TL;DR:
ETS 2 scheitert im Verkehrssektor nicht nur an fehlendem politischen Willen, sondern an der Trägheit des Fahrzeugbestands. Selbst bei sehr optimistischen Annahmen bleiben 2043 Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor im Bestand. Ohne explizit bestandswirksame Maßnahmen ist das Ziel rechnerisch nicht erreichbar.
Hallo,
ich habe extra für diesen Beitrag einen Account gemacht. Der Impuls, das hier zu schreiben, kam nach dem Hören der Lage der Nation #456, speziell nach dem Segment zum Verbrenner-Aus. Kurz gesagt: ETS 2 wird, zumindest im Verkehrsbereich, so wie aktuell geplant nicht funktionieren. Im ETS 2 werden die Zertifikate linear bis 2043 reduziert. Es gibt zwar Mechanismen wie sogenanntes „Frontloading“, um zu Beginn ab 2027 extreme Preisschocks abzufedern, indem Zertifikate vorgezogen werden. Was es dabei jedoch nicht gibt, ist ein Mechanismus, der das System zeitlich verlängert, falls sich der reale Umstieg verzögert. Genau hier liegt das Problem: Die Elektrifizierung des Fahrzeugbestands wird bis 2043 nicht abgeschlossen sein.
Der Grund dafür ist nicht mangelnder Wille, sondern die strukturelle Trägheit des Bestands. Der Fahrzeugbestand ist im Verhältnis zu den jährlichen Neuzulassungen schlicht zu groß, um schnell genug erneuert zu werden. Zur Einordnung: In Deutschland gibt es aktuell knapp 50 Millionen Pkw im Bestand, der historisch weiterhin leicht wächst. Pro Jahr werden rund 3 Millionen Fahrzeuge neu zugelassen, davon derzeit etwa 500.000 batterieelektrisch. Gleichzeitig gibt es ungefähr 2,5 Millionen Abgänge pro Jahr durch Verschrottung oder Export. Das bedeutet: Selbst wenn jede einzelne Neuzulassung elektrisch wäre, ließe sich der Bestand nur mit rund 3 Millionen Fahrzeugen pro Jahr erneuern, während gleichzeitig Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor noch viele Jahre im Verkehr bleiben.
Zur Veranschaulichung: In einem Extremszenario, in dem ab sofort 100 % der Neuzulassungen BEV wären (was realistisch nicht passieren wird), lägen wir im Jahr 2043 immer noch bei über 10 Millionen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor im Bestand. Bei einem realistischen, fließenden Übergang, den wir faktisch beobachten, bewegt sich diese Zahl eher im Bereich von 20 bis 25 Millionen. Und das nur für Deutschland. Der Vollständigkeit halber: Deutschland ist hier kein Sonderfall, ähnliche Bestandsstrukturen finden sich in fast allen EU-Staaten, teils mit noch längeren Fahrzeuglebensdauern.
Häufig wird argumentiert, dass stark steigende Kraftstoffpreise ab etwa 2033 oder 2035 automatisch zu einem massenhaften Umstieg auf E-Autos führen würden. Selbst wenn das Kaufverhalten abrupt kippt, ändert das jedoch nichts an der strukturellen Trägheit des Bestands. Preise wirken unmittelbar auf Neuzulassungen, nicht aber auf bereits existierende Fahrzeuge. Ein heute gekauftes Auto bleibt im Schnitt über 15 Jahre im Verkehr.
Hinzu kommt, dass ETS 2 zwar als marktbasiertes Instrument konzipiert ist, aber bereits Mechanismen zur sozialen Abfederung enthält, etwa die Rückverteilung von Einnahmen an einkommensschwächere Haushalte. Diese adressieren die Verteilungswirkungen höherer Preise und können finanzielle Belastungen reduzieren, ändern jedoch nichts an der grundlegenden Dynamik des Fahrzeugbestands. Auch bei sozial kompensierten Preissignalen bleibt die Erneuerung des Bestands ein zeitlicher und physischer Prozess, der durch Preiswirkungen allein nur begrenzt beschleunigt werden kann. Damit wird das Symptom steigender Preise abgefedert, nicht aber das strukturelle Problem gelöst, dass der Bestand bis 2043 nicht schnell genug rotiert, um die Zielpfade einzuhalten.
Mein Punkt ist daher nicht, dass ETS 2 nichts bringt. Mein Punkt ist, dass ETS 2 im Verkehrssektor mit der Realität des Fahrzeugbestands kollidiert. Die logische Konsequenz daraus ist nicht, ETS 2 abzuschaffen, sondern es realistisch einzuordnen. Ohne zusätzliche, explizit bestandswirksame Instrumente bleibt eine erhebliche Lücke zwischen politischem Zielpfad und realer Entwicklung.
Ich fände es sehr spannend, wenn die Lage zu diesem Thema einmal mit einer Expertin oder einem Experten spricht, der oder die genau dieses Zusammenspiel aus Fahrzeugbestand, Flottenerneuerung und ETS 2 aufdröseln kann. In der öffentlichen Debatte wird sehr viel über Neuzulassungen gesprochen, der bestehende Fahrzeugbestand spielt dagegen erstaunlich selten eine zentrale Rolle.
Falls jemand von der Lage das hier liest: Vielen Dank für eure Arbeit. Der Live-Auftritt in Bonn war großartig, den werde ich nie vergessen ![]()
Cheers,
Einar