit dem Gedanken an Verhandlungen beschäftigen, versuchen ein möglichst großes Gebiet der Ukraine zu erhalten und in die EU einzugliedern sowie künftigen Expansionen Russlands Richtung Westen vorzubeugen. Und ja, ein nächstes Opfer kann trotzdem Georgien sein, aber das kann es auch werden, wenn die Maximalziele der Ukraine erreicht werden und das Massensterben um Russlands Expansionsdrang zu beenden muss aufhören.
Und außerdem: Was wäre das langfristige Ziel der westlichen Vorgehensweise? Soll Russland ab jetzt ein Paria-Staat bleiben, bis der Krieg vorbei ist und/oder Putin seine Macht verloren hat? Angesichts der Tatsache, dass Russland selbst mächtig ist und mit Iran und China mächtige Verbündete hat, ist es auch da völlig unrealistisch, dass der sog. Westen Russland aus dem globalpolitischen Geschehen verdrängt. Es braucht in irgendeiner Form wieder diplomatische Beziehungen, um in Zukunft nicht einer völligen Willkür Russlands oder gar einer ganzen Achse an „feindlichen“ Staaten ausgesetzt zu sein. Das geopolitische Kräfteverhältnis verändert sich gerade, und zwar nicht zum Gunsten des Westens. Ich bin mir nicht sicher ob eine Kluft zwischen dem Westen und anderen Ländern das ist, wonach der Westen streben sollte.
Ich möchte hier auf keinen Fall behaupten, dass meine hier dargelegte Sichtweise die richtige ist und die anderen dargelegten Meinungen falsch sind. Ich würde mir ebenfalls wünschen, dass Russland bis hinter die Grenzen von 2014 zurückgedrängt wird. Ich finde nur, dass es berichtigte Hinweise dafür gibt, mehr Raum für die „Verhandlungsperspektive“ im Diskurs zuzulassen.