meine Hauptnachrichtenquelle ist Zeit.de. Dabei ist mir heute aufgefallen, dass beinahe ein Thema an mit vorbeigerauscht wäre, dass ich für durchaus gesellschaftspolitisch relevant halte. Und zwar die Vorwürfe gegen Christian Ulmen - als prominentes Beispiel von sexualisierter Gewalt gegen Frauen.
Ich habe jetzt mal recherchiert, die Hauptstory stammt vom Spiegel. Einige Medien wie natürlich BILD, MOPO, Welt, aber auch der Standard,t-online, heise etc. haben die Nachricht aufgegriffen.
Auf der anderen Seite tauchen die Vorwürfe in renommierte Zeitungen wie Die Zeit, SZ, FAZ, taz, tagesspiegel oder tagesschau (zumindest bislang) gar nicht auf.
Meine Vermutung ist, dass es für die Zeitungen vielleicht mehr unter Promiklatsch fällt und deswegen nicht berichtet wird. Aber geht es da nicht um viel mehr? Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist doch ein gesellschaftspolitsch relevantes Thema - und in Zeiten von Digitalisierung und KI umso mehr! Mit dem ZDF zusammen hat Collien Fernandes bspw. auch über ihre Suche nach den Tätern auch die zweiteilige Dokumentation Die Spur: Deepfake-Pornos gedreht.
Also als Thema für die Lage der Nation wäre es für mich weniger nur der konkrete Fall, sondern auch die Frage, wann ist etwas gesellschaftspolitsch relevant?
Natürlich ist das eine gesellschaftspolitische Frage.
Die Stille herrscht vor allem seitens der Männer. Bei mir explodieren dagegen die Plattformen von Beiträgen von Frauen.
Wieder. Immer wieder. Und wieder wird es heißen Unschuldsvermutung, Not all men… Wieder ist es der Rammstein &Co-Anwalt Schertz, der nun gegen den Spiegel klagt.
Jeder, der Pelicot und Epstein verfolgt hat, sollte sich im Klaren darüber sein, wie groß die Dimension von Patriarchat, Besitzanspruch, Gewalt und Frauenhass ist.
Die sind in meiner Wahrnehmung relativ themenunabhängig a) eh häufig etwas langsamer, was aber b) immer mal wieder auch damit zu tun hat, dass die nicht einfach bei anderen abschreiben, sondern selbst recherchieren. Finde ich eher positiv.
Es gab zuletzt mehrere Umfragen mit frustrierenden bis gruseligen Befunden zur Entwicklung des Geschlechterverhältnisses. Die könnte man in diesem Zusammenhang (oder einem anderen, es gibt ja leider reichlich Fälle) gut mit aufgreifen. Ich persönlich fände eine oder mehrere Sonderfolgen mit gut gewählten Interviewpartnern super, denn man kann sich dem Thema ja aus sehr vielen Richtungen nähern und es ist ein Dauerbrenner, muss daher nicht zwingend tages/folgenaktuell in 20-30 Minuten verpackt werden, denke ich.
Ich weiß nicht, wie ich mich bei solchen Vorfällen “richtig” verhalten soll. Meine Wut/Empörung/Entsetzen nach außen tragen, wirkt schnell wie performative Abgrenzung (“seht her! Ich bin nicht so, wie dieser Typ, ich bin auf eurer Seite!” was schon nahe an “not all men” liegt, finde ich). Außerdem fülle ich ja dann wieder einen Diskursraum, anstatt Frauen “die Bühne” zu überlassen. Bei bluesky hab ich einfach kommentarlos Beiträge von Frauen reposted. Keine Ahnung, ob das eine geeignete Form der Kommunikation ist.
Was die Lage angeht, gab es bei anderen geschlechtersensiblen Themen schon nachvollziehbare Kritik, wenn sich zwei Männer “unter sich” dazu unterhalten. Da sollte jedenfalls jemand geeignetes eingeladen werden (wenn es nicht allein um den Fall Ulmen gehen soll, wäre die Anwältin von Frau Fernandez sicher ne gute Gesprächspartnerin, so kann sie vielleichtzu manchen Dingen nicht so viel sagen wg. Laufendem Verfahren)
Verstehe ich.
Ich denke, alle Männer sollten einfach mal mehr über Feminismus sprechen. Und ihren Buddys widersprechen, wenn sie unangemessene Äußerungen mitbekommen, einschreiten, wenn sie Übergriffe beobachten. Thematisieren. Keinen Sexismus durchgehen lassen.
Erg.:
Aber es ist wirklich sehr verbreitet. Im Fall Pelicot waren es Männer aus allen gesellschaftlichen Milieus in recht geringer Entfernung, und das waren schlimmste Gewalttaten.
In den USA werden gerade Frauenrechte extrem zurückgefahren. Übrigens gehört auch das Thema Versorgung bei Abtreibungen dazu. Noch immer kriminalisiert in Deutschland. Ich könnte jeden Tag in die Tischkante beißen.
Ja, grundsätzlich interessantes Thema, also Deepfakes - trifft im Fall Ulmen aber nicht zu. Das scheint Identitätsdiebstahl gewesen zu sein. Das hat absolut gar nichts mit generativer AI zu tun. Ob das im Übrigen schon sexualisierte Gewalt ist, da fehlt mir die juristische Expertise. Grundsätzlich ist ja auch nicht nur sie die Geschädigte, sondern auch die Männern mit denen er geschrieben hat.
Grundsätzlich kann man durchaus mal über Deepfakes sprechen, auch wenn das mit diesem Fall absolut rein gar nichts zu tun hat. Das hätte man auch so, wie er es gemacht hat, schon vor 15 Jahren machen können. Allerdings gibt es ja nun auch Bewegung im Justizministerium bezüglich Deep Fakes.
Der Fall selbst, interessiert mich allerdings, wie alle anderen prominenten Fälle nicht. Auch daraus nun ein Fall von Mysogenie zu machen, halte ich für schwierig. Grundsätzlich möchte ich wie bei allen diesen juristischen Einzelfällen für eine Diskussion darüber lieber Statistiken und Studien heranziehen als Einzelfälle, die im Zweifel auch ganz einfach mit ganz anderen persönlichen Hintergründen, psychischen Problemen, usw. zu tun haben können - ohne jetzt zu Relativieren, wie schlimm, das für die Opfer ist. Und ich finde es auch unpassend sich für die Lage auf so einen Fall einzeln zu stürzen. Die Lage nehme ich als Podcast war, der sich eher mit der Ebene darüber beschäftigt.
Und noch eine kurze Anmerkung hierzu - über Übergriffigkeiten hinausgehend:
Männer sollten nicht nur über Feminismus sprechen, als ginge sie das nichts an und am Rand stehen, denken es sei Sache der Frauen, sondern mit Feminismus sprechen, er betrifft Männer selbst ganz bewusst. Sie müssen sich gesellschaftlich auch weiter entwickeln. Wer da stehen bleibt, wird auch einfach stehen gelassen. Feminismus ist auch für Männer ein aktiver Prozess.
Wie man auf die Idee kommen kann, dass es nichts mit Misogynie zu tun hat, wenn ein Typ die Frau, mit der er angeblich in einer auf Liebe und Vertrauen basierenden Beziehung zusammenlebt, ohne ihr Wissen zum Lustobjekt für andere Typen degradiert und mit ihnen Fantasien über ihre Erniedrigung und Vergewaltigung austauscht, verstehe ich beim besten Willen nicht. Ich finde es auch bestenfalls naiv, davon auszugehen, dass es sich hierbei um einen Einzelfall handelt, der eigentlich nicht der Rede wert ist, solange es nicht entsprechende Statistiken gibt.
Wie lang ist’s her, dass da ein Grüner Bundestagskandidat in Berlin sich ähnlichen Vorwürfen stellen musste? Gab es damals nicht die Erkenntnis, dass das von unabhängigen Stellen aufgeklärt werden muss und nicht von der medialen Öffentlichkeit, geschweige denn von Foren im Internet?
Ich will damit nichts und niemanden anzweifeln. Es kommen nur Erinnerungen hoch und die Vorsicht im Urteil.
Ja, das wollte ich auch schon schreiben. Ist mir auch ein absolutes Rätsel wie das nichts mit Misogynie zu tun haben soll..
Zur gesellschaftlichen Relevanz - also ein mögliches Lage-Thema - kommt ja noch hinzu, dass deutsche Behörden für solche Fälle bislang scheinbar kaum juristische Handhabe haben, wie u.a. im Spiegel-Artikel beschrieben
Ich hätte es lieber, wenn die Vorwürfe vor Gericht geklärt würden, denn das Gericht hat andere Mittel als eine Zeitung, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
Im Fall Gelbhaar und Mockrigde waren die Fälle nicht so eindeutig, wie es anfangs schien, bei Weinstein, Epstein und Pelicot waren sie genauso schlimm.
Ich hoffe, dass jemand im Privaten Collien Fernandes stützt, das muss für sie die Hölle gewesen sein.
Wenn die Vorwürfe stimmen, wären sie ein Skandal und ein No-Go.
Ist es sinnvoll über sowas zu berichten, solange noch kein Urteil gefällt wurde? Was wenn Herr Ulmen unschuldig gesprochen wird? Finde es schwierig hier eine Vorverurteilung durch die Presse laufen zu lassen.
Allgemein kann natürlich über deepfakes diskutiert werden, die es hier ja aber scheinbar nicht gab, oder darüber das Frauen auch weiterhin oft auf ihr Äußeres reduziert werden. Beides hat mit diesem expliziten Fall jedoch nur bedingt zu tun. Ich sehe hier eher, falls es stimmen sollte, eine Beziehungstat. Auch das direkt wieder mit IP-Adress Speicherung angekommen wird. Die Menschen die wirklich sich bewusst sind was sie da machen, verwenden doch eh ausländische VPN Anbieter oder das TOR- Netzwerk. Heißt man bekommt lediglich einen kleinen Teil mit sehr großem Aufwand und einem Tool das für Missbrauch Tür und Tor öffnet, wenn es mal in der Welt ist.
Kommt doch auch drauf an weshalb es z.B. zu einem Freispruch kommt. Sollte sich als sicher erweisen, dass er das nicht war, dann wäre das Thema natürlich hinfällig, aber in allen anderen Fällen bleibt es doch dabei, dass hier einiges im Argen liegt. Und der aktuellen Informationslage nach hat er die Tat ja zugegeben. Zudem wäre selbst dann das Thema ja wieder mit unbekannten Täter weiter aktuell.
Unabhängig vom Strafrecht bleibt aber ja ohnehin das Thema wie sich Männer (oder Partner im allgemeinen) innerhalb einer Beziehung bewegen sollten. Wo beginnt die eigen Freiheit in das Leben des anderen einzugreifen. Und da ist am Ende immer wieder das Thema Consent etc.
Und natürlich kann nicht alles durch das Strafrecht abgedeckt werden. Verurteilungen weil der Mann zu wenig im haushalt hilft obwohl die Frau auch Vollzeit arbeitet will sicherlich niemand. Ein Bewusstsein für eine Beziehung auf Augenhöhe dagegen sollte durchaus mehr geschaffen werden und das fängt denke ich bei der Erziehung an, Stichwort Rollenbilder.
Das Themengebiet ist so vielfältig, dass es sicher etliche Aspekte gibt die man mal aus politischer, mal aus gesellschaftlicher Perspektive beleuchten könnte.
Einfach auch um Bewusstsein für die Problematik zu schaffen.
Das ist halt aber doch der Punkt. Sollte er freigesprochen werden ist er laut Gesetz Unschuldig und trotzdem bleibt wie bei Kachelmann in den Köpfen hängen, da war doch was. Sollte also nicht grundsätzlich immer erst nach Verurteilung sowas öffentlich gemacht werden. Es gibt ja erst danach, wenn überhaupt, ein öffentliches Interesse.
Was spricht dagegen darüber zu berichten, mit dem Vorbehalt, dass es bislang nur Vorwürfe sind, die noch nicht endgültig juristisch geprüft wurden? In allen Artikeln, die ich bisher dazu gelesen habe steht es genau so: als Vorwurf. Jedoch als Vorwurf, der durch einiges - inkl. ein vermeintliches Geständnis von Ulmen selbst - untermauert wird. Da wäre mir die Sensibilisierung für den Fall, besonders aber die übergreifende gesellschaftliche Problematik, durchaus wichtiger als ein (potentiell unberechtigter) Imageschaden bei einem einzelnen. Gesellschaftlicher Diskurs und (straf-)rechtliche Beurteilung sind nicht das gleiche.
Es gibt ja erst danach, wenn überhaupt, ein öffentliches Interesse.
Nein, einfach nein. Wenn wir die (juristisch geprüfte) Strafbarkeit als Kriterium heranziehen ab wann wir überhaupt über etwas berichten oder einen Diskurs über gesellschaftliche Themen führen, gute Nacht. Siehe Epstein-Fall, der in der Lage erst neulich ausführlich aufgerollt wurde
In dem Kontext kann ich den Podcast von 11km “Rape Tapes” empfehlen. Die dort beschriebenen Fälle sind zwar etwas anders gelagert, aber auch hier sind die Opfer meist die eigenen Ehefrauen und es zeigt sich in der Recherche, dass das bei weitem keine Einzelfälle sind und die Strafverfolgung doch eher lasch ist.
Ich möchte aber eine ausdrückliche Trigger-Warnung aussprechen. Das ist wirklich (!) schwere Kost und es ist mir teilweise sehr schwer gefallen weiter zu hören. Hört euch das nur dann an, wenn ihr euch mental dazu in der Lage fühlt.
Falls das „Geständnis“ ist, dass er mit 16 bei einer Sexhotline rumtelefoniert hat, wie die Welt berichtet, ist das recht dünn.
Dass die Klage in Spanien eingereicht wurde, sagt leider viel über unser Rechtssystem aus - Das wäre dann die Ebene darüber. Sind Opfer in Deutschland durch unser Rechtssystem zu wenig geschützt?
Das Geständnis, im Spiegel-Artikel beschrieben, wurde von Ulmen direkt ggü. Fernandes getätigt, angeblich an Weihnachten letztes (vorletztes?) Jahr
Und ja, die Anzeige in Spanien hat mit der anderen Rechtslage zu tun, bzw. der schlechteren rechtlichen Handhabe in Deutschland ggü. Spanien. Und ich glaube auch damit, dass sie ihren Wohnsitz dort haben/hatten
Naja das wäre nicht die einzige Konsequenz. Wenn das Thema jetzt komplett aufgeblasen wird und Christian Ulmen öffentlich Exekutiert wird, dann ist das Thema danach nicht “hinfällig” für ihn, dann ist seine Karriere vorbei und sein Ruf für immer geschädigt. Aber das noch viel schlimmere wäre, dass es einen massiven Schaden für Frauen in ähnlichen Opferpositionen bedeuten würde, weil sie immer mit dem Fall verglichen werden würden.
So wie ich es verstanden habe, sagt sie, dass er es zugegeben hat. Wenn er das nun leugnet steht Aussage gegen Aussage. Ich will nicht sagen, dass man Frau Fernandez nicht glauben soll. Jedoch sollte man diese Verurteilungen nicht so leichtfertig machen, nur weil es ins eigene Weltbild passt. Das ist ähnlich wie mit dem Fall Ofraim.