Brandmauer einreißen? Was sagt die Forschung?

Das ist ein Fehlschluss.

Zunächst mal ist es für mich ein Wesensmerkmal von Demokraten, dass sie ihre inhaltlichen Positionen grundsätzlich ändern können und dazu grundsätzlich auch erstmal bereit sind. Bei den demokratischen Parteien sehe ich über längere Zeiträume viele Positionen, die irgendwann geräumt wurden oder geändert. Insofern macht es immer Sinn, zu schauen, wo Mehrheiten zu finden sind, deren Forderungen bisher nicht angemessen repräsentiert sind und Politik anzupassen oder auch Mehrheiten für Politik, die man für richtig hält, auf dem Marktplatz der Ideen zu erkämpfen.

Woran das alles aber ganz offensichtlich nichts ändern wird: Eine große Minderheit in allen westlichen Demokratien sieht in der Demokratie keinen fundamentalen Wert, sondern nur eine Regierungsform unter vielen und ist im Zweifel bereit, die Demokratie für eigene Zwecke über Bord zu werfen. Nur, wenn man dazu grundsätzlich bereit ist, kann man überhaupt eine rechtsextreme Partei wählen. Und in dieser Gruppe gibt es eine Teilgruppe, die die Demokratie ergebnisunabhängig ablehnt. Die Studienergebnisse, die dazu schon seit Jahrzehnten vorliegen, aber regelmäßig auf Unglauben stießen und bis heute stoßen, bewahrheiten sich in Wahlergebnissen, sobald eine Partei es schafft, dieses Potential zu erschließen und auf sich zu bündeln. Darauf gibt es immer zwei grundlegende Optionen: Man kann versuchen, den Menschen ihre Zustimmung zur Demokratie quasi „abzukaufen“, indem man ihre Interessen soweit integriert, dass sie aus Opportunismus trotzdem demokratisch wählen. Das ist aber nicht immer möglich und dann gilt es, die Demokratie mit der nötigen Härte zu verteidigen, wofür in Deutschland das Parteienverbot als ein Instrument gedacht ist.

Wenn man sich unter dieser Prämisse die Masse der AfD-Wähler anschaut und die bisherige politische Reaktion, würde ich sagen, dass viel dafür spricht, dass es keine politischen Angebote gibt, die die Grenzen unserer Verfassung einhalten und gleichzeitig in nennenswerter Anzahl AfD-Wähler „zurückholen“. Grade in der Migration geht die Union längst auch über rechtsstaatliche Grenzen hinaus, alle anderen demokratischen Parteien haben hier ihre Positionen ebenfalls sehr weit nach rechts verschoben, ohne irgendeinen erkennbaren Effekt auf die Wahl- und Umfrageergebnisse der Rechtsextremisten. Ethische Grenzen sind grade bei der „Sicherung“ der EU-Außengrenzen eh längst weit hinter uns gelassen. Solange man wenigstens noch irgendeine rechtliche Untergrenze bei der Diskriminierung von Armen und Ausländern akzeptiert, gibt es wenig Spielraum für weiteres Entgegenkommen.

Dann gibt es zwei Optionen: Man kann hoffen, dass der Spuk vorbei geht oder dass eine Kollaboration zur Entzauberung führen könnte. Hat in unserer Geschichte katastrophal schlecht funktioniert und funktionierte in der Gegenwart mit schweren (wenn auch natürlich nicht vergelichbaren) Schäden weder bei Trump in den USA noch beim Brexit in UK. Auch da, wo die AfD bspw. in Sonneberg den Landrat stellt und sämtliche Wahlversprechen gebrochen werden. Wenn schon solche offensichtlichen Fehlschläge und Blindgänger deren Wähler nicht in größerer Menge von ihrer Verwirrung kurieren können, was erwartet man da bei einer AfD-Regierung?

Oder man muss endlich ein Verbotsverfahren einleiten, die Partei zerschlagen, das Personal von der Politik dauerhaft ausschließen und damit eine Menge Opportunisten dahin zurücktreiben, wo sie hergekommen sind: An die Narrensäume demokratischer Parteien und zu den Nichtwählern.

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Issue Ownership besagt ja erst mal nur, dass bestimmte Akteure ein bestimmtes Thema erfolgreich beherrschen. Das trifft hierzulande m. E. für die AfD und das Thema Migrationsbegrenzung bzw. Remigration zu. Aber das allein bedeutet ja nicht, dass dieses Thema gleichbedeutend ist mit einem real existierenden gesellschaftlichen Problem - in diesem Fall wäre das die Annahe, dass die Anwesenheit von Nicht-Staatsbürgern in Deutschland tatsächlich per se problematisch ist. Es kann eben auch einfach „nur“ heißen, dass eine Partei sich erfolgreich als einzig authentischer Akteur bei einem Thema inszeniert, das über Parteigrenzen hinweg vor allem die Gemüter von Menschen bewegt. Dementsprechend zielt auch die politische Arbeit der AfD - wenn man es denn so nennen will - nicht auf die Lösung tatsächlicher Probleme, sondern auf das Anheizen und Mobilisieren entsprechender Ressentiments ab. Dass andere Parteien dieses Muster versuchen zu kopieren macht es ja nicht besser.

Als Konkretisierung: Was die Abwehr von Flüchtlingen angeht, geht die EU teilweise sogar schon über frühere Forderungen der AfD hinaus. Das ändert aber selbstverständlich nichts daran, dass die Partei in ihren Forderungen immer weiter geht.

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Mir fällt spontan keine Partei ein, der ich das wirklich glauben würde.

Was Einstellungsänderungen angeht, verweise ich auf meine Ausführungen hier:

Aus den dort genannten Schwierigkeiten kommt man m.E. nicht raus.

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Dass du das nicht glaubst, ist so ganz ohne inhaltliche Argumentation ziemlich dünn. Was wäre denn deiner Meinung nach dann das Motiv für die Brandmauer?

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Hmmm.

Um noch mal meine Position präziser zu fassen, ein paar Worte:

Die Einstellungen, die Wahlberechtigte ausgebildet haben, haben Ursachen, die entweder anlage- oder umweltbedingt sein können.

Wie erfahrungsoffen und im Wortsinne neu-gierig jemand ist, das zeigen etwa Zwillingsstudien, ist zu einem wesentlichen Teil angeboren, die Varianz (also Streubreite) dieses Persönlichkeitsfaktors („Big Five“) lässt sich ungefähr zur Hälfte der genetischen Beeinflussung zuschreiben.

Faktoren wie diese bedingen aber Einstellungen mit, wobei Letztere wiederum die Wahlpräferenz auf dem politischen Spektrum mitbeeinflussen, obwohl beides nicht unmittelbar miteinander zu tun hat. So ist z.B. auch die Sensitiviät für vermeintliche Gefahren unterschiedlich ausgeprägt (bei Rechteren stärker, bei (Links-)Liberalen schwächer). Usw.

In einem Zeit-Artikel habe ich folgendes interessante Datum gefunden:

Der Budapester Politikwissenschaftler Levente Littvay hat mit anderen die politischen Ansichten von 12.000 Zwillingspaaren im Alter von 18 bis 90 Jahren aus fünf Ländern ausgewertet. Die Befragten sollten sich auf einer Skala von konservativ bis liberal einordnen. Wieder einmal lagen eineiige Zwillinge näher beieinander als zweieiige. Ergebnis: Die politische Einstellung ist zu 39 Prozent erblich.

Selbst wenn es nur ein Viertel wäre, wäre das schon ein ordentlicher Brocken, der zur politischen Verortung beiträgt.

Nehmen wir an, dass der Rest auf Sozialisation zurückzuführen ist, dann muss man sich klarmachen, dass das soziale Umfeld eines Menschen ja oftmals auf zweierlei Weise stabil bleibt. Zum einen ändern sich die Sozialkontakte selten in grundstürzender Art und Weise, da es zumeist recht kontinuierliche Kontakte gibt, zum anderen sucht ein Mensch ja auch gezielt soziale Kontakte, mit denen er sich wohlfühlt.

Beides trägt zur Stabilisierung eigener Einstellungen bei.

Dann kommen noch kognitive Biases bei der Informationsverarbeitung wie etwa der Confirmation Bias hinzu. Es muss schon viel passieren, um einmal entwickelte Einstellungen wieder über den Haufen zu werfen.

All das führt dazu, dass die politische Stoßrichtung (rechtsautoritär vs. linksliberal) zumeist unverändert bleibt.

Das bestätigt auch die Forschung.

Und wenn man doch vermeintliche Überläufer:innen findet, z.B. SPD-Wählende, die jetzt AfD wählen, dann kann man oft nachweisen, dass die auch schon vor dem Wechsel der Parteipräferenz z.B. fremdenfeindliche Einstellungen hatten.

Die wählen dann einfach, was besser zu ihrer schon vorher vorhandenen Einstellung passt.

Das Problem bei Fremdenfeindlichkeit ist, dass man sie bei dafür anfälligen Personen gleichsam wieder ‚anknipsen‘ kann. Die Emotionen, die sich so auslösen lassen, sind ‚einflussstärker‘ als es ein kognitiv rationaler Blick auf konkrete politische Vorhaben sein kann, wenn hohe Anfälligkeit besteht.

Der Weg zur Issue Ownership führt über einen Trigger (‚Fremde sind gefährlich!‘). Und propagandistisch lassen sich bestimmte Gefühle immer wieder antriggern. ‚Lösung‘: „Ausländer raus!“

Die Brandmauer ist letztlich auch ein Signal: Bis hierher und nicht weiter! Sie soll ja gerade die saubere Trennung, von der du schriebst, ermöglichen.

Wenn aber die Grenzen verschwimmen, dann ist es auch Leuten mit rechtsradikalen Neigungen nicht mehr glaubhaft zu vermitteln, warum sich ihre Haltung außerhalb der Verfassung bewegt. Die wählen ohnehin das Original.

Doch, kann man. Ein Zitat gegen die Brandmauer hatte ich ja schon angegeben. Ergänzend dazu ein Zitat aus dem Fazit der Studie:

Die PP spricht migrations- und souveränitätsbezogene Themen glaubwürdig an, nimmt Sorgen und Wünsche von VOX-Sympathisantinnen und -Sympathisanten ernst, ohne sich dabei aber mit der Partei selbst gemein zu machen oder Unterschiede zu verwässern. Die Botschaft der PP lautet: Wir verstehen eure Sorgen, wir verstehen, was ihr wollt – aber wir überlassen euch nicht den polternden und radikalen Anführern der VOX. Mit dieser Strategie gelang es der PP, VOX an den Wahlurnen wieder kleinzumachen. Auch wenn in manchen Regionen eine Kooperation mit VOX eingegangen wurde, geschah dies stets unter PP-Führung. VOX bekam sekundäre Ressorts, verlor an Profil – und damit weiter an Zustimmung.

s. o.

Da muss ich Dir leider insofern recht geben, als das ich nicht glaube, dass wir kurz- und mittelfristig verhindern können, dass Parteien wie die AfD viele Stimmen gewinnen können.

Trotzdem glaube ich, dass die anderen Parteien Dinge tun könnten, insbesondere eine Politik, die zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und der inneren und äußeren Sicherheit führt, u. ä. Auch wenn man damit nicht sofort alle Wähler zurückgewinnt, die man an den Extremismus verloren hat, trägt es doch dazu bei, dass nicht noch mehr Wähler dahin abwandern, z. B. weil sie ihren Arbeitsplatz verlieren.

Zum anderen halte ich es auch für gut und wichtig, auch den Wert der Demokratie an sich zu thematisieren, und dazu gehört auch der Wert von Kompromissen. Ein Gegenbeispiel einer gespaltenen Gesellschaft fällt sicher jedem ein.

In Spanien hat man da offenbar andere Erfahrungen gemacht, s. o. Aber ja, das ist keine Option, von der man sicher sein kann, dass sie funktioniert.

Ja, wenn man Beweise/Indizien hat, die ein Verbotsverfahren erfolgsversprechend machen, ist ein solches Verfahren nicht nur eine Option, sondern im Sinne der wehrhaften Demokratie eine moralische Pflicht, meine ich. Aber auch das garantiert nicht, dass unzufriedene Wähler danach nicht eine andere extremistische Partei wählen. Die anderen Maßnahmen, die Situation langfristig zu verbessern - „gute Politik“ und Thematisierung des Wertes der Demokratie - sollte man auch im Falle eines erfolgreichen Verbotsverfahrens nicht sein lassen.

Ein erfolgreiches Verbotsverfahren wäre ein noch überzeugenderes Signal.

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Spanien als Einzelbeispiel ist nicht verallgemeinerbar - und selbst dort erstarken die Rechtsradikalen zusehends:

Die zunehmend harte Haltung von Vox – bestärkt durch ihr Wahlergebnis in Extremadura, wo sie mit 16,9 % der Stimmen ihr bisheriges Ergebnis verdoppelte – setzt die PP unter Druck. Die rechtsextreme Partei versucht, ihre Agenda in den Bereichen Migration, Klima und Geschlechterpolitik durchzusetzen, wodurch die Koalitionsgespräche eher zu einem Kräftemessen als zu routinemäßigen Verhandlungen werden.

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Zu ergänzen ist noch, dass der Partido Popular (PP) selbst in franco-faschistischer Tradition steht, ja sogar maßgeblich von Franquisten begründet wurde.

Die Wurzeln des Partido Popular reichen in die Zeit des Franquismus zurück, den General Franco nach seinem Sieg im Spanischen Bürgerkrieg über die Republik 1939 etablierte. Die PP-Führungsriege besteht zum Teil aus den Kindern und Enkeln der franquistischen Po­li­ti­ker­eli­te – speziell jener reformorientierten Kräfte, die unter Franco eine Randgruppe bildeten. 1975 starb der Diktator. Doch seine ehemaligen Minister und Funktionäre waren noch da und beteiligten sich auf die eine oder andere Weise an Spa­niens „Transición“, wie die Periode des politischen Übergangs von 1975 bis 1982 genannt wird.

Während Aznars Regierungszeit trat der Geschichtsrevisionismus der Konservativen offen zutage. Die „neuen Historiker“, allen voran der Journalist und Schriftsteller Pío Moa, erklärten, der franquistische Aufstand gegen die Repu­blik sei angesichts der „kommunistischen Bedrohung“ berechtigt gewesen. Nur eine Militärregierung habe „die Ordnung wiederherstellen können“. Franco habe in Spanien die Weichen auf Wohlstand und Demokratie gestellt. In einer Zeit der totalitären Gefahren in Europa sei der Franquismus in den „liberaleren“ konservativen Kreisen alternativlos gewesen.

Sie führen Fahnen aus Zeiten der Franco-Diktatur mit sich, rufen ewiggestrige Parolen und singen faschistische Hymnen. Es mobilisiert nicht nur die rechtsextreme Vox, drittstärkste Fraktion im spanischen Parlament, sondern auch die konservative Partido Popular (PP).

Gegen die Umbettung des Diktators ist die rechtsradikale Partei VOX. Seit den Wahlen vom 28. Februar ist sie mit mehr als 10 Prozent im Parlament vertreten. Gegen die Umbettung ist auch die Volkspartei, der Partido Popular. Denn, so der Tenor der Konservativen, es sollten „keine alten Wunden wieder aufgerissen werden“.

Die rechtsradikale Vox ist übrigens eine besonders extreme Abspaltung der PP.

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Nach einem Ranrobben könnte jetzt auf EU-Ebene ein Turnaround erfolgen.

Da Abgeordnete die Überprüfung nicht nur aus den Reihen von Linken, Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen unterstützen, sondern auch der Konservativen, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass der Antrag eine Mehrheit erhält.

Apropos Ranrobben:

Das BSW bangt um den Einzug in zwei Landesparlamente – und will nun mit der AfD auf die Bühne. Ein entsprechender Brief von Sahra Wagenknecht an Alice Weidel liegt dem SPIEGEL vor. Darin werden auch Regierungspläne formuliert.

Weidel soll sich »eine kontroverse Debatte auf einem großen Marktplatz im Osten der Republik« liefern, natürlich mit BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht.

Unterzeichnet haben den Brief die gegenwärtigen BSW-Vorsitzenden Amira Mohamed Ali und Fabio De Masi sowie Generalsekretär Oliver Ruhnert.

»Zieht das BSW in den Landtag von Magdeburg ein, gibt es eine echte Chance für einen demokratischen Neubeginn«, so Wagenknecht weiter.

Das BSW selbst nennt seinen Politikstil linkskonservativ, vor allem in Migrations- und Sicherheitsfragen gibt es Überschneidungen mit den Rechtsextremen. Wagenknecht sprach sich bereits im März gegen die sogenannte Brandmauer und eine Ausgrenzung der AfD aus.

(Hinter Paywall)