Niedergang der deutschen Gewerkschaften? Brauchen wir sie etwa nicht mehr?

Ich folge dem Aufruf im podcast und habe mich hier etwas umgeschaut. Durch den in der letzten Lage besprochene Punkt um einen Richter und dessen mögliches „Berufsverbot“ kam ich über das Thema der ehrenamtlichen Arbeitsrichter - und wie diese ihre Berufung ausschließlich über die Gewerkschaften erhalten - auf die Frage: Was machen wir eigentlich wenn es die Gewerkschaften bald so nicht mehr gibt - und was bedeutet das gesellschaftlich für uns?

Schaut man sich die Mitgliederzahlen der großen deutschen Gewerkschaften seit der Wiedervereinigung an, geht es steil nach unten.

Der Auftrag und die Sinnhaftigkeit von starken Vereinigungen von Mitgliedern, zur Wahrung von gerechten Arbeitsbedingungen und als ein Gegenpol zur eher kapitalistisch orientierten Arbeitgeberseite besteht jedoch weiterhin.
Auch der Gesetzgeber stärkt Gewerkschaften, mit z.B. besonderen Rechten. So z.B. im Betriebsverfassungsgesetz, um Betriebsratswahlen zu initiieren oder im Arbeitsgerichtsgesetz, um ehrenamtliche Richter an den Arbeitsgerichten zu berufen ([§ 20 ArbGG - Einzelnorm]).

Aber warum scheint der Trend eher auf eine Zeit hinauszulaufen, in der Gewerkschaften zunehmend an Einfluss und Bedeutung verlieren?

Es wäre spannend dieses Thema einmal ausgiebig zu beleuchten und einzuschätzen. Vielleicht sogar mit einer Person die sich in den gewerkschaftlichen Strukturen in Deutschland auskennt.

Als Gesprächsanreiz hier gerne einleitend einige Thesen und Fragen zum Thema:

  • Eine Gewerkschaft lebt von Ihrer Mitgliederanzahl. Sinkt diese unter eine kritische Masse, steht auch die Legitimation ihrer Rolle als „Interessenvertreter“ in Frage. Wird ggf. von Gegenseiten nicht ernst genommen – wird beispielhalft bei Änderungen der Arbeitsbedingungen nicht eingebunden – und wird auf lange Sicht - aufgrund der fehlenden Wehrhaftigkeit - bedeutungslos. Ohne Gewerkschaften – wird es weniger Tarifverträge geben – ohne Tarifverträge (oder durch, mit arbeitgeber-einseitig geprägte Tarifverträge) werden sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern – was wiederum negative Auswirkungen auf das soziale und gesellschaftliche Miteinander haben wird.
  • Warum schaffen es die Gewerkschaften, seit vielen Jahren, nicht den schwindenden Organisationsgrad aufzuhalten?
  • These: Behäbigkeit?
    Man hat sich eingerichtet, in einem Apparat aus Funktionen, organisatorischen Ebenen und parteilichen (Macht-) Strukturen.
    Diese sieht keine (demokratische) Außen-Beeinflussung vor – der persönliche Weg ist seit Jahrzehnten der Gleiche (Jugendorganisation – Ortsverein – Landes… - Bundesebene.) Ähnlich wie bei einer Partei. Aber da liegt auch der Unterschied. Eine Partei muss sich regelmäßig bei Wahlen beweisen. Ein Monopolist nicht.
  • These: Monopol?
    Es gibt keine (nennenswerte) Konkurrenz, an der man sich ausrichten muss. Keine Organisationen, die um die gleichen Beschäftigtengruppen als potenzielle Mitglieder kämpft, um ebenfalls für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen. (Als Ausnahme, wo dies anscheinend doch passiert, sei bei der GDL und EVG)
    „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Und das Geschäftsziel ist hier wäre die „Interessenvertretung“.
    Aber Konkurrenten sind nicht vorgesehen. Sollte es erkennbare Bewegungen geben – werden diese aktiv bekämpft – obwohl es auch diesen um die gleiche Sache geht.
  • Wäre es nicht längst an der Zeit das Gewerkschaften sich aktiv selbst reformieren?
  • Attraktivitätssteigerung durch moderne, schnelle und basisdemokratische Entscheidungsprozesse
    (online Konferenzen / Mitgliederentscheide etc.)
  • Wieder mehr „Verein“ statt „Partei“.
  • Gezielte – transparente und zweckgebundener Einsatz von Mitgliederbeiträgen.
    (Einer der Gründe für Austritte ist die Höhe der Mitgliedsbeiträge)
    Weniger Rosen zum Frauentag, weniger unnützen Gimmick, z.B. zur Einflussnahme in den Betrieben bei Betriebsratswahlen, um gewerkschaftsnahe Kandidaten besonders zu unterstützen. (Betriebsräte werden von den Beschäftigten im Betrieb gewählt. Wenn die Gewerkschaftsleute im Betrieb gut sind und das Vertrauen der Belegschaft genießen, werden sie gewählt. Wenn Gegenkandidaten gut sind, werden diese gewählt.) Schlankere und effizientere Verwaltungsstrukturen.
  • Mehr Zusammenarbeit mit Personen und Gruppen, welche die gleichen Ziele haben aber nicht Gewerkschaftsmitglied sind.
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Gefällt mir was du schreibst. Ich hatte nie mit Gewerkschaften zu tun. Sie sind jedenfalls wichtig, aber wie du sagst reformbedürftig. Nervig finde ich seit jeher, wenn die Gewerkschaftsfunktionäre bei jeder Gelegenheit so tun, als wären genau ALLE IHRE Leute untadelig, wenn doch derselbe Prozentsatz wie überall Drückeberger, Egoisten und Feiglinge sind.

Leider sind Gewerkschaften nur für die Arbeiterinnen in den grossen Industrien da. Was sie von den Arbeitgebern herausverhandeln (wohlverdient), wirkt sich bei den schwer organisierbaren Arbeitern (Branchen mit kleinen Betrieben) oder in neuen Branchen, in denen Arbeitgeber über Druck die gewerkschaftliche Organisation verhindern (z.B. Paketdienste) eher negativ aus. Anständig bezahlte Gewerkschaftsmitglieder haben ja einen Vorteil, wenn Verkäuferinnen und Paketfahrer schlecht bezahlt werden, deren Dienste sie dann billiger in Anspruch nehmen können.

Sollten Gewerkschafter also nicht besser für Alle kämpfen? Insbesondere für die schlecht bezahlten Arbeiterinnen, auch wenn sie dadurch ein wenig „teilen“ müssten? Wie man das praktikabel tun könnte, weiss ich noch nicht. Vielleicht, dass die Metallarbeiter einmal für die Paketfahrer streiken …

Mir ist einfach unwohl, wenn vor allem von den Neoliberalen behauptet wird, jede Entlohnung wäre automatisch angemessen weil vom Markt gebildet. Ich glaube eher, von vielen Zufällen gebildet. Und das ist die Grundungerechtigkeit, die selbst von den Benachteiligten, ja Ausgebeuteten hingenommen wird. Und wenn es passt, entdeckt die konservative Politik ihr Herz für Geringverdiener, wenn es darum geht, unanständig billige Dienstleistungen (weil Branche subventioniert und Arbeiter eben sehr schlecht bezahlt) zu rechtfertigen damit, dass Geringverdiener sich diese auch leisten können müssen. Bei dieser Logik wird mir schlecht!

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Natürlich brauchen wir Gewerkschaften.

Und man kann diese Notwendigkeit sogar wirtschaftlich begründen, wenn man sie etwas anders formuliert:
Denn Gewerkschaften sorgen ja für einen natürlichen Interessenausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und somit dafür, das ein Produkt einen fairen Preis kostet. Sie sind also für eine funktionierende Marktwirtschaft notwendig um eben z.B. Marktverzerrungen durch Lohndumping zu verhindern.

Und der Staat sollte diesen Interessenausgleich auch nicht behindern. Das war aber beispielsweise 2015 der Fall, als das Tarifeinheitsgesetz eingeführt wurde.

Und natürlich endet bei solchen Themen plötzlich die Freiheits-Liebe der FDP aber auch anderer Wirtschaftsliberaler:
Arbeitskampf der Lokführer geht weiter: FDP fordert schärfere Vorgaben für Streiks im Bahn-Verkehr - swr.de

Und auch in der Vorzeige-Wirtschaftsnation China gibt es natürlich kein wirkliches Gewerkschaftssystem bzw Streikrecht (Quelle: igmetall-wob.de):

In China gibt es auch kein Streikrecht. Das Streikrecht wurde 1982 aus der chinesischen Verfassung gestrichen. Begründung: Das politische System habe „die Probleme zwischen dem Proletariat und den Unternehmenseignern beseitigt“. Konflikte sollen mittels Vermittlung, Schlichtung und Anrufung eines Arbeitsgerichtes beigelegt werden.

Der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) behauptet, Arbeitgeber werden bei Arbeitskonflikten von den Schlichtungsausschüssen einseitig bevorzugt behandelt, da es häufig Überschneidungen gibt zwischen Betriebsleitung, örtlichen Parteikadern und Regierungsbeamten

Insofern kann man davon ausgehen, dass z.B. ein echtes Gewerkschaftsrecht in China auch das dortige Lohndumping beseitigen bzw. einschränken würde, das wiederum würde die Globalisierung bremsen, unsere regionale Industrie stärken und die Umwelt schützen, da nicht mehr tausende Frachtschiffe Produkte aus China in alle Welt verschiffen müssten.

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Ich bin kein Freund von Gewerkschaften und möchte anhand meiner eigenen Erfahrungen, berichten warum ich Gewerkschaften, so wie sie zurzeit funktionieren für disfunktionale Institutionen halte, die sich und ihren Mitgliedern auf lange Sicht schaden und so am Ast sägen auf dem sie sitzen.

Problematische Erfahrungen

  • Es fing an mit meiner Diplomarbeit. Diese hätte ich 2009 bei einem Automobilhersteller schreiben können. Nach einer Zusage per Mail erhielt ich am Nachmittag eine Absage per Telefon, weil der Betriebsrat während dem Einstellungsstopp durch die Weltfinanzkrise auch keine Diplomanten und Werkstudenten geduldet hat.
  • Nach dem Studium war ich dann als Dienstleister bei jenem Autobauer und konnte mir in der Kaffeeküche anhören wie stolz die Mitarbeiter darauf waren, dass Ihr Unternehmen ohne Entlassungen durch die Krise kommt. Ganz unironisch während man in einem Gebäude steht in dem zwei von drei Stockwerken komplett leer und abgeschaltet sind, weil alle Dienstleister und Werksvertragler (und Leiharbeiter in der Produktion) entlassen wurden.
  • In den letzten Jahren hat die IG-Metall keine einheitlichen Lohnerhöhungen mehr durchsetzen können. Das Gehalt wird langsam zu einem Flickenteppich aus Spezialleistungen (Stichwort T-Zug, Transformationsgeld) die Individuell nach Firma gezahlt oder nicht gezahlt werden.
  • Mein gewichtigstes Argument, bzw. was mich am meisten stört ist, dass die individuelle Leistung durch die Tarifverträge völlig abgeschaltet wird. Jeder bekommt genau den Tarifbetrag und fertig.
    Mein Chef verweigert mir eine Gehaltsverhandlung, weil der Tarifvertrag ihm keinen Spielraum bietet. Dieser TV gilt auch für mich, obwohl ich gar kein Mitglied in einer Gewerkschaft bin.
    Mein Gehalt entspricht genau der Stelle auf der ich bin, ganz egal wie gut oder schlecht und mit wie viel Erfahrung ich meinen Job mache. Ich hatte schon Kollegen (gerade die älteren, hüstel) die ungelogen 6 Monate mit einer Tätigkeit zugebracht haben, die normalerweise (mit den entsprechenden modernen Tools) eine Woche in Anspruch nimmt. Und das sogar bei mehr Gehalt, denn für die gab es noch die Leistungen aus der „prä-ERA“ Zeit!

Meine Ratschläge

Ein großer Punkt den die Gewerkschaften leisten könnten ist sich ehrlich machen. Viele ihrer Lohnsteigerungen erkämpfen sie auf dem Rücken von Leiharbeitern und Dienstleistern, aber stellen sich nach Außen als die „Retter und Gerechte“ dar. Diese Ambiguität fällt auf und mach unattraktiv.

Da man als „Low-Performer“ in einem großen Industrieunternehmen (fast) nicht entlassen werden kann ist es durch das Korsett der Gewerkschaften am wirtschaftlichsten so wenig wie möglich zu arbeiten. Gewerkschaften müssten einen nach oben offenen Tarif anbieten.
Leistung ohne Belohnung frustriert auf Dauer.

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Völlig korrekt.
Ich hab versucht während der Finanzkrise in Schweden Fuß zu fassen und bin auch mehr oder weniger an den Gewerkschaften gescheitert.

Gewerkschaften bei denen ich heute aktiv mitarbeite.

Moderne Wirklichkeit und genau eines der Probleme die die eigentliche Macht der Gewerkschaften aushebeln, denn sie ist für diese Leute schlicht nicht zuständig (bei Leiharbeitern ist es oft irgendeine katholische) was auch dazu führt, dass die ganzen ausgelagerten Dienste nicht im Betriebsrat vertreten sind.

Der Punkt beißt sich direkt mit deiner letzten Kritik, entweder einheitliche Lohnstrukturen und demzufolge auch Lohnverhandlungen/Erhöhungen oder individuelle Lohnverhandlungen.

Das wiederum ist ein Problem wie die Tarifverträge aktuell gestaltet sind.
Meiner hier in Schweden enthält auch einen individuellen Lohnanteil. Beides Grund- und Individuallohn werden auch extra in den Erhöhungsrunden verhandelt.

Allgemein kann man sagen, dass die AG und die bürgerlichen Regierungen viel dafür getan haben dass die Gewerkschaften so zu kämpfen haben und höchstwahrscheinlich bald kaum noch Einfluss haben.

Vermutlich wird man auf Arbeitnehmerseite erst dann erkennen wozu man die einst geschaffen hat.
Ich kann jedenfalls aus meiner Erfahrung sagen, dass bei den individuellen Lohnverhandlungen die Zahl der Verlierer deutlich höher ist als die Zahl der Gewinner.

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Ich hab umgekehrte Erfahrungen. Hab über 20 Jahre in einer praktisch gewerkschaftsfreien Branche gearbeitet, und die individuell besseren Gehälter bekommen dann unabhängig von der Leistung irgendwelche Leute teilweise mit massiven Alkohol- oder Drogenproblemen, die bei den Chefs rumschleimen. Wer kein Bock hat, regelmäßig „oben“ als Bittsteller, Schleimer und Petze aufzulaufen, der bleibt eben auf seinem Gehalt stehen und erleidet über die Jahre massive Reallohnverluste.

Jetzt bekomme ich Tariflohn, was schon mal bequemer ist, aber eigentlich könnte man von den DGB-Gewerkschaften für seinen Mitgliedsbeitrag durchaus mehr Leistung verlangen, wenn man mal die derzeitige Inflation mit den letzten Tarifabschlüssen vergleicht. Da stimmt die Performance nicht wirklich.

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Disclaimer: meine Antwort bezieht sich nur auf die IGM, andere Tarife kenne ich nicht.

Ich finde, das spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. Ganz oben gibt es meistens unterschiedliche Tariftabellen für verschiedene Bundesländer/Regionen in Deutschland. Da kann ich noch mitgehen, weil die Lebenshaltungskosten, bzw. Immobilienpreise in Deutschland doch sehr unterschiedlich sind.

Eine Ebene darunter, innerhalb einer Region, können dann die Unternehmen entscheiden, welche der tariflichen Bausteine sie auszahlen. Derer gibt es bei der IGM meines Wissens vier, wovon die letzten drei optional sind: Urlaubsgeld, betriebliche Sonderzahlung (Weihnachtsgeld), T-Zug und Transformationsgeld.
Hierdurch kann sich der Tarifrahmen sogar innerhalb eines Konzerns in verschiedenen Rechtseinheiten unterscheiden. So ist es zum Beispiel bei mir und darum ging es mir bei meiner Kritik.

Auf der individuellen Ebene sieht der IGM Tarifvertrag zwar eine individuelle Leistungszulage von 30 % vor, aber gleichzeitig besteht die Vorgabe, dass diese mindestens 10 % betragen und im Durchschnitt im Unternehmen/Bereich/Abteilung & Team 15 % betragen muss. Daraus folgt, dass bei mir im Unternehmen alle mit 10 % Leistungszulage einsteigen und nach einer gewissen Zeit 15 % Leistungszulage erreichen. Hier wünsche ich mir eine frei verhandelbare Leistungszulage.

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Ja mal sehen. Ich war die letzten 10 Jahre unter dem Schirm der Gewerkschaft und empfinde es als Behinderung auf dem Weg nach oben. Ich werde meine Lektion demnächst lernen, wenn ich mich bewerbe. Wenn mit niemand mehr als den Tarif bietet, dann mach ich halt in Zukunft Dienst nach Vorschrift und lebe meine Hobbies aus.

Nun mal zurück zum Thema, meine Perspektive ist ja doch eher ein Luxusproblem.

Warum haben die Pflegekräfte eine nutzlose Gewerkschaft und Paketboten gar keine?

Ich verstehe es ehrlich nicht, können nicht fünf Paketboten eine Gewerkschaft gründen wie einen Verein?

Können Pflegekräfte sich nicht taktisch einen Job bei einem Zulieferer am Band suchen, wenn ihre eigene Gewerkschaft so miese Löhne aushandelt?
Klar ist der Job am Band nicht mit der Arbeit am Menschen zu vergleichen, aber es müssen nur genug gehen, dann sind die Kliniken gezwungen wettbewerbsfähige Löhne zu bezahlen und ihre Leute zurückzuholen.

Warum führt der Fachkräftemangel nicht zu steigenden Löhnen?

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Führt er, wenn auch nicht so offensichtlich und drastisch wie sich das mancher vorstellt.

Allerdings ist es auch eins der Probleme, dass die Gewerkschaften zu unflexibel sind.

Der Betrieb meiner Schwester war am Ende gezwungen auszuscheren, da die Gewerkschaft nicht in der Lage war während der Pandemie Schließungen die vereinbarte Erhöhung zu verschieben, was für den Betrieb den Konkurs bedeutet hätte.

Aber und das ist der eigentliche Witz: sie haben vorher schon in höheren Tarifgruppen als üblich bezahlt um überhaupt Leute zu finden.

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Bei den Pflegekräften liegt das paradoxerweise u.a. daran, dass von ihrer Arbeit eben direkt Menschenleben abhängen. Wenn die Lokführer streiken, merken das Millionen Leute sofort. Wenn die Müllabfuhr streikt, fängt es nach einer Woche an erbärmlich zu stinken. Wenn die Pflegekräfte streiken, wird aber ein Notdienst aufrecht erhalten, damit eben kein Patient ernsthaft zu Schaden kommt, also gibt es praktisch kaum Auswirkungen. Im Gegenteil könnte man sogar auf die Idee kommen, dass es ja gar nicht zu wenig Pflegekräfte gibt, wenn die Hälfte von denen streiken kann, und die andere Hälfte immer noch „die Arbeit erledigt“. Das ist halt ein Dilemma. Vom Standpunkt des Arbeitskampfes müssten die Pfleger im Streik eigentlich alle das Krankenhaus, Pflegeheim o.ä. ähnliches verlassen, und erst zurückkehren wenn eine Einigung erzielt wurde, aber aus ethischen Gründen geht das nicht, und das nützt massiv den „Arbeitgebern“.

Bei den Paketboten liegt es dagegen eher daran, dass die meistens so prekär beschäftigt sind, dass sie gar nicht in der Lage sind sich gewerkschaftlich zu organisieren. Fünf Paketboten hätten erstmal logischerweise überhaupt keine Macht, irgendetwas durchzusetzen, insbesondere wenn sie bspw. (schein)selbstständig beschäftigt sind, und von einem Tag auf den anderen gefeuert werden können. Die könnten natürlich bei ver.di o.ä. eintreten, aber dann müssten sie erstmal 2% ihres sowieso geringen Einkommens an ver.di bezahlen, und solange das nicht sehr viele Paketboten auf einmal machen, kann ver.di dann auch nichts machen, und das Geld ist erstmal weg. Also spart man sich lieber das Geld. Henne-Ei-Problem.

Derzeit gehen ja auch jede Menge. Aber ein großer Teil liebt eben doch seinen Job und hat kein Bock auf was anderes. Und der Rest wird dann eben durch günstiges Personal aus Osteuropa ersetzt o.ä. Die romantische Vorstellung, dass Löhne dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgen würden, und essenzielle Berufe dadurch extrem lukrativ sein könnten, wenn das Personal knapp wird, kann man wohl getrost ad acta legen. Vielmehr scheint es in unserer Gesellschaft – von einigen Ausnahmen wie Ärzten abgesehen – durchgängig so zu sein, dass Tätigkeiten umso mieser bezahlt werden, je nützlicher sie für die Gesellschaft sind.

Bei der Pflege ist das recht einfach zu begründen. Diejenigen, die gepflegt werden müssen, sind meist nicht in der Lage überhaupt irgendwas zu bezahlen, sondern das muss der Rest der Gesellschaft übernehmen. Und der hat halt keine Lust, immer mehr Geld für diese Leute auszugeben. Im Zweifelsfall werden eben die Standards gesenkt.

Tja, da müsste man eigentlich ganz klar sagen, der Markt regelt. Wenn ein Unternehmen nicht in der Lage ist, seine Angestellten anständig zu bezahlen, dann hat es nach der Marktwirtschaftslehre doch seine Existenzberechtigung verwirkt und sollte durch ein anderes ersetzt werden, dass besser geführt wird, oder? :wink:

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Öhm hast du auch den Rest gelesen?

Ist ein Hotelbetrieb, war also während der Pandemie im Lockdown.

Und zahlt sowieso schon höhere Tarifgruppen als normalerweise gezahlt werden.

Und es ging ja nicht darum die Erhöhung zu sparen, sondern wegen der Zwangsschließung durch die Pandemie zu verschieben.

Also dann müsste man nach deiner Aussage wahrscheinlich nahezu alle Hotelbetriebe nach der Pandemie ersetzen, da der Betrieb meiner Schwester nicht der einzigste war der wegen der Zwangsschließung und der unflexibilität der Gewerkschaft aus der Tarifbindung ausgeschert ist.

Von Hotel stand oben nichts. Aber genau für solche Fälle gab es doch Kurzarbeitergeld, so dass der Betrieb seine Angestellten dann großteils gar nicht bezahlen musste. War ja auch vernünftig.

Nur muss man auch sehen, dass es in solchen Situationen gerade auf Arbeitgeberseite immer Mitnahmeeffekte gibt, wo dann die Lage ausgenutzt wird um eigentlich fällige Lohnsteigerungen zu drücken.

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Und nochmal es ging nicht darum sich vor der Lohnerhöhung zu drucken sondern sie zu verschieben auf den Zeitpunkt wo das Unternehmen wieder Umsatz machen darf.

Dieser pandemiebedingte Einzelfall lässt doch keine allgemeine Bewertung zum Wert der Gewerkschaften zu.

Nachdem das Entgelt während der Corona-Krise fast zwei Jahre gleichgeblieben war, wird es nunmehr vom 1. April 2022 bis 31. Dezember 2022 um 7 Prozent erhöht.

Die Gewerkschaften sind ihren Mitgliedern gegenüber in der Bringschuld, die am einfachsten in Prozenten und Ausbildungssicherung erbracht wird.
Und ja, das stemmt ein Betrieb leichter und ein anderer schwerer.

Ohne Gewerkschaften sähe es für Arbeitnehmer düster aus.
Die Agentur für Arbeit arbeitet lieber gegen die Arbeitnehmer als für sie

Da sind wir uns einig.

Da schon nicht mehr.
Die Gewerkschaft SIND die Mitglieder!!

Wenn sich alle in das gemachte Nest der Gewerkschaft begeben wollen ohne etwas zu tun, gibt es keine Gewerkschaften.

Da ist also keine Bringschuld, sondern die Pflicht selber zu machen.

Ich wäre ja immer noch für Erhöhung in festen Beträgen statt %, hat den Vorteil dass Geringverdiener am ehesten was merken und die berühmte Schere zumindest nicht weiter aufgeht.

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Vielen Dank für die ausführliche Antwort, habe ich gerne gelesen.

Zu dem Punkt möchte ich meine Frage noch etwas präzisieren:

In den Medien lese ich oft: „Unternehmen Soundso verhindert die Bildung einer Gewerkschaft“ und das war der Punkt den ich nicht verstehe. Scheinbar braucht es nicht nur 5 willige Erstmitglieder, sondern auch die Zustimmung eines Betriebes das unter seinem Dach eine G. gegründet wird?

Mir sind noch zwei weitere Punkte eingefallen:

  • Ich arbeite in Baden-Würrtemberg, hier dürfen Außertarifliche Verträge nur oberhalb der Löhne abgeschlossen werden, die die Gewerkschaft in einem Betrieb regelt.

    Meine Bekannte arbeitet in Bayern. Dort hat sie einen außertariflichen Arbeitsvertrag mit Dienstwagen. Wenn man den Wagen nun in Geld umrechnet, dann kommt man in etwa auf ein ähnliches Gehalt wie sie nach Tarif in BW verdienen würde. Finanziell ist es also kein Verlust. Aber hierdurch gibt es eben in Bayern Arbeitnehmer, die eigentlich vom Gehalt her in den „Regelbereich“ der Tariflöhne fallen würden, für die jedoch die Gewerkschaft nicht zuständig ist.

  • Gerade bei ihr im Betrieb gibt es zudem einen Betriebsrat, der von der Geschäftsführung gekauft ist. Leider kann man es nicht anders sagen und ich vermute solche Betriebsräte sind kein Einzelfall. Hier wären die Gewerschaften gut beraten diese „Schwarzen Schafe“ zu finden und zu entmachten, denn solche schmierigen Betriebsräte arbeiten ja bewusst und gezielt gegen den Verein in dem sie Mitglied sind.

Nein braucht es nicht.

Es gibt aber für den AG verschiedene Möglichkeiten die Bildung einer AN-Vertretung im Betrieb zu behindern.

Aber eine Zustimmung braucht es vom AG nicht.

Außerdem vermischt du jetzt Gewerkschaft und AN-Vertretung im eigentlichen Betrieb.

Eine Gewerkschaft gehört ja nicht direkt zu einem Betrieb, die AN-Vertretung schon.

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Ich persönlich denke, Gewerkschaften wurden über die letzten Jahre ausgehöhlt und auch als überflüsseig dargestellt. Es wurde besonders in neueren Branchen, in denen es keine historisch gewachsenen Gewerkschaften das Bild vermittelt, dass Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen nur den individuellen Wohlstand verhindern. Hinzu kommt, dass wie ich finde es zu oft zu Interessenskonflikten kommt. Wenn beispielsweise Gewerksschaftsvorsitzende in Vorstände wechseln hat das mindestens ein Geschmäckle, siehe hierzu den Fall Thorsten Westphal. Zeitgleich werden dann wirklich kämpfende Gewerkschafter wie Weselsky fast schon als Verbrecher am Pendler dargestellt.

Spätestens wenn unsere Wirtschaft durch die Sanktionen, die Inflation und die Maßnahmen in der Klimapolitik nicht mehr so rund läuft, werden viele Arbeitnehmer noch den Gewerkschaften nachweinen. Denn diese haben in früheren Tagen oft Wege gefunden, massenhafte Entlassungen zu verhindern.

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Ok, dann mal ein Planspiel:

Privat organisiert sich ein nennenswerter Teil der scheinselbständigen Belegschaft eines Unternehmens an einem Standort, gründet einen Verein/Gewerkschaft und teilt dem Unternehmen mit, dass es nun mit einem Streik für höhere Löhne beginnt.

Geht das, oder werden die dann vertragsbrüchig ?