AfD in Sachsen-Anhalt

Folgender beunruhigender Gedanke kam mir kürzlich: Die Leute warnen meistens davor, dass sich die AfD nach Erreichen einer absoluten Mehrheit aufführen könnte wie die Axt im Walde.

Was ich aber beunruhigender finde ist, wenn sie Kreide frisst und sich mehr oder weniger gesittet aufführt. So würde sie nämlich Wählern in anderen Bundesländern suggerieren, dass sie ja gar nicht schlimm sind und man die durchaus wählen kann. Und wenn es ausreichend viele Bundesländer sind, wird die Maske vom Gesicht gerissen.

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Die Gefahr, dass sich die rechtsradikale AfD in Sachsen-Anhalt liberaldemokratisch oder minderheitenfreundlich geriert, besteht m.E. nicht, da sie schon jetzt aus ihrem Extremismus keinen Hehl macht.

Das Problem ist doch vielmehr, dass so viele Wahlberechtigte diesen keineswegs verborgenen Extremismus goutieren.

Schon 2023 erbrachte eine Studie der Uni Leipzig:

Ausländerfeindliche Aussagen werden nur von einer Minderheit der Befragten abgelehnt. Ähnliches gilt für die Inhalte des Chauvinismus.

In der Zeit hieß es kürzlich:

Erschwerend kommt hinzu, was der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025, eine Studie zur gesellschaftlichen Stimmung im Bundesland, ergeben hat: Nur noch 43,5 Prozent gelten als »solide Demokraten«, 54 Prozent als »fragile Demokraten«. Letztere schließen antidemokratische Alternativen wie Einparteiensystem und Diktatur nicht aus.

Wir sollten uns nichts vormachen, erhebliche Teile der Bevölkerung sind rechtsautoritär.

Parallelen zu früheren Zeiten sind unübersehbar.

Neun von zehn AfD-Wählenden befürworten auch einen AfD-Ministerpräsidenten:

Es handelt sich also bei denen keineswegs um Protestwählende.

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Mögliche oder schon vorhandene Folgen einer starken AfD für die Kinder- und Jugendpolitik und die entsprechenden Verbände vor Ort in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern:

Sehr informative Podcastfolge über die Situation.

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Mag sein, dass die AfD es vordergründig so versuchen wird. Aber ich vermute, dass ihre Strategie zu mindestens ebenso großen Anteilen, eher mehr, darauf angelegt sein wird, Chaos und Zwist zu schüren und eine Spirale des (tatsächlichen oder gefühlten) Niedergangs anzuheizen, die auch auf andere Länder übergreift. Schließlich war sie bislang damit recht erfolgreich. „Nur“ weil sie in einem kleinen Bundesland regiert, muss sie mE nicht ihre bisher gespielte Rolle als Fundamentalopposition aufgeben, um weiter möglichst erfolgreich zu sein.

Letztlich schließt sich beides ais meiner Sicht nicht zwingend aus, sondern kann sich ergänzen. Man verkauft sich an der Oberfläche möglichst zivil (v.a. für Menschen, die sich mit politischen Prozessen - aus welchen Gründen auch immer - wenig beschäftigen) und arbeitet zugleich etwas subtiler an der Demontierung von Rechtsstaat, Sozialstaat und Pluralismus. Also wie die Axt im Walde nur für die, die etwas genauer hinschauen (wollen) und soweit es Minderheiten oder Themen betrifft, wo es nicht so sehr bundesweite und breite Aufmerksamkeit auf sie lenkt.

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Ich sehe da nicht nur keinen Widerspruch, sondern noch nicht mal einen nennenswerten Unterschied: Es ist doch sozusagen Markenkern der AfD, im Namen von „Demokratie“ und „Freiheit“ die Meinungen und Rechte anderer nach eigenem Gutdünken systematisch anzugreifen.

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Es gibt ja sicherlich Gründe, warum in Sachsen-Anhalt die „klassisch demokratischen“ Parteien wie CDU, SPD, Grüne und selbst Linke in den Umfragen schlechter abschneiden als die AfD.

Könnte man sagen das diese Parteien es entweder bislang nicht geschafft haben, die Lebenssituation spürbar bzw gefühlt zu verbessern, oder keine überzeugenden Konzepte vorweisen können?

Oder das diese eher in Westdeutschland entstandenen Parteien Zuwenig Präsenz vor Ort in Sachsen-Anhalt zeigen?

Man hört in Podcasts und Interviews öfter Stimmen wie „Einen CDU/SPD Politiker hab ich vor Ort hier noch nie gesehen, aber die AfD Leute sind vor Ort“.
Ist fehlende Wahrnehmbarkeit der anderen Parteien ein Grund für den Erfolg der AfD?

Das würde ich zumindest objektiv bestreiten wollen. Ökonomisch ist SA eher eine Erfolgsgeschichte seit der Wende/ den 90er Jahren.

Was natürlich ein Problem ist: Mit dem durchschnittlichen AfDler wollen anständige Menschen ungern zusammen leben. Und grade auch in SA gibt es eine Kontinuität rechter Gewalt schon aus vor-Wende-Zeiten. Die, die können, stimmen dann ab den 90ern mit den Füßen ab und die, die gern so leben wollen, für die die braune Brühe aus Baseballschlägern, Diskriminierungen aller Art eher Feature als Fehler ist, „reichern“ sich dann an. Auch mangels moderierender Einflüsse. Dann gibts einen Mangel an Frauen und klügeren, integren Gegenstimmen. Man bestätigt sich dann wechselseitig, dass diejenigen, die eine Region vorwärts bringen, allein aus Gier wonders hingehen und nicht, weil sie es leid sind, sich mit ewig gestrigen und Reaktionären herumzuärgern. Und am eigenen, gefühlten Elend, das in Wahrheit vor allem der eigenen Beschränktheit geschuldet ist, sind dann halt die Schuld, die immer schon an allem Schuld waren: Linke, Kluge, Arme, Ausländer, Frauen, LGBTQI, manchmal noch Juden, wenn jemand so richtig „tradtionell“ ist. Keine Reflektion, keine Lernkurve.

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Liegt hier vielleicht der argumentative Fehler?

Wenn der Durchschnittsarbeiter der Meinung ist (subjektiv), das er nicht wirklich über die Runden kommt, wie überzeugend ist es dann für ihn wenn man ihm sagt „deine Meinung ist falsch, denn laut Statista ist das BIP um 2,8% gestiegen, also sei jetzt zufrieden“?
Diese Art der Argumentation funktioniert ja auch in gefestigt demokratischen Kreisen nicht wirklich, weil zu abstrakt.

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Der argumentative Fehler ist eher ein analytischer. Wenn es um die Frage geht, ob Politik das Land voran gebracht hat, wäre das BIP ja ein möglicher Indikator. Aber darum geht es den Wählern rechtsextremer Parteien regelmäßig ja nicht (auch wenn manche die einschlägigen Befunde nicht so richtig zur Kenntnis nehmen wollen). Ich würde für eine Diskussion zu den Wahlmotiven aber lieber auf die sehr zahlreichen und ausgiebigen Debatten hier im Forum verweisen, anstatt die nochmal neu aufzulegen. Dass die Wahl rechtsextremer Parteien in bestimmten Regionen eben nicht in gleicher Weise fundamental geãchtet und ausgeschlossen ist, wie es unter anständigen Menschen selbstverständlich ist, kann man ja auch so zur Kenntnis nehmen, ohne denen, die diesen Mindestanstand vermissen lassen, irgendeine Ausrede abzukaufen.

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Ich finde erstaunlich, wie sehr diese Landtagswahl gehyped wird. Diese Hysterie erinnert mich an den ersten Regierungstag von D.Trump. Damals hatte Obama noch versucht die Massen etwas zu beruhigen, dass das nicht das Ende der Welt ist. (womit er auch Recht hatte)
Die Senats-Wahl in Berlin z.B. wäre doch eine gute Alternative um von SachsenAnhalt mal weg zu kommen. :slight_smile:

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Nur der Anfang vom Ende der US-Demokratie​:man_shrugging: auch, weil Demokraten im naiven Glauben an die demokratische Integrität der Republikaner die Gefahr unter Biden nicht mit der nötigen Härte bekämpfen wollten. Aber in der Tat wirkt der Ost-Fetisch aus Bayern oder NRW betrachtet immer etwas unverhältnismäßig.

Nein:

Dass es im Land keine Mehrheit an soliden Demokrat:innen gibt, ist oben noch mal nachzulesen.

Auch folgendes Beispiel veranschaulicht das noch mal:

Gut zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat ein altgedienter CDU-Kommunalpolitiker zur Wahl der AfD aufgerufen und eine Spende in Höhe von 10 000 Euro an die rechtsextreme Partei öffentlich gemacht. In einem offenen Brief an die CDU Sachsen-Anhalt „sowie an die Öffentlichkeit“ begründet Bernd Prange, der für die CDU im Kreistag von Stendal sitzt und Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Höhe ist, am Mittwoch seinen Schritt mit einem Linksruck der CDU und „tiefer Sorge um unser Land“.

Oder hier:

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Danke.
Liegt also am latenten Rechtsradikalismus und einem zu schwach ausgeprägten Demokratismus in Sachsen-Anhalt, wenn ich das so richtig deute.

Also einfach keine Chance für demokratische Parteien?

Interessant wird ob das BSW eine Rolle spielen wird.

Wenn Selbstverharmlosung in den Medien scheitert:

In Sachsen-Anhalt werden mehrere Personen mit früheren Verbindungen zur inzwischen verbotenen HDJ als mögliche Funktionsträger einer AfD-Regierung gehandelt. Tillschneider verweist darauf, dass ihm bei diesen Personen in den vergangenen Jahren keine rechtsextremen Äußerungen aufgefallen seien. „Ich lege meine Hand für sie ins Feuer“, sagt er über zwei frühere führende HDJ-Funktionäre, die in der AfD für Regierungsämter nach der Wahl gehandelt werden. Die entscheidende Frage sei nicht allein, wo jemand vor vielen Jahren Mitglied gewesen sei, sondern wie sich diese Person seitdem entwickelt habe.

Im Gespräch geht es um die zentralen Vorhaben einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt: um „Remigration“, schärfere Regeln für Einbürgerungen und die Frage, wer nach Tillschneiders Verständnis als integriert gilt. Auch die Vereinskultur wird zum Streitpunkt. Staatlich geförderte Organisationen sollen künftig ein „Patriotismusbekenntnis“ ablegen – Kritiker befürchten, dass damit politisch unliebsamen Vereinen Fördermittel entzogen werden könnten. Im Gespräch kann Tillschneider zwar ein Beispiel für einen Verein nennen, dessen Aktivitäten er kritisch sieht, jedoch keinen Beleg dafür, inwiefern darin ein Mangel an Patriotismus liegt.

Zum Eklat kommt es schließlich auf die Frage nach einem AfD-Mitglied, dem der Generalbundesanwalt die Mitgliedschaft in der mutmaßlich rechtsterroristischen Organisation „Sächsische Separatisten“ vorwirft. Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke hatte gefordert, diesem Mann die AfD-Mitgliedsrechte wieder zurückzugeben. Doch bei weiteren Nachfragen verschärft sich Tillschneiders Ton: „So, mehr will ich dazu auch nicht sagen, […]. Ich habe mich auch nicht allzu intensiv damit befasst.“

Er wirft der Journalistin „Hardcore-Framing“ vor und bricht das Gespräch vorzeitig ab. „Ich empfinde Ihre Fragen als destruktiv und suggestiv und in höchstem Maße unfair“, sagt Tillschneider zu Amann. Wenig später verlässt er das Podcast-Studio.

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Lediglich knapp zwei Drittel:

Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lehnt eine klare Mehrheit der Deutschen eine AfD-geführte Landesregierung ab. Wie aus dem neuen ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen hervorgeht, finden es knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten schlecht, wenn die AfD nach den Wahlen einen Ministerpräsidenten stellen würde.

Im Westen lehnen 66 Prozent eine AfD-geführte Landesregierung ab, im Osten sind es 53 Prozent. Bundesweit fänden 23 Prozent einen AfD-Ministerpräsidenten hingegen gut, elf Prozent wäre es egal.

Ist es nicht auch eine Chance? Normale Bundesländer können doch bspw. eine Umzugsbeihilfe für „schwierige“ Menschen nach Sachsen-Anhalt ausloben und dafür mit Stipendien die Vernünftigen herausholen (also besser als die Ortskräfte aus Afghanistan).

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Du meinst eine Art Fascho-Reservat?

Für die 23 % Bundesbüger:innen wider Willen (s. Politbarometer) bräuchte man schon die fünf neuen Länder. Da reicht SA gar nicht aus.

Es wird immer bizarrer:

Über mögliche Seitenwechsler wird hinter den Kulissen von CDU und AfD längst diskutiert. Bislang war dabei vor allem von möglichen CDU-Überläufern die Rede, die der AfD zur Alleinregierung verhelfen könnten. Recherchen von MDR INVESTIGATIV zeigen nun: In beiden Parteien wird das genaue Gegenteil für wahrscheinlicher gehalten – nämlich Übertritte von AfD-Abgeordneten zur CDU-Fraktion.

Maximilian Popp hat es in der Morgenlage ganz gut dargelegt:

Jetzt, da die AfD in Sachsen-Anhalt kurz davorsteht, bei der Landtagswahl am 6. September die absolute Mehrheit zu holen […], gewinnt ein Argument an Zuspruch. Es war in den vergangenen Jahren immer mal wieder zu hören, auch wenn es durch die ständige Wiederholung nicht richtiger wird: Man müsste, so sagen manche, die radikalen Rechten nur regieren lassen, dann würden sie sich von selbst entzaubern.

Man könnte nun auf die deutsche Geschichte schauen, um zu verstehen, dass das keine so gute Idee ist. Auch in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, daran hat der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel gerade noch einmal in der ARD erinnert, glaubten die Konservativen, sie könnten den Aufsteiger Adolf Hitler einhegen. Das Experiment endete im Holocaust. Die Holocaustüberlebende und Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, hat in einem Interview mit dem »Stern« jüngst noch einmal gewarnt, sie sehe bei der AfD »in vielen Bereichen keinen Unterschied zur NSDAP«.

Man muss aber vielleicht gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen, um zu verstehen, welche Gefahren drohen, wenn radikale Rechte regieren. Ein Blick ins Nachbarland Österreich tut es auch. Die FPÖ hat dort schon dreimal auf Bundesebene mitregiert: von 1983 bis 1986 mit den Sozialdemokraten, von 2000 bis 2005 sowie von 2017 bis 2019 mit der konservativen Volkspartei. Zweimal zerbrach die Koalition, unter anderem weil es die FPÖ mit demokratischen Normen nicht so genau nahm […]. Trotzdem liegt die Partei heute in Umfragen bei knapp 40 Prozent. Ihr Programm und ihre Rhetorik sind radikaler denn je: Parteichef Herbert Kickl fordert einen »Systemumbau« und »Remigration«. »Entzauberung sieht anders aus«, sagt meine Kollegin Lucia Heisterkamp, die sich in dem Podcast »Inside Austria« regelmäßig mit der FPÖ beschäftigt.

Der renommierte französische Rechtsextremismusforscher Jean-Yves Camus meint auf der Plattform „Atlantico“, sollte die AfD ein ähnlich hohes Ergebnis erzielen, wie die Umfragen es vorhersagen, wäre dies das Ende der seit 1949 andauernden Phase, in der die Rechtsextreme in Deutschland am politischen Rand gehalten wurde.

Reint Gropp, der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), hat es im Zeit+-Interview so formliert:

Laut dem SKL Glücksatlas sind die Menschen in Sachsen-Anhalt inzwischen zufriedener als im Bundesdurchschnitt. Die Arbeitslosigkeit liegt nur leicht über der in Westdeutschland. Deshalb sind die Umfragewerte für die AfD nicht mit der realen wirtschaftlichen Situation der Menschen zu erklären.

Menschen in ländlichen Regionen fühlen sich eher abgehängt, auch wenn das ökonomisch objektiv gar nicht stimmt. Und ein ganz entscheidender Punkt ist, woher die Menschen ihre Informationen bekommen. Wenn sie sich vor allem aus den sozialen Medien informieren, wählen sie eher AfD. Weil die Nutzer von den Algorithmen sehr einseitig informiert werden.

Vor der Wende lebten mehr als drei Millionen Menschen im Land, jetzt sind es nur noch gut zwei Millionen. Gegangen sind vor allem die Gebildeten und Flexiblen, besonders viele Frauen.

Diese Gruppe [Männer mit vergleichsweise geringem Bildungsniveau, die sich häufig oberflächlich oder einseitig auf Social Media informieren] wählt verstärkt Populisten. Sie wird besonders stark von der AfD angesprochen, gerade auch über die sozialen Medien. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, den Aufstieg der AfD vor allem mit der Wiedervereinigung und ihren Folgen zu erklären, zum Beispiel mit einem angeblich mangelnden Demokratieverständnis der Ostdeutschen. Schließlich sind die Populisten weltweit erfolgreich.

Und was die Partei [AfD] da [in ihrem Programmm] will, ist fast alles kontraproduktiv für den Wohlstand. Zum Beispiel einen Ausbau- und Förderstopp bei den erneuerbaren Energien: Einer der Standortvorteile, die Sachsen-Anhalt hat, ist, dass deren Anteil dort höher ist als in anderen Bundesländern. Deshalb investieren Unternehmen hier, weil es viel grünen Strom gibt und die Energieunabhängigkeit höher ist als anderswo. Aber die AfD kann in der Wirtschaftspolitik auf Landesebene auch nicht viel machen. Steuern, Energie, Klima- oder Rentenpolitik – das ist Sache des Bundes und nicht eines einzelnen Landes.

Das [Programm der AfD mit seinen Versprechungen] ist schlicht nicht finanzierbar. Wir haben ausgerechnet, wie groß nach Umsetzung des AfD-Programms die Lücke im Landeshaushalt wäre: 2,2 Milliarden Euro im Jahr.

Wenn überhaupt, würde diese Familienpolitik frühestens in 18 Jahren zu mehr Arbeitskräften führen, es gehen ja keine Babys in die Chemiefabrik. Darauf hat die AfD keine Antwort. Und ein Klima der Angst für Ausländer zu schaffen, ist massiv wirtschaftsschädlich.

Weil verschiedene Wirtschaftszweige in Sachsen-Anhalt von ausländischen Arbeitskräften abhängen. Zum Beispiel in Restaurants und Hotels, bei Ärzten, im Bausektor. Da würden nicht alle gehen, aber die Fähigsten, die anderswo leicht einen Job bekommen. Es ist ein großer Irrtum der AfD, zu glauben, dass hoch qualifizierte Deutsche nach Sachsen-Anhalt strömen, weil es hier dann so schön deutschtümlerisch ist. Die werden eben gerade nicht kommen, sondern weniger als bisher. Das ist der entscheidende wirtschaftliche Faktor, der Sachsen-Anhalt wirklich schaden kann.

Das wird den Arbeitskräftemangel drastisch verstärken. Und Firmen werden sich dreimal überlegen, ob sie noch in Sachsen-Anhalt investieren, wenn sie keine Mitarbeiter finden können. Wir sehen ja in Amerika, wie das ist. Da wollte Trump die illegalen kriminellen Einwanderer loswerden. Aber wenn dort ICE-Agenten rumrennen und jeden belästigen oder sogar verhaften, der irgendwie anders aussieht, fühlen sich viele Menschen nicht mehr wohl. Erste Anzeichen davon gibt es schon in Halle.

An meinem Institut arbeiten Menschen aus 14 Nationen, die sind hoch qualifiziert, aber nicht alle können Deutsch, und viele sehen eben nicht deutsch aus. Manche haben schon schlechte Erfahrungen gemacht: Sie wurden angepöbelt oder von der Polizei in der Fußgängerzone ohne Anlass nach Ausweispapieren oder Arbeitserlaubnis gefragt.

Ich würde ja behaupten, dass für die allermeisten Abwanderungen nicht die in der Bevölkerung vorhandenen Nazis verantwortlich sind, sondern dass die Arbeitsmarktsituation in den neuen Bundesländern eine andere ist.

Es gibt, vor allem auch in Sachsen Anhalt, mehr Arbeitslosigkeit als in vielen anderen Bundesländern, insgesamt lag sie in den neuen Bundesländern in den 90ern und 2000ern, also als die größten Abwanderungen stattfanden, knapp doppelt so hoch wie im Westen (Registrierte Arbeitslose und Arbeitslosenquote nach Gebietsstand - Statistisches Bundesamt, 8.4% vs. 18.5% in 2000).

Außerdem erntet man mehr Arbeit

bei weniger Lohn

bei ähnlichen Lebenshaltungskosten.

Rechte Vaterlandsfans haben viel Regionalstolz, motzen lieber rum, aber trauen sich die Veränderung durch Wegzug nicht zu. Der Rest ist dagegen nicht so dumm und nutzt halt die freie Arbeitsplatzwahl. Das führte überwiegend zum Wegzug aus den Ländern. Nicht jeder findet im Speckgürtel Berlins, Leipzigs, Erfurt oder Dresden Arbeit.

Ich kenne aber wirklich etliche aus der Jugend, die gerne wieder zurück in ihre ehemalige Heimat möchten, vor allem aus familiärer Verpflichtung, aber bei denen das eine deutliche Verschlechterung der beruflichen Perspektive bedeutet.

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Die Ergebnisse unserer Studie mit 5000 Befragten in vier Ländern (Deutschland, Frankreich, Polen, Schweden) zeigen erstens, dass sich in der Tat ein substantieller Teil der Bevölkerung in zwei Lager aufspaltet, die sich in ihren Identitätskonzepten – gemessen zum einen über ihre Vorstellung von Zugehörigkeit und zum anderen über ihre Wahrnehmung von Bedrohung durch ethnisch-religiös definierte Fremde – unterscheiden. Wir nennen diese Lager Entdecker und Verteidiger […].

Entdecker befürworten ein offenes Zugehörigkeitskonzept und fühlen sich durch Fremde (Muslime, Geflüchtete) nicht bedroht. Sie sehen sich zudem selbst als gut repräsentiert, also eher als nicht marginalisiert an, sind eher zufrieden mit der Demokratie im Land und vertrauen eher politischen Institutionen. Verteidiger hingegen stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit eher für ein enges Konzept der Zugehörigkeit, fühlen sich eher durch Fremde bedroht und gesellschaftlich marginalisiert, sie sind unzufriedener mit der Demokratie im Land und misstrauischer gegenüber politischen Institutionen.

In tiefergehenden Analysen haben wir zudem herausgefunden, dass sich die Gruppen der Entdecker und Verteidiger auch hinsichtlich ihrer kulturellen und religiösen Verortung sowie ihrer psychologischen Dispositionen unterscheiden.

Verteidiger weisen eine deutlich höhere Präferenz für populistische Parteien und das Konzept eines „starken Führers“ auf und neigen eher zu Verschwörungstheorien.

Während eine beachtliche Gruppe der Gesellschaft, die wir die Entdecker nennen, Fremdes willkommen heißt und sich durch Fremde nicht bedroht fühlt, nimmt eine andere gesellschaftliche Gruppe – in Abgrenzung zu den Entdeckern nennen wir sie die Verteidiger – in beiden Hinsichten die entgegengesetzte Position ein.

https://www.researchgate.net/publication/359923773_Von_Verteidigern_und_Entdeckern_Ein_neuer_Identitatskonflikt_in_Europa#pfc

Entdecker:innen gehen natürlich eher in die Welt, Verteidiger:innen bleiben, wo sie sind.

Auch deshalb hat sich über die Jahrzehnte eine Entmischung ergeben.

Die eine Position wird durch einen Teil der Bevölkerung repräsentiert, den wir Entdecker nennen. Diese Gruppe steht für ein offenes Konzept der Gesellschaft und der Zugehörigkeit von Menschen zu ihr. Sie nimmt die Öffnung von Grenzen gerade auch im Hinblick auf (Im)Migration als Herausforderung und Chance und weniger als Bedrohung und Risiko wahr und sieht in der mit der Modernisierung verknüpften individuellen Freiheit die Grundlage dafür, dass in einer Gesellschaft viele kulturelle Lebenskonzepte gleichberechtigt nebeneinander vertreten werden können und sollen.

Die zweite Position wird durch jene Bevölkerungsgruppe repräsentiert, die wir Verteidiger nennen. Sie tritt für ein engeres Konzept der Gesellschaft und für den Schutz vor einer zu großen Offenheit ein. In der Debatte um gesellschaftliche Zugehörigkeit verteidigt diese Gruppe traditionelle Kriterien wie ethnische und religiöse Homogenität. Eine ideale Gesellschaft zeichnet sich damit aus Sicht der Verteidiger durch eine möglichst große kulturelle Ähnlichkeit ihrer Mitglieder aus, während man sich gegenüber ethnischen und religiösen Fremdgruppen abgrenzt und diese sogar als Bedrohung wahrnimmt.

Die Forschung zu Persönlichkeitsdispositionen und zur Wirkung von Sozialisation betont, dass die individuelle Gewichtung der Bedürfnisse im Lebensverlauf relativ stabil bleibt und sich nur langsam ändert (Bleidorn et al., 2021; Roberts & DelVecchio, 2000).

Die zunehmende länderübergreifende Kooperation hat zu unterschiedlichen, für die Verstetigung des Identitätskonflikts zentralen Entwicklungen beigetragen. Erstens hat die Globalisierung dazu geführt, dass legale und illegale Migration zunimmt und Menschen damit immer häufiger mit „Fremden“ konfrontiert werden.

Der Anteil an Ausländer:innen in SA ist mit neun Prozent natürlich lächerlich gering (z.B. im Vergleich zu BW mit 19,5 %).

Bei der Bedrohungswahrnehmung unterscheiden sich die Wählenden der rechtradikalen AfD übrigens (erwartungsgemäß) substanziell von den Wählenden der demokratischen Parteien:

AfD-Anhängerinnen und -Anhänger fühlen sich weniger sicher als andere Bürgerinnen und Bürger: 77 Prozent fühlen sich aktuell in Deutschland nicht sicher, nur 22 Prozent geben an, dass sie sich [sicher] fühlen.

Die Wahrnehmung externer Bedrohungen steht im Zusammenhang mit einem höheren Maß an Rechtem Autoritarismus (RWA) und Sozialer Dominanzorientierung (SDO), wie folgende Längsschnittstudie exemplarisch bestätigt:

https://kar.kent.ac.uk/42844/2/Onraet_Dhont_Van%20Hiel_2014_PSPB%20longitudinal_threat%20right-wing%20attitudes.pdf

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