In einem inzwischen geschlossenen Thread wurde die “Arbeitspflicht” für junge Bürgergeldempfänger in einem Landkreis in Thüringen ja schon diskutiert.
In der ZEIT ist jetzt ein Artikel über das selbe Projekt: Bürgergeld: Wenn morgens die Truppe mit den Handschellen klingelt | DIE ZEIT (hier ein Link ohne Paywall).
Ohne die Diskussion aus dem vorherigen Thread wiederholen zu wollen kristallisiert sich in dem Artikel für mich die Problematik mit diesem Programm:
- Ja, dass der Landrat seinen Vollzugsdienst einsetzt, um (in diesem Fall junge) Bürgergeldempfänger zu einer (ich setze mal voraus zumutbaren) Arbeit “einzuziehen” kann grundsätzlich Teil einer konstruktiven Strategie zur Vorbeugung von Langzeitarbeitslosigkeit sein. Das mal jemand den Wohnort von Bezugsberechtigten überprüft ist ja sowieso sinnvoll.
- Nein, so wie es Landrat Jendricke in Nordhausen es macht ist es nicht sinnvoll und scheinbar vor allem von dem Gefühl motiviert, dass Menschen aus Sicht des Landrats “faul” sind.
Ich bringe einfach mal zwei Zitate aus dem Artikel:
Politiker wie Jendricke und Arbeitgeberverbände bestehen darauf, Wissenschaftlerinnen kommen meist zu einem anderen Ergebnis. Eine IAB-Studie zeigt: Strafen bringen Menschen kurzfristig in Arbeit, doch langfristig schaden sie. Arbeitslose, die sanktioniert wurden, sind im Fünfjahresvergleich häufiger ohne Job als solche, die nicht gemaßregelt wurden.
Jendricke kann aktuell nicht beantworten, was aus den 20 Bürgergeldempfängern im kommenden Jahr werden soll. Manche Teilnehmer habe man in ein Praktikum vermittelt, eine Person sei mittlerweile sozialversicherungspflichtig angestellt. Andere wolle man mit der Maßnahme auf das Arbeitsleben und mögliche Ausbildungen im Herbst vorbereiten.
Das ist die Antwort eines Politikers, wenn es keinerlei tatsächlichen Plan gibt, sondern “auf Sicht gefahren” wird. Ich kenn das persönlich aus der kommunalen Ratsarbeit sehr gut.
Der Landrat will dieses Programm im kommenden Jahr nicht mehr aus Eigenmitteln des Jobcenters bezahlen, sondern in den regulären Haushalt des Landkreis überführen. Damit zahlt dann endgültig die Allgemeinheit für ein Programm, dass in erster Linie ein emotionales Bedürfnis befriedigt und u.U. sogar langfristig negative Auswirkungen auf das eigentlich zu lösende Problem hat (siehe erstes Zitat.) Da werden also Schulen nicht renoviert, weil es der Landrat (und viele andere Menschen) emotional nicht aushalten können, wenn jemand “faul” ist.
Ich kann mir eine Version dieses Programms vorstellen, dass tatsächlich im besten Sinne des Wortes konstruktiv ist:
- Der Vollzugsdienst kommt nicht alleine, sondern mit einer Sozialarbeiterin.
- Es werden nicht nur durch das Fenster Sanktionen angedroht, sondern es wird versucht den Grund zu finden, warum eine junge Frau nicht zur Arbeit mitgehen möchte/kann. Die Sozialarbeiterin kann in Rücksprache mit dem Jobcenter versuchen, diese Gründe zu beseitigen. Alternativen zum “Arbeitsdienst”, z.B. psychologische und medizinische Interventionen, werden in Erwägung gezogen.
- Der “Arbeitsdienst” ist eingebettet in eine Gesamtstrategie: Erster Schritt ist die Einbindung in regelmäßige Arbeitszeiten, eine Teamstruktur und Routinen. Nach und nach werden kürzere und längere Praktika vermittelt. Am Ende steht die Vermittlung in eine Ausbildungsstelle. Bis zum Abschluss der Ausbildung und die Aufnahme eines festen Jobs gibt es regelmäßige “Check-Ins” und bedarfsgerechte Unterstützung.
- Die Arbeit wird von Anfang an angemessen bezahlt. Und zwar nicht in dem Sinne, dass “das Bürgergeld ja eine Bezahlung ist”, sondern indem das Bürgergeld (ohne totalen bürokratischen Aufwand) durch die Bezahlung ersetzt wird und die Teilnehmenden am Ende mehr Geld übrig haben.
Nirgendwo ist übrigens die Rede davon, dass diese Programm in Nordheim statistisch oder wissenschaftlich begleitet wird. Gegenüber der ZEIT scheint man sich mit konkreten Zahlen jedenfalls sehr bedeckt gehalten zu haben. Ich kann dem dortigen Kreistag nur raten, von der Verwaltung detailliert Bericht zu den Kosten und Effekten erstatten zu lassen.