In einem Zeit+-Artikel schreibt Mark Schieritz über ein noch recht aktuelles Forschungspaper:
Karl Marx hat sich nie sonderlich für den Staat interessiert. Im 1848 erschienen Kommunistischen Manifest beschreibt er ihn als »Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet«. Der Staatsapparat ist Marx gewissermaßen ein Werkzeug, mit dem die Ausbeutung der Arbeiter organisiert wird.
Ein neues Forschungspapier des Wirtschaftsnobelpreisträgers Daron Acemoğlu vom renommierten Massachusetts Institute of Technology in den Vereinigten Staaten wirft nun die Frage auf, ob sich die Thesen von Karl Marx im Zeitalter von Automatisierung und künstlicher Intelligenz nicht doch als zutreffender erweisen könnten, als es zunächst den Anschein hatte.
Mit seinen Ko-Autoren Arda Gitmez und Mehdi Shadmehr entwickelt Acemoğlu ein mathematisch-ökonomisches Modell, das die politischen Auswirkungen der Verdrängung von menschlicher durch maschinelle Arbeit abschätzen soll. Die Ausgangslage ist dabei die folgende: Die Gesellschaft ist unterteilt in Arbeitnehmer und Unternehmer. Die Unternehmer besitzen das Kapital (Fabriken, Roboter, Computerprogramme), die Arbeitnehmer bieten ihre Arbeit an und erhalten dafür einen Lohn.
Dabei gilt: Wenn die Ungleichheit zu groß wird – wenn also zum Beispiel das Kapitaleinkommen deutlich stärker wächst als das Lohneinkommen –, müssen die Unternehmer Revolution und Enteignung ihrer Besitztümer fürchten. Im Modell von Acemoğlu gibt es zwei Möglichkeiten, dieses Risiko zu verringern: Umverteilung (Redistribution) oder Unterdrückung (Repression). Wenn die Massen zum Beispiel über Sozialleistungen oder ein bedingungsloses Grundeinkommen an den gesellschaftlichen Wohlstandsgewinnen beteiligt werden, verzichten sie eher auf den Umsturz der Eigentumsverhältnisse. Und wenn eine Staatspolizei alle potenziellen Revolutionäre ins Gefängnis steckt, bleibt die Revolution wahrscheinlich auch aus.
Acemoğlu und seine Mitstreiter können nun zeigen, dass die Automatisierung der Produktion den Modus der Unterdrückung begünstigt. Das liegt daran, dass mit steigendem Automatisierungsgrad immer mehr Geld für die Befriedung der Menschen aufgewendet werden muss, die ihre Arbeitsplätze verlieren oder mit niedrigeren Löhnen auskommen müssen. Damit steigt für die Kapitaleigentümer der Anreiz, Einfluss auf den Staatsapparat auszuüben, um durch die Unterdrückung der Unzufriedenen den Kosten der wie eine Steuer wirkenden Umverteilung zu entgehen.
Die Autoren gehen aber noch weiter: Sie argumentieren, dass aus Sicht der Unternehmer die Automatisierung rentabler wird, wenn mehr Kapital in einer Volkswirtschaft vorhanden ist (weil dieses zusätzliche Kapital mehr Aufgaben übernehmen kann). Damit erweitert sich die Kausalkette: Mehr Kapital erzeugt mehr Automatisierung und mehr Automatisierung erzeugt mehr Repression – die wiederum den Weg frei macht für noch mehr Automatisierung.
Dieser Mechanismus kann dazu führen, dass eine Demokratie sich im Zuge ihrer wirtschaftlichen Entwicklung aus einem inneren Antrieb heraus in eine Autokratie verwandelt. Für die Unternehmer wird die Umverteilung ab einer bestimmten Größe des Kapitalstock schlicht so teuer, dass die Unterdrückung die kostengünstigere Alternative ist. Oder wie es in dem Papier heißt: »Wir zeigen, dass die Akkumulation von Kapital und damit die zunehmende Automatisierung die Kapitalisten dazu ermutigen, einen Putsch gegen die Demokratie zu unterstützen und ein repressives System zu errichten.«
Auch andere Autor:innen haben vor einem Techfaschismus gewarnt, wenn auch aus primär ideologischen Gründen, in jüngerer Zeit etwa Rainer Mühlhoff:
Oder Asma Mhalla, in deren „Cyberpunk“-Manifest es u.a. heißt:
Yuval Noah Harari and Asma Mhalla on AI, Democracy, and the Future of Humanity
Starke KI bietet zudem neue Möglichkeiten, den Fiebertraum der Techfaschisten ins Werk zu setzen.
Was tun?
