Ok, wenn man “Mündigkeit” allein darauf beschränkt, dass man das Recht hat, eine Meinung zu haben und sich diese von keinerlei Zwischenfrage, Einordnung oder Kritik stören zu lassen, hast du natürlich Recht. Dann sind die alle total mündig. Die haben alle das Recht den Podcast zu hören. Und das Recht hat ihnen hier auch niemand abgesprochen. Natürlich hat jeder das Recht, bspw. Höckes Behauptung, Geschichtslehrer würden nicht wissenschaftlich ausgebildet, sondern nach Gesinnung ausgewählt, zu glauben, oder Höckes Behauptung aus der Dresdener Rede, die Alliierten hätten “uns” mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen, oder Höckes Forderung, die deutsche Erinnerungskultur in ihr Gegenteil zu verkehren zu teilen. Ohne sich dabei von lästigen Einordnungen oder gar Gegenrede störend darauf hinweisen lassen zu müssen, dass das eine die Lügen sind und das andere die Vorbereitung einer rechtsextremen Politik. Meine Vorstellung von “Mündigkeit” wäre damit allerdings nicht erfüllt. Eher schon eine Karikatur der “selbstverschuldeten Unmündigkeit”.
Ich hätte Mündigkeit jetzt eher als Fähigkeit und Willen verstanden, sich tatsächlich im Sinne einer Urteilsfähigkeit eine Meinung zu bilden. Also sich eine gewisse Sachkompetenz zu verschaffen und Entscheidungen im weitgehenden Bewusstsein über deren wahrscheinliche und weniger wahrscheinlichen Folgen, die individuelle Wertehierarchie und Kriterien, die das eigene Urteil leiten, ein Mindestmaß an innerer Schlüssigkeit und Konsistenz etc., zu treffen. Und dann auch die Verantwortung für bspw. die eigene Wahlentscheidung nicht bei irgendwem anderes abzuladen, sondern selbst zu übernehmen. Unter der Annahme, dass jemand in diesem Sinne mündiges sich den Podcast anhört, könnte man als Host diesem tatsächlich die Einordnung bedenkenlos überlassen, weil der Hörer dann ja selbst dazu in der Lage und willens ist. Da sehe ich aber wenig Anhaltspunkte, das für die Mehrheit der Hörer dieses Podcasts oder die Mehrheit der Bürger anzunehmen.
Natürlich kann man sich auch auf den Standpunkt stellen, dass die unkritischen Konsumenten von Höckes Hasscocktail selbst Schuld sind, wenn sie sich nicht weiter informieren, als der selbstbewusst wie unwahrscheinlich ahnungslose Gastgeber. Ist als Verkäufer immer angenehm, so mündige Konsumenten zu haben oder das zumindest zu behaupten. Grade dann, wenn man es besser weiß. Frag mal die Tabakindustrie.
Natürlich. Das hat hier auch niemand bestritten. Es wollte halt auch mancher erzählen, dass es leichtfertig bis verantwortungslos ist, einem Rechtsextremisten bei seinem politischen Projekt so eine Hilfestellung zu bieten. Das darf man eben auch erzählen. Eigentlich komisch, dass sich leidenschaftliche Fans der Meinungsfreiheit daran manchmal so stören.