Wer wählt warum AfD? - Überblick über aktuelle Forschung

Die dritte Gruppe der AfD-Wähler bilden in Teneys Typologie mit knapp 13 Prozent die moderaten Konservativen. »Im Vergleich zu den anderen AfD-Profilen weisen sie die geringste Neigung auf, Minderheiten auszugrenzen und Deutschland abzuschotten«, heißt es in der Studie von Juni 2026. Auch stimmen die moderaten Konservativen innerhalb der AfD-Wählerschaft am seltensten autoritären und antisemitischen Positionen zu.

Echte Unterschiede gibt es also weniger bei Sachfragen als vielmehr beim Ausmaß der Radikalität. Die AfD-Wählerschaft in dieser Hinsicht durchaus heterogen, es gibt nach wie vor nicht den einen typischen Rechtsaußen-Anhänger. Die verschiedenen Einstellungen decken das komplette rechte Spektrum von gemäßigt bis extrem ab. Allerdings gibt es in der Migrationspolitik einen deutlichen Hang zum Radikalen: Die grundsätzlich Gemäßigten sind hier wie insgesamt in der Minderheit. Dazu passt, dass die AfD einer Studie des Soziologen Julius Kölzer und seiner Kollegen (PDF) zufolge dort besonders stark ist, wo rechtsextreme Parteien historisch gesehen stets punkten konnten.

Warum ist Zuwanderung für den größten Teil der AfD-Wählerinnen und -Wähler weiterhin so wichtig, obwohl die Zahlen beständig rückläufig sind und das Thema die Agenda zuletzt weniger bestimmte?

Dazu gibt es keine expliziten neuen Studien, liest man die Forschung aber im zeitlichen Verlauf quer, lässt sich eine Verschiebung erkennen: War die Zuwanderung zur Hochzeit der sogenannten Flüchtlingskrise für die AfD-Anhänger (wie für das das Gros der gesamten Wählerschaft) ein zentrales sachpolitisches Thema, ist es mittlerweile zu einem symbolischen Metathema geworden. Aktiv bespielt durch die Partei, kommen hier alle Sorgen und manche Einstellungen der AfD-Wählerinnen und -Wähler zusammen: die Angst vor Kontroll- und Statusverlust, vor vermeintlicher kultureller Veränderung (Stichwort »Umvolkung«), in Teilen Rassismus und Angst vor »Fremden« sowie ein grundsätzliches Misstrauen in staatliche Institutionen. So betrachtet spielt es kaum eine Rolle, inwieweit Zuwanderung noch stattfindet. Für die anderen Parteien hat das die weitreichende Folge, dass es bei diesem Thema keinen von ihnen hergestellten Zustand geben kann, der weite Teile der AfD-Anhängerschaft befriedigen würde.

Regionale Unterschiede werden zudem folgendermaßen erklärbar:

Entscheidend für den Erfolg der AfD ist […] vor allem die demografische Lage in einem Landkreis.

Das war schon vorher bekannt. Die Soziologin Katja Salomo etwa wies bereits 2019 anhand einer Fallstudie über Thüringen darauf hin, dass die ostdeutsche Kombination aus vielen Alten, wenigen Frauen und wenigen Geburten weltweit einmalig negativ für die Lebensumstände in einer Region sei. Vom DIW wird dieser Faktor nun als entscheidend markiert: »Dort, wo besonders viele Menschen über 60 Jahre leben und junge, gut ausgebildete Leute wegziehen – wodurch auch die Abiturquote der Zurückbleibenden deutlich sinkt –, erzielt die AfD deutlich mehr Stimmen«, heißt es in der Auswertung vom Juli 2026.

Aus dieser Dynamik entsteht ein Teufelskreis. Strukturschwäche und steigende AfD-Wahlergebnisse führen dazu, dass noch mehr Menschen abwandern, insbesondere die Jungen, Gebildeten – und die Frauen. Die Forschung zeigt, dass mittlerweile gerade in ländlichen ostdeutschen Gegenden ein Männerüberschuss vorherrscht, wobei die AfD auch diesen Aspekt mit Erzählungen über Migranten, die den Deutschen die Frauen wegnähmen, gezielt bespielt. Ein weiterer Effekt ist, dass weniger Zuzug stattfindet, auch und gerade von Migranten – in regionalen AfD-Hochburgen sind sie kaum vertreten.

Wie sollten die anderen Parteien mit diesen Entwicklungen umgehen? Dazu gibt es in der Forschung erstaunlicherweise kaum nennenswerte neue Empfehlungen. Der Politikwissenschaftler Johannes Hillje etwa fordert, es mit mehr Emotionen und einer positiven Zukunftserzählung zu versuchen. Damit könne ein erklecklicher Teil der Bevölkerung angesprochen werden. Auch die vielen, die AfD wählen wollen?

Gut belegt ist immerhin, was die anderen Parteien nicht tun sollten: Versuche, die AfD rechts zu überholen oder ihr die Themen wegnehmen zu wollen, sind zum Scheitern verurteilt. In dieser Hinsicht ist der Stand der Forschung recht eindeutig.

(Hervorhebungen durch kursiven Fettdruck von mir)

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