Ja genau. Du hast daraufhin gesagt, dass es Länder gibt, die einzelne Probleme gelöst haben. Daraufhin war mein Einwand, dass mir spontan kein Land einfällt, das die fundamentalen Probleme wirklich gelöst und den Rechtsextremismus eingedämmt hat. Deswegen habe ich nach Quellen gefragt, ob es diese Länder gibt. Daraufhin hast du jetzt zugegeben, dass es so ein Land doch nicht gibt?
Das Problem ist nicht unlösbar, es ist meiner Meinung nach aber nicht in Gänze lösbar, wenn man sich auf den realpolitischen Raum von Realo-Grün/SPD bis Union/FDP beschränkt und dadurch gar nichts an den Ursachen ändern will und kann. Unter diesen Umständen ist mMn nur oberflächliche Symptombekämpfung möglich.
Die Aktienrente sehe ich als solche Symptombekämpfung. Sie wirkt definitiv, lagert Probleme aber aus (zB sind Rentenfonds stark in Immobilienkonzernen investiert, haben also eine negative Verbindung mit dem Problem hoher Mieten und erhöhen insgesamt die gesellschaftliche Abhängigkeit von Kapitalmärkten und dem Finanzsektor).
Ich stimme dir zu, dass die sogenannte Aktienrente letztlich nur ein sehr kleines Herumdoktern ist.
Ehrlich gesagt habe ich auch nie wirklich verstanden, was die zugrunde liegende Idee sein soll. Selbstverständlich verstehe ich Aktien und ETFs im Kontext privater Vorsorge: Ich kaufe als Privatperson Unternehmensanteile, stelle damit Kapital zur Verfügung und erhalte dafür entweder laufende Ausschüttungen oder verkaufe die Anteile später, hoffentlich teurer, weil das Unternehmen gewachsen ist, Gewinne reinvestiert und Marktanteile gewonnen hat.
Im Kern läuft es aber immer auf dasselbe hinaus: Ich stelle Kapital bereit, und im Gegenzug muss mir das Unternehmen einen Teil des erwirtschafteten Mehrwerts überlassen, in welcher Form auch immer. Dieser Mehrwert entsteht jedoch nicht durch das Kapital an sich, sondern durch menschliche Arbeit, Innovationskraft, Organisation und Produktivität.
Und selbst dieses Kapital geht in den meisten Fällen nicht einmal direkt an das Unternehmen, sondern an den Vorbesitzer der Aktie. Das Unternehmen selbst sieht davon meist keinen Euro, mit ausmachen des ersten Emittierens.
Als Staat besteht dieses Problem aber doch gar nicht. Der Staat muss kein Kapital an irgendeinen Voreigentümer von Aktien geben, um an Unternehmensgewinnen beteiligt zu werden. Er kann, sehr viel direkter, über Steuern einen Teil dieser Gewinne abschöpfen. Im Ergebnis würde doch beides auf dasselbe hinauslaufen: Die Finanzierung der Rente wird durch Unternehmensgewinne gestützt.
Was ich dabei nicht verstehe: Warum gilt das eine, Steuern und Bundeszuschuss zur Rentenkasse, für Neoliberale als absolutes Teufelszeug, als leistungsfeindlich, wachstumshemmend und moralisch fragwürdig, während das andere, Aktienbesitz und Gewinnabschöpfung über Kapitalmärkte, als vollkommen legitim, rational und alternativlos dargestellt wird? Ökonomisch gesehen wird in beiden Fällen ein Teil des erwirtschafteten Überschusses umverteilt.
Selbstverständlich kann der deutsche Staat nur Steuern von „deutsche“ Unternehmen einfordern sich aber per Aktien auch an ausländischen Unternehmen beteiligen. Jedoch entzieht die Option Aktienrente der realen Wirtschaft Kapital und „parkt“ es im Finanzsystem. Außerdem verdienen hier Akteure des Finanzsystems mit.
Vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems bei der Debatte um den „gesellschaftlichen Vertrag“: Nicht die Frage, ob wir erwirtschaftete Gewinne für soziale Sicherungssysteme nutzen, sondern wer das darf und über welchen Mechanismus.
Die Ausgestaltung der Aktienrente ist in der Tat fragwürdig: Es werden Anlageprodukte unterstützt, die im Sinne einer Altersvorsorge untauglich sind (teuer, schlechte Performance - besser wäre es gewesen, wenn automatisch in ein extrem breit gestreuter staatlicher Aktienfonds, wenn der Anleger kein anderes Produkt ausgewählt hat - in Schweden macht dieser Fonds eine sensationell gute Performance) und der Kostendeckel für geförderte Produkte ist viel zu hoch(man hätte Provisionen ganz verbieten sollen). Noch besser hätte man Altersvorsorgekonzept aus Aktien- und Rentenkorb besonders fördern sollen. Und ebenfalls besser wäre es gewesen, die Aktien- und die Betriebsrente zusammen zu legen (was vermutlich noch kommen wird), so dass die Arbeitgeber ihre Zuschüsse und die Gehaltsumwandlung direkt in die von den Arbeitnehmer ausgewählten Aktien oder ETFs investieren können.
Ansonsten ist die Aktienrente eher als Einstieg zu verstehen, mit dem sich der deutsche Sparer endlich mental an das Aktieninvestment gewöhnen soll.
Wenn ich Dein Argument richtig verstehe, siehst Du aus Sicht des Unternehmers keinen Unterschied zwischen Dividenden und Steuern: Beides schmälert sein Gewinn.
Nun, dann frag mal einen beliebigen Unternehmer, was er vorziehen würde: (1) Finanzierung des Unternehmens über Ausgabe von Aktien gegen Dividenden. Oder (2) Steuern zahlen. Für letzteres bekommt er keine (direkte) Gegenleistung, für ersteres kann er seine Investitionen finanzieren.
Ja, es ist richtig, dass der Erlös aus dem Verkauf von Aktien an der Börse in aller Regel nicht a den Unternehmer fließt, sondern a den Vorbesitzer. Aber genau das ist das Prinzip der Unternehmensfinanzierung aus Aktien: Diese Unternehmensanteile sind nur so attraktiv und daher gefragt, weil sie fungibel sind, d.h. jederzeit handelbar.
Ohne diese Fungibilität wären es Unternehmensanteil wie z.B. bei einer GmbH: Die Kapitalerhöhungen durch Aufnahme neuer GmbH-Gesellschafter ist ein großer und unsicherer Kraftakt für Verkäufer und Investor. Und der Unternehmer schränkt seine Entscheidungsautonomie ein, weil ein neuer Gesellschafter im Gesellschafterkreis Stimmrecht hat und mit reinreden kann.
Und ja, diejenigen, die dabei unterstützen, diese Fungibilität zu gewährleisten, verlangen dafür eine Vergütung.
Das ist falsch. Geld “parkt” bei den meisten Finanzprodukten nicht im Finanzsystem, schon gar nicht in Aktien. Der Erlös aus dem Verkauf von Aktien wandert auf das Konto des Verkäufers an der Börse. Der Verkäufer verwendet es (zum Kauf anderer Aktien, von Anleihen oder anderer Finanzprodukte oder eben) für Konsum oder sogar für Investitionen in Realkapital. Selbst wenn er das Geld auf der Bank liegen lässt, verleihen die Banken auf Basis dieser Sicheinlagen ein Vielfaches dieses Geldes als Darlehen für Unternehmen, Immobilien oder Konsum. Spricht: Der Erlös aus Aktienverkäufer speist sich den Wirtschaftskreislauf.
Das Ganze ist vielleicht tatsächlich eher ein Thema für einen eigenen Thread. Ich merke jedenfalls, dass ich darüber gerade viel nachdenke.
Natürlich erscheint uns die Vorgehensweise über Aktien und ETFs als Privatleute sehr schlüssig: Langfristige Kapitalanlage in weltweit gestreute Portfolios bei erwarteten Renditen von fünf bis sieben Prozent inklusive Zinseszinseffekt, das funktioniert individuell plausibel und nachvollziehbar. Die Frage ist nur, ob sich diese Logik ohne Weiteres auf den Staat übertragen lässt.
Eine deutsche Aktienrente würde, realistisch betrachtet, kaum in nennenswertem Umfang in neu emittierte Aktien investieren, also die Unternehmen mit zusätzlichem Kapital ausstatten. Dafür gibt es schlicht nicht genug Neuemissionen im Verhältnis zum gesamten Kapitalvolumen, und zudem handelt es sich dabei häufig um jüngere, kleinere Unternehmen mit höherem Risiko. In der Praxis würde der Staat also überwiegend Anteile an bereits lange etablierten Unternehmen mit solidem Track Record erwerben, sprich: bestehenden Aktionären ihre Aktien abkaufen.
Ich erkenne zwischen den beiden Varianten „Aktienrente“ und „Zusatzsteuer“ keinen relevanten Unterschied in der Beziehung zwischen Staat und Unternehmen. Ein vereinfachtes Beispiel:
Status quo:
Angenommen, die Bau AG erwirtschaftet einen Gewinn von 1.000 Geldeinheiten.
Die reguläre Steuer beträgt 20 Prozent, also 200.
Für Investitionen und Wachstum verbleiben 500 im Unternehmen.
Es bleiben 300 zur Ausschüttung an die Aktionäre.
Option 1: Aktienrente
Die Bau AG erwirtschaftet weiterhin 1.000 Gewinn, zahlt 200 Steuern und behält 500 für Investitionen.
Der Staat hat zuvor 10 Prozent der Anteile von Aktionären gekauft.
Von den 300 Ausschüttungen erhalten die privaten Aktionäre nun 270 und der Staat 30.
Option 2: Zusatzsteuer
Die Bau AG erwirtschaftet ebenfalls 1.000 Gewinn, zahlt 200 Steuern und behält 500 für Investitionen.
Zusätzlich wird eine Sondersteuer für die Rente von 3 Prozent erhoben.
Ergebnis: Die Aktionäre erhalten ebenfalls nur noch 270, der Staat 30.
Der volkswirtschaftliche Cashflow ist in beiden Fällen identisch. Der entscheidende Unterschied liegt davor:
Bei der Aktienrente muss der Staat, unter der Annahme einer Marktrendite von 7 Prozent, zunächst rund 428,57 Geldeinheiten an Aktionäre zahlen, um 30 Einheiten jährlichen Ertrag zu erzielen.
Dieses Geld steht dem Staat dann nicht mehr zur Verfügung, etwa für Infrastrukturinvestitionen. Im Beispiel könnte er damit Brücken bauen oder sanieren, möglicherweise sogar durch genau diese Bau AG, die im Folgejahr volle Auftragsbücher hätte, Arbeitsplätze schafft und vielleicht 1.010 oder mehr Einheiten Gewinn erwirtschaftet.
Alternativ könnte das Geld als Lohn für Staatsbedienstete oder als Sozialleistungen in private Haushalte fließen, die wiederum Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen der deutschen Wirtschaft erzeugen.
Bei der Aktienrente hingegen fließen diese 428,57 Einheiten an Aktionäre und damit in den Finanzmarkt. Dieser wächst von Jahr zu Jahr weiter, ganz gemäß der Wachstumslogik des Kapitalismus. Zwar wird ein Teil dieses Kapitals auch konsumiert und erzeugt wieder Nachfrage, aber im Saldo fließt mehr Kapital in Finanzprodukte hinein als heraus.
Die große Kapitalmengen liegen nicht als Sicht- oder Spareinlagen vor, die potenziell für Kreditvergabe genutzt werden könnten, sondern sind in Aktien, Fonds und anderen Finanzinstrumenten gebunden. Dieses Kapital erzeugt keine unmittelbare Nachfrage nach Gütern der deutschen Realwirtschaft, sondern Nachfrage auf den Finanzmärkten. Wenn die Unternehmensgewinne nicht im gleichen Maße wachsen, führt das zu Preissteigerungen dort, zu einer Art Inflation auf den Finanzmärkten. Anders als in der Realwirtschaft ist diese Form der Inflation ökonomisch meist willkommen, weil sie sich in steigenden Kursen ausdrückt, auch wenn sie mit bekannten Blasenrisiken einhergeht.
Das stimmt natürlich betriebswirtschaftlich für den einzelnen Investor. Der Erlös wandert auf das Konto des Verkäufers, aber doch vom Konto des Käufers. Für den Fall dass es keine Kurssteigerung gibt und der Erlös somit bei jedem Handel gleich bleibt ändert sich Volkswirtschaftlich nichts, die Summen des Kapitals im Finanzmarkt und in der realen Wirtschaft bleiben gleich. Wenn es zu Kurssteigerung kommt fließt jedes man etwas Kaptal zusätzlich von der realen Wirtschaft in den Kapitalmarkt. Oder habe ich hier einen Denkfehler?
Das führt tatsächlich zu weit ab vom Thema des Threads. Könnte aber für andere Mitleser interessant sein. @Margarete: Könntest Du dieses Thema bitte als separaten Thread ausgründen: “Sind Aktienrente und steuerfinanzierte Rente in ihrer ökonomische Wirkung identisch?”
Die Vorstellung, an der Börse gehandeltes Kapital sei unproduktiv, ist falsch.
Wenn ein Unternehmen neue Aktien ausgibt (Börsengang oder Kapitalerhöhung), fließt das Geld der Anleger direkt an das Unternehmen (Primärmarkt). Dieses Kapital wird typischerweise für Investitionen in Maschinen, Forschung, Digitalisierung, Marktausbau etc. verwendet und steigert damit die reale Produktion und Produktivität. Der Kapitalmarkt erfüllt hier ausdrücklich die Funktion der Kapitalbeschaffung für Unternehmen.
Nach der Erstausgabe werden Aktien überwiegend zwischen Anlegern gehandelt (Sekundärmarkt), ohne dass neues Geld ins Unternehmen fließt. Dieser Handel schafft Liquidität: Wer heute Kapital bereitstellt, weiß, dass er seine Anteile morgen wieder verkaufen kann (Fungibilität), was die Bereitschaft erhöht, überhaupt Aktien im Primärmarkt zu zeichnen.
Gleichzeitig liefern Aktienkurse ein Preissignal, welche Unternehmen ihre Ressourcen gut einsetzen; gut geführte Firmen haben höhere Kurse und können sich später leichter und günstiger neues Eigenkapital beschaffen. D.h., erst der Aktienmarkt ermöglicht es, Eigentum an Unternehmen zu übertragen und damit Kontrolle und Anreize für das Management zu setzen; das verbessert die Allokation von Investitionen und die Effizienz der Unternehmen.
Derivate, wie z.B. ETFs. dienen vor allem dazu, Risiken (Zinsen, Rohstoffpreise, Wechselkurse) zwischen Marktteilnehmern zu verteilen, sodass Unternehmen planbarer investieren und produzieren können. Gut funktionierende Finanzmärkte gelten daher als zentral, weil sie Ersparnisse zu den produktivsten Verwendungen leiten und Risiken besser verteilen.
Wer Aktien aus Emissionen kauft, stellt – direkt über Primärmärkte oder Kapitalerhöhungen – Unternehmen Eigenkapital zur Verfügung und übernimmt Risiko. Auch wenn beim Sekundärmarkt-Kauf das Geld an einen anderen Anleger geht, sichert der existierende liquide Markt überhaupt erst die Funktionsfähigkeit des Primärmarktes und der Eigenkapitalfinanzierung. In der Volkswirtschaftslehre gelten daher gut regulierte Kapitalmärkte als notwendige Infrastruktur einer Marktwirtschaft.
Bei einem Aktienkauf über die Börse “verschwindet” das Geld nicht, sondern wird zum Einkommen des Verkäufers – und von dort ganz normal für Konsum, Investitionen oder Steuern verwendet. Es wird also nicht „aus dem Kreislauf herausgenommen“, sondern bloß der Besitzer gewechselt. Über den Konsum, Investition oder steuerfinanzierte Staatsausgaben wird der Verkaufserlös zu Einnahme von Unternehmen, die davon Löhne zahlen, investieren und Steuern entrichten. Übrigens auch dann, denn der Verkäufer den Erlös spart, ihn als als Tagesgeld oder Wertpapiere anlegt. Und über die Steuern finanziert der Staat Ausgaben wie Infrastruktur, Bildung, Sozialleistungen, also direkt Nachfrage in der Volkswirtschaft
Ein Aktientausch ändert nur, wer das Geld besitzt und wer das Risiko der Aktie trägt. Die Geldmenge im Kreislauf und ihre prinzipielle Verwendbarkeit für Konsum, Investitionen oder Staatsausgaben bleiben gleich.
Ich verstehe Deinen Einwand so, die Finanzierung der Rente über Steuern oder über eine Altersvorsorge über Aktienanlage aus Sicht des Unternehmers keinen Unterschied machen: Bei der Finanzierung über Steuern müsste der Unternehmer statt Dividenden eben Steuern bezahlten.
Aus Sicht des Unternehmers setzen Steuerfinanzierung der Rente und kapitalgedeckte „Aktienrente“ keineswegs an völlig unterschiedlichen Stellen an: Steuern entziehen dem Unternehmen laufende Erträge, während eine Aktienrente im Finanzierungsmarkt Eigenkapital bereitstellt bzw. Ersparnisse in den Kapitalmarkt lenkt und so die Finanzierungskosten der Unternehmen entsprechend niedriger sind.
Im Umlage- oder steuerfinanzierten System werden laufende Löhne und Gewinne besteuert; der Unternehmer zahlt Sozialbeiträge und Gewinnsteuern, die sofort a die aktuellen Rentner ausgezahlt und konsumiert werden. Für das Unternehmen sind das laufende Abgaben auf Arbeit und Kapital, die seine Netto-Rendite nach Steuern senken und damit Investitionsanreize dämpfen können. Makroökonomisch wird hier weniger Kapitalstock aufgebaut.
In einer kapitalgedeckten Aktienrente werden Teile des Einkommens gespart und am Kapitalmarkt angelegt; es entsteht ein wachsender Kapitalstock, in Form von Aktien und Anleihen. Unternehmen profitieren davon, weil sie mehr Eigen- und Fremdkapital zu tendenziell geringeren Renditeanforderungen und mit besser diversifizierter Anlegerbasis aufnehmen können; das erleichtert Investitionen und Wohlstand.
Die Empirie zeigt, dass kapitalgedeckte Systeme langfristig meist höhere Renditen als Umlagesysteme liefern; dadurch lässt sich ein gegebenes Rentenniveau mit geringerer laufender Abgabenbelastung finanzieren.
„Statt Dividende eben Steuern zahlen“ verkennt, dass Dividende eine freiwillige Ausschüttung an Eigentümer ist, während Steuern/Zwangsbeiträge eine nicht verhandelbare Abgabe sind, die unabhängig von der Kapitalstruktur anfällt. Wenn Renten stärker steuerfinanziert werden, steigt die Abgabenquote auf Arbeit und Kapital; das schmälert den Nachsteuer-Gewinn und damit den Unternehmenswert aus Sicht der Eigentümer.
Im Fall der Aktienrente zahlt der Unternehmer zwar Dividenden/Zinsen, bekommt aber überhaupt erst Kapital für Investitionen.
Im reinen Steuer-/Umlagesystem hängen Rentenansprüche von zukünftiger Lohnsumme, Beschäftigung und Politik ab; das erzeugt politische Verteilungskonflikte. In der Aktienrente tragen die Sparer Kapitalmarktrisiko; dafür entlasten Kapitalerträge langfristig die Lohn- und Gewinnabgaben – was aus Unternehmersicht die relativen Kosten von Arbeit und Investition verbessern kann.
Du vermischst hier drei Dinge, die getrennt betrachtet werden müssen: (1) Geldschöpfung/Kredit, (2) Funktion von Einlagen und (3) Vermögenspreisinflation. Aus volkswirtschaftlicher Sicht der ist dies so nicht haltbar.
Banken schaffen Buchgeld primär durch Kreditvergabe, nicht, indem sie vorhandene Einlagen „weiterreichen“. Sichteinlagen entstehen, in dem die Bank einen Kredit vergibt. Ob ein Haushalt sein Erspartes als Sicht-/Spareinlage hält oder in Aktien anlegt, begrenzt die Kreditvergabe der Banken daher nicht direkt. Kredite entstehen nicht, weil jemand sein Geld nicht in Aktien steckt, sondern weil Banken kreditwürdige Nachfrager sehen – Einlagen folgen den Krediten, nicht umgekehrt.
Wenn Haushalte Fonds/Aktien kaufen, fließen diese Ersparnisse über Neuemissionen, Anleihen und Kapitalerhöhungen als Eigen- oder Fremdkapital zu Unternehmen oder halten dank Liquidität und Fungibilität die Finanzierungskosten der Unternehmen niedriger.
Dass die Nachfrage „auf den Finanzmärkten“ stattfindet, heißt nur: Es wird Kapital bereitgestellt, nicht Brötchen gekauft – genau das ist der Sinn von Sparen in der VWL.
Jeder Euro, der in Aktien geht, ist zunächst unterlassener Konsum heute, dafür aber künftiger Konsum aus Renditen/Verkaufserlösen. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist das der normale Trade-off: weniger Nachfrage heute, mehr Kapitalstock und potenziell höhere Produktion und Nachfrage morgen. Es gibt also keinen „Sog“ der Nachfrage aus der Realwirtschaft heraus, sondern eine Verschiebung von Konsum in die Zukunft zugunsten von Investitionen.
Eine Vermögenspreisinflation (asset price inflation) – dauerhafte Preissteigerungen bei Aktien, Immobilien usw. – ist ein in der VWL diskutiertes Phänomen. Steigen Kurse, weil Gewinne/Zinsen und Wachstumserwartungen steigen, spiegelt das Produktivitätszuwächse wider. Nur wenn Kurse ohne entsprechende Fundamentaldaten steigen, sprechen Fachleute von Blasen mit klaren Risiken für Stabilität und Verteilung.
Der größte Vorteil des Umlagesystems ist, dass es eine Wette auf die eigene Volkswirtschaft ist. Renten, Pflege und Gesundheit werden nicht über Finanzmärkte gesichert, sondern über die reale Wertschöpfung und Konsumentscheidungen der arbeitenden Generation. Kapitaldeckung kann Kaufkraft speichern, aber keine Pflegekräfte, Krankenhausbetten oder Arbeitsstunden erzeugen. Das Umlagesystem hat seine Vorteile in einer dynamische Volkswirtschaft mit günstiger Demografie.
Das eigentliche Problem des Generationenvertrags ist arithmetisch: Die Demografie kippt und die Kosten im Alter steigen stark, während die Leistungsfähigkeit sinkt. Pflege und Gesundheit sind personalintensiv und kaum produktivitätssteigerbar. Mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung lassen sich diese Leistungen nicht dauerhaft aus der laufenden Volkswirtschaft finanzieren.
Ohne reale Reserven, geringere Leistungsversprechen, längere Lebensarbeitszeiten oder klare Priorisierung ist das System nicht stabil. Solange die Politik das nicht offen adressiert, wird der mobile und leistungsfähige Teil der Gesellschaft reagieren. Entweder durch Abwanderung, Arbeitszeitreduktion oder sinkende Akzeptanz von Abgaben. Der Generationenvertrag scheitert dann nicht durch Reform, sondern durch Vertrauensverlust. Das zieht sich so durch viele Bereiche einfach durch.
Gesundheit ist nicht produktivitätssteigernd? Das mag ich doch arg bezweifeln. Wenn Menschen krank sind gehen sie nicht arbeiten und belasten gleichzeitig alle anderen.
Rentner arbeiten nicht mehr viel, mit steigendem Alter immer weniger. Da wird auch die Aktivrente nicht viel ändern. Und davon gibt es in einer alternden Gesellschaft immer mehr.
Im Szenario von @Dominik2 kostet die Gesundheitsversorgung nicht nur immer mehr, sie stellt auch immer weniger Ressourcen zur Verfügung.
Prävention und Fortschritt verlängern die nominale Lebensarbeitszeit nicht automatisch, sondern verbessern vor allem die Lebensqualität. Es gibt zwar leicht positive Effekte auf die Erwerbsfähigkeit im Alter, diese gleichen die altersbedingte Kostensteigerung jedoch nicht aus und führen wiederum auch zu längerem Rentenbezug.
Diese zusätzliche Qualität ist gesellschaftlich gewollt, muss aber real finanziert werden. Dafür braucht es ein ausreichendes Maß an Netto Steuerzahlern. Genau hier liegt das Kernproblem, die Demografie. Sinkende Erwerbsstrukturen bei steigender Zahl älterer Leistungsempfänger sind der zentrale Engpass.
Aber gesund sind sie nur, wenn es genug Ärzte gibt.
Die werden aber weniger. Und diese zahlenmäßig sinkende Gruppe darf eine immer ältere Gesellschaft betreuen. Und ältere Bürger nehmen diese mehr in Beschlag als jüngere Bürger.
Nein das ist nicht die Aussage, der Effekt existiert nicht.
Gesundheitsausgaben erzeugen keine positive Netto Rendite über geringere Ausfallzeiten. Das zeigen alle Pro Kopf Statistiken zu OP Zahlen, Diagnosen und Krankentagen. Es gibt keine positive Korrelation.
Die Kosten steigen deutlich stärker als die produktiven Effekte. Gleichzeitig werden mehr Krankheiten erforscht und behandelt, was die Ausgaben weiter erhöht.
Trotz höherer Lebenserwartung wird heute weder deutlich länger noch mehr gearbeitet, auch nicht relativ zur Krankheitslast. Die positiven Effekte man sich vorallem im hohen Lebensalter bemerkbar. Nicht mehr Erwerbsfähig.
Die Zahl diagnostizierter Erkrankungen nimmt zu, was empirisch stark mit Wohlstand und dem Ausbau des Sozialstaats korreliert kausal aber nicht eindeutig belegbar ist.
Diese Effekte überlagern sich mit der Demografie. Unabhängig von der Ursache müssen die steigenden Gesundheits- und Pflegeleistungen real finanziert werden. Bei sinkender Erwerbsbevölkerung wird genau das zum strukturellen Engpass.
Deine Ausführungen sind innerhalb des neoklassischen Modells in sich schlüssig und korrekt. Wenn man von effizienten Kapitalmärkten, einer stabilen Spar-Investitions-Kausalität und ausreichender realwirtschaftlicher Nachfrage ausgeht, trägt die Argumentation.
Das neoklassische Modell unterschätzt jedoch die Bedeutung der Konsumnachfrage unter den heute vorherrschenden makroökonomischen Bedingungen. Seit Jahren beobachten wir global einen Ersparnisüberhang, dauerhaft niedrige Zinsen und Unternehmen, die trotz hoher Gewinne nicht investieren, sondern selbst zu Nettosparern geworden sind. Der Engpass liegt damit nicht auf der Kapitalseite, sondern auf der Nachfrageseite.
Wird in einer solchen Situation zusätzlich gespart, etwa durch eine kapitalgedeckte Aktienrente, fehlt diese Kaufkraft zunächst im Konsum. Sinkende oder schwache Konsumnachfrage drückt Umsätze, Gewinnerwartungen und Kapazitätsauslastung. Genau das dämpft Investitionsanreize, selbst wenn Kapital zu niedrigen Kosten verfügbar ist. Zusätzliches Sparen führt dann nicht zu mehr realem Kapitalstock, sondern vor allem zu höheren Vermögenspreisen.
Die oft bemühte Logik „weniger Konsum heute, mehr Konsum morgen“ greift nur, wenn das heutige Sparen tatsächlich in zusätzliche Sachinvestitionen übersetzt wird. Bleiben diese aus, wird Nachfrage schlicht in die Zukunft verschoben, ohne dass die Produktionsbasis entsprechend wächst.
Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht entsteht so eine persistente Nachfrageschwäche, die Investitionen weiter hemmt, ein selbstverstärkender Effekt.
Aus dieser Perspektive ist nicht die Funktionsfähigkeit von Kapitalmärkten an sich der Streitpunkt, sondern die Frage, ob staatlich organisiertes zusätzliches Sparen in einer Welt mit Nachfragemangel sinnvoll ist.
Ich würden daher argumentiert, dass der Staat in einer solchen Lage eher Nachfrage stabilisieren und reale Investitionen ermöglichen sollte, statt über Kapitaldeckung Kaufkraft zu entziehen. Der zentrale Dissens liegt somit in der makroökonomischen Diagnose: Kapitalmangel oder Nachfragemangel. Je nach Antwort darauf fällt auch die Bewertung der Aktienrente grundlegend unterschiedlich aus.
Ich denke es ist im Zusammenhang der eigentlich zu klärenden Frage jedoch Garnich so erheblich welches Wirtschaftsmodell bzw. welche Denkschule korrekt ist, ich würde versuche diese strittigen Themen aus der Disskusion raus zu lassen.
Ich glaube, inhaltlich sind wir näher beieinander, als es auf den ersten Blick wirkt, und ein Teil des Dissenses ist eher sprachlicher Natur als grundlegend.
Ich stimme dir ausdrücklich zu, dass Banken Geld per Kreditvergabe schaffen und Einlagen den Krediten folgen nicht umgekehrt. Auch dass die Anlage von Ersparnissen in Aktien oder Fonds die Kreditvergabe der Banken nicht mechanisch begrenzt, ist unstrittig. Ebenso teile ich, dass Vermögenspreisinflation analytisch von Geldschöpfung und Kredit getrennt betrachtet werden muss.
Mein Punkt zielte weniger auf die Kreditmechanik als auf die makroökonomische Nachfragekomposition: Wenn zusätzliche Ersparnisse überwiegend in bestehende Finanzanlagen fließen und reale Investitionen nicht im gleichen Maße zunehmen, verlagert sich Nachfrage kurzfristig aus dem Gütermarkt in den Vermögensmarkt. Dass dabei kein Geld „verschwindet“, sondern nur den Besitzer wechselt, ist richtig, entscheidend ist aber, wo die Nachfrage wirksam wird und mit welcher zeitlichen Verzögerung sie wieder als Konsum- oder Investitionsnachfrage zurückkehrt.
Um die Frage sauber zu diskutieren, hilft es, zunächst einige Annahmen festzuhalten:
Die Rente reicht heute und künftig nicht aus, um ein auskömmliches Leben im Alter zu sichern. Die Gründe dafür, Demografie, schwache Lohnentwicklung relativ zum BIP, großer Niedriglohnsektor etc., sind unstrittig, spielen für das folgende Modell aber keine Rolle.
Ziel des Staates ist es, die Rente durch zusätzliche Einnahmen zu stabilisieren. Diese zusätzlichen Einnahmen sollen aus Unternehmensgewinnen stammen und anschließend an Rentner umverteilt werden. Das erklärte Hauptziel ist damit Umverteilung.
Die Vermögensverteilung ist stark ungleich: Die oberen 10 % besitzen rund 60 % des Vermögens, die unteren 50 % lediglich etwa 2,3 %. Zusätzliche Einkommen bei sehr Vermögenden führen tendenziell eher zu Sparen, zusätzliche Einkommen bei einkommens- und vermögensschwächeren Haushalten eher zu Konsum.
Vor diesem Hintergrund lassen sich zwei Instrumente vergleichen:
Option: Aktienrente
Der Staat beteiligt sich über den Kapitalmarkt an Unternehmen und finanziert Renten teilweise aus Dividenden und Kursgewinnen.
Ökonomische Wirkung:
Die laufenden Erträge stammen aus Unternehmensgewinnen.
Vor der Umverteilung muss der Staat jedoch zunächst Kapital am Finanzmarkt bereitstellen (entweder durch Schulden oder Umschichtungen).
Ein Teil der Unternehmensgewinne fließt zunächst an vermögende Haushalte bzw. Kapitalmärkte, bevor er, über staatliche Fonds, zeitverzögert an Rentner ausgezahlt wird.
Aufgrund der Vermögensverteilung verbleibt ein erheblicher Teil der Kapitalerträge dauerhaft bei Haushalten mit hoher Sparneigung.
Option 2: Steuerfinanzierte Zusatzrente
Der Staat erhebt zusätzliche Steuern auf Unternehmensgewinne (oder auf hohe Kapitalerträge) und zahlt diese Einnahmen direkt an Rentner aus.
Ökonomische Wirkung:
Unternehmensgewinne werden reduziert, aber nicht notwendigerweise Investitionen, sofern diese nachfragegetrieben sind, da an den ausreichend Kapital zur Verfügung steht.
Die zusätzlichen Staatseinnahmen fließen unmittelbar an Haushalte mit hoher Konsumneigung.
Die gesamtwirtschaftliche Konsumnachfrage steigt oder stabilisiert sich.
Gewinne werden von Haushalten mit hoher Sparquote zu Haushalten mit hoher Konsumquote umverteilt.
Im Cash-Flow der beiden Varianten zeigt sich, ohne Berücksichtigung der Finanzierung der Aktienrente: