Aus Zeitmangel (das Thema schließt automatisch in 2 Stunden) habe ich jetzt nicht alles gelesen, sondern nur die ersten ca. 12 Beiträge.
Die einzige „diplomatische“ Lösung wäre, wenn der Rest der Welt an einem Strang zieht. Wenn Putin aus keinem Land mehr Rohstoffe und Waren importieren und auch nichts mehr exportieren könnte. Wenn alle Konten von russischen Investoren eingefroren oder sogar das Geld beschlagnahmt würde. Wenn alle mit russischem Pass sich entscheiden müssten, entweder nach Russland zurück zu kehren oder eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen. Wenn russische Firmen im Ausland enteignet würden. Wenn russische Immobilien und Grundstücke enteignet würden. Man müsste auf allen Gebieten jegliche Zusammenarbeit, Geschäfte und Besitztümer beenden. Und immer wenn irgendein russischer Mensch etwas vom Rest der Welt will, muss die Antwort lauten:
„Beendet sofort den Krieg in der Ukraine, gebt alle besetzten Gebiete zurück, bezahlt alle Schäden, entschädigt alle Familien für ihre verstorbenen, traumatisierten und verstümmelten Mitglieder. Und sperrt Putin ins Gefängnis/liefert ihn einem internationalen Gericht aus. Dann könnt Ihr wieder Geschäfte machen/Euer Geld haben/…“
Das ist die einzige diplomatische Idee, die funktionieren könnte. Aber da China und die USA dabei nicht mitspielen werden, bleibt wohl nur die Aufrüstung.
Ohne Frage. Aber all diese Probleme hätte man ja auch, wenn man Russland durch militärischen Druck an den Verhandlungstisch zwingt. Ein Szenario, in dem die Ukraine sämtliche besetzten Gebiete - inklusive der Krim - wieder zurück erobert, werden Stand heute die wenigsten als realistisch betrachten.
Puh. Schwierig. Natürlich gibt es eine theoretische Chance, dass auf einmal alle Staaten sämtliches militärisches Material an die Ukraine schicken und dort die Motivation der Kämpfenden nochmal ein Hoch erfährt. Aber da können wir es kurz machen: die Erfolgswahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios schätze ich einfach anders ein als du und zwar so gering, dass man nach anderen Wegen suchen sollte.
Ich sehe es wie gesagt nicht so, dass sich seit dem Einmarsch Russlands nichts wesentliches geändert hat. Signifikante Änderungen sehe ich sowohl bei der Ukraine als auch bei Russland. Es startete mit einer Situation, in der russische Truppen kurz vor Kiew standen (1). Dann folgte eine Beispiellose Gegenoffensive der Ukraine, in der diese riesige Gebiete wieder zurück eroberte (2). Inzwischen sind wir in einer Phase, in der der Ukraine langsam die Kämpfer ausgehen (konkret rekrutiert sie vor allem noch unter Zwang - siehe andere Diskussionen hier), ganz zu schweigen vom Material, und sich in Russland der Nachschub stabilisiert hat (3).
In der Phase 2 hätte die militärische Befähigung der Ukraine für eine bessere Verhandlungsposition durchaus etwas gebracht. Vielleicht hätte sie sogar Teile des Donbass wieder zurück erobert.
In der Phase 3 halte ich das aus den erläuterten Gründen sogar für kontraproduktiv. Die Ukraine kann neue Soldaten nicht aus dem Hut zaubern und die NATO ist nicht bereit personell zu unterstützen. Selbst wenn Europa ans Limit dessen geht, was es realistischerweise an Material liefern kann, wird die Ukraine in dieser Phase nach und nach Gebiete verlieren und die Verhandlungsposition immer schlechter werden.
Der Zeitpunkt diesen Krieg zu beenden ist daher asap. Und zwar mit größtmöglichem Druck auf Russland. Ein bisschen was geht da sicher noch mit Sanktionen aber man wird ggf. auch darüber nachdenken müssen z.B. NATO Soldaten in nicht besetzten Regionen, die nicht unmittelbar an der Front liegen, zu stationieren, um eine rote Linie noch stärker zu manifestieren. Oder diesen Schritt zumindest glaubhaft vorzubereiten. Das ist natürlich gefährlich - aber möglicherweise weniger gefährlich als der aktuellen Entwicklung, die wir mit den aktuelle diskutierten Mitteln qualitativ nur wenig beeinflussen können, zuzuschauen.
Wichtig finde ich vor allem: wir können ja gerne darüber diskutieren, wie realistisch oder unrealistisch die Einschätzung einer Situation ist. Da beanspruche ich überhaupt nicht, die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Aber zu behaupten, im Wesentlichen habe sich doch da nichts geändert außer das Datum, verkennt doch völlig die Realität dieses Krieges.
Ich glaube, wir können festhalten:
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unstrittig ist, das Russland diesen Krieg begonnen hat und ihm auch beenden könnte
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die Ukraine hat sich im Februar 2022 entschlossen, nicht vor Russland zu kapitulieren, sondern ihre aktuelle Lebenssituation mit Waffengewalt zu verteidigen.
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es mag diplomatische Bemühungen gegeben haben, von denen wir teils nichts wissen, die bislang aber alle offenbar nicht erfolgreich waren.
Ob da diplomatisch oder militärisch mehr möglich gewesen wäre?
Wir wissen es nicht.
Ob ein konkreter Plan oder eine entschlossener roter Faden des Westens geholfen hätte oder ob es dann noch mehr eskaliert wäre?
Wissen wir auch nicht wirklich.
Also bewegen wir uns da auf einer sehr spekulativen Ebene.
Schlussworte?
Der Thread Titel „Bellizistisch…“ ist schon sehr daneben.
Bellizismus = Kriegsverherrlichung, steht für das dogmatische Befürworten militärischer Handlungen und Maßnahmen, für eine übersteigerte kriegerische Gesinnung und wird auch im Sinn von Kriegstreiberei und Militarismus gebraucht. Er bezeichnet eine ideologische Befürwortung des Krieges und die Neigung, internationale Konflikte grundsätzlich durch militärische Gewalt zu lösen.
Wikipedia
Aber wäre die Ukraine dadurch schlechte gestellt als jetzt?
Definitiv. Die Gefahr ist ja, dass die Ukraine in der „Phase 3“ jeden Tag in eine schlechtere Verhandlungsposition gerät, weil vor allem das Personal ausgeht.
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