Wenn ich meinem Kind jedes Jahr 40.000 Euro schenke, dann lasse ich das doch nicht auf dem Girokonto liegen. Das wird angelegt und mit einem breit gestreuten Indexfond bringt das langfristig 5% p.a. Rendite (inflationsbereinigt).
Dank des Zinseszins hat mein Kind mit 16 Jahren also nicht 640.000 Euro, sondern gut 1 Mio Euro im Portfolio.
Weder die 640.000 Euro Startkapital, noch die 340.000 Euro Wertzuwachs sind aber einfach so vom Himmel gefallen. Sie spiegeln tatsächliche Werte (z.B. Firmenanteile, Immobilien, etc.) und die muss jemand erarbeiten. Ich bin es nicht (mit Arbeit kann man diese Art von Einnahmen nicht erzielen) und mein Kind ist es mit Sicherheit auch nicht.
Gearbeitet hat jemand anders, nämlich das Kollektiv. Alle Bestandteile unserer Gesellschaft, auch die pflegenden Mütter, die polnischen Bauarbeiter und die scheinselbständigen Lieferdienstbetreiber. Und weil mein Kapital weltweit angelegt profitiert es auch von den fleissigen Händen in chinesischen Fabriken und den Bauern in Nigeria.
Der einzige, der absolut gar nichts dafür getan hat: mein Kind. Und das ist jetzt Millionär, bevor es volljährig ist. Und weil r > g wird es immer reicher werden, solange es nicht drogenabhängig oder spielsüchtig wird, ohne dafür arbeiten zu müssen. Alle anderen müssen dafür umso mehr arbeiten, denn neben ihrem eigenen Einkommen müssen sie ja auch noch die Rendite meines Kindes erwirtschaften.
Das Kollektiv erwirtschaftet nebenbei auch die Steuern, mit der meinem Kind die Bildung finanziert wird. Und die Abgaben, von denen das Gesundheitssystem lebt. Aber weil wir keine Vermögenssteuer haben, wird mein Kind (einen leidlich kompetenten Steuerberater vorausgesetzt) sein leben lang nur marginal in diese Solidarsysteme zurückzahlen.
Der Grundfehler liegt schon darin, aus dem Status quo heraus zu denken und sich nur selektiv Subsubsubsysteme, in die man selbst oder die eigenen Familienangehörigen verstrickt ist, anzuschauen.
Gerechtigkeit dagegen hat ja einen universellen Anspruch.
Gerechtigkeit ist ja ein Vorauswurf im Hinblick auf mögliche Realisierungen.
Das Verschwinden des Gerechtigkeitsdiskurses hat auch damit zu tun, dass schon gar nicht mehr über die eigene Befangenheit hinausgedacht wird.
Gerechtigkeit ist stets jenseits von Egozentrismus und Tribalismus.
Nicht ich und die Meinen, sondern alle.
Deshalb ist z.B. Rawls’ Ansatz ein egalitärer Liberalismus.
Ohne diese Grundvorstellung, dass Gerechtigkeit immer auf alle bezogen ist, geht es nicht.
Und da ist dann Rawls Gedankenexperiment so bestechend: Denke Gesellschaft, ohne dass du weißt, wo du (und die Deinen) landest.
Gerechtigkeit ist also stets gegebenen Zuständen vorgelagert.
Gerechtigkeit ist stets ein noch nicht realisierter Zielzustand.
Und dann kann man sich bezogen auf verschiedene mögliche Zielzustände darüber unterhalten, ob und auf welchen Wegen man sich diesen annähern könnte.
Das klingt jetzt abstrakt, ist es aber gar nicht.
Z.B.: Dass Kinder wohlhabender Eltern bessere Zukunftschancen haben, ist nicht gerecht.
Da hat er sicher an den Kant’schen Imperativ gedacht.
Deine These, der Diskurs sei verschwunden, kann ich immer noch nicht nachvollziehen. Ich nehme den Diskurs nahezu überall war. Nur nicht unbedingt in fairer und dienlicher Form.
Über Verteilungsfragen zu diskutieren - das meinst du vielleicht - hat ja zunächst nichts mit einem Gerechtigkeitsdiskurs zu tun.
Meine Gegenthese ist, dass viel darüber gestritten wird, wem mehr zustünde (Motto: ‚Jedem das Seine, mir und den Meinen das meiste!‘) oder wem weniger (‚Allen außer mir und den Meinen!‘), aber das über Gerechtigkeit gerade nicht diskutiert wird.
Wenn Chancen und Möglichkeiten leistungsunabhängig von vorhandenem Vermögen abhängen, ist das ungerecht.
Wenn die Geburtslotterie im Hinblick darauf, in welcher Familie man aufwächst, maßgeblich darüber entscheidet, ob sich die eigenen Fähigkeiten entwickeln und Begabungen ausschöpfen lassen, ist das nicht gerecht.
Wenn Nachkommen und künftige Generationen in ihrem Recht auf intertemporale Freiheitsverwirklichung massiv beschnitten werden, ohne dass sie sich dagegen wehren können, ist das definitiv nicht gerecht.
Wenn also die Zwangsläufigkeit des Schicksals auf Zufall und Willkür gründet und keine Möglichkeit besteht, sich ihr durch eigenes Handeln zu entziehen, dann ist man bloß Opfer unausweichlicher Um- und Zustände.
Für Ungerechtigkeiten dieser Art haben wir eigentlich eine ganz gute Intuition.
Das bedeutet zwar keineswegs, dass jeder selbstreklamierte Opferstatus auch tatsächlich gegeben ist, wie das permanente Rumgeopfere der Rechten zeigt, aber es zeigt sich doch eine Grundtendenz dahingehend, dass zur Gerechtigkeit auch Gestaltungsspielräume, die eigene Gegenwart und Zukunft betreffend, gehören.
Mir erscheint es so, dass die Besitzstandsverteidigungsgesellschaft hierzulande (und in vielen anderen Ländern) auch deshalb Gerechtigkeitsdiskurse abblockt, weil sie befürchtet, in einem faire(re)n Wettbewerb zu unterliegen bzw. ins Hintertreffen zu geraten.
Denn Fairness läuft zwangsläufig darauf hinaus, dass Privilegien bestimmter Gruppen abgebaut werden.
Also bringt man seine Schäfchen ins Trockene und mauert die Stalltür zu.
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Side note:
Dass Gerechtigkeitsdiskurse randständig sind, erkennt man auch daran, dass der Themenvorschlag von @merlin_123 zum Global Justice Report hier im Forum auf verbreitetes Desinteresse stößt, wie an den Aufrufzahlen unzweifelhaft zu erkennen ist:
Trotzdem macht Vermögen den Unterschied.
Es ist nachgewiesen, dass finanzieller Background Gründen einer Firma begünstigt, insgesamt sind diese Personen risikobereiter, was auch naheliegend ist. Ein Scheitern bedeutet nicht den sofortigen finanziellen Kollaps.
Es besteht kein Druck das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen, ein Semester im Ausland ist kein Problem, nebenbei an einem Projekt arbeiten? Just Do It.
Der erstbeste Job wirkt nicht sehr ansprechend? Warte auf das nächste Angebot, Geld ist ja da. Und kommt der Chef Dir blöd? Du musst da nicht arbeiten. Ganz anders der, der nicht weiß, wie er nach einer Kündigung die Miete zahlen und die Zeit bis zum nächsten Job überbrücken soll. Oder überhaupt das Risiko einer erneuten Probezeit eingehen soll.