Dazu eine aktuelle Umfrage, die die Reaktanz Theorie zumindest nicht bestätigt
RTL/ntv-Trendbarometer: Mehrheit hat klare Meinung, warum AfD Zuspruch findet - n-tv.de
Dazu eine aktuelle Umfrage, die die Reaktanz Theorie zumindest nicht bestätigt
RTL/ntv-Trendbarometer: Mehrheit hat klare Meinung, warum AfD Zuspruch findet - n-tv.de
Nö.
Es gibt viele Studien, die zeigen, dass so genannte conservatives eher an Verschwörungsnarrative glauben (z. B. “The Paranoid Style in American Politics Revisited: An Ideological Asymmetry in Conspiratorial Thinking”) und schwächer darin sind, Fakenews zu erkennen (z. B. “Conservatives’ susceptibility to political misperceptions”), weniger empathisch sind (z. B. “Empathy and the Liberal-Conservative Political Divide in the U.S.”) und einen ausgeprägten Negativitätsbias haben:
A rapidly growing body of empirical evidence documents a multitude of ways in which liberals and conservatives differ from each other in purviews of life with little direct connection to politics, from tastes in art to desire for closure and from disgust sensitivity to the tendency to pursue new information […].
In this article, we argue that one organizing element of the many differences between liberals and conservatives is the nature of their physiological and psychological responses to features of the environment that are negative. Compared with liberals, conservatives tend to register greater physiological responses to such stimuli and also to devote more psychological resources to them.
Klar, ganz grundsätzlich haben beide einen Bias, denn der Blick auf die (Um-)Welt ist stets auf die eine oder andere Weise ‘gefärbt’, aber die Art der Verarbeitung ist bei liberals (also Linksliberalen) doch deutlich unproblematischer, da Menschen aus Fremdgruppen weniger als bedrohlich angesehen werden.
Meinung ist ein schwieriger Begriff, weil unklar ist, was damit gemeint sein soll.
Das Lexikon der Psychologie fasst es so zusammen:
Meinung, ein bis heute nicht einheitlich definierter Begriff. In der Sozialpsychologie wird z.B. unterschieden zwischen Meinungen, Einstellungen […]. Meinung gilt als „kurzlebiges Urteil über augenblickliche, für die Öffentlichkeit relevante Themen“ – im Gegensatz zu Einstellung als zeitlich stabile und wenig situationsabhängige Dimension […].
Meinungen seien der verbale Ausdruck von Einstellungen als den tiefer liegenden, latenten Variablen, […] und hätten nur einen geringen Bezug zum tatsächlichen Verhalten […].
Einstellungen sind folglich letztlich entscheidend, z. B. fürs Wahlverhalten.
Dass Reize beeinflussen, heißt nicht, dass ein und derselbe Reiz auch auf die gleiche Art und Weise verarbeitet wird - und auf Letzteres kommt es schlussendlich an.
Nehmen wir also, deinen Vorschlag aufgreifend, Merz’ krude Stadtbild-Äußerungen als Ausgangspunkt.
Auf Menschen mit ausgeprägtem Negativitätsbias (s. o.) wirkt dasselbe Stadtbild bedrohlich und triggert negative Emotionen.
Der Sozialpsychologe Arnd Florack hat es mal so formuliert:
Die Intergruppenangst führt dazu, dass Menschen aus anderen Kulturen gemieden werden und Vorurteile entstehen.
Sie ist definiert als:
Ein negativer affektiver Zustand, der empfunden wird, wenn man einen zukünftigen Kontakt mit einem Mitglied der Fremdgruppe erwartet […]; er beruht darauf, dass man negative Konsequenzen für die eigene Person während des Intergruppenkontakts erwartet.
Allein die Erwartung kann dann bewirken, dass der Kontakt vorgreifend vermieden wird.
Die Kontakthypothese hingegen setzt voraus, dass ein Kontakt auch zustande kommt, sodass Ressentiments abgebaut werden können.
Daher war meine obige Formulierung rückblickend dann doch irreführend, wobei ich dir grundsätzlich zustimme, dass das Alltagserleben von Diversität überwiegend vorurteilsverringernd ist.
Allerdings würde ich einschränken, dass das für vorurteilsbelastete ‘Kontaktvermeider’ in vielen Fällen auch nicht gilt.
Dein Vorschlag einer Kampagne ist in meinen Augen zweischneidig, insofern er die Zielgruppe sehr wahrscheinlich nicht erreicht.
Man konnte das m. E. gut an den Reaktionen auf die multiethnische Bahnwerbung oder den Shitstorm infolge der Vielfaltskampagne von Milram-Käse sehen.
Doch gerade die tun das ganz wesentlich.
Doch, alles unterliegt den Naturgesetzen.
Argwohn und Misstrauen hängen stark mit geringer Verträglichkeit, einem Persönlichkeitsmerkmal, zusammen.
Klar reagieren wir auf Umstände und Kommunikation, aber verarbeiten diese Reize auch unterschiedlich (s. o.).
Abgesehen davon, dass ‘unbeliebt’ und ‘funktionierend’ gar kein Gegensatzpaar ist, da unbeliebte Politik trotzdem funktionieren kann, erschließt sich mir auch sonst deine These nicht. Eine konkrete Politik hat schließlich immer eine Richtung. Und was die einen für eine richtige Richtung halten, halten die anderen für genau die falsche. Daher kann es weder eine allgemein unbeliebte Politik noch ein gleichzeitiges Anwachsen der Extreme aufgrund dieser Politik geben.
Was wir sehen ist etwas anderes: Die einen wandern von Überfremdungsangst (s. o.) getriggert nach rechts, die anderen streben aus Gründen der Humanität und aus Sorge wegen eines möglichen sozialen Kahlschlags nach links. Beides sind unterschiedliche Themenfelder.
Dass diese auf Einstellungen (s. o.) gründenden unterschiedlichen Präferenzen schon lange in gleicher Quantität vorhanden sind, zeigt die Forschung hinlänglich.
Nur haben sich eben die Umstände so entwickelt, dass Ängste und Sorgen getriggert werden.
Und es ist eine gesichert rechtsextreme Partei auf den Plan getreten, die Ängste unter dem Deckmantel der Selbstverharmlosung schürt, ohne offen nazistisch zu sein wie vormals noch die NPD.
Eine ‘Stimmungskratie’ ist keine Demokratie. Zu Letzterer gehören nämlich Aushandlungsprozesse, Kompromisse und auch ein gerüttelt Maß rationaler Diskurs.
Niemanden will ich ‘anpassen’. Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass zu einer Demokratie auch Citoyens gehören und nicht infantil-trotzköpfige Wutbürger, für die der ‘Politikerpöbel’ den Karren aus dem Dreck ziehen soll.
Was meinst du mit Reaktanz-Theorie bzw. worauf beziehst du dich?
Nach meiner Einschätzung spiegeln die von dir angeführten Umfrageergebnisse Projektion wider.
Verschiedene Gruppen sind wegen Unterschiedlichem unzufrieden und alle unterstellen, dass andere so dächten wie sie.
67 % aller Wähler glauben, die rechtsextreme AgD werde bei der Europawahl aus Protest (“Denkzettel für andere Parteien”) gewählt, wohingegen - spiegelverkehrt - 70 % der AgD-Wähler meinen, sie werde “wegen ihrer Forderungen” gewählt:
Da würde ich doch meinen, dass es die Akteure AgD-Wähler selber besser wissen.
Diese massive Diskrepanz lässt sich auch leicht erklären; die Nicht-AgD-Wähler wollen nicht wahrhaben, dass es so viele Rechtsextremismusaffine in ihrer Gesellschaft gibt.
So einfach ist es nicht.
Empfehlenswert sind hier:
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742127598/43195.pdf
https://royalsocietypublishing.org/doi/pdf/10.1098/rstb.2004.1546
Ein Verbot würde die Rechten ein ganzes Stück nach hinten katapultieren. Es flössen keine Staatsgelder und eine Partei wie die (ursprünglich wirtschaftskonservativ-liberale) AfD, die zu kapern wäre, müsste sich erst wieder finden. Es würde sehr viel Zeit brauchen, um an die jetztige Stärke ranzukommen. Je schneller das Verbot, desto besser.
Okay, das erklärt deine Argumentation.
Aber falls du tatsächlich von einem deterministischen Menschbild ausgehst, ist das Thema doch durch.
Dann könnten die „infantil-trotzköpfigen Wutbürger“ auch nichts dafür, dass sie die AfD wählen.
Dies wäre laut deiner Logik ja durch Persönlichkeitsmerkmale vordefiniert.
Sorry, aber sowas ist für mich einfach nicht schlüssig.
Wenn das menschliche Verhalten vollkommen deterministisch wäre, brauchen wir über Demokratie oder persönliche Verantwortung gar nicht mehr reden. Dann wäre Politik nur noch dekoratives Theater (von der Judikativen mal ganz zu schweigen).
Eine ‘Stimmungskratie’ ist keine Demokratie. Zu Letzterer gehören nämlich Aushandlungsprozesse, Kompromisse und auch ein gerüttelt Maß rationaler Diskurs.
Richtig. Aber Demokratie ist auch keine Technokratie.
Eine Regierung sollte mit der Stimmung im Land mehr tun, als sie nur zur Kenntnis nehmen.
Wenn sie diese ignoriert, wirkt das sehr schnell elitär und steigert nicht gerade die eigene Zustimmung.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass zu einer Demokratie auch Citoyens gehören und nicht infantil-trotzköpfige Wutbürger, für die der ‘Politikerpöbel’ den Karren aus dem Dreck ziehen soll.
„Citoyen“ klingt super, aber ehrlich gesagt auch ein bisschen wie Selbstbeschreibung aus dem Elfenbeinturm.
Demokratie funktioniert nicht, wenn sich ein Teil der Gesellschaft als Vernunftelite definiert und der Rest nur noch als Problem wahrgenommen wird.
Was meinst du mit Reaktanz-Theorie bzw. worauf beziehst du dich?
Ich glaube das ist durch die Teilung der Threads in die andere Hälfte gewandert. Jmd hat dort ausgeführt, dass die Abgrenzung zur AFD ihr deshalb mehr Zuspruch bringt.

Misstrauen gegen Medien und Politik und ein Glaube an "geheime Mächte": Eine Studie zeigt, wie verbreitet Populismus in Deutschland ist. Die Mehrheit ist aber zufrieden damit, wie die Demokratie funktioniert. Von Laura Bisch.
Danke fürs Verlinken.
„Geheime Mächte“ und Bedrohung, Quelle: Demokratie-Monitor 2025
Das ist schon richtig krass.
Das Ergebnis: 17 Prozent der Befragten vertraten ein populistisches Weltbild. Im Osten Deutschlands ist der Anteil laut Politikwissenschaftler Brettschneider höher (28 Prozent) als im Westen (15 Prozent).
Um als populistisch zu gelten, muss man mindestens 14 von 22 Aussageitems zustimmen:
4.84 MB
Der Anteil ist übrigens genauso groß wie im Vorjahr.
Das zeigt, dass es schon länger diese Parallelgesellschaft gibt.
Das zeigen auch andere Studien:
[W]e find that AfD voters were not driven by anxiety about their own economic situation: they are no ‘losers of globalisation.’ Instead, AfD voters in 2017 were driven solely by two factors: their attitudes towards immigrants/refugees and anti-establishment sentiment/satisfaction with democracy in Germany.
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09644008.2018.1509312
[W]e expect the AfD electorate to be increasingly dominated by far-right voters.
First, we find that the effects of well-known predictors of AfD voting (general ideology, education, east–west) have increased further. Second, our analysis shows that an immunising effect of civil servant status has developed in parallel with the party shift towards extremism.

The more than ten-year history of the Alternative for Germany (AfD) party is marked by continuous programmatic and personnel development. Starting out as an economically liberal, Eurosceptic party, the AfD quickly developed into a radical right...
Und der Rechtsruck erfasst auch andere:

Normalisation of far-right stances likely to affect success of such parties at ballot boxes across Europe, say researchers
Sehr interessant ist noch die folgende Studie:
Intelligence is correlated with a range of left-wing and liberal political beliefs. This may suggest intelligence directly alters our political views. Alternatively, the association may be confounded or mediated by socioeconomic and environmental factors. We studied the effect of intelligence within a sample of over 300 biological and adoptive families, using both measured IQ and polygenic scores for cognitive performance and educational attainment. We found both IQ and polygenic scores significantly predicted all six of our political scales. Polygenic scores predicted social liberalism and lower authoritarianism, within-families. Intelligence was able to significantly predict social liberalism and lower authoritarianism, within families, even after controlling for socioeconomic variables. Our findings may provide the strongest causal inference to date of intelligence directly affecting political beliefs.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0160289624000254
Nichts gegen das WZB, aber das Interview mit Nicola Fuchs-Schündeln war leider sehr oberflächlich im Hinblick aufs Thema.
Ökonomen, Politologen und Soziologen können eigentlich auch am wenigsten zum Rechtswählen sagen.
Ohne psychologische Expertise geht es einfach nicht.
Intelligence is correlated with a range of left-wing and liberal political beliefs.
Um mal etwas provokativ zu fragen: Ja und? Genau so funktioniert eine Demokratie eben nicht.
Ich zitiere einmal aus dem sehr lesenswerten Artikel Die Selbstgefälligkeit der Intelligenz im Zeitalter des Populismus der Bundeszentrale für politische Bildung, geschrieben von Prof. Wolf von der Goethe-Universität Frankfurt.
Die liberale Demokratie, so glauben viele, ist zunehmend gefährdet, weil der vernünftige Teil der Gesellschaft die frustrierten und emotionalisierten „Massen“ nicht länger erreichen kann. Problemorientierte Deliberation scheint dadurch gefährdet, dass die Gesellschaft mehr und mehr auseinanderdriftet: Die aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger, die im sachlichen Austausch gemeinsam nach der Wahrheit und der besten Politik suchen, sind scheinbar konfrontiert mit einem wachsenden Kreis von Mitbürgern, die zur offenen Deliberation nicht mehr fähig sind, weil sie nur noch Bestätigung für ihre vorgefassten Ansichten und identitätsbasierten Gefühle suchen.
Diese herablassende Sicht auf die „manipulierbaren Normalbürger“ ist jedoch ebenso falsch wie gefährlich. Aus ihr spricht eine Arroganz und Selbstzufriedenheit, die verkennt, wie stark auch die angeblich vernünftigeren und gebildeteren Bürgerinnen und Meinungsmacher von irrationalen Gesichtspunkten geleitet werden.
Wer sich nicht als lernendes System versteht, weil er lieber im weltanschaulichen Schützengraben seine politische Identität verteidigt, trägt dazu bei, dass Emotionalisierung und Polarisierung immer leichteres Spiel haben und die sachliche Debatte politischer Alternativen an den Rand gedrängt wird. Er ist weder ein aufgeklärter Demokrat noch ein echter Intellektueller.
Magst du die Conclusio mal für weniger intelligente Menschen zusammenfassen? Ich bin da überfordert aus den Sätzen einen Sinn zu erfassen, der einen Bezug zum Thema herstellt.
Gut gemachter empirischer Forschung mit einem moralischen Naserümpfen zu begegnen halte ich für nicht überzeugend.
Ein “lernendes System” leugnet keine Forschungsergebnisse, bloß weil sie jemandem nicht in den Kram passen.
Was das mit Selbstgefälligkeit zu tun haben soll, erschließt sich mir ohnehin nicht.
Genau darum geht es doch: Die Politikwissenschaft bedient sich wissenschaftlicher Instrumente, ist aber keine prädiktive und schon gar keine naturwissenschaftliche Disziplin, sondern blickt zurück, erklärt in der Retrospektive.
Die Geschichte lehrt uns, dass Politikwissenschaften eben v.a. in Zeiten komplexer gesellschaftlicher Dynamiken in ihrer Prädiktionsfähigkeit versagen können, weil sie sich immer auf Datenmaterial beziehen, das zum Zeitpunkt der Analyse bereits veraltet ist (und andere strukturelle Probleme aufweist): Zusammenbruch der Sowjetunion, Brexit, Trump - für viele, die empirische Forschung gut machen, kam das völlig überraschend. Das passiert Physikern nicht (oder nur, wenn sie die allg. Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik verschmelzen wollen).
Folgendes hat sich an meiner Universität zugetragen: Ein Politikwissenschaftler hat vor der US-Wahl 2016 folgende Vorlesung angekündigt: „Warum Hillary gewonnen hat“. Er hat sie dann auch halten müssen.
Die Politologie ist selbstverständlich nicht prädiktiv, weil sie über keine wissenschaftlichen Methoden verfügt, die Prädiktion ermöglichen.
Bei der Psychologie sieht es völlig anders aus.
–
Zu Clinton sei noch angemerkt, dass sie knapp 2,9 Millionen Stimmen mehr bekam als Trump und die Wahl - aufgrund des unfairen US-Wahl(leute)systems - in drei Swing States mit weniger als 80.000 Stimmen Differenz entschieden wurde bei 136.7 Millionen abgegebenen Stimmen.
In unserer parlamentarischen Mehrparteiendemokratie wäre das undenkbar.
Sowas wie das Wahlergebnis der Präsidentschaftswahl 2016 in den USA mit allen Skurrilitäten ist ohnehin nicht prädizierbar.
| – | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Was ich noch loswerden muss, ist, dass es die Phänomene, die insb. die Psychologie erkennen, erheben, beschreiben und mithin erklären kann, in eklatantem Ausmaß gibt, die Fremdenfeindlichkeit eines ganz erheblichen Teils der Bevölkerung, die sonstige gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, das Ausblenden wesentlicher Teile der Realität, um mit den eigenen Vorurteilen nicht in Konflikt zu geraten, mangelnde Emotionskontrolle, die im Hassbürgertum gipfelt, die Neigung zu Verschwörungsnarrativen, geringe kognitive Verarbeitungskapazität, mangelhafte geistige Flexibilität, problematische Persönlichkeitsmerkmale, Narzissmus, Machiavellismus und Sadismus, Rechtsautoritarismus, Soziale Dominanzorientierung, Intergruppenangst, Ingroup Bias, Reaktanz u. v. m. All das ist unterschiedlich verteilt, aber recht weit verbreitet. |
Seriöse Forschung hat das en masse belegt.
Und dennoch wird das auch von eher Linken, die gerne für sich reklamieren, auf der Seite der Wissenschaft zu stehen, ignoriert, um an der Wunschvorstellung einer in größten Teilen vernünftigen, deliberativen Bevölkerung, dem demos als fiktivem Ideal, das sich Demokratietheoretiker ausmalen, festhalten zu können.
Wer so den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt außer Acht lässt, wird scheitern.
Auch und gerade beim Umgang mit der gesichert rechtsextremen AgD und ihrer Wähler.
@Doppelrahmstufe vielen Dank für die vielen Verlinkungen, diese psychologische Sicht auf die Dinge ist sehr interessant, wenn auch etwas deprimierend.
Eine eine ganz zentrale Frage von den Kommentatoren hast du aber noch nicht beantwortet: Was hat sich in den letzten 15 Jahren geändert?
Big Five Merkmale wie Offenheit ändern sich wenn dann nur sehr langsam, der enorme Rechtsdruck ist aber ein neues Phänomen. Das suggeriert, dass die Rechten nicht nur populär sind wegen mentalen Grundhaltungen, die sich so schnell nicht ändern, sondern, dass sich da etwas anderes Verschoben hat. Das zu identifizieren ist dann der Schlüssel um den Rechtsdruck abzumindern.
Was ist das deiner Meinung nach? Oder denkst du, dass sich die psychische Verfassung der Bevölkerung in den letzten Jahren so stark verändert hat?
Eine eine ganz zentrale Frage von den Kommentatoren hast du aber noch nicht beantwortet: Was hat sich in den letzten 15 Jahren geändert?
Was ist das deiner Meinung nach? Oder denkst du, dass sich die psychische Verfassung der Bevölkerung in den letzten Jahren so stark verändert hat?
Vor der AgD gab es schlichtweg keine Partei, die derart fremdenfeindlich war - außer der offen nazistischen NPD, die im Laufe der bundesrepublikanischen Geschichte allerdings auch schon gewisse Wahlerfolge verzeichnen konnte:
1.Von 2004 bis 2009 galt der Deutschlandpakt zwischen NPD und DVU. Daher trat die NPD in den Ländern Brandenburg, Bremen, Hamburg und Sachsen-Anhalt nicht an. In Thüringen war ebenfalls ein Verzicht der NPD vorgesehen, allerdings wurde die Vereinbarung hier rückgängig gemacht. Nach der Landtagswahl in Brandenburg 2009 wurde der Deutschlandpakt aufgekündigt.
Dennoch war der offene Nazismus der Partei für viele dann wahrscheinlich doch ein Hemmschuh, zumal auch die CDU/CSU zumindest in Teilen Rechtsdraußenpositionen vertreten hat:
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Bestrebungen, in der neuen Bundesrepublik die Spaltung der bürgerlichen Kräfte aus der Zwischenkriegszeit zu überwinden und eine erneute Radikalisierung der Nationalkonservativen zu verhindern. Einen wesentlichen Impuls mit der Gründung der Christlich Demokratischen Union (CDU) setzten dabei ehemalige Mitglieder der Zentrumspartei, die nach dem Kulturkampf im 19. Jahrhundert als politische Partei die Wahlen im katholischen Reichsteil des preußischen Staats insbes...
Unbestreitbar ist wohl, dass die Aufnahme Geflüchteter seit 2015 in großem Stil bei fremdenfeindlich eingestellten Personen massiv getriggert hat, da fortan eine viel größere Sichtbarkeit - auch in kleineren Gemeinden - damit verbunden war.
Aber deswegen kann man ja die Hilfe- und Schutzsuchenden nicht einfach wieder wegschicken.
“Remigration”, die Fremdenfeinde erst zufriedenstellen würde, ist keine Lösung - schon gar nicht aus humanitärer Perspektive.
Folglich wird die gesichert rechtsextreme AgD ihr Wählerpotenzial weitestgehend behalten, sofern sie nicht verboten wird.
Das Parteiverbot ist daher die einzig sinnvolle Problemlösung einer wehrhaften Demokratie.
Vor der AgD gab es schlichtweg keine Partei, die derart fremdenfeindlich war - außer der offen nazistischen NPD, die im Laufe der bundesrepublikanischen Geschichte allerdings auch schon gewisse Wahlerfolge verzeichnen konnte:
Also mir fällt da ganz spontan die Partei „Die Republikaner“ ein, die auch immer wieder Erfolge feiern konnte aber nicht nachhaltig den Erfolg der AfD hatte.
Vor der AgD gab es schlichtweg keine Partei, die derart fremdenfeindlich war
Meinst du wirklich dieses Wählerpotential gab es die ganze Zeit und es hat einfach kein Rechter geschafft, das zu mobilisieren? Warum nicht anderherum: kann sich die AfD nicht gerade jetzt gebildet haben, weil es jetzt mehr Nachfrage von den Wählern dafür gibt?
Da der Rechtsdruck ein internationales Phänomen ist, sollte die Erklärung das berücksichtigen. Aber das in allen Ländern zufällig zur gleichen Zeit so eine Partei auftaucht, die ein Ventil für latenten Rechtsdruck ist, scheint sehr unwahrscheinlich.
Unbestreitbar ist wohl, dass die Aufnahme Geflüchteter seit 2015 in großem Stil bei fremdenfeindlich eingestellten Personen massiv getriggert hat, da fortan eine viel größere Sichtbarkeit - auch in kleineren Gemeinden - damit verbunden war.
Das scheint mir auch relevant zu sein und es ist etwas, dass in vielen verschiedenen Ländern passierte. Aber wahrscheinlich ist das auch nur ein Teil der Wahrheit, denn Länder die sehr wenige Flüchtlinge nahmen wie Ungarn und Polen (vor der Ukraine) erleben diesen Rechtsdruck auch.
Ich will gar nicht bestreiten, dass es diese fremdenfeindlich- nationalistischen Grundhaltungen gibt, aber es scheint doch so, als hätten wir es früher besser geschafft, diese in demokratische Bahnen zu lenken.
Die offensichtliche Veränderung in den letzten 15 Jahren ist aus meiner Sicht die Medienlandschaft: Weg von traditionellen Medien mit Overton Fenster und Gatekeepern, hin zu online Medien mit Filterblasen und Missinformation. Erst da finden rechtsgeneigte Menschen die kritische Masse um sich diese Weltbilder aufzubauen, die dann zu diesen Wahlentscheidungen führen. Dann wäre ein Parteiverbot nur eine Symptombehandlung, die unseren beschädigten Mediendiskurs nicht repariert.
Ich weiß schon “das Internet ist Schuld” ist nicht gerade eine originelle Diagnose, aber aus meiner Sicht das wahrscheinlichste. Was sagst du dazu?
Die vielen Krisen belasten alle Menschen. Gleichzeitig wird der Kuchen kleiner. Migranten und Bürgergeldempfänger werden zu Sündenböcken gemacht.
Einen Grundrassismus (und auch Ablehnung der “Neuen”) gab es immer schon. In der Union, FDP, NPD. Aber auch dabei gibt es nicht nur die beiden Extreme, sondern viele Nuancen dazwischen.
Ich will gar nicht bestreiten, dass es diese fremdenfeindlich- nationalistischen Grundhaltungen gibt, aber es scheint doch so, als hätten wir es früher besser geschafft, diese in demokratische Bahnen zu lenken.
Ich glaube, das liegt daran, dass sich die meisten selbst nicht als rechts einstufen würden. Eine AFD, die ja irgendwie auch nicht nur rechts ist, ist also OK, ein III.Weg oder eine Heimat kostet da schon mehr Überwindung.