Hi Ulf & Philipp, super differenzierte und erhellende Lage wieder einmal - Zum Thema Benzinpreise (Euer «BR: Weisse Salbe gegen Panik an der Tankstelle») ein mehr grundsätzlicher Kommentar: Viele der Erläuterungen und Einschätzungen, die Ihr hier trefft, sind mE zutreffend und schlau (insbesondere daß man höhere Spritpreise als das richtige Signal für Nachhaltigkeit wirken lassen sollte), aber ein Subthema bleibt bei Euch wie auch in allen öffentlichen und medialen Diskussionen, die ich dazu gesehen habe, leider völlig reflexartig moralisierend und naiv – die Abzocker-These der bösen Mineralölkonzerne. Man muss sie nicht verteidigen, das ist nicht mein Punkt! Aber um diese Welt - schließlich lieben wir unsere Individualmobilität - besser zu verstehen, und sinnvoller auf Tankstellenpreise zu reagieren, hilft sachverhaltliche Klarheit mE mehr als moralisierende Schuldzuweisungen.
Das Maß an Wettbewerb in der deutschen Mineralölwirtschaft ist hinreicht durch das Bundeskartellamt etabliert (ihr habt einen – mündlich nicht erwähnten - Link in den Show-Notes; es gibt dort noch erheblich mehr Analyse dieses Marktes; das Thema ist schließlich nicht neu); der Tenor ist klar: der Wettbewerb auf den verschiedenen Handels- und Verarbeitung-Stufen ist bei Weitem nicht ideal (atomistisch würde der Volkswirt sagen), aber seit vielen Jahren nicht so schlecht, dass ein Eingreifen des BKartA gerechtfertigt wäre. Das dürfte der Hauptgrund sein, warum all die zitierten Wirtschaftsprofessoren so orakelhaft antworten.
Was also passiert im Tankstellenbereich tatsächlich? Die Vorstellung, daß dort fiese Menschen in Konzernzentralen von Öl-Unternehmen sitzen und Preise herauftreiben, ist schlicht naiv! Viel wahrscheinlicher ist, daß bei allen Marken-Tankstellen (der überwiegende Teil – deren TS-Preise werden vom Mineralöl-Unternehmen - Kauf «im Namen und für Rechnung von … Shell AG» - zentral eingespeist und vorgegeben, im Durchschnitt 18 Mal pro Tag, aber durchaus auch noch viel häufiger) ein digitales und mittlerweile auch KI-basiertes Preissetzungs-System dahintersteht. (Die freien TS handeln anders, meist auf eigene Rechnung, und decken sich unabhängig im Großmarkt mit Treib- und Heizstoffen ein.)
Bei Marken-TS muss man jedoch davon ausgehen, daß jeder Liter Benzin, der irgendwo in Deutschland an irgendeiner TS zu irgendeinem Zeitpunkt getankt wird, registriert und als Big-Data in eine real-time Analyse eingespeist wird. Ein Algorithmus kann dann über eine Angebots- & Nachfragefunktion den besten nächsten Preis für diese Tankstelle ermitteln und (bei Überschreiten gewisser Mindestschwellen) automatisch digital der betreffenden Tankstelle einen neuen Preis vorgeben. Jeder kleinste regionale Nachfragetrend (z.B. daß am Sonntag plötzlich zu ungewohnten Zeiten Nachfragespitzen entstehen) dürfte dort registriert werden. Kein Wunder, wenn sich TS-Preise dann bei Beginn von Hamsterkäufen am Sonntag vor 2 Wochen (eben bevor die Rohölmärkte am Montag einen Preisschub verzeichnen) sprunghaft erhöhen (sog. Entkoppelung der TS-Preise von den Rohölmärkten – das gab’s auch 2022 schon, wurde aber leider nicht weiter untersucht).
Was also mE in der Debatte völlig ignoriert wird, ist der Effekt von Nachfrage. Bekanntlich bilden in einem perfekten Markt Angebot und Nachfrage den Preis … dieser Markt mag nicht perfekt sein, aber zu meinen, TS-Preise seien Kosten-bestimmt, und das Nachfrageverhalten total zu ignorieren, ist Realitätsverweigerung. Mit der Nachfrage im Analysebesteck muss man jedenfalls nicht verwundert vor der Tatsache stehen, daß die TS-Preise vor den Rohölpreisen steigen.