Israel schlittert in eine Situation, die man wohl als Verfassungskrise bezeichnen kann:
Am Sonntag hat die israelische Regierung angekündigt, einem Urteil des Obersten Gerichtshofs keine Folge zu leisten. Dass die Regierung das offen ausspricht, ist das erste Mal in der Geschichte Israels. Die Entscheidung heizt die Verfassungskrise weiter an.
[…]
Einige Expert:innen hingegen gehen davon aus, dass die Folgen weniger radikal sein könnten als befürchtet. Denn das Urteil richtet sich nicht an die Regierung, sondern an die Aufsichtsbehörde. Die Behörde darf damit tagen und entscheiden – völlig unabhängig vom Willen der Regierung.
For the first time in Israel’s history, the government openly declared on Sunday that it will not respect a High Court of Justice ruling, escalating its feud with the judiciary to constitutional crisis levels.
In a declaration issued by the cabinet, the government vowed not to respect the High Court’s decision in June to enable the Council of the Second Authority, the commercial broadcasting regulatory body, to resume operations despite lacking a two-thirds quorum of members.
https://www.timesofisrael.com/in-first-government-vows-to-disobey-high-court-ruling-setting-up-constitutional-crisis/
Justice Minister Yariv Levin hit back, comparing the court to “dictators” while Finance Minister Bezalel Smotrich accused the court of being a “judicial mafia” that was using “extortion” to achieve its goals.
[…]
The case itself revolves around petitions accusing Communications Minister Shlomo Karhi of making political appointments to the council, in an effort to stymie the acquisition of Channel 13 by a group of high-tech entrepreneurs led by a prominent government critic, which the council must decide whether or not to approve.
In March, the Union of Journalists in Israel and the Movement for Quality Government in Israel petitioned the High Court against what it said were political appointments to the Second Authority council, and in May the court froze the activities of the council until a final decision on the issue.
https://www.timesofisrael.com/high-court-warns-of-anarchy-societal-breakdown-if-officials-flout-its-rulings/
4 „Gefällt mir“
Eine neue Folge aus der Endlosserie ‚Wenn Rechte sich über Recht hinwegsetzen‘.
Es ist schon tragisch, wie die einst so strahlende israelische Demokratie mehr und mehr zu einem autoritären Staat degeneriert.
Israels Regierung ist leider kein Einzelfall. Man sieht es immer wieder, wie Rechte die höchsten Gerichte unterminieren und die Gewaltenteilung unterlaufen. Und hierzulande denken dann auch noch einige Akademiker darüber nach, das Bundesverfassungsgericht als eigenständige dritte Gewalt außer Kraft zu setzen.
4 „Gefällt mir“
„Wir befolgen das Gesetz, nicht die rechtswidrigen Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs“, schrieb etwa Kommunikationsminister Shlomo Karhi auf X
Ist das nicht quasi die Definition einer Verfassungskrise?
Also der offene Versuch der Exekutive, sich über die Gewaltenteilung hinwegzusetzen.
Gerade in einem Land wie Israel, das keine kodifizierte Verfassung und auch keinen Föderalismus besitzt, wiegt sowas natürlich nochmal schwerer. Die politische Macht ist dadurch bereits stark zentriert, wenn dann auch noch die Gewaltenteilung nicht anerkannt wird…
Es bleibt nur zu hoffen, dass gerade die extremistischen Parteien der Minister Smotrich und Ben-Gvir („Religious Zionism“ bzw. „Otzma Yehudit“) in den kommenden Parlamentswahlen an Zustimmung verlieren. Smotrich und Ben-Gvir sind dermaßen rechtsextrem, dass sie in Deutschland vermutlich sogar aus der AfD geworfen werden würden. In Israel ist der eine Finanzminister und der andere Minister für die nationale Sicherheit.
Ben-Gvir war zynischerweise früher Mitglied der Kach-Bewegung, aus der später eine Organisation hervorging, die sogar von den USA (!) als Terrororganisation eingestuft wurde. Seine Kurzbeschreibung beim wissenschaftlichen Dienst des US-Kongresses:
Born in 1976, Ben Gvir is Israel’s national security minister. He once belonged to Kach, a movement based on the racist ideology of former Knesset member Meir Kahane (1932-1990) that was banned from elections in the 1990s. Ben Gvir was convicted in 2007 for incitement to racism and supporting terrorism but says that he has moderated his positions and does not generalize about Arabs. He is a lawyer and has represented Jewish nationalist activists. Ben Gvir has been a regular fixture at contentious gatherings of Jews and Arabs in Jerusalem.
Die aktuellen Umfragen machen zumindest Hoffnung auf einen politischen Wandel dieses Jahr:
1 „Gefällt mir“