Aber das löst man doch nicht, indem man Druck auf Arbeitslose macht? Wenn nun 14.000 von den 5Millionen tatsächlich langfristig in Arbeit gebracht werden können, werden die Abgaben trotzdem zu hoch sein. Von den restlichen 4,986 Millionen werden vermutlich einige kurzfristig in Jobs gebracht. Für die Wirtschaft ist das ein Zuschussgeschäft, da sie diese integriert und dann kurze Zeit später die Stellen wieder ausschreiben muss. Auch für den Sozialstaat ist es teurer, da er für Langzeitarbeitslose 3-6 Monate die Löhne zahlen muss als Integrationszuschuss. Oder siehst du da praktikable Lösungen für diese Probleme?
Damit wären wir wieder bei der Frage wie groß der finanzielle Unterschied von Bürgergeldempfangenden zu Arbeitenden (im Niedriglohnsektor) sein sollte.
Und meiner Meinung nach muss der größer und spürbar sein. Das Existenzminimum soll die grundlegenden Bedürfnisse erfüllen. Arbeit sollte Luxus ermöglichen.
Bei der Diskussion habe ich oft das Gefühl Arbeit sei ein Selbstzweck. Aber Arbeit ist in erster Linie (und vor allem im Niedriglohnsektor) ein Tausch von Lebenszeit zu Geld. Das sind selten Jobs die erfüllend sind oder einen selbstverwirklichen, sondern “bullshitjobs”. Und das unter Druck, zu ggf. Schichtarbeiten. Ich unterstelle, dass die wenigsten Arbeiten um während der Arbeitszeit Teilhabe zu erfahren, sondern um mit dem verdienten Geld Teilhabe zu erkaufen. Und darum muss ein größerer Sprung zum Bürgergeld spürbar sein
Edit: Mit meinem Beitrag bin ich vom Hauptthema abgewichen. Aber meine Punkte sind übertragbar. Wer Amazonpakete zustellt oder stumpf Lager räumt, erfährt wohl wenig Wertschätzung und Selbstverwirklichung in seinem Job. Der Hauptantrieb ist das verdiente Geld, weniger die Identifikation mit der Tätigkeit. Warum also sollten arbeitsfähige (!) Bürgergeldempfangende nicht auch niedrigschwellige und zumutbare Arbeiten erbringen. Wie in der Diskussion schon herausgearbeitet, ohne dabei anderen die Jobs wegzunehmen, denn dann könnten sie auch angestellt werden. Es gibt aber sicherlich genügend Arbeit im öffentlichen Interesse, wie Grünpflege oder Müllsammeln. Es ist nicht vermittelbar warum in Bezug auf diese Tätigkeiten Selbstbestimmung oder Teilhabe ein Faktor sein sollen, bei anderen Bullshitjobs in Angestelltenverhältnissen allerdings nicht, nur weil diese (bedingt freiwillig und ohne ausreichenden Mehrwert) eingegangen werden
So, ich habe jetzt den Beitrag auch mal komplett gehört, hatte vorher nur eine fragwürdigen AI Zusammenfassung gelesen. Das dauer max 7 Minuten, ist aber auch mit 2x machbar.
Der Landrat ist SPDler, die Maßnahme wird von Sozialpädagogen begleitet (immerhin) und man zieht auch ein erstes Fazit.
Behauptungen, dass das Schikane von Menschenfeinden wäre bestätigen sich nach dem Hören nicht. Ich finde es toll, was die SPD da macht und würde mir mehr Pragmatismus von Linken und Grünen dieser Art wünschen.
Dann bekommt er auch ALG 1 und nicht Bürgergeld. Oder?
Mit allen Leistungen die ein Mindestlohnempfänger dann aber noch bekommen kann profitiert er aber dennoch in der Regel.
Und bei diesen Einkommen macht es schon einen Unterschied ob man am Ende 150 Euro mehr hat oder nicht. Klingt erstmal wenig, ändert das Leben aber dann doch deutlich.
Aber dann hat man direkt ca. 50 Stunden weniger Zeit pro Woche und die dazugehörige Energie ist auch weg. Außerdem kommen plötzlich ganz andere Kosten auf einen zu (Fahrtwege, andere Kleidung, Mittagessen etc.). Da ist es sehr plausibel, dass man den Mehrwert der Arbeitsaufnahme abschätzt und zu einem negativen Ergebnis kommen kann. Zumindest wenn man sich schon mal eingerichtet hat in der Grundsicherung.
Das mag für Leute die in einer Umgebung mit anderen Bürgergeldempfängern aufwachsen ein Argument sein, bei allen anderen hiesse es aber, dass man den Großteil des Tages nichts tun kann weil das Umfeld arbeitet und den Rest nicht viel teilhaben kann weil man nicht das Geld hat für das was die anderen machen.
Deshalb kenne ich z.B. wahrscheinlich auch keine Bürgergeldempfänger bei denen wirklich Arbeit möglich wäre, die aber nicht wollen, sondern entweder sind die wirklich nicht für Arbeit gemacht, z.B. auch wegen psychischer Problemen oder generell Unfähigkeit zu organisierter Lebensführung oder es wird gearbeitet, auch wenn da nur etwas mehr hängenbleibt.
Edit:
Wie schnell Teilhabe schwierig wird sehe ich sogar als jemand der in einem Haushalt lebt mit deutlich mehr als Bürgergeld, wenn Freunde mit noch höherem Einkommen Aktivitäten planen die bei mir eigentlich deutlich über dem Limit sind was ich mir leisten will.
Das ist falsch und auch tausendmal nachgerechnet worden.
Alleinstehende: Eine Person, die 38 Stunden pro Woche zum Mindestlohn arbeitet, hat nach Abzug aller Kosten ein verfügbares Einkommen von etwa 1.515 Euro (inklusive Wohngeld). Ein Bürgergeldempfänger kommt auf etwa 990 Euro (inklusive Miete). Das bedeutet ein Plus von rund 525 Euro für den Arbeitnehmer.
Vierköpfige Familie: Ein arbeitendes Elternteil (Mindestlohn) hat ein verfügbares Einkommen von etwa 3.275 Euro (inklusive Kindergeld, Kinderzuschlag und Wohngeld). Die gleiche Familie im Bürgergeldbezug kommt auf etwa 2.609 Euro (inklusive Miete). Der Unterschied beträgt rund 660 Euro pro Monat.
Keine Ahnung, was dein Bezugsrahmen ist, aber 525 Euro im Monat sind ne Menge Geld, vor allem wenn man vom Bürgergeldniveau kommt.
Es mag Menschen geben, die sich davon nicht motivieren lassen (“nicht wollen”). Das steht für mich dann aber so im Kontrast zum urmenschlichen Drang, seine eigene Lebenssituation zu verbessern, dass ich hier von einer psychologischen Fehlentwicklung ausgehen würde. Dann muss der Staat durch entsprechende Unterstützung und angemessene Maßnahmen eine andere Perspektive eröffnen. Aber als Hilfe und nicht als Bestrafung.
Ich denke viel häufiger als “nicht wollen” ist eine Situation, in der die 500-600 Euro gegenüber anderen realen Zwängen zurücktreten. 600 Euro mehr im Monat helfen mir nicht, wenn während der Arbeitszeit niemand auf mein Kind aufpasst (oder nur der vielleicht unzuverlässige Partner). Und 500 Euro sind ein schwacher Trost, wenn ich dafür jeden Tag 180km zum Arbeitsplatz anreisen muss.
Sowas ist dann aber kaum Schuld der Arbeitnehmer. Hier würde ich nicht von Verweigerung sprechen, auch wenn das rechtlich so behandelt wird. Sowas löst man durch bessere Ausgestaltung der Sozialsysteme, nicht durch hirnlosen Zwang. Oder einen höheren Mindestlohn, auch immer eine Möglichkeit.
Ich bringe also Statistiken und kohärente Argumentation und du konterst mit dem Gefühl, dass es ja alles nicht so sein kann. Super.
Und ja, ich glaube daran. Ich habe als Vermieter recht viel mit Menschen zu tun, die staatliche Leistungen wie Bürgergeld und Wohngeld beziehen. Und privat habe ich jede Menge Erfahrung mit einem anderen Teilbereich staatlicher Sozialbürokratie, dem Pflege- und Teilhabesystem. In über 15 Jahren fällt mir genau ein Fall ein, den ich von außen betrachtet in die Kategorie “junge Person, arbeitsfähig, nichts offensichtliches spricht gegen eine Beschäftigung, er bezieht trotzdem Bürgergeld” einordnen würde. Und selbst bei dieser Person weiß ich, dass es massive Probleme mit dem Elternhaus gab und ich maße mir nicht an, alle persönlichen Umstände zu kennen.
Die drastischen Mehrheit der Menschen, die ich durch das Bürgergeld-System habe gehen sehen, sind trotz extrem widriger Umstände (Geflüchtete ohne Deutschkenntnisse, komplexe familiäre Situationen, niedriger Bildungsstand usw.) extrem daran interessiert sich eine eigenständige Existenz aufzubauen und schaffen das auch. Ein paar wenige haben ihr Leben in keiner Weise auf der Reihe, sind aber psychologisch nicht in der Lage, wie ein gesunder Mensch zu funktionieren. Zwang führt in solchen Fällen zu Elend, nicht zur Lösung. Erfolgreich ist in diesen Fällen vielleicht eine massive Intervention durch Sozialarbeiter, Mediziner und andere Akteure. Das sollte man auch immer machen, nicht jeder dieser Menschen wird aber wieder zu einem “konstruktiven” Mitglied der Gesellschaft werden.
Als Vater eines schwerbehinderten Kindes ist es mir aber scheißegal, ob jemand wegen einer angeborenen oder fremdverursachten Behinderung auf lebenslange Unterstützung und Transferleistung angewiesen ist, oder ob der Grund in eine “verkorksten Jugend”, Drogenmissbrauch oder sonst was liegt. Das Anrecht auf ein Leben in Würde muss man sich nicht verdienen, man hat es einfach.
Ich und andere haben hier in keiner Weise gegen die Maßnahmen als solche argumentiert. Ich habe mehrfach betont, dass ich “Zwang” durchaus als konstruktiven Teil einer sozialen Intervention betrachte. Und es ist extrem sinnvoll, wenn ein Jobcenter-Mitarbeiter mal versucht, einen Klienten mal in seiner Wohnung aufzusuchen und dabei feststellt, dass ein Betrugsfall vorliegt.
Wogegen u.a. @Margarete und ich hier argumentiert haben, ist die völlig unnötige Herabwürdigung der Betroffenen durch de fakto unbezahlte Zwangsarbeit und die Nutzung des Narrativs der “Totalverweigerer” für die Verschlechterung der Lebensbedingungen aller Bezugsberechtigten.
Als Mitglied eines Gemeinderats mit einer extrem unambitionierten Gemeindeleitung finde ich es toll, wenn ein Bürgermeister oder Landrat mal “was macht”. Er hätte sich aber keinen Zacken aus der Krone gebrochen, den betroffenen Menschen auch Mindestlohn zu zahlen und die Sozialarbeiter nicht nur zum Abholen der Betroffenen einzusetzen, sondern auch zur Beratung, wie sie als Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen ihre finanzielle Situation nachhaltig verbessern können.
160 Stunden im Monat für 150€ mehr. Da sind wir ja wieder bei 1€/Stunde. Motivierend.
Ich weiß nicht so recht, wer das hier gemacht haben soll, aber ist ja super, dann sind wir uns ja alle einig.
Grundsätzlich ging es mir ja auch darum zu verstehen warum solche Maßnahmen pauschal von links (pauschal gesagt) anstatt konstruktiv unterstützt nach meinem Gefühl nach direkt destruktiv angegangen werden. Scheint so zu sein, trägt für mich nicht dazu bei, noch mal Links zu wählen.
Es gibt viele erfolgreiche Projekte auch in anderen Ländern, die eine soziale Unterstützungsleistungen und Fürsorge mit dem Zwang zu einer Gegenleistung verbinden. Hier in diesem Beispiel ging es um junge Personen. Meist geht es um langzeitarbeitslose, die nicht dem regulären Arbeitsmarkt ohne staatlich Unterstützung zur Verfügung stehen.
Nein, davon bin ich fest überzeugt. Bedingungslos bedeutet auch bedingungslos. Wovon ich übrigens ein großer Fan bin. Was aber auch bedeuten würde, dass unser Sozialstaat von Abgaben auf Arbeit umgestellt werden müsste auf eine andere Finanzierungsbasis.
Real sind es ja in der Regel mehr als 150 Euro. Aber selbst 150 Euro würden die Möglichkeiten die man zum Leben hat schon wirklich sehr stark positiv beeinflussen.
Klingt nach einem extrem linken Projekt. Hat halt keine Mehrheit in Deutschland.
Das wird mit
nicht besser.
Im übrigen wurde nicht das Projekt an sich kritisiert, sondern die Bezahlung. Da kann ich als Wähler linker Parteien mitgehen. Wer es aber richtig findet, dass Bürger für einen Euro pro Stunde zu Zwangsarbeit verpflichtet werden, findet sich da vielleicht nicht wieder - was ich auch verstehen kann.
Basierend auf den oben zitierten Zahlen würde ein Alleinstehender mit 38 Stunden/Woche und 20 Tagen Urlaub/Jahr durch Bezug von Mindestlohn sein verfügbares Einkommen knapp 3,6 Euro netto pro Arbeitsstunde gegenüber dem Bürgergeld verbessern.
Entscheidend für viele dürfte aber wohl nicht ein abstrakter Stunden-Mehrverdienst sein, sondern das Endergebnis pro Monat: 525 Euro mehr verfügbares Einkommen gegenüber Bürgergeld. Da ist dann auf einmal auch mal ein Kinobesuch, mal in Kneipe gehen und sich was zu Essen bestellen oder ein Abend im Club drin. Und bei Familien ein ordentliches Weihnachtsgeschenk für die Kinder.
Nach meiner persönlichen Erfahrung wirken solche Aussichten auf die allermeisten Menschen extrem motivierend. Und wenn niemand von uns hier Anwesenden sich freiwillig in die angeblich ach so komfortable soziale Hängematte ablegt, warum unterstellen wir das dann pauschal anderen Menschen?
Ich finde aber das Framing 1 Euro pro Stunde Lohn trifft so auch nicht wirklich zu. Wenn wir immer Bürgergeld mit allen weiteren Leistungen als Basis nehmen, dann gehen viele ja nur für einen niedrigen Stunden Lohn im einstelligen Bereich arbeiten.
Letztlich müsste man Bürgergeld plus den Euro durch die Arbeitszeit teilen um einen Stundenlohn zu erhalten.
Vielleicht würde aber eine andere Rechnung mit mehr Lohn, dafür mehr Anrechnung dennoch motivierender klingen.
Ist in diesem Projekt ja gar nicht pauschal unterstellt worden.
Dazu kommen ja dann noch die Zeiten auf dem Amt, Bewerbungen schreiben etc. Wer arbeitslos ist, dessen Job ist es, sich um Arbeit zu bemühen.
Davon ab:
Ich habe da zum Glück keine Erfahrung, aber der Regelsatz beträgt beim Single 563€. Entspräche bei einer 40-Stunden-Woche 3,25€ netto.
Bei einem Euro drauf sind wir bei 4,25€ netto. Da haben wir Werbungskosten aber noch gar nicht berücksichtigt.
Nehmen wir die Zahlen von @ped, wo er Arbeit und Nichtarbeit gegenüber stellt:
1515€ netto: 8,75€
990€ netto: 5,72€
macht beim Single immerhin 3€ pro Stunde.
3275€ netto: 18,90€
2609€ netto: 15,06€
Macht bei zwei Kindern pro Elternteil 3,80€ pro Stunde.
Also mindestens 3€ pro Stunde müssten es schon sein. Und dann muss man sich trotzdem bewusst machen, dass derjenige ja dann einen Job ohne Perspektive macht mit allen Nachteilen, die das Berufsleben mit sich bringt (z.B. nach Feierabend noch schnell alles nötige im nächsten Laden besorgen, auch wenn es teurer ist) ohne die Vorteile der Entlohnung (z.B. sehr spürsam wenn die Kollegen sich mittags was zum Essen bestellen).
In die Sozialsysteme zahlt er, im Gegensatz zu obigen, natürlich auch nicht ein.
Diese bekommen wenigstens Rentenansprüche und nach einer Kündigung ALG1.
Wenn ich es richtig verstehe Arbeiten die ja nicht Vollzeit und die weiteren Zahlungen für Miete müssten quasi auch berücksichtigt werden.
Genauso ist es aber auch falsch beim Mindestlohnempfänger die staatlichen Leistungen die auch der oft noch bekommen kann zu unterschlagen.
Das heißt nicht, dass ich 1 Euro für angemessen halte, aber dieser Euro darf nicht als Stundenlohn gerechnet oder mit dem Mindestlohn verglichen werden.
Soweit ich den Post von ped verstehe, sind die berücksichtigt. So liegt der Ehepartner mit zwei Kindern netto über dem Mindestlohn brutto.
Kann man ja Mal so in den Raum stellen. Sollen doch die anderen recherchieren.
Diese sollen sich bis zu 40 Stunden pro Woche für einen Stundenlohn von 1,20 € ausbeuten lassen. Wer dem nicht nachkommt, werde mit Sanktionen von zuerst 10 % und später bis zu 30 % Kürzungen seiner Leistungen rechnen müssen.
Zwangsarbeit für Bürgergeldempfänger:innen – Ein Pilotprojekt der SPD Nordhausen » Perspektive