Genau das wollte ich: diskutieren, ob und wie Ausgangssperren sich auswirken. Wie gesagt, ich habe recherchiert, auf Deutsch und Englisch, und nichts gefunden. Wenn es also nichts gibt, ist es doch interessant darüber Mutmassungen anzustellen.
Ich höre jede Woche das „Corona Update“ mit Drosten und Cisek. Da geht es in der Hälfte der Zeit um Studien, die ein paar gesicherte Zahlen haben, der Rest sind Annahmen, deren eigentlich einziges Kriterium Plausibilität ist. Oft genug wird dieselbe Studie eine Woche später als nicht mehr haltbar bewertet, weil die Annahmen sich als zu fehlerhaft erwiesen haben.
Und so geht es in der Forschung und der technischen Entwicklung ständig dahin: Zuerst geht man von Theorien (Annahmen) aus und dann verwirft man sie oder behält sie je nachdem wie der nächste Versuch ausfällt, usw usw.
Meine Herleitung, wie ich auf das 360-fache an Kontakten komme, ist in sich logisch, aber die einzelnen Werte können je nach Einschätzung verändert werden. Wie ich auf 1000 Leute komme, hätte ich schon ausführlicher darstellen können, aber erstens ist das ein Forenbeitrag und kein Thesenpapier, zweitens ist es solang egal, wie jemand wie du eine plausiblere Zahl begründen kann.
Wenn man nur Dinge (vor allem politisch) diskutieren darf, für die man belastbare Daten hat, dann fällt so ungefähr drei Viertel der Themen weg (wieder so eine Zahl, die dir nicht gefallen wird, aber man muss doch Grössenordnungen annehmen um überhaupt eine Diskussion unklaren Ursachen von Ereignissen oder von den wahrscheinlichsten zukünftigen Ereignissen griffig zu machen) - es sei denn, man labert lieber so allgemein herum und ist danach so schlau wie vorher.
Wenn es nach deiner Definition ginge, dürfte man auch im Nofall keine Massnahme treffen, solange man keine bewiesenen Zahlen hat. Da wären wir mit Corona komplett auf die Nase gefallen.
Eben die besagten Bürgermeister: Sie haben Augen im Kopf und sehen, dass die Leute nachts unterwegs sind. Nachdem die Kneipen zu sind, wird ein Teil nur spazierengehen, der andere Teil wird sich mit anderen Leuten treffen. Der Begriff „nächtliche Wohnungstreffen“ kommt von diesen BMn und nicht von ungefähr, die werden darüber informiert worden sein und sie haben es als Problem eingestuft - ohne Zahlen scheinbar, dennoch schwer genug, um die plausibelste Gegenmassnahme zu ergreifen, ganz wie ich das auch tun würde. Wiederum nach deiner These, müsste man alles laufen lassen, weil der Beweis nicht vorliegt, dass es erstens ein Problem ist, zweitens, dass die Massnahme wirkt.
Es sind ja auch schon unwirksame Massnahmen ergriffen worden aufgrund von Spekulation. Sie erschienen für die Entscheider sinnvoll zu dem betreffenden Zeitpunkt. Andere (Nicht-Entscheider) haben sie möglicherweise von Anfang an kritisiert, vielleicht mit den zutreffenderen Argumenten. Aber die Wirksamkeit zeichnet sich ja erst im weiteren Verlauf ab. Man müsste also sagen: es war richtig, den Versuch zu machen im Vergleich zum Nichtstun. Sonst hätte man nicht einmal die Erkenntnis der Unwirksamkeit, die fast so wertvoll ist wie die Erkenntnis von Wirksamkeit.
Das ist jetzt viel länger geworden als ich wollte. Ich denke, ich werde dich nicht überzeugen können von der „Theorie“ der Diskussion ohne gesicherte Fakten. Ich diskutiere sehr viel mit ein paar Leuten, die das auch so machen wie ich. Wir starten mit oft sehr verschiedenen Ansätzen, Annahmen, Theorien und es ist nicht selten, dass wir am Ende beinahe einig sind. Das ist sehr befriedigend. Voraussetzung ist, dass jeder Teilnehmer von sich selbst absieht (also nicht beweisen will, dass er der Schlauste und Schnellste ist) und wirklich nur die bestmögliche Erkenntnis zum Ziel hat. Wenn man Übung darin hat, ist es supereinfach, die eigene Ausgangstheorie fallenzulassen und die bessere Theorie sich anzueignen - bis die vielleicht abgelöst wird von was noch Besserem.
Ich möchte damit vor allem deine leise Unterstellung von Rechthaberei meinerseits entkräften. Ich möchte einfach nur gerne wissen, wie eine Sache aussieht, wenn man sie dreht und wendet bis es nichts Neues mehr zu finden gibt - für den Moment.