Da du die Bahn erwähnst, will ich mal eine etwas andere Perspektive aufmachen. Über Jahrzehnte wurde auf Verschleiß gefahren und das Allernötigste geflickt.
Jetzt wird mal ansatzweise generalsaniert, was u. a. zur Folge hat, dass es viele Streckensperrungen gibt, was zu deutlich mehr Verspätungen und mithin Ausfällen führt, weil das verbleibende Streckennetz überlastet ist.
Aber irgendwann muss man das lange Versäumte eben nachholen. Da führt kein Weg dran vorbei.
Ähnlich sieht es in anderen Politikfeldern aus (z. B. bei der notwendigen Transformation). Langes Nichtstun hat immer unangenehme Nebenwirkungen, wenn sich Probleme bis zum Get No aufgehäuft haben.
Die Alternative kann aber ja nicht sein, noch länger zu prokrastinieren, bis uns die Decke auf den Kopf fällt.
Und zur jahrzehntelangen Vernachlässigung nach der Methode „Augen zu und durch!“ kommt nun noch eine Reihe zusätzlicher Problem wie der von dir angesprochene Krieg und eine auch finanzpolitisch nicht vorausschauende Politik nach Art der „schwäbischen Hausfrau“, die zu enormen Restriktionen führt (Stichwort „Schuldenbremse“).
Was jetzt auch noch psychisches Unbehagen bereiten kann, ist, dass etwa die Veränderungen im Bereich der Klimapolitik erst langfristig sichtbar sein werden. Ob z. B. die Erleichterungen im Bereich Windkraft greifen werden und hinreichend sind, wird man erst weit jenseits dieser Legislaturperiode wissen können. Und Unwissen verunsichert tendenziell.
Na ja, und dann kommt natürlich noch das Querschießen der kleinsten Koalitionspartnerin hinzu.
Ob und inwiefern das die persönlich empfundene Lebensqualität beeinträchtigt, ist dann noch mal wieder eine ganz andere Frage.
Dabei bestreite ich gar nicht, dass Anlass zu Unmut besteht, aber ich plädiere dafür, sozusagen die Spreu vom Weizen zu trennen.
Deutschland hat so gewählt, dass diese Konstellation entstanden ist. Dennoch sehe ich die Ampel-Koalition immer noch - trotz mancher Bauchschmerzen - als kleineres Übel an.
Was ich dann doch enervierend finde, ist, dass in Deutschland, wie ich hier andernorts schon schrieb, so manches im Zuge einer in extenso betriebenen Güter- und Folgenabwägung dergestalt zerredet wird, dass der Eindruck entsteht, jeder Schritt im Sinne des Vorankommens wäre ein Schritt in die falsche Richtung, weil Bedenken überbetont werden. So tritt man eben auf der Stelle oder verliert sich in perfektionistischen Detaildiskussionen, anstatt fehlertolerant Fortschritt zu organisieren. Risikoscheu ist da noch arg untertrieben.