Für meinen Begriff gibt es kaum einen Zusammenhang zwischen irgendeiner real beobachtbaren wirtschaftlichen Entwicklung und dem Wählerverhalten. So war die Arbeitslosigkeit unter deutschen Staatsbürgern im August 4,5% – was sehr nah an einer Vollbeschäftigung ist. Das ist exakt genauso hoch wie im August 2021 – in den Umfragen sind die Regierungsparteien aber im selben Zeitraum stark abgestürzt.
Die Wirtschaft wirkt sich nach meinem Eindruck nur in Form einer medialen und diskursiven „Stimmung“ auf den Wählerwillen aus. Wenn BILD und Opposition (egal, wer da drin ist, aber die CDSU und AfD sind darin glaube ich historisch am effektivsten) den Wählern das Gefühl vermitteln, es gehe abwärts, dann reagieren die Leute darauf an der Urne. Unabhängig davon, ob es auch tatsächlich so ist. Dieser Trend lässt sich übrigens auch in anderen Ländern beobachten z.B. den USA.
Entsprechend stimmen viele Wähler auch gegen ihre expliziten eigenen wirtschaftlichen Interessen, also z.B. der Facharbeiter für die AfD, die Gewerkschaften am liebsten abschaffen würde.
Da gibt es übrigens eine Parallele zu einem anderen Thema: Sicherheit. Es ist praktisch egal, was die Kriminalitätsstatistik macht. Für Wahlentscheidungen zählt praktisch ausschließlich, wie Kriminalität öffentlich wahrgenommen wird und welcher Partei subjektiv die größte Kompetenz bei der Lösung dieses Problems zugeschrieben wird (unabhängig von irgendeiner objektiven Argumentation, warum diese Partei in dem Problembereich gute oder schlechte Lösungen haben könnte).
War und ist es auch weitgehend. Tatsächlich hatten wir 2023 etwas mehr Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe, als noch 2015. Die industrielle Produktion nimmt zwar seit letztem Jahr konstant leicht ab, was wohl nicht unwesentlich auf die Autoindustrie zurückzuführen ist. Gerade in dem Sektor scheint es sich mir aber eher um Managementfehler zu handeln und um ein schwieriges internationales Umfeld.
Die Energiekosten haben sich als Sorgenkind der Industrie dagegen (erstmal) weitgehend erledigt. Die energieintensive Produktion nimmt seit einiger Zeit wieder deutlich zu.
Was nicht heißt, dass man sich keinerlei Sorgen um den Industriestandort Deutschland machen muss. Aber wohl eher nicht, wie CDSU, AfD usw. das kommunizieren. Deutschland kann bei Lohnstückkosten usw. kaum mit Ländern wie China und Vietnam konkurrieren. Wollen wir auch gar nicht, denn ein Facharbeiter möchte bei uns ja gut verdienen. Entsprechend sind wir vor allem auf Innovation und qualitative Alleinstellungsmerkmale zur Sicherung unserer Industriearbeitsplätze angewiesen.
Beides wird gerade durch jene politischen Parteien behindert, die sich öffentlich so sehr um den Industriestandort sorgen. Die Schuldenbremse behindert Investitionen in Bildung, Forschung und Innovationsförderung. Der „Rechte Schwung“ quer durch das politische Spektrum behindert die Rekrutierung intelligenter Menschen von jenseits Deutschlands. In den USA machen Migranten beispielsweise mehr als die Hälfte der Gründer der wertvollsten Startups aus.
Übrigens waren das oft gerade keine „Fachkräfte“, sondern Geflüchtete und Studierende.