Hier würde sich als Einstieg mal ein Blick in ein einschlägiges Nachschlagewerk anbieten, wobei ziemlich schnell deutlich werden dürfte, dass der Begriff sehr viel umfassender verwendet wird.
Geht mir um den Begriff der Misogynität.
Ich verstehe Misogynität so, dass Frauen generell gehasst werden und Taten damit begründet werden, dass sie es verdient hätten, weil sie eben Frauen sind. Also das, was man aus der Menosphere, Andrew Tate oder von Incels kennt.
Nein, so wird der Begriff im intersektionalen Feminismus nicht verstanden. Misogyne Denk- und Verhaltensmuster sind vielschichtig und oft subtil, also nicht immer auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Die Fälle, in denen Täter rumlaufen und sagen „Ich hasse Frauen, deshalb habe ich meine umgebracht“ wirst Du kaum finden. Es läuft dann eher so „Sie hat sich von mir getrennt und das konnte ich nicht ertragen. Wenn ich sie nicht haben darf, soll sie kein anderer Mann haben.“ Bilde dich da bitte weiter. Gibt wirklich zahlreiche Feministinnen, die da kostenlose Bildungsarbeit machen.
Niemand hat hier gefordert, dass die Lage Ulmen persönlich schon vor einer juristischen Verurteilung medial kreuzigen soll. Die Vorwürfe zu nennen und die existierenden Indizien und zum Teil Beweise aufzuzeigen ist allerdings keine unrechtmäßige Vorverurteilung. Der Spiegel nutzt ja auch brav den Konjunktiv, schreibt explizit, was nur auf Aussagen von Fernandes selbst beruht und hat neben dem Artikel selbst noch einen Beitrag allein darüber erstellt, wie sie die Vorwürfe geprüft und nachvollzogen haben.
Der Themenvorschlag hier ist auch eine erneute Erinnerung an die übergreifenden gesellschaftlichen und juristischen Probleme, die es gibt und die eine nähere Betrachtung verdienen. Das wurde von vielen hier im Thread auch so formuliert. Es ist doch absoluter Standard, dass aktuelle Einzelfälle in Medien als Aufhänger genutzt werden, um über tiefergehende Probleme zu berichten.
Dazu kommt, dass investigative Medien wie der Spiegel selbstverständlich solche Vorkommnisse behandeln und aufdecken sollten, allein schon um den öffentlichen Blick auf Probleme zu lenken. Die gesamte #metoo-Debatte hätte es zum Beispiel gar nicht geben können, wenn immer erst rechtskräftige Urteile abgewartet werden müssten, um sich öffentlich zu äußern. Dies hätte wiederum dazu geführt, dass viele Opfer sich gar nicht erst geäußert oder juristische Verfahren angestrengt hätten usw
Es könnte ja theoretisch auch sein, dass Ulmen freigesprochen wird, dies aber gesellschaftlich als falsch empfunden wird und infolgedessen eine Änderung von Gesetzen gefordert wird. Das ist jetzt nur ein fiktives Szenario, aber es zeigt, warum mediale Berichterstattung nicht nur nach einem rechtskräftigen Schuldspruch beginnen kann.
Zu guter letzt: Ulmen hat sich bereits juristische Unterstützung gesucht. Es gibt in Deutschland klare Regeln, wie bei juristisch noch unklaren Vorwürfen berichtet werden darf. Du kannst dir also sicher sein, dass seine Anwälte das schon im Auge haben und er da entsprechend gegen illegale öffentliche Falschbehauptungen vorgehen kann.
Haben sie da nen konkreten Tipp/Quelle/Feministin für mich. Ich hab tatsächlich jetzt schon einiges durchforstet und lese aus den ganzen Quellen (insbesondere aus der Soziologie) eigentlich raus, dass es sich strukturelle Diskriminierung/Hass/Benachteiligungen handelt.
Ihren Satz sehe ich auch eher als toxisches Besitzdenken und Eifersucht oder sexualisierte und häusliche Gewalt oder eben auch Femizid. Aber nicht jeder Femizid ist auch gleich misogyn.
Ja, gut, dass sie das verlinken. Nur verstehe ich den kompletten Artikel eben genau so, dass es sich bei Misogynie nicht um die Auswirkung auf ein individuelles Opfer handelt, sondern es zumindest mit der allgemeinen Abwertung des Geschlechts zu tun haben muss. Insbesondere unter Definition wird ja deutlich, dass es sich um den allgemeinen Hass und strukturelle Benachteilung von Frauen dreht.
Nur so als Gedankenanstoß: würde er das gleiche bei seinem besten Kumpel machen? Vermutlich nicht, also ist sehr neheliegend, dass er seine Partnerin nicht auf Augenhöhe sieht, sehr wohl aber seinen besten Kumpel.
Da kommen wir dann raus.
Nun hat sich auch die Zeit geäußert und mit Bezug auf das Interview in einen größeren Rahmen gesetzt.
Gewalt gegen Frauen: Collien Fernandes bezeichnet Deutschland als "Täterparadies" | DIE ZEIT
Dazu (paywalled)
Die Taten von Dominique Pelicot, der außerdem Dutzende Männer einlud, um seine betäubte Frau zu vergewaltigen, waren so ungeheuerlich, dass sich viele nicht vorstellen konnten oder wollten, dass sie mehr als ein Einzelfall sind.
Doch seit vor etwas mehr als einem Jahr das Urteil gegen ihn in Avignon fiel, wurden auch vor deutschen Gerichten eine ganze Reihe ähnlicher Taten verhandelt: Männer, die Frauen betäuben, missbrauchen, die Taten filmen und das Material mitunter auch mit anderen Männern teilen.
Sexueller Missbrauch: Sie betäubten Frauen und nannten sie "tote Schweine" | DIE ZEIT
Bei aller verständlicher Wut: Ich als Mann, der wissentlich, aber nicht willentlich einer Generation von alten weißen Männern angehört, die zurecht als Gesamtheit („Durchschnitt“) keine gute Reputation in ihre Haltung zu Frauen und Feminismus hat, habe dessen ungeachtet ein massives Störgefühl, hier mit allen anderen Männern mit Schwung in eine Schublade gesteckt zu werden. Welche eine Simplifizierung! Welche eine „Sippenhaftung“! Geht nicht doch wenigstens ein bisschen differenzierter?!
Vor dem Hintergrund des eben gesagten fürchte ich: Es gibt vermutlich gar kein „richtiges Verhalten“. Ich trau‘ mich gar nicht erst … aber dann herrscht auch bei mir „männliche Stille“ ..
Das ist absolut richtig!! Unterstellt aber, dass „alle Männer“ oder „die Männer“ oder „die meisten Männer“ genau das nicht tun. Auch hier: In diese Schublade gehöre ich nicht. Und gehört auch nicht wider von mir erlebten Realität. Viele meiner Freunde männlichen Geschlechtes tun das, zugegeben: mehr die Jüngeren, die Generation meiner Söhne.
Ich spreche @Margarete nicht ab, dass es genügend Anlässe gibt, jeden Tag in die Tischkante zu beißen. Allein: Solche Beiträge helfen sicherlich nicht, „die Männer“ massenhaft in Selbstreflextion zu treiben ….
Kann ich verstehen. Die Männer, die sich da mitgemeint fühlen sollten, machen es aber auch zu einfach.
Hab den Fehler gemacht und kurz in die Kommentarspalte von heise zu einem Artikel zum Thema geklickt.
Das ist schon harter Toback.
Wer sich das antun will:
„Virtuell vergewaltigt“: Schauspielerin Coll… | Forum - heise online
Natürlich ist Ulmen noch nicht verurteilt. Aber der Spiegel ist ein großes Magazin, hat eine Rechtsabteilung, die solche Texte vor Veröffentlichung sicher auch genau prüft.
Und mir geht es da wie anderen (v.a. Schreiberinnen), dass ich erst mal den Opfern glaube.
Denn eine Frau hat wenig bis gar nichts zu gewinnen, während Männer i.d.R. immer auf die Beine fallen. Die Gesetzgebung in D sorgt auf jeden Fall nicht ausreichend für Opferschutz.
Es gibt ja genügend Vorfälle:
- Im DLF gibt es z.Zt. einen Podcast über sexuellen Missbrauch an Schulen. Aus der Dlf App | Die Lieblingsschülerin | Drei Schülerinnen sind 15 Jahre alt, als ihre Lehrer mit ihnen eine Beziehung beginnen. Heute fragen sie sich: Wie konnte der emotionale und sexuelle Missbrauch lange unbemerkt bleiben? Ein Podcast über sexualisierte Gewalt an Schulen und die Folgen. Die Lieblingsschülerin
- Der Pelicot-Prozess hat eindeutig gezeigt, wie sehr Frauen als Objekt gesehen werden, so dass es als “normal” gilt, wenn nur der Mann sein Einverständnis gibt.
- Im Wahlkampf von BaWü spricht die CDU von Schmutzkampagne und greift die grüne Abgeordnete an, die das Video von Hagel gepostet hat.
- Die ARD hatte einen Mann als neuen TTT-Moderator vorgesehen, der sich vorher mit Buchtiteln wie “In 80 Frauen um die Welt” und “Die Frau fürs Leben braucht keinen großen Busen” hervorgetan hat.
- Lindemann und Rammstein hatten keinen Karriereknick.
- Und gerade bei Ulmen: Er hatte eine Sendung mit dem Titel “Who wants to fuck my girlfriend?”. Angeblich sollte Männern satirisch der Spiegel vorgehalten werden. Und etliche sogenannte Witze bei “jerks” objektifizieren Frauen. Und so was wird von Männern gefeiert.
Die Misogynie springt einen da überall an. Aber klar, Mann ist selbst nicht betroffen, kann das ungestraft lustig finden. Geht ja nur um Frauen…
Und da erwarte ich von Männern: Wenn sie unter sich sind und ein Kollege, Freund, Kumpel gibt so was von sich, nicht einfach nur still denken: “Was ist das für ein Sch…”, sondern auch mal Kontra geben.
Wer sich weiter bilden will:
Rebekka Endler, Natascha Strobl, Anja Rützel, Annika Brockschmidt.
Podcast:
Buchtipp:
Das wäre das erste Mal. Siehe Lindemann & Co.
Einzig im Fall Pelicot sehe ich Konsequenzen.
Meistens passiert genau das mitden Frauen.
Schon mal gehört, dass Frauen im eigenen Missbrauchsprozess nur Zeuginnen sind und teilweise noch nicht einmal Nachricht bekommen?
Dass Vergewaltigungsopfern abgeraten wird, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, damit diese ihr vor Gericht nicht als „Verfälschung der eigenen Wahrnehmnung“ ausgelegt wird?
Dass dem schlagenden Mann Umgangsrecht zugesprochen wird, weil er ja nicht das Kind geschlagen hat?
Natürlich ist eine Schublade falsch, aber wer kann verleugnen, dass es ein riesiges strukturelles Problem gibt?
Wer diskutiert aktuell noch über Epstein?
Ja, der Spiegel und v.a. seine Fact-Checking Abteilung ist renommiert. Im Fall Gelbhaar und Relotiud hat sie falsch gelegen. Damit sage ich nicht, dass das hier auch der Fall ist. Aber ich sage, dass man sich nie blind auf noch so renommierten Medien verlassen kann. Jeder macht Fehler
Ein weiteres Beispiel für Misogynie:
Aussagen über Frauen in der Öffentlichkeit von nius wurden auf Reichelt und Co. angewandt. Da war es auf einmal gar nicht mehr gut:
Schon wieder die Insinuierung, dass das nicht passiere. Sicher nicht genug. Aber es passiert viel häufiger als früher.
Ich bin ja nicht in der Umkleide bei den Männern.
Ich habe aber schon von Freundinnen in typ. Männerberufen gehört, dass sie manches Mal Gespräche überhört haben, wo Männer dachten, sie seien unter sich und da ging das Geläster über Frauen dann so richtig los.
Scheint es auf jeden Fall zu geben.
Im einen Fall war es nicht der Spiegel, sondern der RBB, im anderen Fall war es ein eigener mit Preisen überhäufter Redakteur. Im letzteren Fall denke ich, dass da die Objektivität nicht gegeben ist.
Edit: aber ja, Fehler sind nie auszuschließen.
Fehler gibt es.
Überlegt mal, wie viele „Fehler“ es zulasten der Frauen gibt. Die meisten trauen sich noch nicht einmal, den Täter anzuzeigen. Aus gutem Grund.