Ich würde mir wünschen, dass die Lage einmal ihren Blick sehr gezielt auf den rechten Rand der CDU richtet.
Der alte Satz von Franz Josef Strauss, es dürfe rechts der Union keine Partei geben, ist ja inzwischen hinfällig. Aber manche in der Union finden den Platz links von der AfD offenbar ungemütlich und wollen lieber Mehrheiten mit den Rechtsextremisten suchen. Da war zuletzt zB der hessische MP Boris Rhein mit seinen Forderungen ( Rhein will AfD Ausschussvorsitze ermöglichen | tagesschau.de ), und da ist EVP-Chef Manfred Weber ( Die EVP und rechte Parteien: Schadet Manfred Webers Kurs der EU? | tagesschau.de ). Auch spannend, weil ohne die Zwänge eines politische Amtes, ist da zB die „CDU-Influencerin” Clara von Nathusius.
Nathusius betreibt einen Video-Podcast (https://www.youtube.com/@CNathusius/videos) mit bisher drei Folgen. Mit dem Politikwissenschaftler Christian Stecker redete sie unter dem Titel „Die Brandmauer ist gescheitert!”. Mit dem Historiker Andreas Rödder unter dem Titel „Genialstes Machtinstrument der Linken!”. Mit Ulf Poschardt ging’s um „Das größte Eigentor in der Geschichte der Union!”. Es geht immer darum, sich zur AfD zu öffnen. Die meisten Entwicklungen der CDU der vergangenen 20 Jahre, zB schwarzgrüne Koalitionen, werden als Irrwege dargestellt.
Der Video-Podcast von Nathusius trägt den Titel„Common Sense”. Vielleicht ein Zufall, aber der Begriff ist ein von MAGA, AfD und Co. strategisch genutzter Begriff. Seit Jahren besetzen rechtspopulistische und neurechte Kreise die Begriffe „Common Sense”,„Alltagsverstand”, „Gesunder Menschenverstands” um ihre Positionen als „normal” darzustellen, also durch bewusstes implizites „othering” anderer Positionen. (Kampfbegriff »Common Sense«: »Make Deutschland normal again« - DER SPIEGEL) Neurechte Intellektuelle und AfD-Vordenker wie Benjamin Kaiser theoretisieren den Begriff „Common Sense” sehr bewusst in Anlehnung an Antonio Gramsci, der als eigentlich linker Denker in den letzten Jahren in rechten Kreisen Hochkonjunktur hat. (Kann man zB hier bei der taz nachlesen: Neurechter Autor Benedikt Kaiser: Der lange Marsch in die illiberale Republik | taz.de ; oder hier im Originaltext: https://sezession.de/wp-content/uploads/2023/11/Sez116_Kaiser.pdf)
Ich möchte das gar nicht zu sehr an diesem Begriff festmachen, aber er ist für mich ein Hinweis darauf, dass die Hemmungen, sich Positionen aus dem rechtsextremen Lager anzunähern oder zu übernehmen, in bestimmten konservativen Milieus fallen. Erst im letzten Jahr wurde bekannt, dass der Büroleiter von Philipp Amthor Mitglied einer extrem rechten Burschenschaft ist (inzwischen war). Und Nathusius’ Podcast-Gast Ulf Poschard zB postete zuletzt rund um die Frankfurter Buchmesse sehr freundlich über neurechte Verlage wie Jungeuropa, Antaios und Publikationen wie das rechte Fiume Magazin („absolut coole Jungs”).
Die Inkaufnahmen von Mehrheiten mit der AfD wird in den Medien oft als strategische Suche der CDU nach Mehrheiten rechts der SPD diskutiert. Ich glaube, es wäre spannend, in der Lage einmal genauer darauf zu schauen, welche Kreise hier die CDU anschlussfähig an die AfD machen, und welche Motive, Verbindungen und weltanschaulichen Strömungen dahinterstecken. Ist das bloß die Normalisierung rechter Positionen infolge des Aufstiegs der AfD, oder mehr?
Was meint ihr?
