Die Ergebnisse unserer Studie mit 5000 Befragten in vier Ländern (Deutschland, Frankreich, Polen, Schweden) zeigen erstens, dass sich in der Tat ein substantieller Teil der Bevölkerung in zwei Lager aufspaltet, die sich in ihren Identitätskonzepten – gemessen zum einen über ihre Vorstellung von Zugehörigkeit und zum anderen über ihre Wahrnehmung von Bedrohung durch ethnisch-religiös definierte Fremde – unterscheiden. Wir nennen diese Lager Entdecker und Verteidiger […].
Entdecker befürworten ein offenes Zugehörigkeitskonzept und fühlen sich durch Fremde (Muslime, Geflüchtete) nicht bedroht. Sie sehen sich zudem selbst als gut repräsentiert, also eher als nicht marginalisiert an, sind eher zufrieden mit der Demokratie im Land und vertrauen eher politischen Institutionen. Verteidiger hingegen stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit eher für ein enges Konzept der Zugehörigkeit, fühlen sich eher durch Fremde bedroht und gesellschaftlich marginalisiert, sie sind unzufriedener mit der Demokratie im Land und misstrauischer gegenüber politischen Institutionen.
In tiefergehenden Analysen haben wir zudem herausgefunden, dass sich die Gruppen der Entdecker und Verteidiger auch hinsichtlich ihrer kulturellen und religiösen Verortung sowie ihrer psychologischen Dispositionen unterscheiden.
Verteidiger weisen eine deutlich höhere Präferenz für populistische Parteien und das Konzept eines „starken Führers“ auf und neigen eher zu Verschwörungstheorien.
Während eine beachtliche Gruppe der Gesellschaft, die wir die Entdecker nennen, Fremdes willkommen heißt und sich durch Fremde nicht bedroht fühlt, nimmt eine andere gesellschaftliche Gruppe – in Abgrenzung zu den Entdeckern nennen wir sie die Verteidiger – in beiden Hinsichten die entgegengesetzte Position ein.
https://www.researchgate.net/publication/359923773_Von_Verteidigern_und_Entdeckern_Ein_neuer_Identitatskonflikt_in_Europa#pfc
Entdecker:innen gehen natürlich eher in die Welt, Verteidiger:innen bleiben, wo sie sind.
Auch deshalb hat sich über die Jahrzehnte eine Entmischung ergeben.
Die eine Position wird durch einen Teil der Bevölkerung repräsentiert, den wir Entdecker nennen. Diese Gruppe steht für ein offenes Konzept der Gesellschaft und der Zugehörigkeit von Menschen zu ihr. Sie nimmt die Öffnung von Grenzen gerade auch im Hinblick auf (Im)Migration als Herausforderung und Chance und weniger als Bedrohung und Risiko wahr und sieht in der mit der Modernisierung verknüpften individuellen Freiheit die Grundlage dafür, dass in einer Gesellschaft viele kulturelle Lebenskonzepte gleichberechtigt nebeneinander vertreten werden können und sollen.
Die zweite Position wird durch jene Bevölkerungsgruppe repräsentiert, die wir Verteidiger nennen. Sie tritt für ein engeres Konzept der Gesellschaft und für den Schutz vor einer zu großen Offenheit ein. In der Debatte um gesellschaftliche Zugehörigkeit verteidigt diese Gruppe traditionelle Kriterien wie ethnische und religiöse Homogenität. Eine ideale Gesellschaft zeichnet sich damit aus Sicht der Verteidiger durch eine möglichst große kulturelle Ähnlichkeit ihrer Mitglieder aus, während man sich gegenüber ethnischen und religiösen Fremdgruppen abgrenzt und diese sogar als Bedrohung wahrnimmt.
Die Forschung zu Persönlichkeitsdispositionen und zur Wirkung von Sozialisation betont, dass die individuelle Gewichtung der Bedürfnisse im Lebensverlauf relativ stabil bleibt und sich nur langsam ändert (Bleidorn et al., 2021; Roberts & DelVecchio, 2000).
Die zunehmende länderübergreifende Kooperation hat zu unterschiedlichen, für die Verstetigung des Identitätskonflikts zentralen Entwicklungen beigetragen. Erstens hat die Globalisierung dazu geführt, dass legale und illegale Migration zunimmt und Menschen damit immer häufiger mit „Fremden“ konfrontiert werden.
Der Anteil an Ausländer:innen in SA ist mit neun Prozent natürlich lächerlich gering (z.B. im Vergleich zu BW mit 19,5 %).
Bei der Bedrohungswahrnehmung unterscheiden sich die Wählenden der rechtradikalen AfD übrigens (erwartungsgemäß) substanziell von den Wählenden der demokratischen Parteien:
AfD-Anhängerinnen und -Anhänger fühlen sich weniger sicher als andere Bürgerinnen und Bürger: 77 Prozent fühlen sich aktuell in Deutschland nicht sicher, nur 22 Prozent geben an, dass sie sich [sicher] fühlen.
Die Wahrnehmung externer Bedrohungen steht im Zusammenhang mit einem höheren Maß an Rechtem Autoritarismus (RWA) und Sozialer Dominanzorientierung (SDO), wie folgende Längsschnittstudie exemplarisch bestätigt:
https://kar.kent.ac.uk/42844/2/Onraet_Dhont_Van%20Hiel_2014_PSPB%20longitudinal_threat%20right-wing%20attitudes.pdf