Artenvielfalt und Naturschutz - Massensterben direkt vor unserer Haustür

Hallo liebes Lage-der-Nation-Team,

ich wollte euch eine Anregung für eine mögliche Podcast-Folge oder zumindest einen Themenblock geben: die dramatische Lage der Artenvielfalt in Deutschland.

Der Hintergrund ist, dass ich gerade nebenbei eine Ausbildung zum Naturschutzwächter gemacht habe. Ich bin dort eigentlich eher als interessierter Laie hineingegangen und dachte vorher ehrlich gesagt, ich hätte schon ein ganz gutes Verständnis für Umwelt- und Naturschutz. Aber während der Ausbildung wurde mir erst wirklich bewusst, wie ernst die Situation inzwischen ist.

Was mich besonders erschüttert hat: Die Fachleute, die dort referiert haben – Menschen, die sich beruflich seit Jahrzehnten mit einzelnen Tiergruppen oder Ökosystemen beschäftigen – hatten alle dasselbe Bild. Es geht nicht langsam bergab, sondern vielerorts nahezu senkrecht. Egal ob Muscheln, Amphibien, Insekten oder Vögel: Der Artenrückgang ist massiv.

Muscheln hatte ich beispielsweise vorher überhaupt nicht auf dem Schirm. Aber auch dort gibt es dramatische Entwicklungen. Bei Amphibien habe ich selbst erlebt, wie schnell Populationen zusammenbrechen können. Vor zwei Jahren habe ich im Frühjahr noch Frösche und Molche über eine Straße getragen. Damals wurden in dem Gebiet ungefähr 140 Tiere gezählt. Dieses Jahr fiel mir auf, dass dort gar kein Schutzzaun mehr aufgebaut war. Auf Nachfrage wurde mir gesagt, dass im vergangenen Jahr insgesamt nur noch etwa 20 Tiere gezählt wurden – Frösche und Molche zusammen. Innerhalb kürzester Zeit ist dort fast der komplette Bestand verschwunden.

Das eigentliche Problem scheint mir dabei zu sein, dass das Thema gesellschaftlich kaum die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Bei vielen anderen Krisen gibt es zumindest ein breites Bewusstsein. Beim Artensterben dagegen schlafen viele Menschen regelrecht. Vielleicht auch deshalb, weil die Veränderungen schleichend wirken und vielen der direkte Bezug fehlt. Mir ging es vorher ja selbst nicht anders. Was man nicht kennt, kann man schwer schützen.

Ein zentraler Faktor ist aus meiner Sicht die heutige Form der Landwirtschaft: immer größere Maschinen, intensive Nutzung von Pestiziden, fehlende Rückzugsräume, häufiges und flächendeckend gleichzeitiges Mähen bis an die Feldränder. Für Insekten, Bodenbrüter und viele andere Arten bleibt kaum noch Lebensraum oder Nahrung übrig. Wenn alles gleichzeitig gemäht wird, bleibt schlicht nichts mehr übrig, worauf sich Populationen erholen könnten.

Besonders frustrierend finde ich manchmal auch die gesellschaftliche Stimmung. Wenn man das Thema anspricht, kommen schnell reflexartige Kommentare wie „Ah, wieder so ein Grüner“. Man merkt oft, dass das Verständnis für ökologische Zusammenhänge gar nicht vorhanden ist. Gleichzeitig wird Natur häufig nur konsumiert – als schöne Landschaft zum Wandern oder Erholen --, aber kaum jemand fragt sich, was er selbst konkret zu ihrem Erhalt beitragen kann.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Viele Menschen auf dem Land scheinen inzwischen regelrechte „Hasstiere“ zu haben. Für manche ist es der Biber, für andere der Otter, der Wolf, der Fuchs oder der Marder. Statt zu überlegen, wie wir mit Wildtieren leben können, entsteht oft sofort die Forderung, sie zu beseitigen.

Interessant – und ehrlich gesagt auch erschreckend – fand ich außerdem, dass selbst bei Behörden inzwischen am Naturschutz gespart wird. In der Ausbildung hat auch die Polizei referiert, weil man als Naturschutzwächter zwangsläufig Berührungspunkte mit ihr hat. Dort wurde uns ausdrücklich gesagt, wir sollten jungen Polizeikollegen nicht übel nehmen, wenn sie von Naturschutzthemen kaum Ahnung haben, weil entsprechende Inhalte in der Ausbildung inzwischen gestrichen wurden. Anzeigen werden natürlich aufgenommen, aber das fachliche Wissen fehlt oft schlicht.

Viele der Menschen, die sich beruflich mit Naturschutz beschäftigen, sind außerdem keine lauten Aktivisten, sondern eher ruhige Fachleute. Und die wenigen, die laut werden oder Missstände klar benennen, werden schnell als ideologisch abgestempelt.

Deshalb wollte ich euch einfach schreiben. Ich selbst habe keine große Reichweite – ihr dagegen schon. Und ich glaube, genau solche Themen brauchen Öffentlichkeit, weil sie sonst immer weiter untergehen, obwohl sie eigentlich unsere Lebensgrundlage betreffen.

Viele Grüße
Rafael

PS: Ich finde euch klasse. Weiter so!

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Guter Beitrag!

Nur das Beispiel mit den Fröschen in der eigenen Umgebung würde ich als einen klassischen Fall von anekdotischer Evidenz relativieren. Schwankende Populationen innerhalb einzelner Jahre können vielfältige Gründe haben und müssen nicht auf größere Probleme zurückzuführen sein. Können sie aber natürlich.

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Schöne Idee, allerdings würde ich das Thema größer fassen:

„Es ist unbestreitbar, dass die Artenvielfalt weltweit in einem noch nie dagewesenen Tempo abnimmt“, wird Grueber in einer Mitteilung ihrer Universität zitiert. Wie sie und ihr Team untermauern konnten, gilt das auch für die genetische Diversität innerhalb von Arten. Diese Varianz ist wichtig für die Fitness und Anpassungsfähigkeit von Populationen. Dies gilt insbesondere, wenn sich Ökosysteme verändern, was infolge des Klimawandels extrem beschleunigt wird.

Auf den Seiten des BMZ heißt es außerdem:

Ein Großteil der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs⁠(Lexikon-Eintrag zum Begriff aufrufen)) kann nur erreicht werden, wenn der Verlust der biologischen Vielfalt gestoppt wird und Ökosystemleistungen wiederhergestellt werden. Den vielfältigen Wert gesunder Ökosysteme sichtbar zu machen und in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen, ist daher eine wichtige Aufgabe von Politik und Wirtschaft.

Der Nutzwert einer vielfältigen Flora und Fauna ist also unbestreitbar, selbst wenn man sich für Pflanzen und Tiere in freier Wildbahn nicht interessiert oder keinen Bezug dazu hat.

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Danke Petra. Das stimmt natürlich. Ich musste mich im Beitrag wegen der 5000-Zeichen-Begrenzung leider sehr einkürzen. Aber genau das wurde in der Ausbildung auch thematisiert: Die Lage bei Amphibien ist tatsächlich vielerorts dramatisch. Gerade in Bayern hängt das natürlich auch mit dem sehr dichten Straßennetz zusammen. Frösche, Kröten und Molche müssen bei ihren Wanderungen fast immer irgendwo Straßen überqueren – und dabei werden einfach enorme Mengen überfahren.

Es gäbe durchaus Möglichkeiten gegenzusteuern, aber oft fehlt es am Verständnis oder am Geld. Und das größte Problem ist dieses „Ja mei, dann sind es halt ein paar weniger“ oder Aussagen wie „Wozu brauchen wir Mücken, die nerven doch nur und schaden dem Tourismus am Chiemsee“. Dabei sollten wir inzwischen eigentlich gelernt haben, dass wir meistens erst dann merken, wofür eine Art oder ein Lebensraum wichtig war, wenn er bereits verschwunden ist.

Und das Wiederherstellen ist später oft extrem teuer – wenn es überhaupt noch möglich ist. Gerade bei komplexen Ökosystemen wie Mooren funktioniert das nur sehr begrenzt. Deshalb ist die Situation aus meiner Sicht schon ernst. Viele lesen solche Meldungen, nehmen sie kurz zur Kenntnis und machen dann weiter wie bisher. Umso wichtiger wäre es, ein gewisses Verständnis und Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen, damit mehr Menschen selbst aktiv werden und am Ende auch Politik und Kommunen stärker gegensteuern.

Ich habe selbst gemerkt, dass ich die Natur zwar sehr genieße, mich aber bisher nicht wirklich aktiv für sie eingesetzt habe. Dabei meine ich nicht nur Dinge wie bewusstes Einkaufen oder ein E-Auto zu fahren, sondern sich tatsächlich persönlich für den Naturschutz zu engagieren. Deshalb habe ich mich entschieden, neben meinem Hauptjob ehrenamtlich als Naturschutzwächter in einem Naturschutzgebiet tätig zu sein.

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Dieses Thema hat alleroberste Priorität! Danke für den wichtigen Vorschlag! Da ich im Wildtierschutz und ehrenamtlich im Naturschutz tätig bin, kann ich aus erster Hand bestätigen, dass die Artenvielfalt auf dramatische Weise zurückgeht. Und zwar in rasantem Tempo! Wie beschrieben, sieht man das in deutlichster Weise gerade bei den Amphibien! Vorletztes Jahr über 500, letztes nur noch unter 100, dieses Jahr praktisch keine mehr, um sie über die Strasse zu tragen. Zur Beweislast gibt es übrigens (weltweit) genug Studien und Zahlen. Die Gründe sind nicht unbekannt, werden aber politisch scheinbar bewusst ignoriert. Landwirtschaft, Pestizide, massiver Verlust des Lebensraumes. Gelder für den Naturschutz werden gestrichen. Lobbyismus als Grundproblem?

Danke noch einmal für diesen wichtigen Themenvorschlag!

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Wir haben ja über das Thema bereits gesprochen. Inhaltlich stimme ich voll und ganz zu. Dass Leute wie Du sich engagieren zeigt, dass das Thema lebt und eine Chance hat. Denn es lohnt immer, sich einzubringen. Dein Aufruf sich zu engagieren ist wichtig und findet hoffentlich offene Ohren.

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Ich möchte diesen Punkt gerne unterstreichen, denn er wird in der öffentlichen Debatte gerne völlig außen vor gelassen. Wir müssen Landwirtschaft völlig anders betreiben. Aus vielen Gründen, aber Artenvielfalt ist einer der wichtigsten. Und das geht weit über eine Umstellung auf „Bio“ hinaus.

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Auf einen lesenswerten Artikel zum Thema bin ich noch über eine Verlinkung von @JohanneSAC auf die Blätter gestoßen:

Spoiler:

Es mag sein, dass der neue Koalitionsvertrag der maximale Kompromiss ist, um das Land jenseits der rechtsextremen AfD stabil zu regieren. Für das Artensterben und die Klimaerhitzung jedoch ist er eine Katastrophe.

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Sehr wichtiges Thema, dass zu wenig besprochen wird! Dabei könnte man oft mit kleinen Maßnahmen viel erreichen!

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:+1: Und dabei geht es ausdrücklich nicht um Bauern-Bashing. Landwirte reagieren auf wirtschaftliche Zwänge und politische Rahmenbedingungen. Wenn Förderprogramme vor allem große, intensiv bewirtschaftete Flächen belohnen, entstehen zwangsläufig Anreize für größere Schläge, den Rückbau von Hecken, die Beseitigung von Brachen und eine möglichst effiziente Nutzung jedes Quadratmeters. Das Problem sind also nicht einzelne Bauern, sondern ein System, das häufig die falschen Anreize setzt.

Gleichzeitig muss man die Größenordnungen betrachten: Die Landwirtschaft nutzt mit Abstand den größten Teil der Fläche in Deutschland. Wenn dort Lebensräume verschwinden, Pestizide eingesetzt werden, Feldränder fehlen und Wiesen großflächig gleichzeitig gemäht werden, hat das zwangsläufig einen viel größeren Einfluss auf die Artenvielfalt als die Entscheidungen einzelner Gartenbesitzer.

Deshalb halte ich auch das oft vorgebrachte „Steingarten-Argument“ für wenig überzeugend. Natürlich sind Schottergärten ökologisch problematisch. Aber selbst wenn morgen jeder private Garten naturnah gestaltet würde, könnte das die Auswirkungen einer großflächig intensivierten Landwirtschaft nicht annähernd ausgleichen. Die Ursachen müssen dort angegangen werden, wo die Flächenwirkung am größten ist.

Wer Artenvielfalt ernsthaft schützen will, muss deshalb über mehr Blühstreifen, Hecken, Brachen, extensivere Bewirtschaftung, weniger Pestizideinsatz und eine Reform der Agrarförderung sprechen – nicht nur über private Gärten. Das bedeutet nicht, Landwirte zu Sündenböcken zu machen, sondern anzuerkennen, dass auf den Flächen, die den größten Teil unserer Landschaft ausmachen, auch die größten Hebel für Verbesserungen liegen.

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Dieses Narrativ vom ‚maximalen Kompromiss zur Stabilisierung des Landes jenseits der AfD‘ hat etwas unfreiwillig Satirisches. Während ganze Ökosysteme kollabieren, wird politischer Minimalismus als staatsmännische Vernunft verkauft. Das erinnert an jemanden, der mitten im Waldbrand stolz erklärt, immerhin sei die Sitzordnung im Feuerwehrwagen jetzt parteiübergreifend abgestimmt.

Dabei erklärt die Evolutionsbiologie seit Darwin ziemlich eindeutig: Resilienz entsteht durch Vielfalt — genetisch, kulturell, ökologisch. Wildbienen, Schwebfliegen oder parasitische Wespen bilden hochkomplexe Netzwerke gegenseitiger Abhängigkeiten. Die „Vierfarbige Kuckuckshummel“ existiert überhaupt nur, weil andere Arten existieren. Biodiversität ist kein romantisches Naturgefühl, sondern angewandte Systemstabilität.

Und genau hier wird die Ironie interessant: Man muss der AfD immerhin eines lassen — sie steht konsequent zur Monokultur. Politisch wie ökologisch. Dort scheint man stabile Systeme ungefähr so zu verstehen wie einen versiegelten Maisacker in Brandenburg: eine Art, eine Meinung, ein Bodenleben kurz vor klinisch tot.

Das eigentlich Erstaunliche ist aber, wie sehr sich inzwischen selbst demokratische Mitte-Politik diesem Denken annähert: Hauptsache kurzfristig ‚stabil‘, selbst wenn man damit langfristig die Grundlagen echter Stabilität zerstört. Ökologisch gilt seit Jahrzehnten: Je homogener ein System, desto kollapsanfälliger wird es.

Kurz gesagt: Wenn der politische Horizont nur noch darin besteht, ‚weniger schlimm als die AfD‘ zu sein, dann ist das ungefähr so ambitioniert wie ein Naturschutzprogramm, das den Kollaps der Artenvielfalt einfach höflich auf die nächste Legislaturperiode verschiebt.

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Kompliment! Genau so ist es!

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Das ist sehr differenziert gedacht. Dennoch sollte man mit den Bauern reden, versuchen, Ihnen klarzumachen, dass sie eben doch die Wahl haben, das sie es anders und somit ökologischer angehen können, dass niemand ihnen etwas wegnehmen will und dass der Bauernverband sie seit Jahrzehnten- und das nicht zu ihrem Besten- manipuliert!

Zu diesem Thema, welches leider und sehr unmittelbar mit dem Artensterben speziell (!) in Deutschland verknüpft ist, hier eine sehr sehenswerte Doku, die wirklich Jeder gesehen haben sollte:

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Danke für diesen wichtigen und ehrlichen Einblick. Gerade weil du nicht als „klassischer Aktivist“, sondern als interessierter Mensch in die Ausbildung gegangen bist, wirkt deine Beobachtung so eindrücklich. Viele unterschätzen das Artensterben, weil es oft leise und schleichend passiert – bis plötzlich ganze Populationen verschwunden sind.

Besonders erschreckend ist, dass sich die Berichte aus völlig unterschiedlichen Bereichen offenbar überall ähneln: Amphibien, Insekten, Muscheln oder Vögel – die Entwicklung ist vielerorts dramatisch. Genau deshalb braucht es Menschen, die hinschauen, dokumentieren und darüber sprechen.

Du sprichst außerdem einen wichtigen Punkt an: Naturschutz bedeutet nicht, Natur nur „schön“ zu finden, sondern zu verstehen, wie empfindlich unsere Ökosysteme inzwischen geworden sind. Viele Zusammenhänge bleiben unsichtbar, solange man sich nicht intensiver damit beschäftigt.

Umso wertvoller ist es, wenn Menschen wie du ihre Erfahrungen teilen und Bewusstsein schaffen – ruhig, sachlich und ohne Ideologie. Denn am Ende geht es nicht um politische Lager, sondern um die Grundlage unseres eigenen Lebensraums.

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Sehe ich etwas anders. Wenn man flächendeckend in einer Kleinstadt oder Dorf all die Steingärten und auch von den Rasenwüsten abweicht (Gott sei dank sind sie vielerorts schon „verboten“), wäre in diesen Bereichen schon viel gewonnen. Ich halte das für low hanging fruits.

In der Ganzen Diskussion möchte ich auf eins noch hinweisen. Häufig wird in der Politik aber auch in Naturschutzverbänden über einzelne Individuen gesprochen, statt über wirklichen Artenschutz. Das führt dazu das häufig Interessen massiv aufeinander treffen. Da kann x y nicht gebaut werden, weil dort wieder ein seltenes Individuum gesichtet wurde. Das führt dazu, dass die Leute häufig allergisch darauf reagieren, manches absichtlich noch nicht mal melden oder gar um die Ecke bringen, um das Vorhaben nicht zu gefährden.
Ein solcher Schutz ist aber weder Natur- noch Artenschutz. Das gleiche gilt für aufgepäppelte Tiere, ob Fledermaus oder Igel. Das ist nett und lieb für das einzelne Wesen, bringt auf lange Sicht aber herzlich wenig.
Wichtiger ist es Lebens- und Schutzräume zu schaffen, welche ideal für jeweilige Arten sind, die man schützen möchte.

Danke für den Themenvorschlag. Nach FFF und Corona sind diese Themen leider sehr aus der Aufmerksamkeit verschwunden.

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Ich glaube, wir sind uns in einem Punkt durchaus einig: Steingärten und monotone Rasenflächen sind ökologisch wenig wertvoll, und ihre Umgestaltung ist sinnvoll. Gerade weil das vergleichsweise leicht umzusetzen ist, kann man das durchaus als „low hanging fruit“ bezeichnen.

Mein Einwand richtet sich aber gegen die Gewichtung. Selbst wenn in einer ganzen Kleinstadt alle Privatgärten naturnah gestaltet würden, bliebe der Flächenanteil im Vergleich zu landwirtschaftlich genutzten Flächen meist relativ gering. Für viele Arten sind deshalb die Bedingungen in der Agrarlandschaft entscheidender als die Gestaltung privater Gärten. Naturnahe Gärten sind eine sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für strukturelle Verbesserungen auf den Flächen, die den größten Teil der Landschaft ausmachen.

Beim zweiten Punkt würde ich ebenfalls differenzieren. Natürlich ist langfristiger Artenschutz vor allem Habitat- und Ökosystemschutz. Da stimme ich vollkommen zu. Allerdings ist der Schutz einzelner Individuen häufig kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um Lebensräume überhaupt wirksam zu schützen. Würde man beispielsweise nur noch abstrakt von Lebensräumen sprechen, ohne den Schutz konkret vorkommender Tiere oder Pflanzen rechtlich abzusichern, könnten viele dieser Lebensräume deutlich leichter beeinträchtigt oder zerstört werden.

Zudem ist die Trennung zwischen Individuen- und Artenschutz oft weniger eindeutig, als sie erscheint. Bei kleinen oder regional stark geschrumpften Populationen kann der Verlust einzelner Fortpflanzungstiere durchaus relevant sein. Besonders bei seltenen Arten hängt der Erhalt einer Population nicht selten auch von einzelnen Individuen und ihren Fortpflanzungsstätten ab.

Dass manche Menschen auf Artenschutzmaßnahmen mit Ablehnung reagieren oder Funde verschweigen, ist ein reales Problem. Die Schlussfolgerung sollte aber nicht sein, den Schutz einzelner Tiere aufzugeben, sondern Verfahren so zu gestalten, dass Naturschutz und berechtigte Nutzungsinteressen möglichst konfliktarm zusammengebracht werden.

Deshalb würde ich sagen: Mehr naturnahe Gärten sind gut und sinnvoll. Entscheidend für den Biodiversitätsverlust bleiben aber die großen Flächen und die Qualität der Lebensräume insgesamt. Dort liegt aus meiner Sicht weiterhin der größte Hebel.

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Die Diskussion zeigt für mich vor allem eines: Artenvielfalt ist ein zentrales Zukunftsthema, aber vielen von uns fehlt ein klares Bild davon, wie breit die Auswirkungen wirklich sind. Es geht nicht nur um ein paar Gärten oder einzelne Tierarten – es geht um ganze Ökosysteme, die unsere Ernährung, unser Klima und unsere Lebensqualität sichern.

Gleichzeitig dürfen Maßnahmen nicht einseitig zulasten der Landwirte gehen. Sie tragen heute schon viele Lasten und stehen unter erheblichem wirtschaftlichen Druck. Wenn wir Biodiversität ernst nehmen, brauchen wir politische Rahmenbedingungen, die Landwirtschaft ermöglichen und Natur schützen – nicht gegeneinander, sondern miteinander, um eben keine „Haßtiere“ aufkommen zu lassen. Dem ist z.B. ein von einem Otter heimgesuchter Fischteich, bei dem sehr viele tote Fische lediglich angebissen verstreut herumliegen, nicht zuträglich. Man muss z.B auch. darüber diskutieren, wie oft Wiesen gemäht werden. Wenn ein sehr kurzer Schnitt, z.B. für Biogas Anlagen, benötigt wird, wird so oft gemäht, dass zwangsläufig auch Tiere, die dort ihre Kitze ablegen oder brüten zu Schaden kommen.

Ich würde mich Rafael anschließen, dass eine vorausschauende politische Weichenstellung wünschenswert wäre. Wenn heute bei Naturschutz, Landschaftspflege, Forschung, Beratung oder Förderprogrammen gespart wird, können die Folgekosten später deutlich höher ausfallen. Artenverlust und geschädigte Ökosysteme dürften langfristig wirtschaftliche Schäden erzeugen, die oft teurer sind als vorbeugende Maßnahmen und wahrscheinlich auch mehr Konfliktpotential bergen .

Naturnahe Gärten sind, wie gesagt wurde, ein guter Anfang, aber der große Hebel liegt in der Agrarlandschaft und in langfristigen, fairen Strukturen.

Daher würde ich es sehr begrüßen, wenn dieses Thema in einem Eurer Podcasts aufgegriffen wird.

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Ich stimme voll zu, dass die Biodiversitätskrise thematisiert werden sollte. Sie scheint noch gravierender als die Klimakrise zu sein.
Bei dem französischen Podcast chaleur humaine wurde dazu kürzlich ein interessanter Beitrag veröffentlicht: Biodiversité : comment résister à la sixième extinction ? - Podcast

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