Verteidigungsfähigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe über die Wehrpflicht hinaus

Die Diskussion um die Wehrpflicht ist m.E. sehr verkürzt auch bei Euch diskutiert worden. Sehr erhellend war für mich das Interview mit Claudia Major im dlf Kultur, die das Thema Verteidigungsfähigkeit in einen viel größeren gesellschaftlichen Rahmen unter Beteiligung (fast) aller Generationen gestellt hat. Der Link als Anregung für eine weitere Diskussion bei Euch. Aus der Dlf App | Studio 9 – Der Tag mit … | Der Tag mit Claudia Major: Aus russischer Sicht lohnt sich das Weitermachen Der Tag mit Claudia Major: Aus russischer Sicht lohnt sich das Weitermachen

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Ich kann nur immer wieder betonen, wie viel Potenzial eine richtig gut gestaltete, finanziell entsprechend ausgestattete Reserve hätte.

Die Verteidigungsfähigkeit sollte in der Tat nicht nur auf die Jahrgänge 2006+ ausgelagert werden. Jeder sollte mithelfen. Jeder Vermessungsingenieur sollte sich fragen, ob er seine (militärisch sehr gut verwertbaren) Fertigkeiten nicht in die Reserve einbringen sollte, jeder Drohnenpilot sollte sich das Gleiche fragen, jeder Informatiker sowieso, aber auch jeder Fernfahrer, jeder Verwaltungsangestellte, jeder Pilot und viele andere. Es gibt im zivilen Bereich unendlich viele Fertigkeiten, die entweder direkt militärisch nutzbar sind oder mit nur sehr wenig Aufwand militärisch nutzbar gemacht werden können. Dadurch würde auch die Bundeswehr ein besseres Standing in der Gesellschaft erhalten.

Was dazu aber nötig wäre, wäre eben ein Fokus auf die Reserve. Aktuell ist es für Arbeitnehmer und Arbeitgeber schlicht ein Nachteil, wenn der Arbeitnehmer Reservist ist. Es wird Nachteile in der Karriere bringen, weil man durch gelegentliche mehrwöchige Abwesenheit nicht mehr „immer verfügbar“ ist und deshalb für manche Funktionen nicht in Betracht gezogen wird. Im Bewerbungsgespräch zu sagen, dass man Reservist ist, wird konsequenterweise in den meisten Firmen auch eher negativ als positiv ausgelegt. Das muss sich ändern. Arbeitgeber müssen massiv gefördert werden, wenn sie Arbeitnehmer für Reserveübungen freistellen - so sehr, dass Arbeitgeber froh sind über jeden Reservisten. Und die Reservetätigkeit muss sich auch für den Reservisten lohnen. Und entsprechend müssen Reserve-Übungen auch hochkarätige fachliche Ausbildungen sein und keine „Saufabende mit den alten Kameraden“.

Auch Engagement im Katastrophenschutz sollte weit stärker gefördert werden, als dies aktuell der Fall ist. Denn auch das zählt zur Verteidigungsfähigkeit, auch das ist eine gesamtgesellschafltiche Aufgabe, die massiv gefördet werden sollte.

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@fichte2 Eine Bitte an alle, die ausführliche Quellen (z.B. Podcasts, Videos oder längere Texte) posten: Bitte um eine kurze Zusammenfassung, wenigstens ein Teaser, die verdeutlichen, worum es Dir geht.fett gedruckter Text

Haben hier Leute Erfahrungen als Reservisten machen können? Könnt ihr mal eure Eindrücke und Perspektive teilen?

Meine Erfahrungen sind da sehr begrenzt:
Nach meinem Wehrdienst war ich als Alarmreservist eingeteilt. Es kamen über die Jahre insgesamt zwei Einladungen zu Übungen (an denen ich auch teilgenommen hätte), beide wurden aber abgesagt. Irgendwann um 2009/2010 kam dann ein Brief der Bundeswehrverwaltung, dass alle Alarmreservisten aus dem Dienst treten (also aus der aktiven Reserve entlassen werden), es sei denn, man spricht sich aktiv dafür aus, weiter in der Reserve zu bleiben. Haben die meisten natürlich nicht gemacht, ich hatte damals mit meiner Selbständigkeit auch besseres zu tun.

Während meines Wehrdienstes habe ich immer wieder mitbekommen, dass auch mal Reservisten durch die Kaserne liefen und sogar in meiner Einheit dann mal ausgeholfen haben (und bei Übungen anwesend waren). Aber das wirkte halt nie so, als hätten die Reservisten wirklich Ahnung, was sie da tun - und der Reserve-Hauptfeldwebel, der dann dabei war, hatte auch kein gutes Standing in der Truppe, sondern wurde eben als „Wochenend-Soldat“ gesehen. Eben weil die Reservisten im Alltag durch Ahnungslosigkeit und auf Übungen durch Exzess aufgefallen sind (ich erinnere mich an eine Übung in Daaden, wo ein Reservist besoffen den Wolf (ein Geländewagen) in einen Straßengraben gesetzt hat und geborgen werden musste…).

Die ganze Reserve machte immer den Eindruck, als ginge es eher um Kameradschaftspflege als um Fachausbildung. Hat uns damals aber auch nicht gewundert, schließlich haben wir selbst in den sechs Monaten nach der AGA nur maximal zwei Wochen Fachausbildung bekommen, vermutlich weil Ausbilder und Ausbildungsmaterial chronisch knapp waren und man diese begrenzten Ressourcen nicht auf Reservisten und Wehrdienstleistende verschwenden wollte, sondern lieber auf die Jungs, die damals in den Kosovo geschickt wurden.

Was die Alarmreserve betrifft war der zentrale Fehler, dass alle (oder zumindest viele, bin mir da nicht ganz sicher) ehemaligen Wehrdienstleistenden dort eingeteilt wurden, man aber jede Einladung zu Reserveübungen absagen konnte (nach dem Motto „Job geht vor“ oder „Studium geht vor“). Ich denke, dass die Reserveübungen, zu denen ich eingeladen wurde, genau aus diesem Grund nicht stattgefunden haben, weil einfach zu viele Reservisten abgesagt haben. Reserve macht halt nur Sinn, wenn die Reservisten „Bock darauf haben“, einfach eingeteilt zu werden mit der Möglichkeit, jederzeit abzusagen, führt dann halt zu extrem hohen Absage-Quoten. Deshalb hat man die Alarmreserve vermutlich entlassen - es wäre aber cleverer gewesen, das als Opt-Out zu tun, statt es als Opt-In zu machen. Daher den Reservisten zu sagen: „Hey, wenn ihr keinen Bock mehr habt und eh jede Übung absagt, sagt Bescheid, wir nehmen euch dann raus!“. So hätte man die Absage-Quote vermutlich schon auf ein akzeptables Maß senken können. Durch die Wahl des Opt-Ins sind selbst viele Reservisten rausgefallen, die eigentlich schon Interesse hatten, aber eben nicht genug, sich aktiv darum zu bemühen (wie ich z.B. damals).

Dass ich dann nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges die Bundeswehr kontaktiert und angeboten habe, wieder als Reservist einzusteigen, darauf aber seitens der Bundeswehr nicht wirklich etwas passiert ist, habe ich ja an anderer Stelle schon berichtet.

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Dazu:

Selbstbestimmtheit? Pazifismus? Naivität?

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Auf jeden Fall nobler als der militärisch-politisch-mediale Komplex aus CDSU, Springer Presse und Rheinmetall u.a., die hunderte Milliarden in Rüstung stecken wollen, was vor allem Vorständen und Aktionären nutzt.

Was ich mich frage: kann man sich dem Weltgeschehen einfach verweigern? Wenn andere Länder aufrüsten und Kriege vom Zaun brechen, dann einfach sagen, wir machen nicht mit und leben ein friedliches waffenfreies und selbstbestimmtes Leben?
Funktioniert das?

Ich finde den Gedanken durchaus charmant…

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Im zweiten Satz der Interviewerin der Tagesschau ist schon eine Falschaussage. Macht keinen guten Eindruck:

tagesschau.de: Herr Kramer, Ihre Initiative nennt sich „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Eine Wehrpflicht gibt es aktuell nicht. Wogegen protestieren Sie?

Selbstverständlich gibt es eine Wehrpflicht. Diese ist ja gerade nicht aufgehoben oder abgeschafft worden, sondern ist nur ausgesetzt.
Darüber hinaus ist es ein offenes Geheimnis, dass die aktuelle Freiwilligkeit stark angezählt ist.

Man könnte zumindest mal ehrlich kommunizieren. Es geht bei der aktuellen Debatte nicht um die Verteidigung des deutschen Bundesgebiets, sondern erstens um Abschreckung und zweitens um das Baltikum. „Die Freiheit Deutschlands wird auch im Baltikum verteidigt“ oder so, frei nach Struck.

Darüber hinaus können wir doch froh sein, dass die junge Generation gerade nicht zu Nationalismus und Militarismus erzogen wurde und der Bundeswehr jetzt die Bude einrennt! Und das ist völlig unabhängig vom Weltgeschehen.
Ja, es kann sachlich begründet sein, dass die Bundeswehr jetzt tatsächlich mehr Personal braucht. Die Selbstverständlichkeit mit der manche aber davon ausgehen und deshalb ohne jedes Zögern über die Freiheit von Jugendlichen entscheiden und deren Ablehnung davon ignorieren, halte ich für falsch.

Wie wäre es mir einer Kampagne der Bundesregierung für die Jugend → Investitionsabkommen mit den Ländern für konstant mehr Geld in der Bildung, eine fundamentale Rentenreform, Investitionen in Kommunen für mehr Jugendarbeit, Vereinsarbeit und Third Spaces, et cetera. Sorgt dafür, dass Jugendliche das Gefühl haben, respektiert zu werden und in einem Land zu leben, dass sie persönlich auch verteidigen wollen.

Aber klar, verpflichten ist einfacher und schneller.

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Das wäre jetzt Haarspalterei. Da die Wehrpflicht ausgesetzt ist, gibt es die jetzt ja aktuell tatsächlich nicht. Es werden aktuell ja keine jungen Männer zu einem Wehrdienst zwangsverpflichtet.

Aber davon unbenommen:

Ja, einfach nur mit Pflichten zu drohen, den Jungen unterschwellig vorzuwerfen Zuwenig zu arbeiten und zu leisten und dann darauf hinzuweisen, sie mögen fürs Alter selbst vorsorgen, ist sicher kein Motivationsschub.

Da muss man den jüngeren und kommenden Generationen mehr bieten als nur „Du musst…“

Ich finde immer noch den Gedanken interessant, den der junge Mann im Interview skizziert, das Weltgeschehen einfach zu ignorieren ubd das eigene Ding zu machen. Faszinierend grad.

Wer das fordert, könnte auch fordern, der Ukraine keine Waffen mehr zu liefern. Ist nicht unser Bier. Macht doch, was ihr wollt. Schlagt Euch die Köpfe ein. Uns egal.
Indirekt deutet er das auch so an

Die Russische Föderation steht nicht an der Grenze Deutschlands. Anders als die Menschen in der Ukraine haben wir noch die Möglichkeit, einen Krieg zu verhindern.

Ist da Pazifismus oder Egoismus der Treiber? Zumindest die AFD erreicht auch bei jungen Leuten gute Zahlen. Ich fürchte, dass da einige sich vor den Karren spannen lassen und erst mal dagegen sind ohne sich groß mit dem Thema zu beschäftigen. Da sind Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen empfänglich. Und soziale Netzwerke machen das noch einfacher.

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Erinnert mich entfernt auch an Aussagen wie „Klimawandel gibt es nicht, weil dann muss ich mich ja einschränken/verändern“.

Andere Baustelle.

Aber auch die Frage zwischen Egoismus, Naivität und „radikalem“ Pazifismus.

Die offene Frage ist halt, ist zuende gedacht wie das funktioniert und akzeptieren andere das, nur weil wir das so wollen?

Die AfD erreicht bei allen Altersgruppen außer 70+ gute Zahlen. Bei den ganz jungen ist sie gerade nicht überdurchschnittlich erfolgreich.

Ich erwarte von Minderjährigen/Jugendlichen keine komplexen sicherheitspolitischen Analysen. Die geäußerte Ablehnung der Wehrpflicht kann man auch einfach mal zur Kenntnis nehmen, ohne den Jugendlichen sofort alles schlechte zu unterstellen.

Es geht mir ja noch nicht mal darum, dass jetzt alle Forderungen dieser Demo umgesetzt werden sollten oder so. Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, ist mein Hauptproblem diess Selbstverständlichkeit mit der über diese Jugendlichen entschieden wird, während ihre Lebensrealität absolut keine politische Relevanz oder Priorität besitzt.

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Die Wehrpflicht ist aktuell ausgesetzt. Solange das so bleibt, gilt diese nur im Spannungs/Verteidigungsfall und dann für alle zwischen 18 und 59.

Grundlegend falsch ist das was da teilweise auf den Plakaten geschrieben wird:

Niemand wird gezwungen. Man hat das Recht zu verweigern. Auch bei einer Wehrpflicht.

an die „Front“ muss niemand. Insbesondere kein Grundwehrdienst Wehrpflichtiger. An welche Front denn? Wo haben wir aktuell eine?

Es muss auch niemand töten. Erstens wo? Und zweitens kann jeder verweigern.

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Das ist doch der springende Punkt. Kaum einer glaubt mehr daran, dass sie ausgesetzt bleiben wird. Die Beibehaltung der grundsätzlichen Freiwilligkeit bei der neuen Pflicht zur Musterung ist ja auch unter dem Vorbehalt, dass sie die richtigen Zahlen an Wehrdienstlern einbringt.
Das wurde nicht nur in der Lage so interpretiert, es ist doch auch ein offenes Geheimnis in der Union. SPD und Grüne mögen da etwas Bauchschmerzen mit haben, aber das hat sie in der Vergangenheit auch nicht immer aufgehalten.

Die aktuelle Lässigkeit mit der heute Verweigerungsanträge genehmigt werden ist so nicht festgeschrieben. Zum einen muss man nur in die Hochzeit des Kalten Krieges zurückschauen, da war das ganz anders. Zum anderen hat der Gesetzgeber auch Möglichkeiten die Hürden noch deutlich höher zu legen. Es geht ja bei der Verweigerung nicht um nicht wollen, sondern um eine grundsätzliche moralische Ablehnung. Da ist viel Spielraum.

Das stimmt für Wehrdienstleistende, hat aber auch niemand behauptet. Woher also die Anführungszeichen? Ich habe den Begriff Front nicht verwendet und auch in dem verlinkten Interview mit dem Organisator der Demo fiel der Begriff nicht. Auch in diesem ganzen Diskussionsthread ist der Begriff von niemandem verwendet worden. Klingt also etwas nach Strohmann.

Ich habe zu Beginn des Absatzes geschrieben:

ich beziehe mich im zweiten Teil auf die Plakate / Transparente die bei dieser Demo hochgehalten werden. Die werden im Interview nicht erwähnt, kann aber in den Video Beiträgen sehen.

Transfer: du sagst die Frage aus dem Interview ist falsch, ich sage die Messages auf den Plakaten/Transparenten der Demos sind falsch bzw. Massiv Übertrieben

Die Wahrscheinlichkeit steigt natürlich, je weniger sich freiwillig melden. Die Kampagnenführer machen sie also wahrscheinlicher statt unwahrscheinlicher. Dass die Armee abgeschafft wird, ist unrealistisch. Dass in Zukunft Rentner statt gerade volljährig gewordenen herangezogen werden, auch. Was bezwecken die Kampagmenführer also, was erhoffen sie sich?

Das ist eine gute Frage.

Natürlich wäre mir auch lieber, wir kämen in dieser Welt ohne Armeen und Gewalt aus. Wahrscheinlichkeit dafür: absehbar gleich Null.

Die Idee, man erklärt sich für „wehrlos“ und friedfertig, sei damit keinerlei Bedrohung, und alle anderen akzeptieren und respektieren das, halte ich für sympathisch, aber auch sehr fragwürdig.

Da hakt es grad bei mir.

Für mich weisen sie zum einen auf die Ungerechtigkeit hin, dass nun Milliarden Euro für Aufrüstung ausgegeben werden, während durch die massiven Fehler und Versäumnisse der von der Generation ihrer Eltern und Großeltern geführten Regierungen die Infrastruktur zerfällt, Wohnraum massiv verteuert wurde und zivile Jobchancen sich verschlechtern.

Und zum anderen schaffen sie wichtige und notwendige Aufmerksamkeit für politische Positionen jenseits derer, nach der ohne Aufrüstung und Wehrpflicht bald Putins Armee nach Berlin marschieren wird.

Naja.
Ungerecht ist auch, das wir Milliarden in den Klimaschutz stecken müssen, während durch die massiven Fehler und Versäumnisse der von der Generation ihrer Eltern geführten Regierungen es immer wärmer wird, Extremwetterereignisse zunehmen und die Lebensbedingungen für kommende Generationen ungesund werden.

Aber was ist jetzt der Schluss?

Wir weisen darauf hin das wir das nicht wollen und wir uns zum Klimaschutz nicht nötigen lassen?

Sagt ja nun auch keiner.

Natürlich haben wir haufenweise offene Baustellen, drohende Gefahren und Risiken.

Aber können wir in Deutschland nach unserem Gusto entscheiden, mit welchen Herausforderungen wir uns befassen wollen und welchen nicht?

Also die Denkweise dahinter ist irgendwie seltsam

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