Dass die AfD ausgegrenzt wurde, daher tendenziell schlechter über sie berichtet wurde und die anderen Parteien grundsätzlich die Zusammenarbeit verweigert haben, kann man doch nicht ernsthaft bestreiten. Wir haben hier nur einen Dissens bei der Frage nach dem Ausmaß der Ausgrenzung, wobei du scheinbar nur von Ausgrenzung reden magst, wenn diese vollständig und restlos praktiziert wird (was in Anbetracht von Akteuren wie Springer und der Werteunion nie realistisch erreichbar ist!), wobei ich auch von Ausgrenzung spreche, wenn ein Großteil der Medien und Parteifunktionäre eine aktive Ausgrenzungspolitik betreibt.
Klar, ebenso unrealistisch ist aber eine vollständige Ausgrenzung von jedem, der die AfD unterstützt, alleine schon aus rechtlichen Gründen, so lange die AfD nicht verboten ist. Es gibt hier keine ideale Lösung, es geht einzig um die Vor- und Nachteile der jeweiligen Ansätze.
In der Demokratietheorie zählt es zu den großen Errungenschaften der Demokratie, dass wir unsere Kämpfe nicht mehr als Duell auf Leben und Tod ausfechten, sondern mit Worten. Das erfordert jedoch, dass wir miteinander reden, auch wenn es schwer fällt.
Wenn wir in Richtung Lagerbildung / komplette Ausgrenzung gehen riskieren wir genau diese demokratische Errungenschaft zu verlieren. Denn wenn wir aufhören, zu versuchen, den Kampf mit Worten zu gewinnen und eine Lagerbildung (und damit noch stärkere Bubble-Bildung) zulassen, ist das Resultat meiner Ansicht nach nahezu zwangsläufig eine weitere Radikalisierung, weil wir den AfD-Unterstützern durch eine Ausgrenzung jeden möglichen „positiven Einfluss“ entziehen und sie völlig den Demagogen überlassen, wir geben die Menschen quasi auf und akzeptieren, dass sie „zum Feind“ gehören. Von dort ist es dann nur noch ein sehr kurzer Weg, bis wir wieder Straßenschlachten wie in der Weimarer Republik bekommen - und das ist einfach nicht die Zukunft, die ich mir wünschen würde.
Menschen auszugrenzen und aufzugeben, weil sie unglaublich dumme Entscheidungen treffen (z.B. die Entscheidung, die AfD zu wählen - oder Straftaten zu begehen) liegt einfach nicht in meiner Natur als Sozialarbeiter. Wir müssen als Gesellschaft weiter versuchen, diese Menschen „auf die gute Seite“ zu ziehen, wir können nicht kapitulieren und sie „der dunklen Seite des politischen Spektrums“ überlassen, egal, wie sehr wir diese Menschen ablehnen.
Wer Lagerbildung fordert, tut das in der Regel, weil er hofft, dass durch diese „drastische Ausgrenzung“ einige Menschen, die von der Ausgrenzung betroffen sind, wieder zur Vernunft kommen. Aber das sehe ich einfach nicht - das halte ich für genau so einen Fehlschluss, wie die Annahme, dass hohe Strafen abschrecken würden. Ich kann verstehen, warum man diese Position vertritt, aber ich halte sie einfach für falsch