Mit großem Interesse habe ich diese Spezialausgabe wie auch den folgenden wie auch diesen Thread verfolgt:
Ein großer Teil der Diskussion hier dreht sich darum, ob und wie Psychologie politisch helfen kann. Zentral ist die Frage: Dient Psychologie dazu, Demokratie zu stärken – oder primär dazu, Akzeptanz für ohnehin gesetzte politische Entscheidungen zu erzeugen? Dabei wird wird kritisiert, dass Psychologie im Interview primär dazu dient, Bürger zu beruhigen und ihre Akzeptanz für bereits beschlossene Maßnahmen zu erhöhen. Nach klassischer psychologischer Logik solle man aber zuerst prüfen, ob nicht doch der Auslöser von Stress und Ängsten veränderbar ist; bei veränderbaren Stressoren (politische Entscheidungen, Gesetzgebung) sei Problemlösen wichtiger als Emotionsregulation.
Zuhören und Verstehen sind wichtig sind, weil viele Menschen angeblich tatsächlich keine antidemokratische Ordnung wollten, sondern ernst genommen werden möchten. Allerdings: Das „Wie“ beim Zuhören blieb leider offen.
Ich, und ich denke, viele andere, ganz sicher auch gerade Politiker, tun sich schwer, Menschen wirklich emphatisch zuzuhören und durch geduldiges konstruktives nachfragen herauszufinden, was denn hinter z.B. rassistischer oder rechtsextremistischer Haltung, Leugnung von Fakten und Tatsachen / alternativer Realität, Hass auf Politik und Politikern, auf Medien und Journalisten, usw. steckt.
Entweder weil ihnen die Geduld und Toleranz fehlt, durch abermaliges Nachhaken auf verborgene Ängste und Sorgen zu stoßen, die man dann tatsächlich für ein konstruktives Gespräch aufnehmen kann.
Vor allem wohl aber, weil sie die dafür notwendige Gesprächs-„Technik“ nicht beherrschen - „Zuhören“ im anspruchsvollen Sinn ist ein aktiver Prozess, der auch Motive und Emotionen des Gegenübers ernst nimmt, nicht nur den Textinhalt.
Gut finde ich, wie hier hier auch konzediert wird, dass die meisten von uns bei vielen Gesprächen im Alltag nicht wirklich zuhören, sondern nur auf eine Sprechpause warten, um die eigenen Gedanken zu platzieren.
Interessant fand ich den Aspekt, dass Psychologie im Fall der Politik, anders als in der individuellen Behandlung, ja den Patienten nicht von außerhalb mit Distanz betrachten und analysieren kann, sondern als Teil der Gesellschaft auch Teil des Problems sind.
Der Vorschlag, die mit den Multikriesen verbundenen Ängste zu bewältigen, in dem man selbst aktiv wird, klingt erst mal gut, wird aber fragwürdig, wenn das Aktiv-werden dann auf die Änderung von Konsumentscheidungen (Wärmepumpen, E-Autos, weniger Fleisch, Zug statt Flug, …) reduziert wird. Bedeutet wirklich „aktiv werden“ nicht, die kollektiven politischen Werkzeuge nutzen, wie Demonstationen, Verbände, Klagen, Parteiarbeit (abgesehen davon, dass ich bezüglich deren Wirksamkeit erhebliche Zweifel habe)? Mit der Reduktion auf Konsumentscheidgungen verlagert sich der Schwerpunkt von echter Politik hin zu individualpsychologischer „Akzeptanzarbeit“, was am Ende die Fähigkeit zur kollektiven Veränderung schwächt.
Ich wünsche mir von der Psychologie, dass sie nicht nur erklärt, wie Menschen mit belastenden Entscheidungen leben können, sondern auch, wieso belastende Entscheidungen überhaupt zustande kommen und wie sie demokratisch, gerecht und wirksam verändert werden können.