Work Life Balance

Die Frage wie viel man arbeiten kann, hängt auch davon ab, wie das übrige Leben organisiert ist.

Wenn wir unser System auf Ganztagsschulen umstellen, Kinder selbst zur Schule radeln, der Arbeitsweg kurz ist, nicht jedes Rezept physisch vom Arzt geholt werden muss und der Wocheneinkauf direkt zu einer Abholbox vor der Wohnung gebracht wird, dann räumt das Zeit für ein paar Überstunden frei.

Work-life-balance ist dabei zu unrecht so negativ bewertet.
Es geht schlicht darum, dass das Leben insgesamt funktioniert.

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Herr Merz scheint kein Fan der Work-Life Balance zu sein.

Reine Frage, wie man es definiert?

Ich verstehe auch nicht wie man das so sauber von einander trennen kann.

Ich könnte nicht sagen was mich nervlich, körperlich, energetisch mehr oder weniger fordert: Ob meine Erwerbstätigkeit als Angestellter, meine Care Arbeit während und jetzt nach der Elternzeit, meine Steuererklärung zu machen oder einen Facharzt Termin aufzutreiben, oder die vielen anderen privaten Verpflichtungen.

Ich bin mir auch nicht sicher ob die psychische Gesundheit so stark mit mehr Freizeit korreliert. Das wird immer unterstellt, wäre spannend dazu mal Untersuchungen dazu zu lesen, falls die jemand hat.

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Es heißt ja nicht umsonst Work-Life-Balance, nicht Lohnarbeit-Nichtlohnarbeit-Balance. Natürlich muss man dabei auch Care-Arbeit dem Work-Part zurechnen. Aber mehr Zeit für Lohnarbeit (aka Überstunden) bedeutet ja de facto weniger „Balance“, da die Care-Arbeit dadurch ja nicht weniger wird. Im Gegenteil: durch höhere Arbeitsbelastung steigt eher der Bedarf nach einem (körperlichen und seelischen) Ausgleich in der Zeit ohne Lohnarbeit.
Die Anzahl der Menschen, die während der Lohnarbeit entspannter sind als in ihrer lohnarbeitsfreien Zeit (zu der ja neben aller Care- und Orga-Arbeit immer auch gehören sollte, etwas zu tun, was man gerne macht oder was einem gut tun), dürfte sehr überschaubar sein.

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Ich schätze das hängt stark von der Definition von „Freizeit“ ab:
Wenn ich Arbeit, Pendeln, Care-Arbeit, Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen von meiner Zeit abziehe, dann natürlich noch Gesundheitsvorsorge, Bürokratie und die allernötigsten familiären Kontakte bleibt zumindest in unserem Leben gerade noch so viel Zeit, dass wir beide - natürlich getrennt voneinander - jede Woche etwas Sport machen können um fit zu bleiben.
„Freie“ Zeit, in der ich tun und lassen kann was ich will gibt es in meinem Leben nicht wirklich.
Lage-Forum geht nur auf dem Klo… :poop:

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Dann verstehe ich die Trennung ehrlich gesagt noch weniger. Mich um meine Kinder zu kümmern ist ein wesentlicher Teil meines Lebens, auch wenn vieles davon harte Arbeit ist.

Ich bin alles andere als ein Experte, was das Konzept angeht, ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob es das eine ausgefeilte Konzept überhaupt gibt. Aber die Grundidee von Work-Life-Balance so wie ich sie verstehe, ist doch recht banal: Neben allem Notwendigen sollten Menschen noch ausreichend Zeit haben, sich zu erholen und Zeit mit etwas zu verbringen, was sie nur machen wollen, aber nicht müssen. Das muss ja gar nicht ausschließen, dass man die eigene Care-Arbeit oder auch die eigene Lohnarbeit auch als sinnstifftend wahrnimmt oder diese einem sogar auch Spaß machen kann, auch wenn sie „hart“ ist.

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Es gibt ja zwei bekannte Sätze zur Bedeutung von Arbeit:

„Ich lebe um zu arbeiten!“

„Ich arbeite um zu leben“

Je nach Interpretation haben beide Sätze ja ihre Berechtigung.

Was ich bei Arbeitgebern (anekdotisch) feststelle, ist das man gern nach dem Teddybär-Prinzip des Personalmanagements agiert:
„Wenn man auf den Bauch drückt und es kommt noch ein Ton, dann geht noch was!“

Soll heißen, Mehrarbeit wird gern als Lob von Arbeitgeberseite betrachtet. Was nicht unbedingt mehr Geld/Gehalt mit einschließen muss.

Wer also seinen Job gut macht, bekommt gern noch Zusatzaufgaben. Meist verpackt mit „Sie machen das so gut, wir haben vollstes Vertrauen das Sie diese Aufgabe ebenso gut meistern werden.“

Wenn der Mitarbeiter dann mal längere Zeit unzufrieden wirkt, gibt es eine kleine widerrufliche Zulage, die Netto nicht wirklich sichtbar ist, aber als Geste bei der Stange halten soll.
Steht ein guter Mitarbeiter kurz vor dem Absprung, ist ggf eine Höhergruppierung/ fixe Gehaltserhöhung drin.

Soviel aus dem eher sozialen Bereich.

Soll heißen, das man das Thema Work-Life Balance irgendwann vor der Frage betrachtet „was hab ich jetzt davon?“

Und das auch das eigene Wohlbefinden, die Gesundheit und Zufriedenheit bedeutsamer werden als ein eher hohles Lob vom Chef.

Daher würde ich schon gern Herrn Merz fragen, was er persönlich unter Work-Life Balance versteht.

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Was genau ist denn die Berechtigung für den ersten Satz? Ich finde das schon sehr befremdlich.
Treffender ist noch der durchaus doppeldeutige Satz „Arbeit macht das Leben aus“.

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Naja, interpretiert man es so das man in seiner Arbeit den Sinn des Lebens gefunden hat, passt es schon. Wie bei Musikern oder Schauspielern u.a.

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Die passionierten Schauspieler und Musiker, die ich persönlich kenne, machen ihre Arbeit grundsätzlich wirklich sehr gerne, aber auch dabei gibt es - wie bei jeder Arbeit, die man macht, um Geld zu verdienen, weil man dieses eben zum Überleben braucht - mal mehr und mal weniger Dinge, die man nicht tun will, aber tun muss (zum Beispiel eine miese, aber gut bezahlte Rolle übernehmen oder mit Leuten zusammenarbeiten, die man widerlich findet. Niemand von diesen Menschen würde auch nur annähernd sagen, dass sie leben, um zu arbeiten - denn dazu gehört in einer kapitalistischen Gesellschaft nun mal unweigerlich auch das Müssen.

Hatte mal ein Chef, Inhaber und Geschäftsführer eines mittelständischen Metallunternehmens, der mit Inbrunst sagte „Ich lebe um zu arbeiten.“

Er erwartete dies allerdings auch von allen Mitarbeitern. Da gab es schon Diskrepanzen…

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Was ich versuche zu sagen ist, dass die reine Arbeitszeit noch nicht aussagt, wie anstrengend das Leben ist.

Es gibt sicher Jobs bei denen 10 Stunden am Tag kein Problem sind.

Aber viele Jobs sind doch oft auch frustrierend und langweilig.
Da führt viel Druck dann oft zu einer „Ist nicht mein Problem“ Mentalität, in der man Mails im Kreis schickt, wer alles nicht zuständig ist und die Zeit absitzt.

Sich dagegen bei Projekten dahinter zu klemmen, gegen Widerstände zu kämpfen und Dinge umzusetzen, ist oft ziemlich anstrengend.

Das würde ich keine 50 Stunden pro Woche auf Dauer machen können dann auch zu „Dienst nach Vorschrift“ wechseln.

Daher bin ich skeptisch, ob mehr Arbeit dann wirklich so viel bringt, da die Unternehmen jede geleistete Stunde mehr auch mehr bezahlen müssen.

„Aber viele Jobs sind doch oft auch frustrierend und langweilig.“
Oder fordern Konzentration, die nichtmal 8 Stunden wirklich aufrecht zu erhalten ist.

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Genau. Das ist auch mein Problem. Wer hat was davon, wenn ich mehr arbeite? Ich nicht.
Ich mag meinen Job, aber selbst wenn ich irgendwann ein paar Prozent mehr Gehalt bekomme wenn ich mich dauerhaft richtig reinhänge, ändert sich in meinem Leben nichts zum Positiven.

Wohnraum ist immernoch horrend teuer. Einen Facharzttermin kriege ich auch immernoch nicht. Öffentliche Verkehrsmittel sind trotzdem immernoch ständig zu spät und fressen damit noch mehr meiner wertvollen Freitzeit. Mir ein bisschen mehr Rödel leisten zu können, den ich nicht wirklich brauche: Motiviert mich nicht.

Wenn ich jedoch Dienst nach Vorschrift mache, schlafe ich plötzlich besser, habe mehr Zeit für Freunde, Sport, Kochen, spare Geld, da ich nicht für alle möglichen Dienstleistungen zahlen muss, damit mir meine Woche nicht um die Ohren fliegt.

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Wie immer habt Ihr das Thema sehr differenziert dargelegt. Viele Dank dafür. Allerdings hätte ich mir gewünscht, weshalb die These, dass insgesamt mehr gearbeitet werden soll, gar nicht hinterfragt wird. Was ist denn das Ziel, für das mehr gearbeitet werden? Mehr Produkte, die wir oder andere dann kaufen sollen und die wir uns dann auch leisten können? Kann das vor dem Hintergrund des zunehmenden Ressourcenverbrauchs überhaupt erstrebenswert sein?
Außerdem gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sehr viele Arbeitsstunden für Tätigkeiten bezahlt werden, die weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich sinnvoll sind. Die Lektüre von David Graebers „Bullshit-Jobs“ könnte ein erster Ansatz für diese Diskussion sein.
Der Nachweis, dass wir als Gesellschaft mehr arbeiten müssen, steht m.E. aus und ist bislang nur eine Behauptung.

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In der Podcastfolge von „Systemrelevant“ werden mal ein paar „neue“ Ansätze von Arbeit diskutiert und auch eine Studie dazu angeführt. Ist ganz spannend, auch wenn diese neuen Ansätze intuitiv schon seit Jahren im Kreis von Leuten besprochen werden, die ich so kenne.

Und noch als Nachtrag: Im GG steht ja auch das Recht auf Arbeit, nicht die Pflicht zur Arbeit. Das ist sicherlich nicht so einfach in 1 und 0 zu trennen, aber der Diskurs hat sich aus meiner Sicht krankhaft in die Richtung von Nr. 2 verschoben.

Deswegen habe ich auch mal im Forum einen Post mit ein paar „systemkritischen“ Diskussionsvorschlägen erstellt:

Es gibt da so eine passende Geschichte:

Der Arbeiter steht grad im Firmenhof, als der Chef mit seinem neuen Porsche vorfährt und aussteigt.
Der Arbeiter begrüßt ihn und sagt:“Chef, das ist aber ein tolles Auto!“
Der Chef kommt auf den Arbeiter zu, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt:“Wenn Sie sich so richtig reinknien, Überstunden machen, auch mal am Wochenende arbeiten, und alles geben, dann………kann ich mir einen zweiten Porsche kaufen…“

Soll heißen, wer profitiert denn letztlich von einer Mehrarbeit und dem (angeblich) daraus resultierenden Wohlstand?

Also was ist die konkrete Motivation?

Ich hab das Gefühl das seitens mancher Politiker und Unternehmer die Arbeit selbst quasi als Triebfeder gesehen wird, also das Arbeit als zentraler Lebenszweck betrachtet wird.

Ich glaube aber, das die Gründe für Erwerbsarbeit vielfältiger sind, genau wie die Motive dafür, nicht mehr zu arbeiten.

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Hah, ja den Spruch kenne ich auch noch irgendwoher. Diese Motivationsvielfalt wird in dem Podcast auch ganz gut beleuchtet.

Gerade mit Familie muss man halt die Pendelzeit mitrechnen. Wer 10 Stunden arbeitet, plus Pause und pendeln ist ja schnell von 6 bis 18 Uhr außer Haus.

Der selbstständige mit Büro daheim und flexibler Zeiteinteilung kann dagegen vielleicht auch gut 10 Stunden pro Tag arbeiten und dennoch mehr von seiner Familie haben als viele Pendler mit geregeltem 8 Stunden Tag.

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