Ich formuliere meine Frage um: Warum glaubst du, ich würde relativieren? („Ein wenig“ in einem solchen Zusammenhang lässt übrigens auch Fragen offen, aber egal. Auch war es nicht meine Absicht, dich dazu einzuladen, ein forumweites Ranking aufzustellen – finde aber die Anschuldigung, dass da User „jedes Verbrechen gegenüber Zivilisten“ entschuldigt hätten, recht hart und glaube nicht, dass so eine menschenverachtende Argumentation von der Moderation durchgelassen worden wäre.)
Du schreibst also:
Was ich aber tatsächlich für kritisch finde ist wenn man israelische Kriegsverbrechen versucht zu relativieren. Damit erzeugt man nämlich den Eindruck eigentlich sei alles nicht so schlimm und wir sollten Israel nachsichtiger gegenüber agieren.
Mit dieser Beschreibung kann ich mich so wenig identifizieren, dass ich deswegen nochmal nachgefragt habe. Ich vermute jetzt, dass dich meine Bemerkung zum Doppelstandard zu dieser Interpretation bewegt hat. Aber da sehe ich keinen Zusammenhang, weil es eine völlig andere Ebene der Diskussion betrifft: Es gibt grundsätzlich die Möglichkeit, Doppelstandards festzustellen. Das sehe ich, wie gesagt, auch in diesem Fall. Wie oft wird z.B. über die Kämpfe im Jemen, in Äthiopien, in Syrien, in Myanmar oder in der Dem. Rep. Kongo berichtet? Dies sagt zunächst einmal überhaupt nichts über die Qualität oder Quantität begangener Kriegsverbrechen in Gaza aus. Insofern hat es auch nichts mit Relativierung zu tun.
Zur Historie: Es ist m.E. unmöglich, den Konfliktparteien auch nur ansatzweise gerecht zu werden, ohne die Entstehungsgeschichte zu berücksichtigen (und aus meiner Sicht ist diese wesentlich länger als 70 Jahre), und auch nicht ohne Berücksichtigung der erklärten Absicht mehrerer Konfliktparteien, Israel auslöschen zu wollen. Und nein, das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Israel „Narrenfreiheit“ hat, wie vor kurzem hier jemand geschrieben hat.
Ich stimme dir in vielen Punkten zu. Aber du schreibst über Butscha und den Sudan mit einem gewissen Unterton. Diesen Diskussionsstil finde ich unpassend. Es geht hier um Leben und Tod.
Völkerstrafrecht ist nichts, was nach Bauchgefühl funktioniert; es gibt ein komplexes Regelwerk, das Experten dazu befähigt festzustellen, ob etwas in die Kategorie Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen gehört. Schon kurz nach dem 7. Oktober wurde von vielen behauptet: Das, was Israel betreibe, sei Genozid. Dass Rettungskräfte mutmaßlich gezielt getötet wurden, ist an sich schlimm genug; alles Weitere kann nur geklärt werden, wenn man die Details kennt (hierzu vgl. z.B. die sehr niedrigschwellige Podcastfolge https://creators.spotify.com/pod/show/im-gesprch-mit-israel-und/episodes/Genozid-Vorwurf-gegen-Israel-Dr--Alexander-Schwarz-ber-Begriff--Instrumentalisierung-und-die-Folgen-fr-Deutschland-e2tsf2b/a-abo9bth).
Ich finde es fahrlässig, wenn – aus durchaus berechtigtem Entsetzen über die Opfer – gefordert wird, Israel künftig dem Raketenterror durch die Hamas, die Hisbollah etc. auszusetzen (was letztlich daraus folgen würde, wenn Israel keine Rüstungsgüter mehr geliefert bekäme, während der Iran munter weiterliefert).
Selbstverständlich ist die Einladung, die Merz ausgesprochen hat, indiskutabel (ebenso wie Orbáns Verhalten, das ich weiter oben erwähnt habe). Das hat aber herzlich wenig mit den Rettungskräften in Gaza zu tun. Daher verstehe ich nicht ganz, was du mit dieser Aufzählung „Aber wie passt das zur …“ meinst. Diesen Merz, der Netanjahu eingeladen hat, haben wir wohl ebenso verdient wie Israel Netanjahu, die USA Trump und Ungarn Orbán verdient hat.
Ich sehe durchaus den Konflikt, in dem wir uns befinden. Ich glaube nur nicht, dass wir zur Lösung des Problems beitragen, indem wir unsauber argumentieren (nach Emotionslage Fachbegriffe verwenden, anderen mehr oder weniger explizit unterstellen, sie würden Verbrechen verharmlosen, schweres Unrecht entschuldigen etc.).
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PS:
Leider gehst du aber auch nicht darauf ein (…)
Tatsächlich wollte ich hier eigentlich auf gar nichts mehr eingehen, weil ich nach der Lektüre früherer Nahost-Threads wenig Hoffnung hatte, dass die aktuellen Diskussionen anders verlaufen würden. Wenn ich mich nun doch noch einmal dazu geäußert habe, dann hat das damit zu tun, dass mich – neben mehreren Hassmails – auch sehr freundliche Nachrichten erreicht haben, die mich ermuntert haben, weiterhin zu vermitteln (oder es zumindest zu versuchen).


