Nein, die Schuldenbremse ist ein Instrument neoliberaler und konservativer Politiker, um progressive Projekte (Bildungswende, Energiewende, etc.) abzuwürgen und das Ideal des „schlanken Staats“ zu verwirklichen.
Immerhin wurde Deutschland nach Einführung der Schuldenbremse 2009 noch 12 Jahre von deren Verfechtern (CDU, der wirtschaftsliberale Flügel der SPD und FDP) regiert. Die hätten also ohne Probleme die Zeit nutzen können, den Staat „leistungsfähig“ zu bekommen. Stattdessen wurde die Infrastruktur nur noch weiter kaputtgespart.
Die Lösung des Rentenproblems ist ziemlich einfach: die Wirtschaft ankurbeln. Dazu braucht es, richtig, Investitionen (und Migration, aber das würde das Thema hier derailen). Es wäre die schlechteste aller Entscheidungen, die zukünftige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit kleinzusparen, nur um dann möglicherweise mehr Schuldenkapazität für die (kurzfristige) Aufrechterhaltung der Sozialsysteme zu haben.
Die Steuereinnahmen sind von 2013 bis 2022 um durchschnittlich 27,6 Milliarden Euro im Jahr gestiegen. Das bewegt sich im Rahmen der Inflationsrate im selben Zeitraum, jedenfalls nicht viel drüber (im Jahr 2022 betrugen die Steuereinnahmen 895,7 Milliarden Euro). Gleichzeitig sind die Erwartungen an den Staat und seine Pflichten stark gestiegen: Ganztagsbetreuung der Kinder (bald durchgehend vom 1. Lebensjahr bis zum Ende der Schulzeit), Qualität und Leistungen der Pflege und medizinischen Versorgung, etc.
Vor dem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass ohne die Bereitschaft Infrastruktur-Investitionen durch Schulden zu finanzieren in diese Infrastruktur eben nicht investiert wurde.
Dieses Argument übersieht völlig, dass durch die Investitionen ja zusätzliche Einnahmen entstehen. Entweder direkt über Nutzungsgebühren der geschaffenen Infrastruktur (Glasfaser, LKW-Maut, Mieteinnahmen beim Wohnungsbau) oder indirekt über höhere Steuereinnahmen durch die angeregte wirtschaftliche Aktivität.
Meine Wahrnehmung ist, dass die meisten anderen Staaten und auch viele Akteure der Finanzwirtschaft der deutschen Weigerung, ordentlich in die eigene Zukunft zu investieren, inzwischen eher skeptisch gegenüberstehen. z.B. hier: https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2024-05-02/european-economy-worry-about-growth-not-debt-levels
Es gibt meiner Ansicht nach einen breiten wirtschaftswissenschaftlichen Konsens, der auch von Interessenvertretern der Industrie und Arbeitgebern mitgetragen wird, dass der Status Quo nicht weiter haltbar ist. Verteidigt wird die gegenwärtige Handhabung der Schuldenbremse eigentlich nur noch von eher ideologiegetriebenen Akteuren – die ironischerweise gerne ihren politischen Gegnern genau diese Art von angeblich ideologiegeleiteter Politik zum Vorwurf machen.