Eine Verteidigung der Schuldenbremse

Der Unterschied ist vergleichbar zum unterschiedlichen Verhältnis, dass der Staat zum Straßennetz in Deutschland hat gegenüber dem der ganzen Privatleute und -unternehmen, die auf den Straßen herumfahren. Letztere nutzen die Straßen - und fertig. Auf den Straßen fahren natürlich auch die Organe des Staates herum - auch die müssen sich an die Regeln halten, usw. Aber zusätzlich macht der Staat die Verkehrsregeln und baut die Straßen. Ähnlich verhält es sich mit dem Geld, genauer: dem gesetzlichen Zahlungsmittel.

Ich hatte kurz nach dem Mauerfall als frisch diplomierter, unerfahrener Volkswirt den Job, im Auftrag des Arbeitsamtes Menschen in Umschulung in Sachsen eine Einführung in die Grundlagen der (wettbewerblichen) Wirtschaft zu geben. Dabei ging es um so grundlegende Dinge wie, nach welchen Kriterien Menschen das eine Produkt dem anderen vorziehen und welche strategischen Überlegungen sich daraus für Unternehmer ergeben. Dabei wurde mir damals als unerfahrener Grünschnabel von den oft ziemlich lebenserfahren Menschen in Diskussionen über den ökonomischen Mehrwert (wie sich mir erst später eröffnete) a la Marx verwickelt. Rückblickend bestand damals nicht ein Hauch von Chance, irgendwie auf einen Nenner zu kommen, weil die grundlegenden Prämissen und Menschenbilder so unterschiedlich waren, dass wir uns gegenseitig verständnislos als Alien angesehen haben.

An diese Gefühle fühle ich mich gerade wieder erinnert. Wir sind an einem Punkt, an dem es für mich keinen Sinn mehr macht, die Diskussion fortzusetzen …

Habe ich etwas verpasst? hat hier jemand materialistisch Argumentiert? Ich hatte doch eher das Gefühl dass hier ganz zaghaft ökonomische Theorien etwas pluraler besprochen wurden.
Aber vielleicht ist steht dies auch sinnbildlich für das dogmatischen Entrenchments der modernen WiWi durch den Versuch der Formalisierung hat man Prämissen zu Gesetzen erklärt, deren Kritik kaum noch möglich ist. Zumindest innerhalb der WiWis.

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kurz mal eine Anmerkung weil du und viele Andere dem Club der Empirie-Freunde angehören. :smirk:

Verbessert mich bitte aber ich halte noch viel von dem Prinzip , Theorie (kann auch eine Utopie sein) denken, praktisch prüfen, vergleichen und Ergebnisse Veröffentlichen.

In der Naturwissenschaft tut man sich da leicht weil praktischen Tests und Messungen jederzeit und oft nicht zwingend durch Menschliches Handeln sofort wieder verändert werden.

In der Wirtschaftswissenschaft ist das nicht gegeben! Wenn wir über Theorien oder vielfach Utopien reden können diese nicht einfach überprüft werden. Um diese zu prüfen müßte man sie erstmal Umsetzen was vielfach nicht geht oder nur eine Ergänzung zum aktuellen Status Quo wäre, was dann natürlich viele Änderungen im menschlichen Verhalten völlig außen vor lassen würde.
Somit finde ich es immer spannend wenn in der Wirtschaftswissenschaft immer auf Empirie verwiesen wird wo es keine geben kann. Man muss sich hier viel trauen, was keiner tut!
Im übrigen heißt empirisches Belegen nur „aus Erfahrungswerten bzw. aus ersichtlicher Nachvollziehbarkeit“ Von Ergebnissen die dann zu 99% stimmen sind wie auch hier weit entfernt!

Am besten zeigt es die Aussage vom DIW-Berlin Präsidenten Fratscher, der mal in einem Interview gesagt hat der er nicht Theorien hinterherläuft, sondern gegebenes analysiert und versucht darauf die Richtungen die zu gehen sind ab zu leiten.
Wie groß die Schritte sind die wir mit dieser Einstellung gehen können sollte jedem klar sein.

Nicht falsch verstehen, ich halte empirische Arbeit für sehr wichtig und richtig aber wenn wir Theorien nicht mehr verfolgen weil wir sie nicht prüfen können, dann gute Nacht!

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Über Theorien kann man lange diskutieren, keine Frage. Aber es gibt ja noch den Abgleich mit der Realität: wenn es z. B. bei der öffentlichen Verschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung ab irgendeinem Punkt zu grundsätzlichen Problemen wie rapidem Zinsanstieg, Wertverfall der Währung, etc. kommen muss, wäre dann nicht Japan die erste große Volkswirtschaft, wo dies bei einer Schuldenquote von inzwischen ca. 250% (Staatsverschuldung zu Bruttoinlandsprodukt) sichtbar werden müsste? Der Befund ist jedoch unauffällig.

Nun kann ich hier ein Traktat verfassen, warum auch aus theoretischer Sicht keine solchen Probleme zu erwarten sind. Was Japan (und die EU und die USA und China, etc.) von Staaten wie Zimbawe, Argentinien, etc. (die wir mit Staatsschuldenkrisen in Verbindung bringen) unterscheidet. Undsoweiter. Und du kannst sagen, dass mein theoretisches Fundament schon im Ansatz mit deinem inkompatibel ist und daher eine Diskussion nutzlos ist. Ok.

Aber dem Realitätscheck muss sich ja auch deine Vorstellung der Welt stellen. Und wenn es da kracht, wäre es angezeigt, deine Theorie mal zu überdenken. Zumindest solltest du dich nicht auf deren Vorhersagen verlassen.

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So sehr ich @Guenter und @Der_Chris zustimme, so sinnlos ist dennoch die Diskussion (und hier stimme ich auch mit @TRq überein):

Das Thema ist gerade so, als würde man einen orthodoxen Christen versuchen vom Hinduismus zu überzeugen. Vieles des Konstrukts baut auf Glauben auf, nicht nur der Bereiche, die darauf Einfluss nehmen können (Regierungen, (Zentral-)Banken, etc), sondern auch der indirekt Teilnehmenden (also uns).

Wie Der_Chris schreibt:

Und selbst rückblickend ist eine Bewertung schwierig, da ja ständig an den Parametern gedreht wird (mit ständig meine ich jetzt nicht jedes Jahr, aber sicherlich mehrmals in den letzten 100 Jahren), so dass man alle positiven als auch negativen Erkenntnisse darauf abwälzen kann.

Wenn dich das interessiert, kann würde ich dir empfehlen mal den Positivismusstreit nach zu lesen. Einer der zahlreichen Punkte ist dabei nämlich auch die Frage inwiefern es die Induktion als reine Anleitung durch die Empirie überhaupt gibt.

Das etwas banale an der These der Falsifizierbarkeit ist, dass Sie eigentlich keine richtige Methode ist, sondern eine epistemologischer Unterbau zur Frage der Wissenskonstruktion. Denn Falsifikation ist ja letztlich nicht viel mehr als ausprobieren mit anderen Worten es ist der Prozess und nicht die Methode der Forschung selbst, also die Forscher im Labor die ein Protein erstellen wollen und dann einfach mit ihren Reagenzien und Maschinen ausprobieren was funktioniert. Vielleicht kennt jemand das Buch mir ist der Name entfallen zu der Forscherin die einfach rum gegangen ist und Forscher zu ihrer Laborpraxis befragt hat. Die andere Sache der Falsifizierbarkeit ist halt die Frage ab wann denn eine (Groß)Theorie als widerlegt betrachtet werden kann, wenn man eigentlich nur einzelne abgeleitete Hypothesen überprüfen kann und zum anderen gilt halt auch forschungspraktisch, dass Theorien die ganze Zeit erweitert werden bzw. Forscher auch nicht zwangsläufig von ihrer Theorie/These/Prämisse ablassen nur weil sie widerlegt wurde (stichwort homo oeconomics).

Die neoliberale Theorie hat in dem Sinne tatsächlich keine Theorie insofern dass sie keinen Begriff von Gesellschaft hat, das ist eher eine Art Überlebenskampf einzelner Subjekte. Das unterscheidet diese Theorie auch grundlegend vom Liberalismus und der damit verbundenen Wirtschaftstheorie, Welche durchaus egalitäre Ansprüche durch ihren Begriff von Gesellschaft hat. Ebenso erklärt es warum aus dem Chile von Pinochet zugleich eine so extreme Miltärdiktatur und neoliberales Flaggschiff werden konnte bzw. warum Friedmann so viel Interesse daran hatte und seine Leute darunter zu schicken.
Ohne jedoch diese spezifischen Begriffe bzw. Theorie lässt sich halt schwer diskutieren, weil es keine Herleitung gibt die man kritisieren könnte, weshalb auch nur auf das Menschenbild verwiesen wird.

Es gibt ja schon Methodiken zur Überprüfung von Theorien, die auch jenseits der Empirie liegen und diese direkte Differenz zwischen nawi und sowi gibt es zumindest im Bezug auf den konstruktiven Aspekt von Theorien (bzw. Wissen) auch eigentlich nicht. Nicht zuletzt viele Physiker aber gerade auch Mathematiker sind sich dem konstruktiven Aspekt bewusst und führen entsprechende theoretische Diskussion auch (zumindest in Teilen) lösgelöst von der Empirie (siehe Grundlagenstreit in der Mathematik, Kritik an der ästhetischen Konstruktion von Theorien in der Physik oder die Theorien zu Parallelwelten bzw. Verbindung von Teilchenphysik mit Gravitation). Ich habe manchmal das Gefühl dass vor allem Wissenschaftler_innen in Bereichen deren Vermittlung zwischen Theorie und Empirie besonders schwierig ist, sich entsprechend unwohl mit der Methodenpluralität in ihrer Wissenschaft fühlen und dann anfangen, in Anlehnung an die Nawis als Vorbild einer wissenproduzierenden neutralen Wissenschaft, ihre eigene Wissenschaft zu formalisieren und (rein) empirisch auszurichten. Diese methodische Engführung führt jedoch zu einer Fragmentierung des fachspezifischen Wissens, da empirische Theorien meist kaum erklärungstechnische Reichweite haben und sich ohne größere Theorie auch nicht verbinden lassen. Stattdessen werden beeinflussende Faktoren gesucht und aneinandergereit bis man gar keinen Überblick mehr hat, was das jetzt eigentlich Aussagen soll. So geschehen bei der Prognose der Dresdner WiWis die Arbeitslosigkeit würde steigen, wenn der Mindestlohn eingeführt werde. das ist zwar nicht eingetreten, aber die Erklärung war dann dass einzelne Variablen nicht stimmten, das Modell sei aber richtig. Bei so einem Forschungsprozess lässt sich halt nichts mehr falsifizieren.
Aber das sind auch nicht nur die WiWis, die Akademie der Soziologie hat den selben Anspruch und in der Psychologie hat dieser Prozess die Reproduktionskrise begünstigt. Bzw. man muss sich in der Psychologie auch mal die ganzen verschieden kognitiven Biases anschauen, die sich teilweise kaum von einander trennen lassen. Das kann man nur auswendig lernen zu verstehen gibts da nichts ^^
Allerdings ist mein persönlicher Favorit, ja die Teile der Biologie, welche immer noch jede Form des Sexualverhaltens, auch wenn sich die Rolle der Sexualität und jene der Geschlechter noch so sehr verändert immer stur ableiten vom völlig diffusen Begriff des evolutionären Vorteils. Entsprechend ist dann diese „Forschung“ auch die Grundlage für die Ideologie der Incels.

Grundlegend ist dieser Anspruch allerdings nicht neu sondern ein steter Begleiter in der Wissenschaft bspw. haben die frühen Soziologen, das Gebiet auch als soziale Physik betrachtet oder die Versuche des Wienerkreises die Induktion zu beweisen etc. Das hat halt nur jetzt besonderen Auftrieb, weil der technische Fortschritt eine breite Anwendung der statistischen Methodik ermöglicht

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Ich habe nicht ohne Grund die obigen Zitate zitiert, bevor ich gesagt habe:

Alle obige Aussagen stehen so diametral gegen alles, was ich über die Materie zu wissen glaube, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, zu argumentieren. Ich kann doch schlecht hier ein Seminar über die Grundlagen der Volkswirtschaften darlegen. Zumal wissend, dass das auf taube Ohren stoßen sollte.

Wirkungszusammenhänge wie auch zugrundeliegenden Prämissen lassen sich sehr wohl empirisch überprüfen, z.B. mittels ökonometrischen Modellen und Statistik. Das gab es schon zu Zeiten meines Studiums und hat seit dem massiv zugenommen.

Ja, jede Theorie muss sich mit der Realität messen lassen. Das gilt auch für die oben zitierten Behauptungen. Die sind in der Realität meiner Welt schlicht falsch. Wahrscheinlich ist das unhöflich, aber mir fehlt Zeit und Muße, dies noch zu argumentieren. Ich muss ja auch nicht argumentieren, warum der Himmel nicht grün ist.

Mit Utopien oder mit „Theorien“, die einer Fantasie entspringen, die mit nichts, was man kennt und weiß, irgendwie in Einklang bringen kann, kann ich keine Argumentation nachvollziehen, warum sich ein Staat, anders als alle anderen Wirtschaftssubjekte, schadlos beliebig verschulden kann.

Solange die Forderungen in der eigenen Währung notieren, kann ein Staat bzw. seine Zentralbank Forderungen beliebiger Höhe bedienen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den übrigen Wirtschaftssubjekten, die das Zahlungsmittel für Zins und Tilgung ihrer Verbindlichkeiten nicht selbst herstellen können.

Die Frage ist also eher, unter welchen Bedingungen die Verschuldung des Staates ein Problem darstellt. Denn genau das Problem, das alle übrigen Wirtschaftssubjekte damit haben, das hat der Staat nunmal nicht (solange die Verschuldung in eigener Währung erfolgt). Natürlich gibt es solche Bedingungen, aber sie haben nichts mit der Höhe der Verschuldung zu tun.

Das sind nun triviale Fakten, die auch du nicht bestreiten wirst.

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Du fährst da viel zu große Geschütze auf. Wirtschaftswissenschaft ist politisiert und damit auch stark ideologisiert. Da wollen viele Akteure, dass etwas wahr ist. Sei es, dass Lohnerhöhungen grundsätzlich die Nachfrage stärken und darüber sich für die Unternehmen quasi automatisch refinanzieren. Also soll sich die Arbeitgeberseite mal nicht so haben bei den nächsten Tarifverhandlungen. Oder dass ein Mindestlohn umgehend zu Arbeitsplatzverlusten führt, weil nur der am „Markt“ ausgehandelte Lohn den gesamtwirtschaftlichen Optimalzustand darstellt. Also soll die Politik bloß die Finger von dieser Art der Regulierung lassen.

Dabei ist die Wirtschaftsentwicklung von sovielen Faktoren abhängig, dass man eigentlich jedes Mal dazu sagen müsste: „Vorausgesetzt, dass A, B, C … gegeben sind, wird Maßnahme X zum Ergebnis Y ± ΔY führen.“

Sowohl die Randbedingungen wie auch die Unsicherheiten werden aber in öffentlichen Verlautbarungen außen vor gelassen. Weil es gar nicht darum geht. Das ist ja keine akademische Diskussion, sondern dient (ganz ohne Wertung) der Meinungsmache. Wer sich da betätigt, der will in die Gesellschaft hineinwirken. Um Erkenntnisgewinn geht es an diesem Punkt schon nicht mehr. Solche Leute gehören eigentlich in die Poltik - fühlen sich aber unter dem Schutzschild vermeintlicher wissenschaftlicher Objektivität wesentlich wohler.

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Natürlich ist das zugespitzt und holzschnittartig und bedürfte in der einzelnen Diskussion sicherlich einer gewissen Relativierung. Zum einen war es vor allem eine Reaktion auf den unreflektierten Gebrauch epistemologischer Buzzwords als rhetorisches Mittel. Zum anderen hab ich halt die Erfahrung gemacht sowohl im Studium als auch in Gesprächen mit WiWis, dass wenig Interesse daran die Theorie etwas pluraler zu denken oder wenigstens Kritik, die über die einfach Modellierung hinausgeht, zu betreiben das gilt sicherlich nicht für alle. Es erinnert ein wenig an Gespräche mit stark orthodoxen Marxisten oder Esotheriken, (womit wir wieder bei der Ideologie wären) wenn man gewisse Prämissen nicht akzeptiert, entfällt jegliche Diskussion. Es besteht schlicht kein Interesse daran die andere Person auch nur zu widerlegen.

Eigentlich soll der ganze Abschnitt eine Dynamik die ein spezifische Vorstellung von Wissenschaft zur Hegemonie verholfen hat. Auch wenn ich die Funktion, sowie die Praktikabilität dieser formalisierten Vorstellung von Wissenschaft anerkenne, führt diese halt zu gewissen Problemen. Ist ja auch nicht so als könnte ich nicht verstehen, dass nicht jeder Lust hat sich den argumentativen Sumpf zu begeben der Epistemologie und die Sozialwissenschaften nun mal sind. Diese formalisierte Perspektive gibt einem als Person, welche sich als wissenschaftlich denkend oder sich als Forscher betrachtet, neben der Frage, wie umfassend die Perspektive denn in der Lage ist wissenschaftliches Arbeiten zu gewährleisten, bildet die Methode halt auch eine Stütze für dieses Selbstverständnis. Der Sumpf bietet halt weniger Orientierung für das Selbstverständnis von der Erlangung bzw. Produktion von Wissen im Sinne von Gesetzmäßigkeiten. Witzigerweise hat die Mathematik hier fast einen mythischen Charakter entwickelt in der Frage was man als Fakt bezeichnen kann und was nicht. Deswegen fasziniert mich der Grundlagenstreit auch so sehr. Aber das ganze würde mich wohl auch weniger stören, wenn sich nicht regelmäßig die Banalität im Denken die spezifischen Selbstverständnis Bande brechen würde. Ob das der Physik Prof aus Hamburg ist der denkt mit rechten Youtubevideos erklären zu können Covid sei aus einem chinesischen Labor verbreitet worden, einer der Entdecker der DNA Schwarze für weniger intelligent hält, ein Chemie Nobelpreisträger denkt er könnte mit Vitaminen Krebs und HIV verhindern oder um ein weniger schlimmes Beispiel zu nennen die Thesen Hawkings zur Erkenntnistheorie. Die Leute waren in ihrem Fachgebiet genial, nur wenn sie dies auch nur ein wenig verlassen offenbart sich plötzlich, wie unreflektiert diese Verengung des Wissenschaftsbegriffes eigentlich ist. Im besten Fall hat das keine besonderen Folgen im schlimmsten Fall legitimiert es diskriminierende Ideologien.

Der besondere Bezug auf WiWi bezieht sich halt daraus, dass unter den Sozialwissenschaften die Wirtschaftswissenschaft die Speerspitze dieser Entwicklung darstellt.

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Ich finde nicht das hier jemand bekehrt werden müsse. Ich kenne die allgemein gültigen Theorien der Wirtschaftswissenschaften sehr gut, aber das heißt doch nicht das man sich vor neuen und anderen Ideen verschließen muss nur weil sie die vermeintlich großen Experten weiterhin ignorieren!
Es gibt sehr gute Bewegungen und Experten die weiter denken als nur den Status Quo zu optimieren oder zu verkomplizieren.

Ich kann dir dazu nur folgendes ans Herz legen.

dort speziell die Serien der #Economists4future
sowie die plurale Ökonomie

Ein bißchen was neues schadet nie :wink:

Doch! Es gibt, außer vielleicht eine handvoll Länder, kein Land, in dem die Regierung noch Herrin über die „Gelddruckerei“ bzw. Zentralbank ist. Im Gegenteil: Die Staatsfinanzierung über die Zentralbank ist in vielen Staaten verboten.

die.

Und das ist aus gutem Grund verboten: Denn in sehr vielen Staaten, in denen das so war, gab es hohe, z.T. Hyperinflation, oft mit anschließendem Staatsbankrott.

Ja, die EZB kauft Staatsanleihen, um die Wirtschaft mit Liquidität zu fluten und damit die Zinsen niedrig und die Investitionen hoch zu halten. Aber die EZB kauft diese nicht vom Staat, sonder auf Sekundärmärkten. Und wir beobachten auch nicht, dass die Staaten zur Finanzierung ihrer Ausgaben die Märkte mit Staatsanleihen fluten, die die EZB dann wieder absorbieren würde.

Das sind die trivialen Fakten. Bestreitest Du sie?

:joy:! Sagt der, der eine „Tatsache“ / „Fakt“ nachdem anderen aufstellt, der aus dem Bereich „wünsch Dir was“ kommt, aber nicht aus der Mehrheit der empirischen Wirtschaftswissenschaftler

Ich habe überhaupt kein Problem mit Neuem und arbeite nicht ohne Grund von Anfang an nicht als Volkswirt — weil ich der Disziplin mehr als kritisch gegenüberstehe. (ich war derjenige, der um Erklärung gebeten hatte, weil ich verstehen wollte)

Aber von neuen Ideen fordere ich, dass sie fundiert und logisch sind und sich einer Falsifizierung und empirischen Untersuchung nicht entziehen.

Aber danke für den Verweis auf Makroökonom. Ist mir schon öfters über den Weg gelaufen

Sieht man von der EZB ab, so sind die (nationalen) Zentralbanken selbstverständlich Teil der jeweiligen (nationalen) Staatlichkeit und auch unter wenigstens mittelbarer der Kontrolle der Regierungen.

Und selbst wenn die direkte Staatsfinanzierung explizit ausgeschlossen ist, wie im Falle der EZB, findet sie dennoch - dann eben indirekt - statt, sobald die Situation es erfordert.

Dazu reicht ein Blick auf diese Grafik: https://graphics.reuters.com/GLOBAL-BONDS/azgvoznnapd/chart.png

Hätte die EZB nicht so gehandelt, wie übrigen Notenbanken, gäbe es die Eurozone heute nicht mehr. Solange eine Notenbank ihre Währung erhalten will, wird sie, wenn dies zur Stabilisierung notwendig ist, auch Staatsfinanzierung betreiben müssen. Wie man diesen Vorgang dann technisch nennt, um nicht in offensichtlicher Weise das Recht zu brechen (was wiederum - politischer Wille vorausgesetzt - mit einem Federstrich zu ändern ist), ist der Phanasie überlassen.
Wenn als nötig erachtet, landen am Ende die Staatschulden in den Bilanzen der Notenbanken und nur darum geht’s.

Na klar. Der Anstieg der des Anteils der Staatschulden in den Bilanzen der Notenbanken während der COVID-19-Pandemie (sieh die Grafik oben) ist genau darauf zurückzuführen.

Preissteigerungen auf breiter Front sind das Ergebnis von Überauslastung des Produktionspotential eines (Volks-)Wirtschaft und/oder von Preissteigerungen bei den eingehenden Produktionsfaktoren (hier am wichtigsten: die Löhne). Das Hochfahren staatlicher Ausgaben kann zu sowas führen, wenn große Teile der Wirtschaft bereits nahe der Vollauslastung operieren. Dabei ist es aber völlig egal, ob die Stand der öffentlichen Verschuldung bei 20% oder 200% der jährlichen Wirtschaftsleistung liegt. Japan krebst bei massiv ansteigenden Staatsschulden schon seit bald drei Jahrzehnten bei niedrigsten Inflationsraten, sogar Phasen der Deflation, herum. Da kompensieren die (schuldenfinanzierten) staatlichen Ausgaben jedoch gerade so die (im Vergleich zu der Zeit bis ca. 1990) deutlich zurückgegangene Auslastung der Wirtschaft durch private Nachfrage.

Wenn es irgendeinen Konnex zwischen Schuldenstand/Neuverschuldung und Inflation gäbe, in Japan müsste er zu besichtigen sein. Doch nein, dem ist nicht so.

Was es natürlich gibt, das ist die grundsätzliche Begrenztheit der Dinge. Die Arbeitskräfte, den Zement, die Stahlträger, etc., die durch staatliche Nachfrage von Markt genommen werden, können nicht gleichzeitig in der Privatwirtschaft zum Einsatz kommen. Da ist der mögliche Treiber von Inflation zu suchen.

Die Gefahr einer dauerhaften Überauslastung der globalen Produktionskapazitäten scheint mir in der aktuellen Lage jedoch weit hergeholt. Und nur dann müssten wir uns ernsthaft über Inflation (sowie von den Notenbanken getriggerte Zinsanstiege, um diese zu verhindern) Sorgen machen.

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EZB, alle nationalen Notenbanken in der EU, die FED (USA), Bank of England, … alle sind sie institutionell unabhängig von der Regierung.

Ja, in Krisensituationen wie Finanzkrisen oder Pandemie. Abgesehen davon ist in allen genannten Staaten (und vielen mehr) die Staatsverschuldung (jährliche Schuldenaufnahme) gesunken, wie auch Deine Grafik indirekt bestätigt. Du kannst also nicht diese Daten als Beleg dafür angeben, dass Staaten sich schadlos unbegrenzt verschulden können.

:no_mouth:

Maßgeblich für Inflation (und schädliche Wechselkurswirkung!) ist nicht die Verschuldung, sondern Neuverschuldung, die für konsumtive Ausgaben verwendet wird — es sei denn sie kompensiert lediglich wegbrechende private oder Unternehmensnachfrage, wie Dein Blick nach Japan zeigt,

Du kannst doch nicht irgend ein einzelnes Land mit einem ganz spezifischen Spezialproblem — seit Jahrzehnten zurückgehende Unternehmensnachfrage/-produktion aufgrund extrem hoher Lohnkosten (was im übrigen ein Ausdruck von Inflation ist, ebenso wie massiv steigende Immobilienpreise) — als Beleg heranziehen, dass der seit über hundert Jahren empirisch belegte Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation nicht existiert.

Darf ich nochmal an die Ausgangsfrage erinnern: Soll die Schuldenbremse gestrichen werden? Oder vielmehr modifiziert (wie von mir vorgeschlagen). In dem Zusammenhang habe ich danach gefragt, mit welchen Argumenten sich der Staat - anders als alle anderen Wirtschaftssubjekte - denn schadlos beliebig verschulden könne.

Sorry, aber das ist einfach Quatsch. Vermögen kommt nicht durch Leihen oder Verleihen zustande.
Illustrativ: Wenn ich einen Sack Gold habe, ist das ein Vermögen, ohne Verleih. Und das kann ich mir auch ohne solche Operationen erwirtschaften, nämlich, indem ich Leistungen erbringe, für die jemand anderes mehr bezahlt als sie mich kosten.

Die Schuldenbremse ist eigentlich - finanzwirtschaftlich gesehen - ziemlicher Unsinn, wenn man das Ziel verfolgt, zukünftige Generationen nicht unnötig zu belasten bzw. zu benachteiligen. Denn diese Schuldenbremse misst das gar nicht. Selbst das Institut der Wirtschaft Köln (Herr Hüther) hat das jetzt mal endlich nach vielen Jahren verstanden.

Auf Landes- und auf Bundesebene exisitieren nur sog. kameralistische Systeme des Rechnungswesens (also pagatorische Einnahmen/Ausgabensysteme) . Nur auf komunaler Ebene bestehen in Deutschland Doppik bzw. doppische Systeme des Rechnungswesens (also eine Bilanz mit Ergebnisrechnung und mit Cash Flow Rechnung).

In einer Bilanz wird die Höhe des Eigenkapital ausgewiesen bzw. ist errechnet dargestellt .Ein negatives Eigenkapital entspricht einer Belastung zukünftiger Generationen bzw. ein Nachteil für diese. Ein positives Eigenkpaital zeigt an, dass mehr Vermögensgegenstände (Assets) als Schulden (Liabilities) hinerlassen werden. Also kein Nachteil für zukünftige Generationen.

Das Problem ist also nur, dass die Landes- und die Bundesregierungen das Buchhaltungssytem mal so umstellen. Das wollen die Politiker natürlich nicht. Denn dann würde herauskommen, dass das Eigenkapital vermutlich bereits seti Mitte der 1990er Jahre negativ ist und z.B. die letzte Rentenreform riesige zusätzliche Schulden verursacht hat (einige Schätzungen gehen von ca. 325 Mrd. EUR Belastung für den Staatshaushalt bis 2040 aus)

Es kommt also nur darauf an, ob die neuen Schulden produktiv bzw. als Investition (erzeugen zukünftige Erträge und verbessern das Eigenkapital) oder konsumptiv (erzeugen neue zukünftige Aufwendungen und und verrrignern das Eigenkapital) verwendet werden.

Eine Schuldenbremse berücksichtigt das so nicht entsprechend. Daher ist die eigentlich sinn- und wirkungslos.

P.S. wenn man die Etats- und Sondervermögen (! das sind in Wirtklichkeit große Schuldenblöcke) des Bundes, die Nebenhaushalte der Länder und des Bundes anguckt, kann man einen echt depressiven Eindruck bekommen. Es gibt leider aktuell keine seriösen Berechnungen / Schätzungen zum Eigenkpaital des Deutschen Staates.

In Hessen hat man in 2009 das einmal für 2008 errechnet. Auf der Passivseite der Bilanz standen die Pensionsrückstellungen für Beamte mit 38 Milliarden Euro in der Bilanz, übrigens war das der größte Posten von insgesamt 88 Milliarden Euro Passiva. Da das Landesvermögen damals nur ca. 30 Milliarden Euro wert ist, hatte Hessen ein negatives Eigenkapital von (-) 58 Milliarden Euro, also -65 % Eigenkapitalquote.

Einige Hochrechnungen gehen für Gesamdeutschland von ca. -50 bis -80 % (negativer) Eigenkapitalquote.aus. Aber das ist leider nicht vollständig überprüfbar, weil der deutsche Staat weitestgehend nicht bilanzeiert, die für Unternehmen geltenden Transparenzregeln nicht für sich nutzt und auch nicht entsprechend publiziert.

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Und wie kommt das Geld in die Welt, mit dem du für deine Leistung bezahlt wirst? Glaubst du, das war ein einmaliger Akt der Schöpfung bei Einführung der Währung und die Geldmenge ist seit Einführung der Deutschen Mark (oder des Euro) konstant geblieben ist? Also kämen Überschüsse bei den Sparern nur dadurch zustande, dass zwischen denen umgeschichtet wurde, die Profite erwirtschaftet haben zulasten derjenigen, die weniger „erwirtschafteten“ als sie ausgegeben haben? Falls du das annimmst, liegst du falsch.

[quote=„ChristianF, post:58, topic:7885“]
Illustrativ: Wenn ich einen Sack Gold habe, ist das ein Vermögen, ohne Verleih.[/quote]

Säcke voll Gold (oder Silber oder Platin oder sonst irgendwas materielles) spielen für das heutige Geldvermögen keine Rolle mehr. Die gesamte im Laufe der Menschheitsgeschichte geförderte Goldmenge entspricht laut Wiki gut 200.000 Tonnen. Eine Tonne Gold ist momentan gut 50 Mio Euro wert. Das sind also 10 Bio Euro. Das Geldvermögen allein der Deutschen wird aktuell auf 2/3 dieser Summe geschätzt.
Verkürzt gesagt: die Geldvermögenbesitzer Deutschlands haben also fast soviel auf der hohen Kante, wie alles Gold, das jemals in der Menschheitsgeschichte gefördert wurde, aktuell wert ist.

Wenn Geld also nicht Gold ist, was ist es dann? Sind es dann vielleicht die von der Notenbank ausgegebenen Münzen und Scheine? Nein, auch das nicht. Es sind gerade mal gut 250 Mrd Euro in Bargeld in Deutschland im Umlauf. Das Geldvermögen, wie oben dargelegt, beläuft sich aber auf fast 7 Bio Euro - also 20 bis 30 mal soviel.

Also schauen wir uns an, was dein (hoffentlicher positiver) Kontosaldo bei der Bank eigentlich ist: es ist der Anspruch, von der Bank bei Aufforderung den jeweiligen Betrag in Bargeld ausgezahlt zu bekommen.

Ein Anstieg der Geldmenge ist also ein Anstieg dieser Ansprüche. Aber wie kommen diese Ansprüche gegenüber den Banken zustande? Indem jemand einen Kredit aufnimmt. Dann kriegt derjenige nämlich „aus dem Nichts“ einen Anspruch in Höhe der Kreditsumme auf seinem Konto bei der Bank gutgeschrieben (demgegenüber steht die Rückzahlungsverpflichtung → eine Schuld). Diesen Anspruch auf Auszahlung von Bargeld (=„Geld“) reicht der Kreditnehmer nun weiter an andere Marktteilnehmer, um sich dafür das zu kaufen, wofür er den Kredit aufgenommen hat. So kommt zusätzliches Geld in die Welt. Zumindest das, was heute in erster Linie als Zahlungsmittel fungiert.

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