Ihr weist darauf hin, dass das Scheitern an der 5% Hürde von einigen Parteien den anderen Parteien zu mehr Mandaten relativ zum Zweitstimmenergebnis verhilft.
Die Aussage, es sei egal welche Partei die meisten Mandate unterhalb der absoluten Mehrheit habe halte ich aber für zu kurz gegriffen.
Es gibt ein allgemein und besonders bei Anhängern populistischen Parteien weit verbreitetes majoritäres Demokratieverständnis wonach die Mehrheit ohne Kompromiss mit oder Rücksicht auf die Minderheit entscheiden sollen (siehe z.b “Mitte” Studie). Nichts würde der AfD mehr in ihr Narrativ passen, als die stärkste Kraft und Wahl der Mehrheit zu sein. Es wäre besonders schwierig ihren Wählern zu erklären, dass die relativ stärkste Fraktion nicht alleine entscheiden kann, mehr zum Beispiel als Wählern der Volksparteien. Daher ist es essentiell, das nicht nur eine Regierungsbeteiligung der AfD verhindert wird, sondern auch eine relative Mehrheit.
Es wäre nicht nur für eine kohärente und effiziente Regierungsarbeit sondern auch für das gesellschaftliche Narrativ fatal, wenn der AfD eine Regierungskoalition vieler kleiner, ideologisch diverser schwacher Parteien gegenüber stände.
Ich glaube, Ulf und Philip meinten den Punkt rein mathematisch: Wenn man z.B. SPD und Grüne gleichermaßen bevorzugt und die Umfragen ungefähr bei SPD ~10% und Grüne ~5% liegen, bewirkt ein kleiner Stimmen-Shift zu den Grünen hier „im Erwartungswert“ mehr als bei der SPD.
Vereinfachte Statistik zur Intuition: Angenommen, die Grünen liegen so knapp an der Hürde, dass (zur Vereinfachung hier explizite Ergebnisse statt einer Wahrscheinlichkeitsverteilung) folgende vier Ergebnisse gleich plausibel sind - jeweils zu 25% Wahrscheinlichkeit:
4,85% der Stimmen
4,95% der Stimmen
5,05% der Stimmen
5,15% der Stimmen
Dann wären die Grünen in 2 von 4 Fällen über 5% → also 50% Wahrscheinlichkeit, ins Parlament zu kommen.
Wenn durch den Appell von Philip und Ulf jetzt unter Lage-Hörern insgesamt 0,1 Prozentpunkte der Wähler von SPD zu Grün wechseln würden, dann werden daraus:
4,85% → 4,95%
4,95% → 5,05%
5,05% → 5,15%
5,15% → 5,25%
Jetzt sind die Grünen in 3 von 4 Fällen über 5% → 75% Wahrscheinlichkeit, ins Parlament zu kommen.
Wenn „drin“ grob heißt „≈ 5% der Sitze“ und „draußen“ heißt „0 Sitze“, steigt der erwartete Anteil der Grünen dadurch von
vorher: 50% * 5% = 2,5%
nachher: 75% * 5% = 3,75%
Also +1,25 Prozentpunkte für Grüne im Erwartungswert durch nur +0,1 Prozentpunkte Stimmen, die der SPD verloren gehen - also netto +1,15 Prozentpunkte für das links-grüne Lager bzw. ein 12,5-facher Hebel.
…Leider nennt ihr bei den Parteien, die man taktisch wählen könnte, ausschließlich Parteien aus dem linken Lager (SPD, Grüne, Linke), aber ihr unterschlagt die FDP vollständig.
Dann wird ihr Verständnis vor eine Herausforderung gestellt… also wenn man dem Argument folgt wird daraus: Die andere Seite ist von einer Fehlannahme überzeugt, damit die nicht irritiert werden müssen wir ihre Realität jetzt aktzeptieren…
dazu zählen dann auch alle Erzählungen von einem “Wählerwillen” usw. ich finde es sollte immer normal sein, dass eine Entscheidung die von mehr als der Hälfte der Abgeordneten getroffen wird legitim ist… das gilt dann auch für eine Koalition die gemeinsam stärker ist als eine AFD die nicht koalitionsfähig ist
Das so klar zu formulieren wäre für mich Teil der Brandmauerstrategie - damit wird klar es ist völlig egal ob die AFD ein paar Stimmen mehr bekommt, damit ändert sich nichts… (genau das ist ja die Idee der Brandmauer)
Die FDP hat auch in der Ampel wieder einmal bewiesen, dass sie in diesem Zustand unwählbar ist.
Und auch der aktuelle Kurs, sofern sich ein Kurs überhaupt identifizieren lässt, hat nichts Konstruktives für die Menschen in Deutschland übrig, was nicht schon von Union oder AfD angeboten wird.
Die Union hat auch Zeter und Mordio geschrien, geholfen hat es ihr nicht.
Die Gefahr ist kalkulierbar.
Richtig. Wenn die aber verärgert sind, bedeutet das keine einzige Stimme mehr bei der nächsten Wahl. Im Gegenteil wird dem einen oder anderen dann vielleicht klar, dass wählen für ihn sowieso nichts ändert und er geht das nächste Mal mit Kumpels Bier trinken statt wählen.
Deine Antwort hat mit der eigentlichen Frage Null zu tun, sondern ist deine politische Meinung. Unabhängig von politischen Meinungen hilft auch der Einzug der FDP nicht n die Parlamente gegen starke AfD-Fraktionen.
Berechtigter Einwand, in einem Weltbild voller Fehlannahmen und Widersprüche muss es irgendwann knierschen.
Aber die Stärke eines Wahlsiegs einer anderen Partei liegt darin, dass selbst innerhalb ihres eigenen, majoritären Verständnisses von Demokratie, AfD Wähler damit eine Niederlage hinnehmen müssen. Sie sind eben gerade nicht “die schweigende Mehrheit”. Sie sind Verlierer. Und von einer Verlierer-Partei wendet man sich eher ab, als von der Stärksten-, aber Noch(!)-nicht-an-der-Regierung-Partei.
Wir unterschlagen sie nicht, sondern sie steht einfach zu weit weg von der 5%-Hürde. Einer 2%-Partei zu 2,5% oder 3% zu verhelfen hilft niemandem weiter. Konsequenterweise hätten wir eigentlich explizit vom Wählen der FDP abraten müssen Aber wir wollten keine Partei dissen, sondern auf einen häufigen Denkfehler beim Horse Race hinweisen.
Den AfD-Wählenden sind demokratische Spielregeln ohnehin kaum zu vermitteln, darauf sollte man keine Rücksicht nehmen. Zentral ist die Frage, welche Mehrheiten im Parlament zustande kommen.
In BaWü steht aber auch nicht zur Debatte, dass die AfD in Regierungsverantwortung kommt, da es stabile Mehrheiten im demokratischen Spektrum gibt.
Ich meine es ging in der Folge um Meck-Pomm, wo in 7 Monaten gewählt wird. Die Umfragewerte dort sehen bedrohlicher aus. Und dort ist die FDP sogar nur noch als Gruppe vertreten, weil sie den Fraktionsstatus verloren hat, wenn ich mich richtig erinnere.
Aus meiner Sicht ist das absoluter Unsinn. Dieser dazu geführt hat, dass in einigen Bundesländern Ministerpräsidenten wieder gewählt wurden, da sie ein, zwei Prozent vor der AFD lagen, während andere Parteien deutliche Verluste gegenüber den Umfragen einfahren mussten. Im Ergebnis haben die demokratischen Parteien nichts hinzugewonnen gegebenenfalls sogar etwas verloren da Parteien unter die 5% gerutscht sind.
Geführt hat es zu gar nichts. Nur laufen diese Ministerpräsidenten jetzt rum, als wären sie die besten der Welt, während sie nur davon profitiert haben dass ihre Methode zum Tragen kommt. Geholfen hat es nichts.
Genau darauf wurde ja im Podcast verwiesen und deshalb taktisch wählen nicht heißen darf, den stärksten zu wählen, sondern das demokratische Spektrum zu stärken, indem möglichst wenige demokratische Parteien unter die 5%-Hürde rutschen.
aus meiner Sicht ist die Anleitung für taktisches Wählen mathematisch-logisch unvollständig. Wenn kleine Parteien ins Parlament kommen schadet das der AFD (so weit richtig), sie deshalb zu wählen ist logisch nicht zwingend korrekt auch wenn ich der AFD schaden will.
Es gibt 3 Fälle zu beachten:
Fall:
Die “kleine”, demokratische Partei erreicht ohne meine Stimme >5%.
Fall:
Die “kleine”, demokratische Partei erreicht mit meiner Stimme genau 5%.
Fall:
Die “kleine”, demokratische Partei erreicht trotz meiner Stimme nicht die 5%.
Ihr bezieht euch in eurer Anleitung auf den 2. Fall, aber vergesst, dass im 3. Fall meine Stimme GEGEN die AFD verloren geht.
Zur Vollständigkeit: im 1. Fall ist meine Stimme genauso viel wert wie bei einer “großen”, demokratischen Partei.
Der Fehler liegt darin, dass der Unterschied den meine Stimme macht im 2. Fall natürlich viel größer ist, aber der 3. Fall ist halt viel wahrscheinlicher.
Bottom line: taktisch wählen ist nicht möglich bzw. Kann es halt auch genau das Gegenteil bewirken.
das sehe ich ähnlich. Jedes Taktieren muss Annahmen zum Taktieren der anderen treffen.
Weil man eben vorher nicht weiß, wie die anderen wählen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau der 2. Fall zutrifft, verschwindend gering. Aber der 1. Fall würde verhindert, wenn zu viele sich von dieser Partei abwenden.
Es geht also eher warum, eine Partei zu wählen, die recht wahrscheinlich die Hürde überspringt, aber nicht ganz sicher. Mitzuhelfen, dass dann aus der Wahrscheinlichkeit Gewissheit wird, ist das Ziel der Taktik.
Man sollte also eher eine Partei wählen, die in Prognosen bei 5-6% gesehen wird, als eine, die bei 4-5% gesehen wird - und sicher keine, die bei 3% oder weniger gesehen wird.
Ich würde in dem Zuge erneut das Thema Abschaffung oder Anpassung der 5%-Hürde in den Raum werfen. 0,5%-Hürde oder ähnlich. Der Verlust der Wählerstimmten, bzw deren Falschzuteilung ist nicht mehr zeitgemäß und undemokratisch. Leider führt dieses Thema gern zu einer Diskussion über die Weimarer-Republik, was nicht wirklich Zielführend ist. Schaut euch dazu auch die vergangenen 5%-Hürde Threads an.
Danke für den Hinweis! Für Fall 3 habe ich auch ein praktisches Beispiel, ebenfalls aus den Landtagswahlen 2024:
Im Landtagswahlkampf in Thüringen, den ich als Politikwissenschaftler in Thüringen untersuchte, war „Strategisches Wählen“ ein relativ großes Thema, was vermutlich an entsprechenden Kampagnen lag, die im Fall Thüringens die Wahl der Grünen empfohlen. Wähler*innen, die der Empfehlung der strategischen Wahl gefolgt sind, um den AfD-Sitzanteil zu verringern, hätten ohne strategischen Hintergrund vermutlich die Linke und teilweise ggf. die SPD gewählt.
Bei der Landtagswahl am 1. September 2024 erhielten die Grünen dann 3,2 % der Stimmen und schieden aus dem Landtag aus. Ihre strategischen Stimmen sind somit nicht im Landtag repräsentiert. Hätten jedoch nur 670 Wähler*innen mehr ihre Stimme der Linken gegeben, käme diese nach meinen Berechnungen auf 13 Sitze und die AfD auf 31. Entsprechend haben die Kampagnen zur strategischen Wahl, wenn nur 670 Personen ihnen gefolgt sind und statt der Linken die Grünen gewählt haben, der AfD einen Sitz mehr im Landtag beschert.