Wie soll die EU wirtschaftspolitisch umgehen mit China?

Industriepolitik ist in neoklasischen Kreisen verpönt, weil „Der Staat wird es niemals besser wissen als Markt.“. Die Realität widerlegt diese Ideologie (nicht anderes ist das!) jeden einzelnen Tag.

Beispiele gefällig? Photovoltaik-Pannels, Künstliche Intelligence, Social Media, Digitalisierung (ja, in diesem Fall in der Privatwirtschaft, die es auch nicht gebacken bekommt), Cloud-Dienstleistungen, Office-Software, Elektromobilität, Chipsentwicklung und -produktion, Batterietechnik, Robotik, Jagdflugzeuge der 5. Generation, Raketentechnologie, Drohnen, Sensorik, u.v.m.

Überall hat „der Markt“ bei uns versagt, weil andere Länder (meist China und USA) mit ihrer strategischen Industriepolitik uns die Butter von Brot geholt und diese Branchen bei uns ruiniert oder erst gar nicht hat entstehen lassen. Und unsere Politik dem entweder hilflos zuschauend gegenüber stand oder sogar noch Unterstützung geleistet hat (z.B. Photovoltaik).

Und die Wirtschaft hat eifrig mitgewirkt, ihr eigenes Grab zu schaufeln: In dem sie Jahrzehnte lang brav mit chinesischen Partnerfirmen ein Joint Venture eingegangen sind, um Zugang zum chinesischen Markt zu bekommen - bis unser Know-how in China angekommen war und die Chinesen die Produkte dann dank hoher Subventionen und massiver Ausbeutung von Arbeitskraft viel besser und viel billiger anbieten konnten. Während hierzulande global klar erkennbare Trends verschlafen wurden, weil man sich selbst offenbar nicht zugetraut hat, von der Verbrenner- auf die Batteriepolitik umstellen zu können.

Quelle: LDN482: Dröges Wirtschaftspolitik - #25 von TilRq

Dazu heute ein interessanter Artikel in der Süddeutschen (Paywall, Tagestickets erhältlich):

Tenor: Deutschland, resp. Friedrich Merz, robbt sich langsam vor dem EU-Gipfel gestern und heute aus dem Lager der „Freier Handel als Ideologie“ ins Lager der erfahrenen Pragmatiker.

man sei „offen für eine Diskussion“ über neue Schutzmaßnahmen in der Handelspolitik, wie sie in Brüssel vorbereitet werden. … sprachen Regierungsbeamte davon, man unterstütze die Überlegungen. Es sei aber wichtig, dass neue Maßnahmen „länderagnostisch“ angelegt werden – also nicht an ein spezielles Land gebunden. Bloß nicht sagen, worum es geht, das könnte in Peking ja jemanden verärgern.

In der vorbereiteten Abschlusserklärung stand: „Der Europäische Rat führte eine strategische Debatte über die Frage der globalen makroökonomischen Ungleichgewichte.“ Maximal unkonkret, aber eindeutig auf China gemünzt, das Europa wie nie zuvor seinen geoökonomischen Machtanspruch spüren lässt. Jetzt, da auch der Letzte mit ansieht, wie die chinesische Konkurrenz Europas industriellen Kern bedroht, finden die meisten, dass sich etwas ändern muss. Woran sich die Suche nach der richtigen Balance anschließt: zwischen Konfrontation und Kooperation, zwischen Handelsschranken und Dialog.
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Denn Europa steckt in einem China-Dilemma. Einerseits war die Handelsbilanz noch nie so schief, andererseits sind die Abhängigkeiten – etwa bei Seltenerdmetallen oder Batterien – inzwischen so groß, dass die EU einen Handelskonflikt kaum riskieren oder durchhalten könnte. China verzeichnete in den ersten drei Monaten des Jahres den größten Exportüberschuss seiner Geschichte. Das Handelsdefizit der EU mit China ist auf umgerechnet eine Milliarde Euro am Tag angeschwollen, kein Mitgliedstaat erzielt mehr einen Überschuss, und die Exporte in die Volksrepublik sinken immer weiter.
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Heute macht China der europäischen Industrie zunehmend in Bereichen Konkurrenz, in denen diese traditionell stark war, technisch führend, im Fall von deutschen Maschinen- oder Autoherstellern auf ihrem Niveau weitgehend konkurrenzlos.

China subventioniert gezielt bestimmte, als strategisch ausgemachte Industrien, hält seine Währung künstlich niedrig und unterhält massive Überkapazitäten in der industriellen Fertigung [siehe dazu meine Anmerkung unten]. Gepaart mit einer schwachen Inlandsnachfrage erhöht das jenen Druck, der die Europäer zum Handeln zwingt.

Anmerkung: Die massiven Überkapazitäten sind m.E. nicht ein Ziel Chinas, sondern die Folge der massiven Förderung der strategischen Branchen.

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… Europäische Kommission … gestaltet die Handelspolitik der 27 EU-Staaten und hat sich schon vor dem Gipfel die nötige Unterstützung gesichert, neue Handelsschutzinstrumente zu entwickeln und zugleich die bestehenden nachzuschärfen. Damit soll Europa schneller und flexibler als bisher gegen unlautere Handelspraktiken vorgehen können. Außerdem könnte die EU Unternehmen künftig zwingen, auf mehr Lieferanten zu setzen, um die Abhängigkeiten von China zu reduzieren.
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Das US-Handelsgesetz könnte Vorbild sein … … ließ Merz erkennen, dass er Frankreichs Idee unterstütze, ein Äquivalent zu Artikel 301 des US-Handelsgesetzes zu entwickeln, der mit großem Spielraum Zölle oder Einfuhrkontingente gegen jedes Land ermöglicht, das „unfaire Handelspraktiken“ anwendet.
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„Selbst traditionell marktliberale Regierungen kommen zu dem Schluss, dass die Erhaltung eines offenen europäischen Marktes nun strengere Zugangsbedingungen erfordert“, sagt Andrew Small, Direktor des Asien-Programms bei der Denkfabrik European Council on Foreign Relations. So wachse der Konsens zwischen der Kommission und den Mitgliedstaaten, „dass Chinas Exportboom, industrielle Überkapazitäten, die Einflussnahme auf Lieferketten und die Unterstützung für Russland miteinander verbundene Teile desselben Problems sind“.

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David Ricardo ist damit nicht widerlegt.

Es stellt sich bloß heraus, dass die latent koloniale Marktbeherrschung bestimmter westlicher Volkswirtschaften zu Ende geht und deren Freihandelsbekenntnis immer schon heuchlerisch war.

Die EU wird um eine kritisch-dialogische Partnerschaft nicht herumkommen.

‚Der Westen‘ muss wohl auch seine China-Expertise steigern. Von Sinolog:innen und Kulturwissenschaftler:innen wird ja des Öfteren auf die chinesischen Denktraditionen verwiesen, wo es u.a. um Ausdauer usw. geht.

Wer die strategischen Weichenstellungen verstehen will, muss wohl zuerst diese Denktraditionen begreifen.

Und dann stellt sich noch die Frage, ob Ulrike Herrmann mit ihrer volkswirtschaftlichen Analyse in Bezug auf China vielleicht recht haben könnte:

1:30h Video ohne jeden Teaser, Zusammenfassung o.ä.? Glaubst Du wirklich, viele werden sich das so anschauen? Zumal die volkswirtschaftliche Analyse nur eines von vier Themengebieten ist, über das sie hier referiert.

Wenn mir Perplexity keinen Quatsch halluziniert hat:

Für China zeichnet Herrmann das Bild eines Landes, das lange über ein extrem investitionsgetriebenes Modell (Investitionsquoten von über 40% des BIP) sehr hohe reale Wachstumsraten erzielt hat. Dieses Modell sei aber an physische und nachfragebezogene Grenzen gestoßen: Infrastruktur, Fabriken und Wohnungsbestände sind in vielen Bereichen „voll gebaut“, zugleich führen Überinvestitionen in Immobilien (90 Mio. leerstehende Wohnungen) und staatlich subventionierte Überkapazitäten (Stahl, E‑Autos, Solar etc.) zu massiven Fehllenkungen.
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Sie zweifelt die offiziellen chinesischen Wachstumszahlen an und verweist auf Diskrepanzen zwischen riesigen Exportüberschüssen (2025: Exportüberschuss von ca. 1,2 Billionen Dollar) und vergleichsweise geringen Wachstumsimpulsen im Inland. Der notwendige Übergang zu einer konsumgetragenen Ökonomie scheitert aus ihrer Sicht daran, dass die Kommunistische Partei zwar die Notwendigkeit besserer Sozial‑ und Rentensysteme erkennt, aber den sozialen Konflikt einer massiven Umschichtung aus der Investitionsgüterindustrie hin zum Konsum scheut.

Ist das so weit richtig wiedergegeben?

Auch wenn mir einige Punkte plausibel erscheinen, frage mich mich, was die gelernte Bankkauffrau und Journalistin, studierte Geschichtswissenschaftlerin und Philosophin und jetzige Redakteurin bei der taz zu solchen „volkswirtschaftlichen Analysen“ qualifziert (ich erinnere auch an ihre These in einem ihrer Bücher, die sie in zig Talkshows wiederholt habe, die Menschheit müsse zum Wohlstandsniveau der 70er Jahre zurück (also kein de-growht, sondern shrinking), wenn sie effektiv gegen den Klimawandel vorgehen wolle - ich paraphrasiere aus dem Gedächtnis). Mein Hypothese: Das einer der Menschen, die durch sehr smart gesetzte, extrem provokante Thesen sehr gut sich selbst und ihre Bücher verkauft; da wird der Content zur Marketin-Strategie

Joah. Hermanns Argumentation bezieht sich auch auf den demografischen Wandel und die Außenhandelsbilanz als einzigem nicht fakebarem Faktor.

Auch andere bezweifeln das BIP-Wachstum in China (KI):

Zahlreiche unabhängige Volkswirte und Institutionen bezweifeln die offiziellen chinesischen Wachstumszahlen, da die Daten oft zu glatt verlaufen oder politischen Vorgaben entsprechen. Zu den prominentesten Kritikern zählen: [1, 2, 3]

  • Gao Shanwen: Der ehemalige Chefvolkswirt von SDIC Securities und Berater der chinesischen Zentralbank wies darauf hin, dass die wahren Wachstumszahlen nach der Pandemie niedriger liegen. Seine Einschätzungen führten zu politischem Druck in China. [1, 2, 3, 4]
  • Xu Chenggang: Der Wirtschaftswissenschaftler der Stanford Universität geht davon aus, dass die offiziellen Statistiken geschönt werden und das reale Wirtschaftswachstum deutlich unter dem offiziellen Ziel der Regierung liegt. [1]
  • Thomas Rawski: Der Harvard-Professor analysiert seit Jahrzehnten die chinesischen Wirtschaftsdaten und kam in seinen Studien zu dem Schluss, dass das tatsächliche Wirtschaftswachstum in bestimmten Perioden massiv übertrieben dargestellt wurde. [1, 2]
  • Alicia Garcia Herrero: Die Chefökonomin für den asiatisch-pazifischen Raum bei der Investmentbank Natixis schätzt das tatsächliche Wachstum aufgrund von schwachen Binnendaten geringer ein, als Peking meldet. [1]
  • Rhodium Group: Die US-amerikanische Forschungseinrichtung bezweifelt die offiziellen BIP-Zahlen regelmäßig und schätzt das tatsächliche Wachstum Chinas deutlich niedriger ein als die offiziell vermeldeten Zielmarken. [1]

Darüber hinaus nutzen viele internationale Analysten alternative Messmethoden – etwa den sogenannten Li Keqiang Index (der Frachtvolumen, Stromverbrauch und Kreditvergabe misst) oder Satellitendaten zur nächtlichen Beleuchtung, um der tatsächlichen Wirtschaftsleistung auf die Spur zu kommen. [1, 2]

Auch die Immobilienkrise wird von anderen berichtet, z.B.:

Seit fünf Jahren wird Wohnraum in China immer billiger. Überall im Land stehen Wohntürme mit Apartments, die niemand mehr will oder braucht.

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