Warum der große Wurf nur ohne Parteibuch gelingt — und warum das niemand macht

Bemerkenswert ist auch, wie und aus welcher Richtung speziell die hiesige Kompromiss- und Konsensdemokratie so vehement angegriffen wird:

Ulf Poschardt deutet dafür in Bückbürgertum mal eben die gesamte Geschichte der Bundesrepublik um. Wo über Jahrzehnte galt, dass es die Konsensgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg war, in der Ausgleich und Kompromiss den sozialen Frieden wahrten und damit eine wesentliche Grundlage der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Erfolgs bildeten, da sieht Poschardt nun im Rückblick bürgerliche Feiglinge am Werk, »Bückbürger« eben, die sich weggeduckt hätten, statt den Konflikt mit dem linken politischen Gegner zu suchen. Poschardt spricht von einer »Wand aus neofeudaler Bequemlichkeit und intellektueller Verwahrlosung«, die sich spätestens seit den 1980er-Jahren unter den Bürgerlichen ausgebreitet habe.

All diese Autorinnen und Autoren sind – in unterschiedlichen Nuancen – moderne Reiter der Apokalypse, die von einem nahenden Weltuntergang künden, den sie mit ihren Büchern verhindern zu wollen behaupten.
[…]
Was diese Autoren außerdem eint: Sie haben ihre derzeitige Popularität in erheblichem Maße den sozialen Netzwerken zu verdanken.
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Innerhalb dieser neuen Bestseller wird inzwischen auch ein ganz eigener Referenzraum sichtbar – man nimmt sich wahr, reagiert aufeinander, verstärkt die Resonanz, man setzt auf Allianzen statt auf Konkurrenz.
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Im Grunde wiederholt sich hier ein Mechanismus aus der Weimarer Republik, allerdings unter medientechnologisch und politisch ganz anderen Voraussetzungen. Damals waren die Zeiten extrem, heute sprechen wir von Polykrisen, das ist nicht vergleichbar. Was sich allerdings beobachten lässt: Was heute ein Beitrag oder Thread auf X ist, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Flugblatt, ein über Nacht hergestelltes, billig und hunderttausendfach verbreitetes Mittel im politischen Meinungskampf. Autoren und Agitatoren testeten auf Flugblättern ihre Thesen und politischen Aufrufe, und das Feedback von der Straße formte ihre späteren Reden, Werke und Bücher.
[…]
Zurück in genau diese Gegenwart: Was fangen die aktuellen Flugblatt- und Bestsellerautoren mit ihrer Popularität an? Was bieten sie außer beißender Gegenwartskritik? Sich mit ebendieser auseinanderzusetzen, lohnt sich an vielen Stellen, auch wenn man diese Bibliothek des Weltuntergangs vielleicht mit Kopfschütteln liest. Nur reichen die Schlussfolgerungen der Autoren selten über ein Zerstören des Status quo hinaus. Wie heißt es so schön: Die Dosis macht das Gift. Und in diesen Büchern stecken Unmengen an Ressentiments, an denen man sich leicht vergiften kann.

https://archive.is/SVxQH

Was Götz Hamann in seinem „Essay“ nicht oder nur implizit reflektiert, ist, dass diese Reiter der Apokalypse auch Systemsprenger sind.

Im Stern-Interview sagt Poschardt z. B. in Bezug auf seine Zerstörungswut:

Ich empfinde die Hooligan-Kultur als sehr inspirierend.

Auf die Frage, ob nicht besser das Bundesverfassungsgericht beurteilen sollte, ob die AfD verboten werde, antwortet er:

Viel Glück, dann brennt aber das Land. Und ich verstehe jeden, der dann mit dieser Demokratie bricht.

Und auf die Frage, warum man mal den Staat zertrümmern solle, wie Poschardt das in „Bückbürgertum“ fordere:

Weil wir erst einmal kaputt machen müssen, um eine mündige Gesellschaft zu bekommen.

Schon im Nukleus der Zerstörung entsteht das, womit man danach aufbauen kann. Dass es kaputt geht, ist allerdings klar.

Später dann:

Der Staat ist nicht die Lösung, er ist der Feind.

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