Hallo liebes Lage-der-Nation-Team,
ich möchte euch eine Rückmeldung zu LdN495 geben.
Vorweg: Mir geht es überhaupt nicht darum, den 7. Oktober oder die Verbrechen der Hamas zu relativieren. Rund 1.200 Menschen wurden bei dem Angriff getötet. Das war ein terroristisches Massaker und sollte auch genauso bezeichnet werden.
Gerade deshalb hat mich eure Formulierung irritiert, der Internationale Strafgerichtshof sehe „einzelne Aktionen der israelischen Truppen im Gazastreifen als problematisch an“.
Ich finde, ein paar Zahlen zeigen ganz gut, warum ich mich an dieser Formulierung so störe.
Im Gazastreifen lebten vor dem Krieg rund 2,2 Millionen Menschen auf nur 365 km². Zum Vergleich: Berlin hat rund 3,9 Millionen Einwohner, ist mit 891 km² aber fast zweieinhalbmal so groß. Entsprechend lag die Bevölkerungsdichte in Gaza bei mehr als 6.000 Menschen pro km², gegenüber rund 4.400 in Berlin. Etwa die Hälfte der Bevölkerung Gazas ist minderjährig.
Inzwischen sprechen wir von mehr als 70.000 registrierten Toten. Selbst hochrangige Vertreter des israelischen Militärs akzeptieren mittlerweile diese Größenordnung, auch wenn die IDF klargestellt hat, dass es sich dabei nicht um ihre offiziell veröffentlichten eigenen Zahlen handelt. Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zudem zu dem Ergebnis, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer noch deutlich höher liegen könnte.
Noch deutlicher wird die Dimension, wenn man sich die Zerstörung anschaut. UNOSAT wertet dafür Satellitenaufnahmen aus. Nach der jüngsten Auswertung sind rund 82 Prozent der Strukturen im Gazastreifen beschädigt. Rund 134.000 Strukturen wurden als vollständig zerstört eingestuft. Man muss sich eigentlich nur einmal die Satellitenbilder von Gaza anschauen, um zu verstehen, über welche Dimension wir hier sprechen.
Vielleicht hilft auch ein historischer Vergleich, um die Zahl der Toten greifbar zu machen: Bei der Operation Gomorrha, der Bombardierung Hamburgs 1943, starben etwa 34.000 Menschen. Durch die deutschen Angriffe auf London während des Zweiten Weltkriegs kamen insgesamt knapp 30.000 Menschen ums Leben. Selbst beide Zahlen zusammengerechnet liegen noch unter der Zahl der inzwischen registrierten Toten in Gaza.
Natürlich sind das völlig unterschiedliche historische und militärische Situationen. Mir geht es bei diesem Vergleich ausschließlich darum, die Größenordnung greifbar zu machen.
Auch deshalb finde ich die Formulierung „einzelne Aktionen“ so irritierend. Der Internationale Strafgerichtshof hat schließlich einen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu und Yoav Gallant erlassen. Es geht dabei unter anderem um den Verdacht auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist keine Verurteilung, aber eben auch deutlich mehr als die Beschreibung einzelner problematischer Aktionen.
Beim 7. Oktober sprecht ihr vollkommen zu Recht von einem Massaker. Bei mehr als 70.000 registrierten Toten, der massiven Zerstörung des Gazastreifens und einer Bevölkerung, die etwa zur Hälfte aus Minderjährigen besteht, dann von „einzelnen Aktionen“ israelischer Truppen zu sprechen, wirkt auf mich angesichts dieser Dimension stark verharmlosend.
Das eine relativiert das andere nicht. Man kann die Verbrechen der Hamas ohne jede Einschränkung verurteilen und trotzdem mit derselben Klarheit über das Ausmaß des israelischen Vorgehens sprechen.
Und genau deshalb bin ich von dieser Wortwahl an dieser Stelle enttäuscht. Ich höre die Lage gerade auch deshalb gerne, weil ihr normalerweise sehr genau auf Sprache und Formulierungen achtet.
Deshalb würde mich wirklich interessieren, warum ihr euch an dieser Stelle für genau diese Formulierung entschieden habt. War damit tatsächlich gemeint, dass ihr die völkerrechtlich problematischen Aspekte des israelischen Vorgehens auf „einzelne Aktionen“ beschränkt seht? Oder war die Formulierung einfach unglücklich gewählt?
Vielleicht könnt ihr dazu noch einmal Stellung nehmen. Eure Sicht darauf würde mich wirklich interessieren.
Viele Grüße,
Johannes