Okay, ich fasse mal meine Perspektive zusammen.
Die USA haben sich aus unbekannten Motiven entschlossen, die jährliche russische Truppenpräsenz im erweiterten ukrainischen Grenzgebiet, mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit als Vorbereitung einer Invasion der Ukraine darzustellen. Ein Narrativ, das international stark medial aufgenommen wurde. Der angebliche Grund sind geheimdienstliche Erkenntnisse, dass ein Einmarsch geplant sei. (Wobei - wenn ich mich richtig erinnere - anfänglich eher die Massierung von Truppen selbst als Beweis einer Vorbereitung benannt wurde, obwohl sie nicht untypisch ist. Müsste man nochmal nachvollziehen.)
Unter dem Eindruck dieser Erzählung hat Russland diesmal offenbar eine besonders große Truppenpräsenz aufgebaut, was die Möglichkeit eröffnet, dass sie es wegen der Erzählung gemacht haben. Ähnliches gilt vielleicht für die gemeinsamen Manöverübungen mit und innerhalb von Weißrussland. Wobei zum Beispiel die ebenfalls durchaus sinnvolle Deutung, dass diese eine Reaktion auf den EU-Weißrussland-Grenzkonflikt im letzten Jahr sein könnten, gegenüber dem Narrativ vom Einmarsch keine Rolle spielt.
Obwohl Russland Absichten einer Invasion verneint, wird es vom Westen aufgefordert in Verhandlungen zu ihrer Abwendung einzutreten. Die darauf antwortende Veröffentlichung von Forderungen, bekannte russische Maximalpositionen seit 2008, wurde direkt in das Narrativ eingebaut als offenkundig nicht zustimmungsfähig, womit sie den Vorwand für einen Einmarsch darstellen könnten. Unbesehen des Umstands, dass von russischer Seite weiterhin kein solcher Zusammenhang hergestellt wird. Parallel wird nun seitens des Westens Russland offen mit Gegenmaßnahmen gedroht.
Nach dem Beginn der Manöverübungen im Februar und vor dem Hintergrund des Symbols eines Schulterschluss von Russland und China zum Beginn der Olympischen Winterspiele in Beijing kommt es zu einer gewissen Pause, weil der Zeitraum bis zum Ende des Wettbewerbs als unwahrscheinlicher Zeitpunkt für die Invasion gilt. Auch wird die nun seit Monaten anhaltende Erzählung vom sicheren Einmarsch der ukrainischen Regierung in ihrem wirtschaftsschädlichen Ausmaß gewahr und sie beginnt gegenzuhalten. Davon relativ unbeeindruckt spitzt sich zur Mitte des Monats die Erzählung aber wieder zu, die Krisendiplomatie gipfelt in einer Reihe von Spitzengesprächen und nun wird von einem unmittelbar bevorstehenden Einmarsch gesprochen, inklusive Nennung verschiedener spekulativer Termine. Es kommt zum Rückzug westlicher Staaten aus der Ukraine.
Diese Woche aufgrund des frühsten Invasionstermins am 16. Februar ziehen die Russen am Vortag in einer durchschaubaren Propagandaaktion einige Truppen ab oder verschieben sie oder filmen es zumindestens, um zu sagen das Gegenteil passiert. Die Manöverübungen sind dagegen noch nicht abgeschlossen und gehen weiter. Dadurch kann der kurze Erzählungstiefpunkt der Enttäuschung über die ausgebliebene Invasion überwunden werden, weil der Abzug als Finte präsentiert wird und damit wiederum als Anzeichen für die Einmarschpläne gilt. Der Rückzug der westlichen Präsenz, in diesem Fall Mitarbeiter der Special Monitoring Mission to Ukraine der OSZE scheint derweil Wirkung zu zeigen und es kommt zu vermehrten Verstößen gegen die Waffenruhe an der Grenze zum Separatistengebiet im Donezbecken.
Also man kann sich natürlich der Vorstellung hingeben, dass Russland längst einmarschiert wäre, wenn es nicht die von US- und auch britischer Seite offensiv geförderte, eskalierende Erzählung als Abschreckung gäbe oder die Drohung mit Maßnahmen. Wobei man dann zumindestens zugestehen müsste, dass es Russland nicht von all den Schritten abgehalten hat, die als fortgesetzte Zeichen russischer Eskalation gedeutet werden. Ich sehe dagegen ein Narrativ, dass nicht nur eine fragwürdige Bilanz an Unterstützung gegen Wirtschaftsschäden für die Ukraine gebracht hat, sondern vorallem eine tatsächlich gefährliche Situation in der Ostukraine hergestellt haben könnte.