Moin moin!
Gute Frage, hab ich mich auch schon oft gefragt!
Ich denke, dass wir hier das Problem haben, das viele Menschen eine betriebswirtschaftliche Grundbildung haben, aber volkswirtschaftliches Denken eher selten ist. Das geht mMn bis in die Spitze unserer Regierung.
Aktie sind ungleich produktives Kapital
Zwei Begriffe werden huer im Diskurs leider oft vermischt:
Realkapital (Maschinen, Netze, Gebäude, Software, Humankapital). Erzeugt reale Güter. Das ist produktives Kapital im strengen Sinn.
Finanzkapital (Eigentumstitel, Forderungen) sind verbriefte Ansprüche. Eine Aktie ist ein Anteil am Eigenkapital eines Unternehmens und an dessen künftigen Cashflows.
Bei einer Primäremission (z.B. IPO) fließt Geld ans Unternehmen und kann dort in Realkapital umgewandelt werden, nur dort finanziert die Aktie produktive Investitionen. Auf dem Sekundärmarkt, wo praktisch der gesamte Handel stattfindet, wechseln nur Eigentumstitel den Besitzer. Staatliche Gelder am Sekundärmarkt einzusetzen ist d.h. in den meisten Fällen IMHO keine gute Idee. Denn es gilt, das Nettofinanzvermögen einer geschlossenen Volkswirtschaft ist null, jeder Forderung steht eine Verbindlichkeit gegenüber. Nettovermögen einer Volkswirtschaft ist Realkapital plus Auslandsforderungen, nichts sonst. (Piketty, Capital in the Twenty-First Century ISBN: 978-0674430006)
Mackenroth-These
Auch spannend in diesem Kontext, Mackenroths Statement (1952, Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan): „Aller Sozialaufwand muss immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden.“. Das trifft genau auf das zu was Marc sagt.
Asset-Meltdown-Hypothese
Ich hab bei Money&Macro das erste mal von der Asset-Meltdown-Hypothese gehört (Who will pay for a 100 million Boomer pensions?), und falls die stimmt, dann ist das System der Kapitalmarkt-basierten Rente noch viel schlimmer als gedacht. Der grobe Mechanismus ist wie folgt: Boomer akkumulieren → Assetpreise steigen über Fundamentaldaten → Scheinbar Wertzugewinn.Wenn dann aber gilt: Boomer entsparen → kleinere Folgegeneration → Preisdruck nach unten. Genau hier wird die Realkapital-/Finanzkapital-Verwechslung teuer: Wer kollektiv über Bewertungen statt über Realinvestitionen vorsorgt, verschiebt Buchungssalden, nicht Produktionskapazität. Spannenderweise dämpft Vererbung den Effekt (was mit ideologisch eigentlich gar nicht in den Kram passt…). Die Empirie ist hier allerdings dünn.
Auslandsabsicherung
Was aber auch Sinn ergibt, ist, dass ich durch Pensionsvermögen überwiegend im Ausland (z.B. USA, bessere Demografie), die nationale Demografiefalle umgehe, solange das Empfängerland (a) wächst und (b) bereit ist, reale Güter gegen Forderungen zu liefern. Punkt (b) ist aber in der heutigen Welt (Sanktionsregime, Kapitalverkehrskontrollen, Zollarchitekturen) auch fragwürdig.
Privatwirtschaftlich vs. volkswirtschaftlich
Insgesamt sollten wir nicht annehmen, dass BWL-Logik (Cashflow auf Konto X) und VWL-Logik (intergenerationelle Verteilung realer Outputs) deckungsgleich sind. Spillovers, Externalitäten, Pfadabhängigkeiten in der Infrastruktur werden im privatwirtschaftlichen Diskontkalkül systematisch unterbewertet. Die Schwarze-Null-Theologie ist Symptom dieser Kategorienverwechslung.
Kapitalaufbau ja, aber nicht zwingend privat
Oft wird ja Norwegen als Paradebeispiel für den Kapitalaufbau über den Kapitalmarkt genannt. Das funktioniert hier wegen der spezifischen Konstellation einer kleinen, offenen Volkswirtschaft, einer erschöpfbaren Rohstoffrente (Öl&Gas) und einer fast vollständigen Auslandsanlage (GPFG, weltweit diversifiziert). Umwandlung endlicher Bodenschätze in diversifizierte Forderungen gegen den Rest der Welt ist ein Umtausch von Realkapital in Auslandsforderungen, hier wird kein neues Kapital erschaffen!
Deutschland ist aber nicht Norwegen. Kein (endliches) Rohstofffenster, große Volkswirtschaft, hoher Investitionsstau. Empirische Fiskalmultiplikatoren für öffentliche Investitionen liegen typischerweise > 1. Solange die volkswirtschaftliche Rendite öffentlicher Investitionen (Netze, Bahn, Bildung, F&E) den Refinanzierungszins überschreitet, sollte die Schuldenaufnahme zum Aktienkauf zweitrangig sein. Hier muss auch sichergestellt sein, dass die Carry-Rechnung auf Dividenden basiert, und nicht auf Kursgewinnen. Letztere sind im Meltdown-Szenario genau das, worauf kein Verlass ist.
Standortvorteil durch Realinvestition
Es gibt sehr viele Realinvestitionen, die wir in Betracht ziehen sollten, anstatt mit Rentengeldern Aktienkurse zu treiben. z.B. Erneuerbare + Netz + Speicher → strukturell niedrige Stromgrenzkosten in 15–20 Jahren wären ein realer komparativer Vorteil. Produziert reale Güter, nicht Buchungspositionen. Analog Bildung, Forschung, Ausbau der Schiene. Das ist die linke Seite des Mackenroth-Satzes, auf der Marc zu Recht beharrt.