Erst einmal würde ich zurückfragen, was du genau unter Politikverdrossenheit verstehst.
Was ich nicht als Ausweg sehe, habe ich oben ja zu erläutern versucht.
Was vielleicht ein Stück weit helfen könnte, wären aus meiner Sicht Bürger:innenräte. Denn sie veranschaulichen die Kompliziertheit politischer Abwägungsprozesse und auch die Pluralität und Diversität in der Wahlbevölkerung.
Richtig medial begleitet, könnte das schon etwas Verständnis für Schwierigkeiten und Probleme im politischen Prozess wecken.
Das wiederum könnte sich dämpfend auf zu hohe Erwartungen auswirken.
Irgendwie sollte man dem erreichbaren Teil der Bevölkerung klarmachen/vermitteln können, dass eine ‚Geliefert wie bestellt‘-Mentalität in der politischen Sphäre einfach keinen Sinn ergibt.
Wie man das machen und ob das gelingen kann, ist für mich eine offene Frage.
Etwas anderes wäre es, wenn es darum ginge, Wählende der rechtsradikalen AfD ins demokratische Spektrum zu holen, also in einen Bereich, wo viele von ihnen noch nie waren (s. Nichtwählendenzufluss zur Partei).
Abweichend vom ‚Forumsmainstream‘, ohne jemandem Unrecht tun zu wollen, vertrete ich da eine mutmaßlich skeptischere Position als vermutlich die Mehrheit.
So bin ich weder der Meinung, dass es sich überwiegend um Protestwählende handelt, was ja auch die Nachwahlbefragten mehrheitlich verneinen, noch, dass man diese Leute mehrheitlich mit ‚guter Politik‘, was immer das sein soll, zurückgewinnen kann.
Gründe meiner skeptischen Überzeugung habe ich, falls dich das interessiert, u.a. hier dargelegt:
Ergänzen will ich noch:
Die Studie zeigt, dass Wähler, die ein hohes Maß an narzisstischer Rivalität als Persönlichkeitsmerkmal aufweisen, also andere abwerten, um sich selbst aufzuwerten, dazu neigen, rechtsradikale populistische Parteien zu wählen.
Neulich hat Robert Habeck, den ich durchaus für seine Verdienste schätze (versteh’ mich also bitte nicht falsch), in einem Talk sinngemäß gesagt, natürlich sei der Mensch grundsätzlich gut.
Meine Position ist eher, dass der Mensch weder gut noch schlecht ist, sondern unterschiedliche Impulse und (evolutionär mitbedingt) widersprüchliche ‚Grunddispositionen‘ hat, die aber auch noch in einer relativ großen Variationsbreite innerhalb der Menschheit vorkommen. Bei grundsätzlich wandelbaren individuellen ‚Eigenschaften‘ kommt es nicht selten trotzdem zu einer Stabilisierung bestimmter Einstellungen aus sozialen Gründen. Auch ist das Ausmaß an Flexibilität ohnehin nicht gleichverteilt.
Für rechtsautoritäre Persönlichkeiten sehe ich eher weniger Chancen, dass diese sich in einem vielfaltsbejahenden, demokratiefreundlichen Sinne weiterentwickeln.
Der Nius-‚Journalist‘ Ralf Schuler hat es im WDR-Podcast mal sinngemäß so formuliert, dass er Vielfalt ablehne und daran ja auch gar nichts kritikwürdig sei.
Wenn ich dann in der Zeit Folgendes lese:
Erschwerend kommt hinzu, was der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025, eine Studie zur gesellschaftlichen Stimmung im Bundesland, ergeben hat: Nur noch 43,5 Prozent gelten als »solide Demokraten«, 54 Prozent als »fragile Demokraten«. Letztere schließen antidemokratische Alternativen wie Einparteiensystem und Diktatur nicht aus.
Ein Item der Befragung hieß:
Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.
Dann wird mir wieder mal bewusst, dass das Ablehnen von Vielfalt natürlich ein Problem (für die Demokratie) ist.
Und die Möglichkeiten, an solchen Einstellungen etwas zu ändern, halte ich aus verschiedenen Gründen in einer freien Gesellschaft für sehr begrenzt.
Kurzum glaube ich also nicht, an der ‚Politikverdrossenheit‘ von Leuten mit mehr oder minder rechtsradikalen Einstellungen großartig etwas ändern zu können - und schon gar nicht mit Änderungen am System.
